„In welcher Welt ist mehr Leben, in der Ober- oder Unterwelt? Genau gleichviel.“ (aus einer Erzählung der Tschuktschen nach Wladimir Bogoras, 1925)
Geheimnisvoll wirkt das durch eine Geweihmaske verhüllte Gesicht. Auf den zweiten Blick funkeln blaue Augen auf die Besucherinnen und Besucher nieder, welche dieser Tag das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) aufsuchen. „Seid ihr bereit?“, scheinen sie zu fragen. Bereit, eine besondere Zeitreise anzutreten? „Die Schamanin“ nennt sich die vom 27. März bis 7. Februar 2027 dauernde Sonderausstellung. Und die von Karol Schauer 2004 angefertigte zeichnerische Rekonstruktion der Namensgeberin in Gestalt der Schamanin von Bad Dürrenberg, deren Bild an der Außenfassade des Gebäudes prangt, ist nicht nur historisch, ethnologisch und naturwissenschaftlich Programm, sondern führt in einen Kosmos, der aus Sicht unserer hyper-technologisierten Zeit kaum greifbar und vielleicht auch begreifbar scheint. Lassen wir es dennoch auf einen Versuch ankommen.
Auf ins Mesolithikum! Der Altgriechische terminus technicus (μέσος mésos > mittel; λίθος líthos > Stein) bezeichnet die Mittelsteinzeit, jene Periode, die ab ca. 9.700 v. Chr. das Holozän (ὅλος hólos > ganz; καινός kainós > neu) einläutet, unseren gegenwärtigen Abschnitt der Erdgeschichte. Zwischen den Mammutjägern der Altsteinzeit und den Hirten- und Bauernkulturen der Jungsteinzeit ist das Mesolithikum von der Forschung bislang meist als Übergang betrachtet worden, erfahren wir von der kundigen Reiseführung. Definitiv Zeit, dieser Zeit einen zweiten Blick zu gönnen.
Man stelle sich gigantische Eisgletscher vor, die weite Teile Europas bedeckten. Und man stelle sich weiter vor, wie diese weißen Giganten aufgrund von Erwärmung nach und nach abschmolzen und dabei Landschaften zurückließen, die von Jägern und Sammlern neu besiedelt wurden. Aufgrund der Umweltveränderungen waren frühmesolithische Gruppen vermutlich „hochmobil und bewegten sich über große Gebiete, um fleischliche Nahrung und andere Ressourcen zu beschaffen. Häufig gab es neben Basislagern kurzzeitige Lagerplätze mit spezialisierten Funktionen“. (Weiß, S. 109). Allerdings konnten Archäologen nachweisen, dass diese Mobilität im Verlauf des Mesolithikums abnahm und längerfristige Lagerplätze von Gruppen bevorzugt wurden. „Diese Orte waren strategisch gewählt, oft in der Nähe von Gewässern, die als wichtige Nahrungsquelle dienten. An diesen Lagerplätzen wurde nicht nur Jagdbeute zerlegt und verarbeitet, sondern es wurden auch gezielt Vorräte angelegt – ein erster Schritt hin zu einer sesshafteren Lebensweise.“ (Ebd.) Wie bereits James C. Scott in seinem Buch „Die Mühlen der Zivilisation“ ausgeführt hat, vollzog sich diese Sesshaftwerdung und mit ihr die Hinwendung zur agrarischen Lebensweise nicht sofort, sondern war Teil eines langen Prozesses.
Und noch etwas fällt auf: Anstelle eines komplexen Götterglaubens prägten animistische Vorstellungen das Leben der Gemeinschaften. Tiere. Menschen. Geister. Alles war mit allem verbunden. Demnach konnte auch alles eine Seele besitzen. Noch heute sind diese Sichtweisen auf die Welt lebendig und verbreitet, u.a. im „klassischen“ sibirischen Schamanismus, über welchen seit dem 17. Jahrhundert die ersten neuzeitlichen Berichte vorliegen.
Nach einer vergleichenden Einführung in altsteinzeitliche und antike Glaubenspraktiken und Götterdarstellungen (bei einigen Steinabbildungen scheint sich für den Laien ein gewisser Interpretationsspielraum aufzutun) bildet eine Einführung in den „klassischen“ Schamanismus dann auch den eigentlichen Beginn unseres Museumsabenteuers. Das nicht ganz unwichtige Kleingedruckte steht dabei am Ende einer Ausstellungstafel: „Dies ist eine Reise in die Anderswelt der Vergangenheit. Achtung, die Pfade im Reich der Toten sind verschlungen!“
Was folgt, mutet so simpel wie komplex an, erfordert allerdings, dass wir unser postmodernes Verständnis von und für Religion einige Momente lang außen vor lassen. Denn beim Schamanismus handelt es sich nicht (!) um eine Religion oder ein in sich geschlossenes religiöses System, vielmehr stellt er eine „Vielzahl religiöser Praktiken und Vorstellungen [dar], welche in eine ganz bestimmte Weltsicht eingebettet sind.“ (Holzlehner, S. 173)
Zur Schamanengrundausstattung gehören Trommel und Gewand. Erstere ist metaphorisch ein Reittier bzw. ein Türöffner ins Jenseits, letzteres bildet eine Art Rüstung (oder Arbeitskleidung), an welcher Vogelfedern, Tierknochen, Schmuck, Eisenhaken oder auch menschliche Wirbel befestigt sein können. Damit sollen böse Geister abgewehrt aber auch die Kraft der jeweiligen Tiere nach dem Pars-Pro-Toto-Prinzip (ein Stück eines Tieres steht für das Ganze) auf den Schamanen übertragen werden.


„Dann gibt es eine Art Rauschen in der Schneehütte und alle wissen, dass sich für die Seele des Schamanen eine Öffnung gebildet hat, eine Öffnung wie das Blasloch einer Robbe, und durch sie fliegt die Seele zum Himmel hinauf, unterstützt von all den Sternen, die einst Menschen waren. Und alle Seelen gehen nun den Seelenweg auf und ab, um ihn für den Schamanen offen zu halten; einige eilen hinunter, andere fliegen hinauf, und die Luft ist erfüllt von einem rauschenden, pfeifenden Klang…“ (nach Knud Rasmussen, 1929)
Schamanen reisen durch kosmologische Welten, nicht durch jene der Fantastik wie wir dies u.a. beim Konsum von Büchern gewohnt sind. Sie tun dies auch nicht für sich selbst, sondern immer im Dienst ihrer Gemeinschaft, beispielsweise um Krankheiten zu heilen, Übel von ihrer Gruppe abzuwenden bzw. um passende Zeitpunkte für die Jagd zu bestimmen.
Die schamanischen Welten sind ähnlich geordnet wie unsere sichtbare Welt. In der Oberwelt (für uns am ehesten fassbar mit dem Begriff „Himmel“) hausen Geister und doch ist diese Welt auch eine Art Spiegel der „normalen“ Menschenwelt, nur eben mit mehr Licht und mehr Harmonie. Der Vergleich zu den Engeln mag einem in den Sinn kommen. Die Unterwelt hingegen ist dunkel und düster, ein Ort des Todes und der Krankheiten. Auch hier hausen Geistwesen und auch diese Welt ist ein Spiegel der Menschenwelt, allerdings nicht die Licht-, sondern ihre Schattenseite; es ist eine Welt des Wandels, vom Leben zum Tod und wieder zurück zum Leben. Zwischen dem Oben und dem Unten liegt dann die eigentliche Welt der Menschen und, wie beim „Dazwischen“ üblich, herrschen hier Unsicherheiten, Konflikte und Ängste. Der Schamane ist der Grenzgänger, ein von Geistern geleiteter Wanderer zwischen den Welten, ein Vermittler, der das Bekannte mit dem Unbekannten verbindet.
Schamane zu sein, war und ist weniger ein Beruf als eine Berufung. Verschiedene Grabfunde der Ausstellung zeigen zudem, dass diese Berufung nie nur Männern vorbehalten war. Das eindrucksvollste Beispiel ist das Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg, die wohl ca. 7.000 v. Chr. lebte. Allerdings ist hier auch ein gewisses Maß an Vorsicht geboten, verbunden mit der Frage: Lässt sich der „klassische“ Schamanismus als Interpretationsmodell auf mesolithische Grabfunde übertragen? Gewiss gibt es Parallelen, u.a. die Art der reichhaltigen Grabbeigaben, die einen schamanistischen Bezug nahelegen. Die Bezeichnung „Schamanin von Bad Dürrenberg“ hat ohnehin längst in den Sprachgebrauch Einzug gehalten. Fakt ist, dass es sich um eine bedeutende Frau gehandelt haben muss. Unter anderem fanden sich bei ihrem Skelett Knochen und Zähne von Tieren wie beispielsweise Reh, Wildschwein, Igel, Kranich und Biber, Panzer von Sumpfschildkröten, Muschelschalen, Schnecken, Federn, Fellhaare und Pollen von Heil- und Blütenpflanzen. Die Tote wurde in Hockstellung bestattet und ihr waren zwei Säuglinge mit ins Grab beigegeben. Anhand der DNA-Analysen von Geweihresten ist nachgewiesen, dass das Grab der Schamanin noch mindestens 800 Jahre nach ihrem Tod aufgesucht wurde. Wie sich dieser Ahnenkult gestaltet hat, wissen wir bisher aber nicht. Fest steht allerdings, dass es sich bei ihr nicht um eine hellhäutige Arierin handelte, wie es die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren propagiert hatten, sondern um eine dunkelhäutige Frau.
Auch über anatomische Besonderheiten der Schamanin, u.a. eine deformierte Halswirbelsäule, klärt die Ausstellung auf und begründet damit auch die Sonderrolle innerhalb ihrer Gemeinschaft. Nachweislich befanden sich aber keine Reste einer Trommel unter den Grabfunden.
Trommeln galten und gelten als Taktgeber der Schamanentrance. Sie sind Wegweiser durch den jenseitigen Kosmos und beherbergen zumeist auch ihre eigenen Geister. Nicht selten ist dieser Kosmos auch zeichnerisch auf der Trommel dargestellt. Auf einem jener Bilder zieht der Schamane auf einem Renntierschlitten am Rand der Trommel (Welten) seine Bahnen. Ein wenig erinnert dies an einen prähistorischen Weihnachtsmann.
Genauso eindrucksvoll wie die ausgestellten Zeugnisse zum Schamanismus ist für Besucherinnen und Besucher auch die Präsentation des Mesolithikums. Wie muss man sich das Leben zu Zeiten der Schamanin von Bad Dürrenberg vorstellen? Was änderte sich an der Ernährung? Was produzierten Gesellschaften? Welche technischen und geografischen Herausforderungen galt es zu meistern? So zeigt eine Computersimulation Anfang und Ende des sogenannten Doggerlands, heute Teil der südlichen Nordsee und zwischen 13 bis 30 Meter tief im Meer gelegen. Früher verband diese Landmasse die Britischen Inseln mit dem europäischen Festland und bestand wohl größtenteils aus Mischwäldern, Mooren und Seen; ideale Bedingungen für Siedlungen, bis das Gebiet um 5.500 v. Chr. endgültig verschwand. Verantwortlich hierfür waren schmelzendes Gletschereis, das den Meeresspiegel (bis zu 120 m unter dem heutigen) kontinuierlich ansteigen ließ, sowie Tsunamis, ausgelöst durch die Storegga Kontinentalrutschung im Europäischen Nordmeer. Das Wasser kam und gebar u.a. den Ärmelkanal. Man stelle sich vor, dass man zuvor London ganz bequem hätte zu Fuß erreichen können.
Dieser Gedanke wirkt fast ebenso fantastisch wie die in Stein gebannten Gesichter der Fischgeister von Lepenski Vir, die den Abschluss des Rundgangs einläuten. Geografisch reisen wir hierfür von der Nordsee an die Donau zu jenem Ort, wo der Fluss am Eisernen Tor die südlichen Karpaten durchschneidet. Die Siedlung entstand wohl nicht zufällig, denn sie befand sich an der Wanderroute der Störe, die nicht nur gejagt wurden, sondern deren Merkmale sich auch in den Abbildungen der gestalteten Steine widerspiegeln. Auf manchen Gesichtern lässt sich der Unterschied zwischen Mensch und Fisch indes kaum ausmachen, und vielleicht liegt darin ja ihre eigentliche Funktion, ähnlich wie die Schamanen Mittler zu sein zwischen Welten, in denen – wie der Philosoph Heraklit es später ausdrücken sollte – alles fließt, und nichts bleibt (?).
Neben einer Fülle von Informationen und Geschichten hat die Ausstellung nach unserer geglückten Rückkehr, und gänzlich ohne echte Geisterbegegnungen, doch einige Fragen über unser Geschichtsbild, über uns selbst und unsere Gegenwart aufgeworfen. Wir waren beeindruckt. Eine (oder mehrere) Zeitreise(n) ist(sind) daher unbedingt zu empfehlen.
Ein Beitrag von Dr. Constance Timm
Literaturhinweise:
Wladimir Bogoras. Ideas of Space and Time in the Conception of Primitive Religion. In: American Anthropologist (N.S.), Band 25, Nr. 2, S. 205–266.
Tobias Holzlehner. Schamanische Perspektiven – Eine ethnologische Sicht. In: Meller/Schefzik/Stadelbacher (Hrsg.). Die Schamanin. Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale), Hirmer: Halle (Saale) 2026, S. 172-177.
James C. Scott. Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten. 3. Aufl. Suhrkamp, Berlin 2025.
Knud Rasmussen, The Intellectual Culture of the Iglulik Eskimo. Report of the Fifth Tule Expedition 1921-24 (Kopenhagen 1929).
Marcel Weiß. Jagen, Fischen, Sammeln und Superfood: Subsistenz im Mesolithikum. In: Meller/Schefzik/Stadelbacher (Hrsg.). Die Schamanin. Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale), Hirmer: Halle (Saale) 2026, S. 108-111.
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