Zur Liebe in Kultur und Mythos »Die Schöne und das Biest«

Podiumsdiskussion mit Elmar Schenkel, Constance Timm, Christoph Sorger und Reiner Tetzner
Was ist Liebe? Warum ist es in der heutigen Zeit geradezu eine Notwendigkeit, diese Frage im Diskurs eines gegenseitigen Miteinanders zu stellen? Ist Liebe die Lösung für unsere Probleme? Kann Liebe uns retten? Liebe und Lieben sind seit jeher Urbedürfnisse der Menschen. Dies spiegelt sich in den weltweiten Vorstellungen der Kulturen und Religionen wider: Eros, Amor, Aphrodite, Cupido, Venus, Freya, Ištar, Astarte, Hathor und Inanna sind nur einige der zahlreichen bekannten Liebesgottheiten in den Mythologien verschiedener Religions- und Kulturgemeinschaften. Dabei lässt sich das große Thema Liebe auffächern in die verschiedenen Facetten wie Verliebtheit, Fruchtbarkeit, Erotik, Verlangen. Aber auch Verständigung, gegenseitiges Begreifen, Akzeptieren und Annehmen sind als Ideen von Liebe wichtiger denn je und literarisch durch alle Zeiten hin beständig aufgegriffen und verarbeitet worden.

In der Podiumsdiskussion stellt der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie unter dem Titel »Die Schöne und das Biest« sein Jahresthema 2019 vor und diskutiert über kulturelle und literarische Aspekte, die sich mit Nächstenliebe, den Schattenseiten der Liebe, der Psychologie der Liebe sowie der Liebe in Mythos und Märchen befassen.

Eintritt: 3,- / 2,- EUR

Veranstaltung des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie e. V. Gefördert durch das Kulturamt der Stadt Leipzig

Lügen, Tricks und Todesschüsse. Odysseus, der etwas andere Held

Trickster sind eine paradoxe Sippschaft. Mythische Wesen, die irgendwie Götter sind, andererseits aber auch wieder außerhalb der Götterwelt stehen, die in Menschen- und Tiergestalt auftreten, aber auch ihre Erscheinungsform ändern können. (Mit-)Schöpfer und Ruhestörer, Kulturbringer und Feinde jeder Ordnung, Schelme und Schurken, hilfreich und zugleich gefährlich, klug bis zur äußersten Raffinesse und dann wieder so überschlau, dass sie über die eigenen Füße stolpern und am Ende als betrogene Betrüger dastehen. Im späten 19. Jahrhundert sind sie als Typus in den Mythologien nordamerikanischer Indianervölker sozusagen entdeckt worden und haben ihre Bezeichnung erhalten: „Trickster“, was im Englischen Schwindler, Gauner, Schelm usw. bedeutet. Seitdem haben sich Ethnologen und Religionswissenschaftler bemüht, sie zu klassifizieren und zu definieren. Mit dem Ergebnis, dass sie in keine Kategorie passen. Dafür aber hat man auch in den überlieferten Vorstellungswelten anderer Kontinente mehr und mehr Trickster-Figuren ausfindig gemacht – auch außerhalb rein mythologischer Kontexte. Es handelt sich also um ein universales Phänomen von außerordentlicher Bandbreite. Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie hat diesem unter dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ (2018) eine eigene Publikation gewidmet.

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Feuer der Götter: Vulkane und ihre Mythen

Erneut rumort es im Mongibello (gelegen zwischen den sizilianischen Städten Messina und Catania), den die meisten von uns als Ätna kennen. Seit Weihnachten spuckt der aktivste Vulkan Europas Asche und Lava. Experten prognostizieren gar das Bevorstehen eines größeren Ausbruchs. Erdbeben, Flugausfälle, Evakuierungen. Viele erinnern sich vielleicht noch an das Spektakel von 2010. Damals war es der Eyjafjallajökull an der Südküste von Island, der mit seinen Eruptionen vor allem die Geduld der Flugreisenden strapazierte. Im Gegensatz zum Ätna liegt der Eyjafjalla weistenstgehend abseits von Städten und Siedlungen. Von einer neuen Magmakammer unter dem „Gutmütigen“ gehen die Forscher derzeit aus und in der Tat, sind spontane, exposionsartige Eruptionen am Ätna, wenn auch vorhanden, in den historischen Aufzeichnungen eher seltener Natur. Sein italienisches Pendant, der Vesus (gelegen am Golf von Neapel), hat es aufgrund seines verheerenden Ausbruchs im Jahr 79 n. Chr. (überliefert vom römischen Schriftsteller Plinius dem Jüngeren), bei dem die antiken Städte Pompeji, Herculaneum, Oplontis und Stabiae verschüttet wurden, zu wesentlich traurigerer Berühmtheit gebracht. Aus dem 12., 17. und 18. Jahrhundert sind weitere heftige Ausbrüche des Vesuvs bekannt; der zuletzt dokumentierte fand im Jahr 1944 statt.

Im Gegensatz zum Vesuv, von dem man zwischenzeitlich sogar davon ausging, dass er erloschen sei, ist der Ätna ständig aktiv, das bedeutet, dass von ihm keine definitiven Ruhezeiten bekannt sind. Schon in vorchristlich römischer Zeit sind eine Reihe von Ausbrüchen belegt. Die größte Eruption ereignete sich allerdings „erst“ 1669. Dabei wurde die Stadt Catania fast vollständig zerstört.

Wie steht es nun aber mythologisch um den Ätna? Und um Vulkane im allgemeinen? Denn die Feuerberge überziehen den Planeten Erde mit mal mehr, mal weniger ausgeprägter Häufigkeit (man denke hier beispielsweise an die überirdischen und unterseeischen Vulkane des Pazifischen Feuerrings). Von Hawaii bis Island, von den südamerikanischen Azteken bis zu den alten Römern und Griechen, in sämtlichen Kulturen weltweit spielen Vulkane als Sitz der Götter eine wichtige Rolle. Sogar im Alten Testament wird von der Macht der Feuerriesen berichtet. So heißt es im Buch Exodus, welches den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten durch den Propheten Mose erzählt: „Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil der Herr auf den Berg herabfuhr im Feuer; und der Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen und der ganze Berg bebte sehr. (Ex. 19,18) […] Und alles Volk wurde Zeuge von dem Donner und Blitz und dem Ton der Posaune und dem Rauchen des Berges.“ (Ex. 20,18) Ob man nun aufgrund dieser göttlichen Willensdemonstrationen im hebräischen Gott Jawhe die Wurzeln eines Vulkangottes vermuten darf oder den monotheistischen Glauben an den einen Gott sogar mit einem Vulkan gleichsetzt, diese Fragen hat der Naturwissenschaftler Colin J. Humphreys aufgeworfen. U. a. lokalisiert er den biblischen Sinai im Vulkan Hala al-Badr im nordwestlichen Saudi-Arabien (Provinz Medina), von dem Aktivitäten bis ins Mittelalter hinein belegt sind.

Vulkane sind aber nicht nur als Wohnsitz der Götter bekannt. Sie gelten auch als Pforten ins Reich der Unterwelt oder (christlich gedeutet) in die Hölle; stellvertretend können sie sogar für beides stehen. Vom Ätna glaubte man in der Antike, er sei die Arbeitsstätte der Kyklopen (oder: Zyklopen), einäugigen Gestalten, die laut der „Theogonie“ des Hesiod gottgleiche Kreaturen sind. Eine der bekanntesten ist Polyphem, dem der Homerische Held Odysseus auf seinen Irrfahrten begegnet. Er ist der Sohn des Poseidon, hat aber keinen Vulkan, sondern eine Höhle als Wohn- und Arbeitsstätte. Nur durch eine List (Odysseus sagt zu Polyphem er sei „Niemand“) gelingt den gefangen Geratenen die Flucht. Die Kyklopen des Ätna wiederum sind dem Feuer- und Schmiedegott Hephaistos (bei den Römern Vulcanus) unterstellt und unterstützen ihn bei seiner Arbeit. Dieser, beschrieben als klein und hässlich, war durch das Wirken des Göttervaters Zeus mit Aphrodite, der Göttin der Liebe und der Schönheit, verheiratet. Allerdings nahm es die Gattin mit der Treue oft nicht ganz so genau. Immer wenn sie Hephaistos untreu war (u. a. mit dem Kriegsgott Ares) soll er die Feuer des Ätna derart geschürt haben, dass es zu einem Ausbruch führte. In einer anderen Version handelt es sich um das Zepter des Zeus, das für das Rumoren des Berges verantwortlich war, immer wenn Hephaistos daran arbeitete.

Einem weiteren Mythos zufolge treibt der Typhon im Ätna sein Unwesen. Der Typhon ist ein Riese mit Drachen- und Schlangenköpfen, bekannt als Vater der gefährlichen Winde (das Wort „Taifun“ soll etymologisch von seinem Namen abgeleitet sein). Um sich an Zeus zu rächen, der die Titanen (die Kinder der Gaia) besiegte, zeugte diese mit dem Unterweltsgott Tartaros den Typhos. Um ihn zu bändigen, warf der Göttervater den Ätna auf ihn und begrub das Monster darunter.

Dem römischen Schriftsteller Gaius Iulius Hyginus (gest. 4 n. Chr.) zufolge, soll sich der Raub der Persephone (durch den Unterweltsgott Hades) am Ätna abgespielt haben. In Berichten und Erzählungen des Mittelalters gilt der Ätna meist als Ort der Verdammnis, so u. a. im „Inferno“ (Teil der Divina Commedia) des florentinischen Dichters Dante Alighieri, wo er als Ort der Strafen dargestellt ist. Der legendäre König Artus soll im Ätna hausen. Und vom letzten Stauferkaiser, Friedrich II. (1194-1250), besagt der Volksglaube, er sei (ähnlich wie die Sagenfigur Dietrich von Bern aus dem Hildebrandslied) in den Ätna geritten, um in Zeiten der Not zurückzukehren. Diese Vorstellung wurde später auf seinen Großvater, Friedrich I. Barbarossa (1122-1192), übertragen und der Ätna mit dem Kyffhäuser getauscht.

Mehr noch als der Ätna wurden im Mittelalter die Gipfel des isländischen Vulkans Hekla mit dem Tor zur Hölle assoziiert. Vom Zisterziensermönch Herbert von Clairvaux wird vermutet, er habe in seinem Liber miraculorum (1180) den großen Ausbruch der Hekla aus dem Jahr 1104 aus den Quellen übernommen. Im Gegensatz zum Brodeln der sizilianischen Kessel, habe es sich hierbei um ein wahres Inferno gehandelt. Ein weiterer Ausbruch ist für das Jahr 1341 dokumentiert (u. a. in der isländischen Handschriftensammlung „Flateyjarbók“). Um diese Zeit beobachtete man einen intensiven Vogelflug, den man für das Aufsteigen und Absteigen von Seelen hielt.

Am Fuße des ebenfalls isländischen Vulkans Herdubreid, auch bekannt als die „Königin der Berge Islands“, soll den germanischen Mythen nach der Asengott Balder mit einem Mistelzweig (zurückzuführen auf eine List des Loki) getötet worden sein. Und am nicht nur sprichwörtlichen Ende der Welt, auf Hawaii (ebenso wie Island entstanden bzw. entstehend durch vulkanische Aktivität), soll im Krater des Kilauea die Göttin Pele wohnen. Steht ein Ausbruch bevor, zeigt sie sich angeblich am Rand des Berges. Sie gilt als äußerst unberechenbar und vor allem jähzornig, daher werden Opfer dargebracht, um ihr Gemüt zu besänftigen.

Gegen die Ausbrüche des Ätna wird häufig die heilige Agatha von Catania angerufen (um 225-250 n. Chr. ; Gedenktag 5. Februar), welche auch die Schutzpatronin der Feuerwehren ist. Sie erlitt das Martyrium, nachdem sie den sizilianischen Statthalter Quintinianus als Ehemann abgelehnt hatte. Dieser lies sie in ein Freudenhaus verschleppen, ihre Brüste abschneiden und sie auf glühende Kohlen legen. Kurz nach ihrem Tod soll der Ätna ausgebrochen sein. Ihr Schleier soll dabei geholfen haben, die Lavaströme zu stoppen.

Ob man dererlei Mythen und Geschichten nun glauben mag oder nicht, Vulkane haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Auch die Dichter und Denker sind von ihnen vielfach inspiriert worden, so wie die Schriftstellerin Bettina (oder Bettine) von Arnim (1785-1859), die in einem ihrer weniger bekannten Gedichte „Der Vulkan“ Feuerberge und Romantik miteinander verband. Lesen sie selbst…

„Ja, die Zeichen sind alle erfüllet,
Als sich der Himmel so dunkel umhüllet,
Sonne auf blutenden Gleisen entstieg.
Wie die häuslichen Tiere sich bargen,
Ha, da schauderte allen vorm Argen,
Ahnend der Unterwelt nahenden Sieg.

Glühender; stiller werden die Winde,
Vögel verfliegen vom Neste geschwinde,
Säulen des Wassers wirbeln im Meer.
Rollende Donner von unten und oben,
Gegen die Flammen, die unter uns toben
Stiebet der Himmel in Blitzen sich leer.


Gärende Tiefe will neu sich erheben,
Unterwelt-Schatten durchstoßen im Beben
Lieblicher Auen blühenden Grund.
Jupiter schleudert vergeblich die Blitze
Von des dröhnenden Götterbergs Spitze
Nach des Vulkanes eröffnetem Schlund.


Weh, die Titanen sich wieder erkühnen,
Schon die feurigen Augen erschienen,
Schon der dampfende Atem sich hebt,
Schön wie ein Fruchtbaum im Herbste
zu schauen,
Doch den Früchten ist nimmer zu trauen,


Denn sie zerschmettern alles, was lebt.

Sehet, die Zähne im geifernden Munde
Reißen dem Berge die berstende Wunde,
Lange verschlossen die glühende Wut.
Sehet, der Atem der Riesen entbrennet,
Zündend mit bläulicher Flamme, hinrennet

Wider der Menschen kämpfenden Mut.


Könnten sie dräuend die Glieder noch regen,
Kämpfend die Brust entgegen ihm legen,
Fühlten sie rächend dies Leiden nicht ganz.
Aber in glühenden Armen sie schwinden,
Mutige Augen im Schauen erblinden,


Flammend verrinnet begeisternder Glanz.

Erde und Himmel zusammen sich brennen,
Chaos, das alte, will keinen erkennen,
Wehe dem Besten, der alles das sieht.
Jeglicher glaubt sich geblendet der letzte,
Ehe die strömende Lava sich setzte,

Wie sie da drohend hier nieder sich zieht! –

Doch da stehet der Glutstrom gebannet,
Langsam sich jeder vom Schrecken ermannet,
Suchet und findet das eigene Haus,
Forschet und findet die Seinen entzücket,
Wie sie dem Feinde alle entrücket,

Alle erkennen ein Wunder im Graus.

Leiser ertönt der siegende Himmel,
Ziehet zum Berge der Wolken Getümmel,
Ströme zum alten Bette zurück,
Kühlende Blitze durchspielen die Ferne,
Einzeln entzünden sich wieder die Sterne


Wie der Versöhneten liebender Blick.

Luna, die ziehet im glänzenden Wagen,
Schauet verwundert die Freuden und Klagen,
Leuchtet, beleuchtend das Wallen der Welt,
Daß die Verirrten die Straßen erkennen
Und die Verwirrten sich freudig anrennen… „

Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Bettina von Arnim: Sämtliche Werke Bd. 7. Gespräche mit Dämonen. Gedichte, Märchen, Briefe. Berlin 1922. S. 307 ff.

Colin J. Humphreys: Und der Dornbusch brannte doch. Ein Naturwissenschaftler erklärt die Wunderberichte der Biblel. Gütersloh 2007.

Reiner Tetzner/Elmar Schenkel (Hrsg.): Im Zeichen der Feuerberge. Vulkane in Mythos und Literatur. Leipzig 2010.

Es weihnachtet schwer 4.0: Das Neunerlei – Ein Weihnachtsbrauch

Ich bin im Vogtland geboren und aufgewachsen. Wer jetzt nicht weiß, wo das liegt (denn die meisten tun es nicht), es handelt sich dabei um die Region im Südwesten von Sachsen, die aber auch Gebiete von Bayern, Thüringen und Böhmen umfasst. Der Historiker Enno Bünz beschreibt sie folgendermaßen: „Unter den Kulturlandschaften Sachsens, … ist das Vogtland die kleinste, die freilich über ein ausgeprägtes, historisch gewachsenes Regionalbewusstsein verfügt.“ Das ist eine diplomatische Art auszudrücken, dass so manche aus dieser Gegend sofort jeden berichtigen, der sie als „Sachsen“ bezeichnet; sie seien keine Sachsen, sondern Vogtländer. Und die sind im allgemeinen als „kleines, zänkisches Bergvolk“ verschrien.

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Vom ersten Erzählen oder: Wie erobern Mythen die Welt?

Im Sommersemester 2018 hatte ich das Glück, im Anglistikseminar von Prof. Dr. Elmar Schenkel an der Universität Leipzig einem Vortrag zu lauschen, der die anwesenden Studenten ebenso wie einen promovierten Post-Studenten wie mich nicht nur auf Spurensuche zu den Ursprüngen der Mythen, sondern des menschlichen Erzählens überhaupt führen sollte. Unter dem Titel The Origins of the World’s Mythologies stellte der Journalist, Herausgeber und vergleichende Mythologe Christoph Sorger das gleichnamige, 2012 erschienene Buch des renommierten Indologen, Linguisten und Harvard-Professors E. J. Michael Witzel vor. Eine 688 Seiten starke, bisher leider nur auf Englisch verfügbare, Lektüre, die nicht nur erkärt, was ein Mythos ist und was diesen ausmacht, sondern sich gewissermaßen der Ur-Mythologie widmet, jener Frage, die schon Goethe in seinem Faust umtrieb, wenn er eben jenen sagen lässt: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Witzels ambitionierte und ebenso viel gelobte wie skeptisch resümierte Mythentheorie erklärt das ursprüngliche Beschreiben von Welt und Umwelt, d.h. die Entwicklung von Mythologien, aus der Evolution und Verbreitung von homo sapiens sapiens von seiner Urheimat Afrika aus in mehreren Wanderungswellen über die ganze Welt. Seit jeher liegt es in der Natur des Menschen, Geschichten zu erzählen. Geschichten über höhere Wesen. Geschichten über die Elemente. Geschichten über Himmel und Erde. Geschichten über „trickster deities“ (Trickster-Götter), die die göttliche Ordnung durcheinanderbringen, in dem sie die aufgestellten Regeln brechen, so wie etwa Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt. Und eben jene Geschichten sind es, die den Menschen bei seiner Verbreitung über die Kontinente (Witze verwendet den schönen Begriff „Out-of-Africa-movement“) hinweg begleitet und die sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen menschlicher Gemeinschaften gefestigt haben.

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Ein Trickster kommt selten allein

Die Leipziger Stadtbibliothek ist gut besucht am vor-halloweenlichen Montag. Anlässlich des 22. Leipziger Literarischen Herbstes macht sich die edition vulcanus daran, den mythologischen Schwerpunkt der allherbstlichen Lese- und Literaturwoche zu setzen. „Brücken bauen“ heißt das Motto 2018, welches, auch im Rahmen der Houston-Week (bezogen auf die 25-jährige Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Houston), kulturelle, literarische, gesellschaftliche, poetische, künstlerische, nachdenkliche, lakonische, zwie- und zweisprachige, historische und eben auch mythologische Verbindungen von Hier nach Dort und Dort nach Hier knüpfen soll.

Eine solche Brücke ist der Trickster, dem der neu erschienene Sammelband der edition vulcanus mit dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ gewidmet ist.

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Willkommen beim Mytho-BLOG

 

  Mythos [altgriechisch: μῦθος, „Rede“, „Wort“, „Erzählung“, auch „Fabel“, Plural: Mythen; von mytheĩsthai: „reden, lautmalen, erzählen“] ist überlieferte Dichtung oder sagenhafte Erzählung aus der Vorzeit eines Volkes oder einer Volksgruppe, die u. a. von Göttern, Halbgöttern, Naturgeistern, Dämonen, der Entstehung- und dem Untergang der Welt, der Erschaffung des Menschen etc. handelt. Mythen können als „symbolischer Ausdruck von Urerlebnissen […] angesehen werden“ (Häcker/Stapf, 2009, 667). Aber auch Ereignisse, Personen und Dinge können – glorifiziert, mit fiktiver Geschichte oder symbolischer Bedeutung ausgestattet – zur Legende, zum Kultbild, Leitbild oder zur Ikone und damit zum Mythos werden.

Mythen bilden den archaischen Kern davon, was unserer Vorstellung nach die Welt im Inneren und Äußeren zusammenhält, und sind, auch weil sie einen eigenen Anspruch auf beziehungsweise eine eigene Vorstellung von Wahrheit für sich in Anspruch nehmen, tief im kulturellen Gedächtnis verwurzelt.

Die Zusammenstellung aller Mythen eines Volkes oder einer Volksgruppe (wie bspw. der Griechen, Germanen, Kelten etc.) wird als Mythologie bezeichnet.

Was der Mythos im Konkreten ist, was ihn ausmacht, was ihn abgrenzt, was ihn verklärt, was Mythen also im Grunde zu Mythen macht und welche Problematiken sich hierdurch ergeben, darüber gibt es seit dem  19. Jahrhundert vor allem in den Wissenschaften ganz unterschiedliche Vorstellungen und Definitionen.

Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie möchte einem breiten, generationenübergreifenden Publikum Einblicke in die Mythen und Mythentheorien der Welt vermitteln. Dazu führt der seit 1995 bestehende Verein, der deutschlandweit einzigartig ist, im Jahr zahlreiche Lesungen, Vorträge und Podiumsdiskussionen durch, deren Erkenntnisse vielfach Eingang in die Schriftenreihe des vereinseigenen Verlags mit dem klingenden Namen „edition vulcanus“ finden. Aber auch aktuelle und vergangene mythische, literarische und kulturelle Lektüre, Exkursionen, ureigene Gedanken zum Mythos, zur Rezeption von Mythen oder deren Verarbeitung in Film, Kunst und Theater zählen zu den Aufgaben des Arbeitskreises und werden ab sofort in regelmäßigen Abständen in unseren Beiträgen vorstellt.

Es lohnt sich also, jeden Freitag auf unseren Seiten vorzubeizuschauen, denn die Arbeit am Mythos hört niemals auf.

Willkommen auf unserem Mytho-BLOG.

Beitrag von Dr. Constance Timm

Literatur:

Hartmut Häcker, Kurt-Hermann Stapf: Dorsch Psychologisches Wörterbuch, 15. Aufl. Bern 2009.