Manggus und die Geschichte von Galav: Eine Ausstellung der mongolischen Künstlerin Javkhlan Ariunbold im Kallmann-Museum

Im Kallmann-Museum in Ismaning bei München ist noch bis zum 21. Juni die Ausstellung „Manggus“ der mongolischen Künstlerin Javkhlan Ariunbold zu sehen. Die im Jahr 1990 in Ulaanbaatar geborene Künstlerin lebt und arbeitet in Köln und Ulaanbaatar und ist Gewinnerin des Kallmann-Preises für zeitgenössische figurative Kunst. Die Ausstellung soll hier besprochen werden, weil sie von Mythen handelt, und weil sie damit in der modernen und zeitgenössischen Kunst, die sich u.a. über ihre Abkehr vom mythenreichen 19. Jahrhundert definiert, eine Ausnahmeerscheinung darstellt. Hier geht es konkret um den weitgehend unbekannten Mythenschatz der Mongolei, mit dem uns Ariunbold auch an die Beseeltheit der Natur erinnert.

Thematisch dreht sich die Ausstellung um das Epos „The Story of Galav“, das über Jahrhunderte von Märchenerzählern weitergegeben und 1977 erstmals niedergeschrieben wurde. Es handelt sich hier um einen Schöpfungsmythos über die Entstehung des Universums, das in eine Oberwelt (die Götter), eine Mittelwelt (die Menschen und Tiere) und eine Unterwelt (die Welt der Manggus – menschenfressende Monster) unterteilt ist. Die Entstehungszeit dieses mündlich überlieferten Epos ist unbekannt, könnte aber durchaus jüngeren Datums sein, als gemeinhin angenommen wird: ein zentraler Bestandteil dieser Geschichte ist der Kampf zwischen Gut und Böse, den man in seiner manichäischen-dualistischen Ausprägung eher aus gnostischen und abrahamitischen Weltbildern kennt; die Vorstellung eines monströsen, absolut Bösen ist in animistischen Kosmologien eigentlich nicht anzutreffen, auch anderen asiatischen Denktraditionen ist sie weitgehend fremd. Man staunt über die ungewöhnlichen Bilder dieser Vorstellungswelt, die u.a. von einem Blutsee namens Möleden erzählt, den nur menschenfressende Manggus durchqueren können.

Ähnlich wie im benachbarten China, aber eigentlich wie überall, überlagern sich in der Mongolei unterschiedliche spirituelle Traditionen und Weltanschauungen: zu nennen sind hier sehr alte, teils zurückgedrängte animistische und schamanische Bräuche, spätere buddhistische, mandschurische und chinesische Einflüsse, und nicht zuletzt der Tengrismus mit seinem Himmelsgott Tengri, den berühmte Mongolenherrscher wie Tschingis Khan und Kublai Khan verehrten. Zu verschiedenen Zeiten bekämpften sich diese Strömungen, koexistierten, oder vereinnahmten sich gegenseitig, z.B. in Krisenzeiten, wenn es darum ging, gegen äußere Feinde zusammenzustehen. Gerade der Tengrismus im geographisch weit gespannten Mongolenreich ist bekannt für seine integrierende Haltung gegenüber Schamaninnen und Schamanen, chinesischen Taoisten, christlichen Missionaren, und muslimischen Klerikern. Der lamaistische Buddhismus, der sich in der Mongolei mithilfe der mandschurischen Qing-Dynastie ausbreitete und dabei auch politische Ziele verfolgte, war dem Schamanismus gegenüber weniger tolerant: schriftliche Überlieferungen belegen, dass er bekämpft wurde, und dass überlebende schamanische Praktiken einige Kompromisse eingehen mussten, um fortbestehen zu können (s. Anm. 1). So fließt im kulturellen Imaginären der heutigen Mongolei so einiges ineinander, das nicht ganz frei von Widersprüchen ist, und das in Märchen, Erzählungen und Bräuchen fortlebt.

Auch im Werk von Javkhlan Ariunbold verschwimmen die Geister, Dämonen und Fabelwesen aus diesen unterschiedlichen kulturellen Schichten: die teils farbenfrohen, teils dunklen und furchteinflößenden Figuren sind für Außenstehende ohnehin schwer zuzuordnen und haben auch wenig gemein mit traditioneller asiatischer Bildkunst, die man vielleicht aus buddhistischen Tempeln kennt. Man trifft hier auch nicht auf Schamanentrommeln oder Nomadenzelte, sondern auf unheimliche Wesenheiten in Öl auf Holz, und auf eine poetische Videoarbeit: Schlangen, abgeschlagene Köpfe, ein Windpferd, Dämonen, Lichtpunkte auf Nachtblau zerfließen wortwörtlich mit ihrem Hintergrund auf den mittel- bis kleinformatigen Bildern; das Windpferd (Khiimori) symbolisiert bei den mongolischen Schamanen die Lebenskraft, die jedem Lebewesen innewohnt, und die mit seinem oder ihrem persönlichen Schicksal verbunden ist – mit anderen Worten, die Seele. Wer Glück und Erfolg in sein Leben einladen will, muss sein Windpferd aufrichten, erklärt die Künstlerin auf ihrer Instagram-Seite. Dann lösen sich Hindernisse in Luft auf, Friede und Wohlstand folgen.

In der Videoanimation „The Cricket“ steigt eine unheimliche, langsam anwachsende Wesenheit aus den rosa schimmernden Wellen eines Meeres auf, begleitet von einer mit sanfter Stimme erzählten, rätselhaften Horrorgeschichte aus den Kindheitserinnerungen der Künstlerin. Im Hintergrund werden archaische Gravuren mit Tieren sichtbar: sie entstammen prähistorischen Petroglyphen, die Javkhlan Ariunbold eigens von einem Felsen in der Wüste Gobi abgescannt hat.

„Javkhlan Ariunbold ist in der zeitgenössischen Kunst zuhause. Ihre Auseinandersetzung mit den Mythen ihrer Heimat ist nicht folkloristisch, das hätten wir auch nicht so interessant gefunden,“ betont Rasmus Kleine, Leiter des Kallmann-Museums. Ariunbold, selbst Tochter eines Künstlers, verbindet Geschichten aus ihrer Kindheit und künstlerische Traditionen der Mongolei mit der Sprache der westlichen, modernen Kunst, die bekanntlich dem Offenen, Uneindeutigen besondere Wertschätzung entgegenbringt. Einige Bilder knüpfen dabei formal auch an mongolische Malereien aus dem 18. und 19. Jahrhundert an. Javkhlan Ariunbold sieht sich als Wanderin zwischen den Welten und hat mit den unscharfen, zerfließenden Konturen in ihrer Malerei einen eigenen Stil entwickelt, der sich hier zu einer mystischen Bildwelt verdichtet.

Anders als in vielen Arbeiten von KünstlerInnen aus nicht-westlichen Traditionen geht es hier nicht um Identitätspolitik, sondern wortwörtlich um die Geister der Vergangenheit, die angesichts ökologischer Fragen der Gegenwart wieder ins Bewusstsein drängen: wie geht es den Pflanzen-, Stein- und Berggeistern aus den Geschichten der Großmutter, wenn die großen Konzerne kommen und die Erde aufreißen? Die schemenhaften Figuren in der Bildserie mit dem Titel „Hysteria“ sind dieser Frage besonders verpflichtet. Sie wirken wie Szenen einer Geisterbeschwörung, die auf einer kompromisslosen Hinwendung zum vormodernen Glauben an eine beseelte Natur beruht. In der entzauberten Moderne will diese niemand mehr wahr- und ernst nehmen – schon gar nicht, wenn es um Profite geht. Die Mongolei ist derzeit stark von modernisierenden Entwicklungen betroffen, die mit Naturzerstörung einhergehen – und Ariunbold ist darüber nicht glücklich.

Die Vorstellung einer lebendigen, von Geistern bewohnten, schützenswerten Natur ist noch wichtiger Bestandteil des Tengrismus und aller schamanischen und animistischen Traditionen, die die Mongolei bis heute prägen. Die Ausstellung macht neugierig auf dieses komplexe spirituelle Erbe, von dem man hierzulande wenig weiß (Anm. 3). Und sie zeigt, dass uralte Mythen eben doch eine sehr aktuelle Relevanz haben können: gerade in Bezug auf ökologische Fragen rufen sie Ideen wach, die dem logozentrischen Weltbild abhandengekommen sind. Aktuell mehren sich solche Stimmen in der zeitgenössischen Kunst, wie z.B. in dem a.a.O. besprochenen Essay von Émilie Hache in einer Publikation des ZKM (Anm. 2), oder in der von Balkan-Folklore und archaischen Ritualen inspirierten Ausstellung von Marina Abramović, die derzeit im Berliner Gropius-Bau gezeigt wird. Neben zeitkritischen Momenten hat Javkhlan Ariunbold hier magische, poetische Bilder geschaffen, die zu einer Begegnung mit der Mythenwelt der Mongolei einladen: Die Ausstellung im kleinen aber feinen Kallmann-Museum ist auf jeden Fall eine Reise wert.

Ein Beitrag von Dr. Claudia Richter


Anmerkungen / Literaturhinweise:

  1. Walter Heissig, Schamanen und Geisterbeschwörer in der östlichen Mongolei. Gesammelte Aufsätze, Harassowitz 1992. Zur Bekämpfung des Schamanismus durch den buddhistischen Lamaismus s. insb. Kap. 3: A Mongolian Source to the Lamaist Suppression of Shamanism in the 17th Century (S. 61-136).
  2. Vielleicht ändert sich das gerade: vom 24.10.25 – 22.2.26 fand im Rietberg Museum in Zürich die Ausstellung Mongolia – A Journey Through Time statt, bei der Javkhlan Ariunbold ebenfalls mit einer Arbeit vertreten war: https://rietberg.ch/en/exhibitions/2025-mongolia
  3. Émilie Hache, „Aus der Erde geboren. Ein neuer Mythos für Erdverbundene“, Bruno Latour, Peter Weibel (ed.), Critical Zones: Die Wissenschaft und Politik der Landung auf der Erde, ZKM Publikationen, 2021 (https://hal.science/hal-04406062/document)

Bildnachweise:

  1. Javkhlan Ariunbold, Wind Horse, 2026, oil on wooden panel, 30 x 50 cm
  2. Javkhlan Ariunbold, Jewellery, 2026, oil on wooden panel, 30 x 50 cm (Ausschnitt)
  3. Javkhlan Ariunbold, Hysteria #1, 2025, oil on wooden panel, 40 x 30 cm

Copyright für alle Abbildungen: VG Bild-Kunst, Bonn 2026


©  Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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