Ein MYTHO-Blog auf den Spuren eines Musikers, den kaum einer kennt, aber dessen Lieder oft gesungen werden
Paul wer? Nie gehört? Und dennoch Lieder von ihm gesungen?
„Paul Gerhardt“ klingt vielleicht nach einem deutschen oder holländischen DJ.
Ist er aber nicht. Er ist auch kein Schlagerstar. Woher also soll er bekannt sein?
Ich wage die Behauptung: Seine Lieder werden von Millionen Menschen gesungen oder zumindest gekannt – ohne dass die meisten wissen, wer sie geschrieben hat. Genau jener Paul Gerhardt nämlich.
Sehr geehrte Lesende, ich möchte Sie heute einladen, Paul Gerhardt mit mir in den Blick zu nehmen – nicht nur als „frommen Liederdichter“, sondern als eine Schlüsselfigur der lutherischen Orthodoxie und der deutschsprachigen Barockfrömmigkeit. Gerhardt, geboren am 12. März 1607 in Gräfenhainichen, gestorben 27. Mai 1676 in Lübben, steht im 17. Jahrhundert an einer spannenden Schnittstelle: zwischen Reformationserbe und konfessioneller Festigung, zwischen Kriegserfahrung und Trosttheologie, zwischen gelehrter Schulbildung und poetischer Verdichtung.
Anlässlich seines 350. Todestages trat Paul Gerhardt in mein Bewusstseinsfeld – über einen Veranstaltungshinweis der Stadt Grimma. Den geführten Rundgang „Geh aus mein Herz und suche Freud – auf den Spuren Paul Gerhardts in Grimma“ – unternahm ich jedoch bereits am 19. April 2026, gut fünf Wochen vor dem Gedenktag, anlässlich des sich zum 350. Mal wiederholenden Todestages, im strömenden Regen, in Gesellschaft weiterer 20 wasserfester Teilnehmenden sowie dem sehr gut vorbereiteten und aufgelegten Gästeführer.



Die Stadt Grimma ist heute stolz auf den einstigen Musterschüler der Fürstenschule. Paul Gerhardt erhielt hier eine lutherisch geprägte Erziehung und „die Grundlagen lateinischer und theologischer Bildung“ – eine Formulierung, die sich in der Forschung zur Schulgeschichte unter W. Sauer-Geppert von 1964 findet. Im St. Augustin-Gymnasium – Namensgeber der Schule ist der ortsansässige Augustinerorden – ziert sein Name die dritte Plakette einer Reihe erlauchter Schüler (siehe Foto). Direkt vor ihm bzw. links neben ihm steht der Name Nikolaus Krell, Kursächsischer Kanzler, der die Schule von 1568 bis 1571 besuchte. Der letzte wohl erwähnenswerte Schulabgänger verließ das Gymnasium 1832. Seitdem erhofft Grimma weitere Genies.
Geboren wurde Paul Gerhardt jedoch im damals kursächsischen Gräfenhainichen, was heute zu Sachsen-Anhalt gehört, als Sohn des Ratsherrn und späteren Bürgermeisters Christian Gerhardt und dessen Frau Dorothea, geb. Starke. Seine Mutter war die Tochter des Eilenburger Superintendenten. Mutmaßlich beste Startbedingungen für eine politische oder kirchliche Karriere, wäre der Vater nicht schon 1619 und die Mutter 1621 verstorben. Paul Gerhardt wurde im Alter von 14 Jahren bereits Vollwaise.
Nach dem Besuch der Stadtschule in seiner Heimatstadt wechselte Paul 1622 an die Fürstenschule nach Grimma, eine von drei Eliteschulen im damaligen Kurfürstentum Sachsen, die er 1627 erfolgreich abschloss. Unterrichtet wurden (1) Dogmatik (u. a. Hutter), (2) Bibelkunde, Altsprachen, (3) Rhetorik, Poetik, Musik. Das Gymnasium galt als „Schmiede des sächsischen Pfarrer- und Beamtennachwuchses“ – eine Metapher, die die Schule als Ausbildungsstätte für die sächsischen Kirchen- und Verwaltungsbeamten beschreibt. Wer den damals 15-jährigen Paul in das gut 70 Kilometer entfernte Grimma zur Schule sandte, ist mir nicht bekannt geworden.
Am 2. Mai 2026 folgte dann meine Visite in Gerhardts Geburtsort Gräfenhainichen. An Stelle des Elternhauses liegt heute eine Tafel, die darauf verweist. Es gibt, wie in Grimma auch, die Paul-Gerhardt-Straße und die Paul-Gerhardt-Kapelle. „Gräfenhainichen ehrte Paul Gerhardt mit der klassizistischen Paul-Gerhardt-Kapelle, die in den Jahren 1830-1844 mit Spenden aus der Bevölkerung gebaut wurde. König Friedrich Wilhelm IV. stiftete zur Ausstattung der Kapelle ein lebensgroßes Bild Paul Gerhardts, einen Teppich, eine Altardecke und Altarleuchter. Die Leuchter und Altardecke können Sie in unserer Dauerausstellung bewundern.“
Gerhardt verlässt 1627 die Schule in Grimma mit einem sehr guten Zeugnis – Fleiß, Gehorsam und Talent werden ausdrücklich hervorgehoben. Grimma ist damit die „Werkstatt“, in der sein theologisches und poetisches Instrumentarium geformt wurde.
An der „Hochburg lutherischer Gelehrsamkeit“ – einem Begriff, den Grosse in seiner Studie zur Wittenberger Gelehrtenkultur verwendet – begann Gerhardt im Jahr 1628 sein Theologiestudium an der Universität Wittenberg, was auch seine spätere Dichtkunst stark beeinflusste. Wittenberg ist lediglich ca. 25 km entfernt von Gräfenhainichen, was im Jahr 1637 weitestgehend zerstört wurde. Überhaupt hat Paul Gerhardt in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges zahlreiche persönliche Schicksalsschläge zu bewältigen. Sein Bruder starb in Gräfenhainichen im selben Jahr an der Pest.
Nach Stationen als Hauslehrer in Wittenberg wechselte Paul Gerhardt vermutlich 1643 nach Berlin. Nach Grosse veröffentlichte Gerhardt jedoch bereits im Jahr 1642 sein erstes Gedicht, 1647 wurden 18 seiner Lieder in die 2. Auflage des Berliner Gesangbuches Praxis Pietatus Melicia des Johann Crüger aufgenommen.
Weil wir hier bei der Musik sind, füge ich als Vergleich noch kurz meinen Konzertbesuch bei Johannes Oerding am 1. Mai 2026 ein: auch er ist in ein Musiker, der große, bedachte wie unbedachte Kathedralen füllt und sein ‚Halleluja‘ (Link-Tipp zu YouTube: „Halleluja“ aus dem Album Hotel auf YouTube anhören) wird von Tausenden in seinen Konzerten mitgesungen, doch wage ich die Annahme: Auch wenn Johannes Oerding bereits seit 20 Jahren erfolgreich Musik in deutscher Sprache publiziert und sicher mehr Alben als Paul Gerhardt verkauft hat, wird sein Halleluja in 360 Jahren nicht mehr besungen werden.
Gerhardt trat erst im Alter von 44 Jahren, im Jahr 1651, seine erste reguläre Stelle als Pfarrer an der St.-Moritz-Kirche in Mittenwalde an. Noch älter musste Gerhardt werden, bis er endlich 1655 Anna Maria Berthold ehelichte, die Tochter eines Berliner Hauswirts. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, wovon nur eines, Paul Friedrich, das Kindesalter überlebte (1662 – 1716).
Mit der Berufung zum Diakon an der Nikolaikirche siedelte die Familie im Jahr 1657 nach Berlin um. Hier erst lernte Gerhardt Johann Crüger kennen, der Kantor der Nikolaikirche und gleichzeitig Lehrer am Gymnasium „Zum Grauen Kloster“ war. Mit Johann Crüger soll ihn eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit verbunden haben. Nach dem Tod Johann Crügers folgte Gerhardt ihm als Kantor der Nikolaikirche.
Zwistigkeiten zwischen Reformierten und Lutheranern innerhalb des Protestantismus im Kurfürstentum Brandenburg ließen Gerhardt nach zehn Jahren sein Amt als Diakon und Kantor verlieren. Sein Festhalten an der Konkordienformel führte in Berlin zur Verweigerung einer unionsfreundlichen Erklärung und damit letztlich zur Amtsenthebung – ein biographischer Brennpunkt seiner konfessionellen Standhaftigkeit. Obwohl ihn der Kurfürst nach Interventionen von mehreren Seiten wieder ins Amt eingesetzt hatte, verzichtete Gerhardt 1667 endgültig darauf, wofür er Glaubensgründe benannte.
Seinen Lebensabend verbrachte Gerhardt ab 1669 in Lübben, wohin er nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1668 auf das Amt des Archidiakons berufen wurde. Hier verstarb er am 27. Mai 1676; hier ist seine Grabstelle. Weitere Gedenkorte sind seine Wirkorte: Mittenwalde, Berlin, außerdem in Lübben mit der Paul‑Gerhardt‑Kirche und seinem Denkmal.
Gerhardts Lieder sind im deutschsprachigen Protestantismus fest verankert. Viele fanden Eingang in das Evangelische Gesangbuch und teilweise auch in das katholische Gotteslob. Sie begleiten bis heute Gottesdienste im Kirchenjahr, Kasualien (Trauungen, Beerdigungen) sowie private Frömmigkeit und Andacht.
Die Paul‑Gerhardt‑Gesellschaft, der Paul‑Gerhardt‑Verein Lübben sowie diakonische Einrichtungen wie das „Paul Gerhardt Werk“ (heute Träger sozialer Angebote) und andere bemühen sich ebenso um die Erschließung der Werke und Ehrung von Paul Gerhardt.
Fakten zusammengefasst und weniger bekannte Aspekte
- Späte Pfarrberufung: Gerhardt wurde erst mit Mitte 40 Pfarrer – ein Hinweis darauf, wie schwierig es im Dreißigjährigen Krieg war, eine gesicherte Stelle zu finden.
- Die Grabinschrift in Lübben nennt ihn „Theologus pius et pius semper hilaris“ – „frommer, stets fröhlicher Theologe“. Im Licht seiner Biographie ist diese Charakterisierung theologisch programmatisch: Fröhlichkeit nicht als Oberflächlichkeit, sondern als durchlittene Freude.
- Kein Pietist – aber pietismusfähig: Obwohl er klar orthodox ist, wird Gerhardt im Pietismus hochgeschätzt, weil seine Lieder eine persönliche Beziehung zu Christus stark betonen.
- Lebensorte als Wanderweg: Lübben wirbt mit einem „Geh‑aus‑mein‑Herz“-Pfad, andere Orte nutzen seine Liedtitel für Kultur‑ und Pilgerwege – eine Form moderner Spiritualitäts‑Touristik hat sich entwickelt.
- Neuentdeckte Texte: In den letzten Jahrzehnten wurden bislang unbeachtete geistliche Lieder Gerhardts aufgefunden und ediert, was zeigt, dass die Forschung weiterhin Bewegung enthält.
Zu Paul Gerhardts bekanntesten Kirchenliedern zählen vor allem jene, die im Evangelischen Gesangbuch bis heute präsent sind und auch in Umfragen regelmäßig auf vorderen Plätzen stehen. Als solche werden benannt:
„Nun ruhen alle Wälder“ – Abendlied mit starkem Naturbezug.
„Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ – Osterlied, das die Auferstehungsfreude darstellt.
„O Haupt voll Blut und Wunden“ – Passionslied auf Grundlage eines mittelalterlichen Textes, von Gerhardt neugestaltet.
„Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ – theologisch dichte Passionstheologie im Liedformat.
„Die güldne Sonne voll Freud und Wonne“ – Morgenlied, das den Tagesbeginn geistlich deutet.
„Lobet den Herren alle, die ihn ehren“ – Loblied mit liturgischer Breite.
Insgesamt sind im Evangelischen Gesangbuch der deutschsprachigen Evangelischen Gemeinden in Deutschland, Elsass-Lothringen, Österreich und Luxemburg aktuell 26 Lieder Gerhardts enthalten (von 567 für den gottesdienstlichen Gebrauch bestimmten Lieder und Gesänge), im katholischen Gotteslob sind fünf Texte enthalten, heißt es; damit ist er der Autor mit den meisten Beiträgen christlicher Gesangbücher.
Eine solche Verbreitung muss ein Komponist und Lieddichter erst einmal erreichen. Das Video „Leben und Lieder von Paul Gerhardt“ der Evangelischen Kirchengemeinde Süßen hat auf YouTube mehr als 59 tsd. Aufrufe. (YouTube Link-Tipp: „Leben und Lieder von Paul Gerhardt“ ) Chapeau.
Anmerkung: In der mir vorliegenden Ausgabe des Gotteslobes von 1975 konnte ich die Lieder wiewohl nicht finden. Vielleicht möchte noch jemand in der Neuauflage des gemeinsamen Gebet- und Gesangbuches der römisch-katholischen Bistümer in Deutschland, Österreich, Südtirol sowie der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und dem Erzbistum Luxemburg von 2013/2014 (die in einer Erstauflage von 3,6 Millionen Exemplaren erschien) nachschlagen und das Ergebnis mit uns teilen?
Zusammenfassung und Fazit
Biographisch stehe Gerhardt exemplarisch für die Generation, die im Schatten des Dreißigjährigen Krieges aufwächst, von früh an Verluste erfährt und sich in konfessionellen Konflikten bewähren muss.
Theologisch repräsentiere er eine orthodoxe, schrift- und bekenntnisgebundene Frömmigkeit, die über den Weg des Liedes subjektive Aneignung ermöglicht.
Kulturell ist er bis heute präsent: als Autor zentraler Kirchengesänge, als Figur der protestantischen Erinnerungskultur, als Namensgeber für kirchliche und diakonische Einrichtungen und als Gegenstand interdisziplinärer Forschung.
Ich meine, damit hat Paul Gerhardt den Titel „Pop-Star“ verdient: bald 380 Jahre lang mit aktuell 26 Liedern in den protestantischen Liederbüchern und Liturgien vertreten zu sein, von Millionen Menschen gesungen und gekannt und sogar ins Gotteslob der katholischen Konkurrenz aufgenommen worden zu sein. Ganz ohne ‚Hitparade‘, Spotify und anderen Mediendiensten.
Wer jetzt Geschmack an Paul Gerhardt gefunden hat, dem sei die Veranstaltung der Stadt Gräfenhainichen zu Ehren des 350. Todestages vorgestellt: „SING! Paul Gerhardt – 20.09.2026 auf Ferropolis“ bei freiem Eintritt.
Grimma wie auch Gräfenhainichen sind von Leipzig aus mit dem Öffentlichen Nahverkehr wie auch mit dem Fahrrad erreichbar, Grimma ist nur ca. 32 km vom Ortskern Leipzig entfernt, Gräfenhainichen immerhin gut 60 km. Das ehemalige Tagebaugelände Ferropolis in Gräfenhainichen, sollte auf jeden Fall mit gesichtet werden. Beide Orte bieten und boten im Jahr 2026 zahlreiche Veranstaltungen zu Ehren Paul Gerhardts an.
Bis zum nächsten Mal.
Ein Beitrag von Harald Johanns
Literaturhinweis:
Sven Grosse. „Gerhardt, GESCHICHTE“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016.
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.




