Bisweilen erfährt man von den bemerkenswertesten Ausstellungen erst dann, wenn sie beinahe schon wieder vorbei sind; leider erfuhr ich erst wenige Tage vor ihrem Ende von der Sonderausstellung „Herkules. Held und Antiheld“, die bis zum 28.06.2026 im Semperbau des Dresdner Zwingers zu sehen war. So machte ich mich an einem sonnigen Junitag auf in die barocken Gefilde Dresdens.
Welcher Ort sollte für eine Ausstellung über den antiken Superhelden Herkules besser geeignet sein als der Dresdner Zwinger? Schließlich hatte kein Geringerer als Sachsens Kurfürst August der Starke (1670-1733) diesen beeindruckenden Gebäudekomplex erbauen lassen. Der sächsische Regent sah und inszenierte sich mittels der bildenden Kunst selbst als Herkules. Doch bevor wir August den Starken und seine Inszenierung als Herkules näher betrachten, lohnt sich zunächst ein Blick auf den antiken Helden selbst.
Herkules. Facettenreich und widersprüchlich wie kaum eine andere Gestalt der griechisch-römischen Mythologie. Voller Mut, Tatendrang und Kraft. Geliebt und bewundert, verehrt und gefürchtet. Seine Schwächen und Laster, aber vor allem seine Stärken machen ihn zur Projektionsfläche für Wünsche, Hoffnungen und Träume.
MYTHOS
Herkules oder Herakles ist der uneheliche Sohn des Göttervaters Zeus und der thebanischen Königstochter Alkmene. Der Halbgott verfügt über enorme Körperkraft und zählt bis heute zu den bekanntesten Helden der Antike, ist vielleicht sogar DER Held schlechthin. Bereits im 7. oder 8. Jahrhundert v. Chr. wurde er erstmals literarisch erwähnt. Schon antike Autoren verschwiegen jedoch auch seine dunklen Seiten nicht – ein Aspekt, dem sich die Ausstellung ebenfalls widmet.
Nachdem der griechische Held im Mittelalter etwas in den Hintergrund gerückt war, entdeckten ihn die Künstler der Renaissance als Motiv für die verschiedensten Kunstformen neu. Kein Wunder, denn sein Leben mit seinen großen Triumphen ebenso wie mit seinen tragischen Schicksalsschlägen bot und bietet reiches Material für die verschiedensten künstlerischen Darstellungen.
Zahlreiche Meisterwerke der Dresdner Sonderausstellung entfalteten ihre Wirkung nicht nur auf mich. Immer wieder konnte ich beobachten, wie Besucher vor dem einen oder anderen Exponat staunend oder sichtlich bewegt innehielten. Nicht nur Skulpturen und Gemälde beeindruckten, sondern auch Meisterstücke anderer Künste, darunter sehr superbe Arbeiten. So verweilte ich längere Zeit staunend und berührt vor einem Holzkästchen, auf dem 13 Emailplatten mit Darstellungen aus dem Leben des Herkules gezeigt wurden – Geburt und Tod des Helden, vier der zwölf Aufgaben, die Herkules im Auftrag des Königs Eurystheus zu vollbringen hatte sowie sieben weitere Abenteuer. Es entstand um die Mitte des 16. Jahrhunderts und stammt aus dem französischen Limoges, welches damals als Zentrum für Emailarbeiten hervortrat; zahlreiche Werkstätten hatten sich dort auf die besonders anspruchsvolle Technik des Maleremails spezialisiert. Das Kästchen diente einst als Reliquiar, da in ihm Holzreste aufbewahrt worden waren, die angeblich dem Christuskreuz entstammten. In diesem Kunstwerk verbindet sich christlicher Glaube mit antikem Mythos – Herkules steht hier als Vorbild für eine tugendhafte Lebensführung. Das Kleinod befindet sich nun wieder im Grünen Gewölbe, Dresden.
Herkules dürfte den meisten durch seine bereits erwähnten zwölf Aufgaben bekannt sein. Er besiegte zunächst den Nemeischen Löwen und kleidete sich daraufhin in dessen Fell. Jenes Löwenfell ist neben der Keule eines der Erkennungszeichen des Helden – wie auf zahlreichen Herkules-Darstellungen zu sehen ist. Jene erste Aufgabe ist eindrucksvoll dargestellt auf einem aus italienischer Fertigung stammenden Prunkschild (1550) aus der Sammlung der Dresdner Rüstkammer.

Die Hydra aus den Sümpfen von Lerna gehörte mit Ihren vielen Köpfen zu den furchterregendsten Ungeheuern, mit denen Herkules zu kämpfen hatte, hier dargestellt durch ein 1851/53 entstandenes Gipsmodell des Künstlers Ernst Rietschel; es bildete eine Vorlage für ein Sandsteinrelief des Galeriegebäudes am Dresdener Zwinger.

Der Augiasstall, den Herkules als eine der weiteren Aufgaben säubern musste, steht bis heute sprichwörtlich für einen stark verschmutzten oder unordentlichen Raum oder auch einen Saustall, wobei Rinderstall hier korrekter wäre. Denn es waren 3000 Rinder, die Augias, der König von Elis besaß. Den enormen Stall sollte Herkules an einem Tag ausmisten. Dies gelang ihm auch – er leitete den Fluss Alpheios um und ließ dadurch den Unrat wegschwemmen. Ganz eingenommen hat mich dazu der 1971 entstandene Siebdruck „Augias Stall“ des Künstlers Thomas Bayrle.
Im Zentrum der Darstellung sehen wir eine Mistgabel auf einem strohgelben Gewebe. Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass jenes Gewebe aus den Köpfen sehr vieler Menschen besteht und das, was man am unteren Bildrand als Fransen ansehen könnte, tatsächlich aus Frauen in weißen Kleidern und Männer in roten Anzügen zusammengesetzt ist. Gekrönt wird das Ganze am oberen Bildrand von 15 Kühen, die uns alle ihr Hinterteil zeigen – irritierend, aber genial.
MACHT
Die wahrhaft herkulischen Aufgaben, vor denen sich der sächsische Kurfürst und polnische König August der Starke gestellt sah, verdeutlicht u.a. die 1718 von Balthasar Permoser geschaffene Sandsteinfigur „Herkules mit dem Himmelsgewölbe“, die den Wallpavillon des Dresdner Zwingers bekrönt – heute als Abguss, da das Original 1945 beim Bombardement der Stadt zerstört wurde. Hier verbindet sich Mythologie mit politischem Machtanspruch: Stellvertretend für August den Starken trägt der Göttersohn die Himmelskugel; darunter befindet sich das sächsisch-polnische Wappen. Mit der eingangs erwähnte Selbstinszenierung als Herkules stand August durchaus in der Tradition anderer Herrscher, denn auch Moritz von Sachsen hatte sich bereits als Hercules Saxonicus darstellen lassen.
Ein Gipsabguss dieser beeindruckenden Figur empfing die Besucher im ersten Ausstellungsraum, gewissermaßen als Eyecatcher und Aufmacher. Von Nahem betrachtet, wirkt Permosers Werk noch imposanter und zieht die Besucher sofort in seinen Bann: der Halbgott, der das Himmelsgewölbe gebeugt und mit großer Mühe trägt. Herkules hatte diese Last dem Titanen Atlas abgenommen, damit dieser für ihn einige der sagenumwobenen goldenen Äpfel aus dem Garten der Hesperiden stehlen konnte. Auch hier findet sich eine Verbindung zum barocken Dresden: Der Zwingerhof mit seinen Orangenbäumen symbolisiert eben jenen mythischen Garten.

MENSCHLICHKEIT
Bereits als kleines Kind war Herkules den Erzählungen nach durch Hyperaktivität, Jähzorn und Unersättlichkeit aufgefallen. Dies wird illustriert durch ein aufsehenerregendes Gemälde der Ausstellung: Peter Paul Rubens‘ „Die Geburt der Milchstraße“ (1636/36, Museo de Prado). Zeus hatte Hera den Säugling Herkules an die Brust gelegt; als das Kind zu heftig saugte, stieß sie ihn erschreckt von sich, woraufhin durch ihre verspritzte Milch die Galaxis (=Milchstraße) entstand.

Ausgangspunkt für die oben erwähnten zwölf berühmten Taten des Heroen war ein wenig rühmlicher Grund: Da sich Herkules geweigert hatte, in Eurystheus‘ Dienste zu treten, strafte Hera ihren ungeliebten Stiefsohn mit Wahnsinn. Daraufhin erschlug dieser seine Ehefrau Megara und die drei gemeinsamen Kinder; die grauenvolle Tat wird in der Ausstellung dargestellt durch das Gemälde „Der rasende Herkules“ des italienischen Malers Alessandro Turchi (1620), welches die Alte Pinakothek München als Leihgabe zur Verfügung stellte.

Herkules und die Frauen – ein ergiebiges Kapitel. Hera war wieder einmal von Zeus betrogen worden, als „Frucht“ eines Seitensprunges entstand Herkules, den sie hasste. Seine erste Frau fiel seinem Wahnsinn zum Opfer; seine zweite Frau Deianeira brachte ihn unbeabsichtigt um und tötete sich danach vor Kummer selbst.
Herkules war demzufolge nicht nur der strahlende Held und Bezwinger zahlloser Kreaturen, sondern auch ein vom Schicksal Gebeutelter und zudem ein Mensch mit Ecken und Kanten: cholerisch, trinkfreudig, leidenschaftlich – voller Widersprüche. Die Ausstellung sparte hierbei nichts aus. Eine 1722/23 geschaffene Marmorstatute von Pierre de L’Estache zeigt Herkules/Herakles mit seinem unehelichen Sohn Telephos – das Kind hatte er durch die Vergewaltigung einer Frau namens Auge gezeugt, einer Priesterin der Göttin Athene. Geschehen war dies im alkoholischen Rausch, ein Zustand, in den der dem Weingenuss sehr zugetane Halbgott nicht selten geriet.

Ein weiteres Rubensgemälde zeigt ihn im volltrunkenen Zustand. Die Marmorstatue „Hercules Mingens“ (1. Jh. n. Chr., mit neuzeitlichen Ergänzungen) aus dem Schloss Wörlitz zeigt den Betrunkenen, wie er pinkelt und dabei versucht, mühsam das Gleichgewicht zu halten.

Auf einem weiteren Gemälde von Turchi (1620, Alte Pinakothek München) sehen wir Herkules bei Omphale, einen Spinnrocken haltend. Als Strafe für die Ermordung seines Schwagers musste er der lydischen Königin mehrere Jahre als Sklave dienen und sich auch „weiblichen Tätigkeiten“ widmen. Eine Elfenbeinfigur Balthasar Permosers zeigt den verliebt schmachtenden Helden zu Omphale aufblickend, die hier sein Löwenfell trägt; der neckische Amor daneben hält die berühmte Keule des Helden.

Nicht unerwähnt sei hier noch eine kleine Marmorstatue des Herkules (1. Jahrhundert n. Chr.) aus der Glyptothek Kopenhagen: Unser Held trägt hier ein weibliches Gewand, denn er hat mit Omphale die Kleider getauscht. Von ihr, die in seiner Gewandung (Löwenfell und Keule) neben ihm steht, ist nur ihre linke Hand übriggeblieben, mit dem sie Herkules umfängt.

Bedeutende Museen aus dem In- und Ausland bereicherten die Ausstellung durch mannigfaltige Leihgaben; vertreten waren u.a. Stücke aus dem Prado, dem Louvre, den Vatikanischen Museen, aber auch aus Kopenhagen oder aus dem Bestand der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz.
Wer nicht so weit reisen möchte, dem sei gesagt: Die meisten der gezeigten Kunstwerke stammten aus den verschiedenen Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden – der Gemäldegalerie Alte Meister, dem Kupferstichkabinett, dem Münzkabinett, dem Albertinum, dem Grünen Gewölbe und der Rüstkammer. So lässt sich Herkules in vielen verschiedenen Gestaltungen in Dresden bestaunen, wenn auch an verschiedenen Orten. Ein Grund mehr, diesen wahrhaft prachtvollen Museen einen Besuch abzustatten.
Am Ende bleibt der Eindruck einer außergewöhnlich gelungenen Sonderausstellung. Sie verband hochkarätige Kunstwerke mit spannenden Aspekten und zeigte eindrucksvoll, dass antike Mythen nichts von ihrer Zugkraft eingebüßt haben. Herkules wurde nicht als unfehlbarer Superheld inszeniert, sondern als Mensch mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und ebenso außergewöhnlichen Schwächen. Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis seiner bis heute anhaltenden Faszination.
Ein Beitrag von Isabel Bendt
Literaturhinweis:
„Herkules. Held und Antiheld“, Skulpturensammlung bis 1800 und Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Hrsg. von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Holger Jacob-Friesen; Bildband zur gleichnamigen Ausstellung, 22. November 2025 bis 28. Juni 2026, Dresden, Sandstein Kultur 2025.
Abbildungen:
1 – Kästchen mit Darstellungen des Herkules, Werkstatt Pierre Reymonds (?), Maleremail auf Kupfer, um 1550; Staatl. Kunstsammlungen Dresden, Grünes Gewölbe
2 – Schild mit Darstellung des Herkules und des Nemeischen Löwen, Eisen, geschwärzt, vergoldet, um 1550; Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer
3 – Ernst Rietschel, Herkules tötet die Hydra; Gipsmodell für ein Relief am Semperbau 1851/53; Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Skulpturensammlung
4 – Thomas Bayrle, Augias Stall, Siebdruck, 1971; Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett
5 – Herkules mit dem Himmelsgewölbe, Hercules Saxonicus; nach Balthasar Permoser (ca. 1716/18); Gipsabguss der zerstörten Sandsteinstatue, 1852; Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Skulpturensammlung
6 – Peter Paul Rubens, Der Ursprung der Milchstraße; Öl auf Leinwand, 1636/38; Prado, Madrid
7 – Alessandro Turchi, gen. l’Orbetto, Der rasende Herkules; Öl auf Leinwand, um 1620, Alte Pinakothek München
8 – Pierre de L’Estache, Herakles und Telephos, Carrara-Marmor, 1722/23; Lapidarium im Großen Garten (Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement)
9 – Hercules Mingens, 1. Jh. N. Chr; Marmor, Kulturstiftung Dessau-Wörlitz
10 – Alessandro Turchi, gen. l’Orbetto, Herakles und Omphale; Öl auf Leinwand, um 1620; Alte Pinakothek München
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.
Kleine Statue des Herkules; Marmor, 1. Jh. N. Chr.; Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen




