Zwischen Spiritualität und Alltag – Liebe, Erotik und Ehe in der Kultur Indiens

Vortrag und Gespräch mit Dr. Maria Schetelich und Maren Uhlig

Sei es das im 4. Jh. n. Chr. entstandene Kamasutra als das wohl weltweit berühmteste Lehrbuch der Liebeskunst, sei es die höfische Literatur in Urdu oder die göttlichen Liebespaare wie Krishna und Rahda oder Rama und Sita – die Themen Liebe und Erotik spielten zu allen Zeiten und in allen Lebensbereichen in der hinduistischen und muslimischen Bevölkerung des Subkontinents eine wichtige Rolle. Welchen Einfluss dies noch heute auf Geschlechterstereotypen, arrangierte Ehen oder auch die Filmindustrie hat, soll anhand verschiedener Beispiele aus Kunst und Alltag betrachtet werden.

Gemeinschaftsveranstaltung des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie e. V. in Kooperation mit der Stadtbibliothek Leipzig

Eintritt frei

Hinter der Maske – Die vielen Gesichter des Phantoms der Oper

Die Pariser Oper in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Theater wird von einer schattenhaften Gestalt heimgesucht, welche das abergläubische Theatervolk „Das Phantom der Oper“ nennt. An diesem Punkt setzt das vermutlich erfolgreichste Musical aller Zeiten an.

Es erzählt die Geschichte der jungen Sängerin Christine Daaé, deren unsichtbarer Gesangslehrer, ihr „Engel der Muse“ (im Englischen Angel of Music), sich als das berühmt-berüchtigte Phantom der Oper entpuppt. Dieser ist jedoch weder unsichtbar noch körperlos, sondern ein geheimnisvoll maskierter Mann von musikalischem und technischem Genie. Und unsterblich in Christine Daaé verliebt. Als der junge Raoul, Vicomte de Chagny, ein Kindheitsfreund Christines, die Gönnerschaft für die Oper übernimmt, spitzt sich eine dramatische Dreiecksbeziehung zu, die nur tragisch enden kann. Ein bildgewaltiges Werk über Liebe, Hass und die Abgründe des Menschlichen.

Eine fantastische Mysterie-Erzählung

Die Romanvorlage stammt aus der Feder des französischen Journalisten und Autors Gaston Leroux, welcher vor allem durch seine Detektiv-Geschichten wie „Das Geheimnis des gelben Zimmers” (1907) oder “Das Parfum der Dame in Schwarz” (1908), Berühmtheit erlangte. Sein Schreibtalent für mysteriöse Erzählungen wurde auch in „Le fantôme de l’opéra“ deutlich. Der Roman erschien vom 23. September 1909 bis zum 08. Januar 1910 in Fortsetzung in der Zeitschrift Le Gaulois. Letzteres mag eine Erklärung dafür sein, weshalb Leroux regelmäßig tief in Be- und Umschreibungen eintaucht. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es üblich, dass Autoren solcher Zeitschrifgeschichten nach Wortzahl entlohnt wurden. Es war ihnen – möglicherweise also auch Leroux – daran gelegen, Geschehnisse und Szenen so detailiert wie möglich auszuformulieren.

Bereits im März 1910 erschien der Roman als gebundenes Werk, herausgegeben von Pierre Lafitte. Die erste deutsche Version erschien im Albert Langen Verlag bereits im Jahre 1912. Die Schnelligkeit dieser Veröffentlichung zeigt, wie beliebt die Geschichte schon damals war. Tatsächlich erhielt der Roman sowohl von Kritikerseite als auch von der Öffentlichkeit positives Feedback, auch wenn der Ruhm nicht an andere Werke des Autors heranreichte.

Originalcover der gebundenen Ausgabe

Durch seine Erzählart entsteht ein gewisser Realitätsanspruch. DerIch-Erzähler, ein Journalist, stellt den Roman als detektivische Investigation auf den Spuren des Phantoms dar. Der Prolog beteuert die Realität des Phantoms und berichtet von extensiven Recherchearbeiten des Erzählers. Im Laufe des Romans bedient er sich einer Reihe von Aussagen, Memoiren und Schriftstücken, die von handelnden, fiktiven Personen stammen. Auch die Zeit der Handlung in den 1880er Jahren, gut zehn Jahre nachdem die Opéra Garnier, der Schauplatz und Handlungsort, fertiggestellt wurde, trägt weiter dazu bei, dass die Erzählung wie eine tatsächliche Begebenheit erscheint.

Der Wirklichkeit entspricht die Tatsache, dass das Gebäude auf einem tiefen, labyrinthartigen Unterbau errichtet war, von dem ein großer Teil geflutet und damit zum geheimen See des Phantoms wurde. Mysteriöse Geräusche aus diesem Abgrund während Aufführungen, der Fund eines menschlichen Skeletts bei Bauarbeiten im Unterbau und der ungeklärte Unfall des herabstürzenden Kronleuchters mit einem Todesfall, führte zu der Entstehung des Phantom-Mythos, den Leroux verarbeitete und weiterentwickelte.

Obwohl der Roman, wie bereits erwähnt, über die Jahre weitgehend in Vergessenheit geraten war, gelangte eine Secondhand Ausgabe in die Hände Andrew Lloyd Webbers – und eine Idee wurde geboren.

Vom Buch zum Film

Zu allererst muss festgehalten werden, dass es gravierende Unterschiede zwischen dem Handlungsverlauf des Romans, der Musicalversion und der filmischen Adaption von 2004 mit Gerard Butler, Emmy Rossum und Patrick Wilson in den Hauptrollen – einer Verfilumg des Musicals, nicht des Buches wohlgemerkt – gibt. Handlungsstränge wurden abgewandelt, Charaktere ausgelassen oder Geschehnisse an einem anderen Zeitpunkt eingebracht. Bei den Inszenierungen erhalten wir durch die visuellen Mittel weit mehr Einsicht in verschiedene Charaktere (das Phantom eingeschlossen), als im Roman. Dort begleiten wir als Leser besonders den jungen Raoul, Vicomte de Chagny, der versucht, das schreckliche Geheimnis zu lüften, dass Christine Daaé angstvoll hütet.

Wie bereits erwähnt, konzentrieren sich Musical und Musical-Verfilmung vor allem auf das Beziehungsdreieck des Phantoms, des Vicomte de Chagny und Christine Daaés und machen eine Liebesgeschichte daraus. Für beide Männer hat sie unleugbare Gefühle und ist zwischen ihnen hin- und hergerissen. Der blonde Raoul symbolisiert dabei schon rein optisch mit seiner heiteren Art das sonnige, sorglose, aber gebundene Leben, das Christine weit weg von der Oper als Frau eines Vicomte führen könnte. Das mysteriöse Phantom stellt hingegen durch seine Aufmachung mit Maske und Umhang den sinnlichen Nervenkitzel einer leidenschaftlichen Liebe außerhalb der gesellschaftlichen Norm dar.

Auf der einen Seite also der Wunsch nach Liebe inmitten der Gesellschaft, auf der anderen die unwiderstehliche Anziehungskraft des Geheimnsivollen. Christine lebt bereits als mittellose „Ballettratte“, wie Leroux die Tänzerinnen der Oper nennt, und begäbe sich in jedem Fall in eine neue Abhängigkeit: das einer adligen Ehe oder dazu verdammt im Schatten, abseits jeder Gesellschaft zu verbringen. Manchem mag der Charakter des Raoul im Gegensatz zum charismatischen Phantom eher fad vorkommen (so wie mir zuerst), aber denkt man länger darüber nach, erkennt man, in welcher Misere die junge Frau tatsächlich steckt.

Hinter der Maske – Der Zauber von Oper und Theater

Das Musical und der Film übernahmen den Zauber des Theaters, der Oper, die für ihre Besucher immer wieder Wunder erschaffen. Der Film selbst erschafft eine Traumwelt, in der Logik, gesellschaftliche Regeln und dann und wann auch die Regeln der Physik außer Kraft gesetzt sind. Ein Management lässt sich jeden Monat von einem sich selbst als „Operngeist“ bezeichnenden Fremden um tausende Francs erpressen und duldet gleichzeitig eine jähnzornige Diva, die, sobald etwas nicht nach ihrem Kopf geht, alle fünf Sekunden mit Sack und Pack zu kündigen gedenkt. Hier kann der Vicomte eine mittellose Sängerin heiraten, ohne dass jemand daran Anstoß nimmt. Und Leuchter tauchen samt brennenden Kerzen aus einem unterirdischen See auf. Diese Dinge fallen einem auf, man begreift, dass dies nicht der Wirklichkeit entspricht, aber es stört nicht. Man nimmt sie hin, denn es geht um die wunderbare Musik, die Atmosphäre, die Liebesgeschichte.

„Der Tanzunterricht“ (um 1874) von Edgar Degas – Hinter den Kulissen war die Oper eine Welt für sich.

Die Maske, die das Symbol des Theaters (und nebenbei das Erkennungsmerkmal des Phantoms) ist, taucht immer wieder auf. Metaphorisch oder als plastisches Objekt, zeigt eine Maske nach außen das eine und verbirgt das andere. In der Oper existieren die Bühne und das Stück als das, was der Außenwelt präsentiert wird, während hinter den Kulissen eine geheime Welt existiert, die sich nur Eingeweihnten öffnet. Im „Phantom der Oper“ besitzt letzteres zudem eine weitere Unterteilung: der Oberbau des Opernhauses, der dem Personal gehört, und der architektonische Unterbau, in dem das Phantom herrscht.

Könnte man es deshalb nicht als den ungreifbaren und doch fleischgewordenen Zauber dieses Kosmos bezeichnen?

Die einzige Maske im eigentlichen Sinn trägt eben jene berühmt-berüchtigte Figur. Nach außen eine glatte, elegante Marmorerscheinung, versteckt sie eine körperliche Entstellung, die das Phantom zu seinem Dasein in Dunkelheit und Einsamkeit verdammt. Vergleicht man seine Darstellung in Roman, Musical und Film, wird klar, dass er der Charakter größter Ambivalenz ist.

Das Phantom als Bösewicht

Die träumerische Atmosphäre der Adaptionen, die bereits erläutert wurde, exisitiert im Roman nicht. Es ist die Welt des 19. Jahrhunderts, nur eben mit einem Phantom im Keller. Das Management ist seiner weniger karikierten Diva gegenüber klar und deutlich, Raouls älterer Bruder, der Comte de Chagny, versucht mit allen Mitteln dessen Pläne einer Heirat mit Christine zu verhindern und von unter Wasser brennenden Kerzen ist nirgendwo die Rede. Auch das Phantom ist ein Anderer, nämlich ein verzweifelter Mensch namens Erik, bei dem Wahnsinn und Genie Hand in Hand gehen und dessen obsessive Liebe zu Christine ihn in einen grausamen Bösewicht verwandelt.

Christine, das Objekt seiner Begierde, hat nach einer unsanften Entführung und seiner Demaskierung panische Angst vor ihm und traut sich doch lange Zeit nicht, jemandem von ihrem Geheimnis zu erzählen. Der „Operngeist“ ist zu allem fähig, droht ihr und Christine fürchtet in seiner Labilität noch mehr Tode. Besonders um Raoul, der sich in sie verliebt hat und ihre kühle Ablehnung verwirrt zu verstehen versucht, hat sie Angst, denn ihr „Engel der Muse“ ist krankhaft eifersüchtig.

Nachdem Erik seine Angebetete erneut und vor den Augen aller von der Bühne entführt hat, droht er, die ganze Oper samt Galagästen in die Luft zu jagen, sofern sie sich nicht von Raoul abwendet und für ihn entscheidet. Um so überraschender ist das Ende, an dem die beiden Liebenden freikommen und der Roman mit dem Tod des Phantoms schließt

Erst danach wird mehr über den Charakter aufgeklärt und man beginnt Mitgleid und Sympathie für diese entstellte Seele zu haben. Seine Herkunft handelt Leroux erst im Epilog ab.

Das Phantom als Opfer

Im Musical und Film tritt das Phantom zuerst als eine art romantisch-verklärter Geist in Erscheinung. Da ist sein erster Streich lediglich eine herabfallende Leinwand der Requisite, die keinem Schaden zufügt. Auch die „Entführung“ der Christine Daaé ist eher eine fantastische, sinnliche Reise, auf die sich diese voll betörtem Staunen freiwillig begibt. In der Wohnung des Phantoms am See wartet Kerzenschein und Musik, keine Angst und Dunkelheit. Sein wütender Ausbruch über die Enthüllung seiner Entstellung, als Christine ihn zum ersten mal demaskiert, erschreckt sie nur kurzfristig. Ihr Mitleid überwiegt.

Erst nachdem das Phantom jemanden getötet hat, bekommt Christine Angst vor ihm und wird in ein verwirrendes Chaos aus romantischen Gefühlen, Angst und immer noch Mitleid gestoßen. Das Phantom, das namenlos bleibt, ist in erster Linie eine tragische Existenz, die durch kontinurierliche Ablehnung und grausame Behandlung seines Äußeren wegens zu dem wurde, was es ist.

Die Idee des entstellten Außenseiters, der sich in das erste Schöne unsterblich verliebt, das ihm nahe kommt, tauchte bereits in Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“ auf, dem ich mich bereits in einem früheren Blogbeitrag gewidmet habe. Hugos Roman erschien 1831 und obwohl ich keine Belege dafür finden konnte, dass Gaston Leroux ihn kannte, so ist es doch anzunehmen. Es gibt gewisse Parallelen zwischen dem missgestalteten Quasimodo und dem Phantom: Beide wurden von ihrer Familie verstoßen und erfuhren ein Leben lang Gewalt, Ausgrenzung und Verachtung wegen ihrer Erscheinung.

Doch während ersterer glücklicherweise vom Archidiakonus Frollo adoptiert wird, fehlt dem Phantom diese Mittelsfigur zwischen der Welt und ihm. Er erleidet das Schicksal, als lebende Kuriosität in einem Wanderzirkus ausgestellt zu werden, welches Quasimodo als Kind einer Zigeunerin vielleicht auch geblüht hätte, wäre er nicht auf glücklichen Umwegen nach Paris gelangt.

Quasimodo versteckt sich zwar oft aus Furcht vor den Menschen, doch ist sein Erscheinungsbild ein Zustand, mit dem er sich weitgehend abgefunden hat. Im Falle des Phantoms ist das Tragen der Maske vor allem mit Scham behaftet. Im Roman verdeckt sie das ganze Gesicht, in den Inszenierungen nur die obere Hälfte oder eine Seite, da sonst die Darsteller beim Singen behindert würden.

Zwei schicksalsschwere Male wird das Phantom in Musical und Film demaskiert, beide Male durch die Hände der Frau, deren Ablehnung ihn zerstören würde und der er sein Gesicht deshalb auf keinen Fall zeigen will. Sein kompletter Kontrollverlust in beiden Szenen zeigt, wie emotional aufgeladen die Maskensituation. Die zweite, öffentliche Demaskierung gipfelt schließlich im Showdown, bei dem das Phantom Christine dazu zwingen will, sich für ihn zu entscheiden. Bewegt von ihrem unerschütterlich guten Herzen, lässt er die beiden frei und verschwindet in einem Geheimgang.

Ansicht der Pariser Oper Ende des 19. Jahrhunderts

Das tragische Phantom

Das „Phantom der Oper“ ist Geist, Künstler, Bösewicht, eine verstoßene Seele, Genie und Opfer. Gaston Leroux macht aus ihm einen Menschen aus Fleisch und Blut, einen Charakter, der seitdem immer wieder verändert, erweitert und neu erfunden wurde. Auf der Bühne bekam es durch viele Künstler ebenso viele verschiedene Gesichter, wie es als Figur Facetten hat. Basierend auf seiner kurzen Biographie, die Leroux in seinem Epilog aufführt, erschuf die britische Schriftstellerin Susan Kay mit ihrem Roman „Das Phantom“ eine tief eintauchende, bewegende Lebensgeschichte, die mehr denn je das Phantom als ein Opfer seiner Umstände darstellt und ihm ein „Gesicht“ gibt.

Auch Leroux erwähnt am Ende seines Buches, es sei ein großes Unglück, das diesen armen Menschen prägte und er habe an seinem Grab für sein Seelenheil gebetet. In Anbetracht seines armseligen Lebens, ohne Liebe und im Schatten, hätte er das trotz seiner Verbrechen verdient.

Vermutlich fasst keiner das Dilemma des Phantoms der Oper so getroffen zusammen, wie das Phantom selbst in dem Lied „Die Erinnerung kommt zurück“:

„Schlimmer als ein Alptraum.
Wie erträgst du’s hinzuschau’n?
Erfasst dich nicht ein Graun,
von mir, dem Höllentier?
Fratzenhaft doch sehnsuchtskrank.
Nach dem Himmel.
Sehnsuchtskrank, sehnsuchtskrank…

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweis:

Kay, Susan. Das Phantom. Frankfurt a. M. 2016.

Leroux, Gaston. Das Phantom der Oper. München 1993.

Newart, Cormac. „Vous qui faites l’endormie. The Phantom and the Buried Voices of the Paris Opéra“. 19th-Century Music Vol. 33, No. 1, 2009, S. 62-78. Web. JStor. 03. April 2019

Shah, Raj. „No Ordinary Skeleton. Unmasking the Secret Source of Gaston Leroux’s Le fantôme de l’opéra“. Forum for Modern Language Studies Vol. 50, No. 1, 2013, S. 16-29. Web. JStor. 03. April 2019

„The Publication and Initial French Reception of Gaston Leroux’s Le fantôme de l’opéra“. French Studies Bulletin Vol. 37, No. 138, 2016, S. 13-16. Web. Oxford Journals. 03. April 2019

Verwandlung

„Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue
Körper, so treibt mich der Geist. Ihr Götter, da ihr sie gewandelt,
Fördert mein Werk und lasset mein Lied in dauerndem Flusse
Von dem Beginne der Welt bis auf meine Zeiten gelangen!”

(Ovid, Metamorphosen, Buch 1, Vs. 1-4)

Alles um uns herum befindet sich in steter Veränderung. Jeder Aspekt unseres menschlichen Lebens führt uns das Tag für Tag vor Augen, und dennoch tun sich die meisten Menschen mit Veränderungen eher schwer. “Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein”, sagte Johann Wolfgang von Goethe, wobei er wohl eher auf den eben beschriebenen, täglichen Umgang mit dem steten Fluss des Neuen anspielt, als die Verwandlung einer jungen Frau in eine Kuh.

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Verhängnisvolle Schönheit und verdammende Hässlichkeit – Der Glöckner von Notre-Dame

Es ist ein farbenfrohes, grausames Bild, das der berühmte französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) in seinem historischen Roman Der Glöckner von Notre-Dame (1831) kreiert. Schauplatz ist das spätmittelalterliche Paris an der Schwelle zur Neuzeit, auf dessen Bühne er individuelle Schicksale, geschichtliche Hintergründe und Lebenskultur des 15. Jahrhunderts miteinander verbindet.

Seine Darstellungen der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit, der Gewalt gegenüber Andersgläubigen und Menschen mit körperlicher Behinderung instrumentalisiert Hugo als eine Kritik an rückständigen gesellschaftlichen Konventionen sowie Vorurteilen und drückt Verurteilung der Todesstrafe und der Folter aus. Durch die Charakterzüge und Handlungsweisen seiner Figuren führt er uns vor Augen, wie tief die Verbindung von körperlicher und innerer Schönheit als Ideal unser Denken bestimmt. Dieser Konflikt taucht immer wieder auf und wird als solcher vom wenig attraktiven Glöckner Quasimodo aus seiner Sicht geäußert: „Was nicht schön ist, hat kein Recht zu sein; / Schönheit liebt allein nur Schönheit, / Dem April zeigt Januar den Rücken.“ (S. 447).

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„Die Erde steht offen“: Geister, Tote und der heilige Valentin

Die Welt ist rot und besteht aus Herzen. Dieser Eindruck zwingt sich einem unmittelbar auf, schaut man dieser Tage ins private Mail-Postfach, wo sich die Werbungen tummeln. Dasselbe gilt für den Marsch durch Einkaufspassagen oder – der Konsumapathie zum Trotz – für den Besuch von Cafés, Drogerien, Kaufhäusern. Von den tausenden um tausenden Internetseiten ganz zu schweigen. Herzen. Bärchen. Rosen. Schokolade. Kissen. Kitsch. Es ist überall. Und wir ahnen es: Der Valentinstag steht bevor. Der Tag der Verliebten, an dem man sich besonders lieb hat (oder lieb haben sollte), was für die restlichen 364 Tage des Jahres hoffentlich genauso gilt. Dabei ist es um den Festtag des heiligen Valentin, der am 14. Februar begangen wird, nicht gar so romantisch bestellt, zumindest nicht bis ins 14. Jahrhundert. Denn erst im Spätmittelalter erkor man den Tag, den Papst Gelasius I. im Jahre 496 offiziell als Gedenktag eingeführt hatte, als geeignet für das Fest der höfischen (und später der romantischen) Liebe. Die Süßigkeiten, Blumen und Liebesbekundungen sind sogar erst seit dem 18. Jahrhundert in Gebrauch. Auch begann um diese Zeit die Tradition, dem oder der Liebsten kleine Grußgarten zu senden, die sogenannten „Valentines“. Sogar Schlüssel erfreuten sich großer Beliebtheit, symbolisieren sie doch das Aufschließen des Herzens. Sogar an Kinder wurden sie verschenkt. Allerdings nur indirekt als Liebesbeweis, denn man sagte Schlüsseln nach, sie könnten die „Valentins-Krankheit“ abhalten. Damit war die Epilepsie gemeint, denn der heilige Valentin von Terni (3. Jahrhundert n. Chr.) wurde bei Krankheiten (allen voran der benannten „Fallsucht“), um Beistand angerufen. Allerdings war eben dieser Valentin nicht der einzige Valentin oder Valentinus. So gab es noch einen Valentin von Rom. Dieser war Priester und erlitt um 269 n. Chr. eben dort den Märtyrertod. Sein Begräbnisort, die Kirche San Valentino in Rom, galt bis zum Ende des Mittelalters als wichtiger Wallfahrtsort. Der bereits erwähnte Valentin von Terni wiederum war Bischof und erlitt das Martyrium um 273 n. Chr., nachdem er Kranke geheilt und christliche Taufen vollzogen hatte. Es wurde lange vermutet, dass es sich bei beiden um ein und dieselbe Person gehandelt haben könnte, unabhängig davon, dass in verschiedenen Kirchen Roms oder in Terni Reliquien von ihnen aufbewahrt und verehrt werden. Der endgültige Beweis darüber steht allerdings noch aus. Zudem erwähnt die „Katholische Enzyklopädie“, ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts publiziertes Nachschlagewerk zum katholischen Glauben, einen dritten Valentin, der angeblich in Afrika das Martyrium erlitt und über den ansonsten nicht viel bekannt ist.

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Der Mythos von Liebe und Tod, oder: Die drei Rätsel der Prinzessin Turandot

„Wer den Gong ertönen läßt,
dem erscheinet sie sofort!
Weiß wie Jade,
kalt wie Stahl:
das ist die schöne Turandot!“
(Turandot, Giacomo Puccini, Libretto)

Als der italienische Komponist Giacomo Puccini im Jahr 1920 zusammen mit dem Liberettisten Guiseppe Adami und dem Dramaturgen Renato Simoni über dem Stoff seiner sechs Jahre später uraufgeführten Oper „Turandot“ zu brüten begann, schrieb er Letzterem geradezu hoffnungsvoll: „machen wir ein Märchen, gefiltert durch unser modernes Gehirn!“ Das Märchen lag dem Kreativ-Trio zu dieser Zeit längst vor, u. a. in Form des Theaterstücks „Turandot“ von Friedrich Schiller (1802 uraufgeführt), welches auf einer Vorlage des italienischen Theaterdichters Carlo Gozzi aus dem Jahr 1762 beruhte. Darüber hinaus war dem Stoff bereits eine Reihe von Vertonungen vorausgegangen. Franz Seraph Destouches, Carl Maria von Weber, Antonia Bazzini sind nur einige der Namen, die sich der Geschichte annahmen. Daher war sich Puccini unsicher, auf welche Weise er den bereits bekannten Stoff zum Leben erwecken sollte. Am ehesten schien ihm dies über die Psychologie der Figuren möglich, mehr noch über die Gefühle. „Sie müssen das Letzte an Gefühl und Rührung herausholen … und sie können die rechten Verse finden!“, schreibt er an Adami. „[Der] Liebesausbruch muss wie ein leuchtender Meteorstein unter die rufende Volksmenge fallen, die mit gespannten Nerven … das Fluidum der Liebe begeistert aufnimmt.“

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Eros und Aphrodite

Alles sei voll von Göttern, soll der griechische Philosoph Thales von Milet (6. Jahrhundert v. Chr.) gesagt haben. Er blieb damit, auch wenn er dieser Behauptung eine abstraktere, nicht-wörtliche Bedeutung gegeben haben mag, der Weltsicht seiner Zeitgenossen verbunden. In der Tat fassen polytheistische Weltbilder – und die alten Griechen waren ja Polytheisten – ihre Götter nicht als transzendente Wesenheiten auf, die der Welt gegenüberstehen, sondern als Teil der Welt. Und in diesem Sinne hatte das, was wir Natur nennen, teil am Göttlichen, und Götter wirkten auch hinein in die Lebensvollzüge der Menschen. Sie wachten über die einzelnen Lebensbereiche, wenngleich sie häufig zu komplexe Gestalten waren, als dass man sie restlos mit einer Funktion hätte identifizieren können. Für das, was man im weitesten Sinne Liebe nennen kann, waren zwei Gottheiten zuständig: Eros (Liebesbegehren) und Aphrodite. Sie haben die Antike überlebt und sind nicht zuletzt durch die Kunst des Abendlandes bis heute populär: die schöne junge Frau und ihr knabenhafter Begleiter, der meist mit Pfeil und Bogen und oft auch geflügelt dargestellt wird. Freilich sind sie auf ihrem langen Weg auch zu puren Versinnbildlichungen, zu Allegorien geworden. Für die antike Welt aber waren sie mehr.

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Zur Liebe in Kultur und Mythos »Die Schöne und das Biest«

Podiumsdiskussion mit Elmar Schenkel, Constance Timm, Christoph Sorger und Reiner Tetzner
Was ist Liebe? Warum ist es in der heutigen Zeit geradezu eine Notwendigkeit, diese Frage im Diskurs eines gegenseitigen Miteinanders zu stellen? Ist Liebe die Lösung für unsere Probleme? Kann Liebe uns retten? Liebe und Lieben sind seit jeher Urbedürfnisse der Menschen. Dies spiegelt sich in den weltweiten Vorstellungen der Kulturen und Religionen wider: Eros, Amor, Aphrodite, Cupido, Venus, Freya, Ištar, Astarte, Hathor und Inanna sind nur einige der zahlreichen bekannten Liebesgottheiten in den Mythologien verschiedener Religions- und Kulturgemeinschaften. Dabei lässt sich das große Thema Liebe auffächern in die verschiedenen Facetten wie Verliebtheit, Fruchtbarkeit, Erotik, Verlangen. Aber auch Verständigung, gegenseitiges Begreifen, Akzeptieren und Annehmen sind als Ideen von Liebe wichtiger denn je und literarisch durch alle Zeiten hin beständig aufgegriffen und verarbeitet worden.

In der Podiumsdiskussion stellt der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie unter dem Titel »Die Schöne und das Biest« sein Jahresthema 2019 vor und diskutiert über kulturelle und literarische Aspekte, die sich mit Nächstenliebe, den Schattenseiten der Liebe, der Psychologie der Liebe sowie der Liebe in Mythos und Märchen befassen.

Eintritt: 3,- / 2,- EUR

Veranstaltung des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie e. V. Gefördert durch das Kulturamt der Stadt Leipzig

Was ist Liebe? – Eine mythische und literarische Einführung

Wenn wir von Liebe sprechen, verbinden wir mit ihr das intensive Gefühl von Zuneigung, Geborgenheit, Aufgehobensein, Verbundenheit, das sich im menschlich-emotionalen Erklärungskanon nicht mehr steigern lässt. „Es ist was es ist sagt die Liebe“ in Erich Fried’s (1921-1988) bekanntem Gedicht und würde man eintausend Menschen darüber befragen, würde man wohl eintausend verschiedene Antworten erhalten. Denn Liebe ist nicht nur der romantische Höhepunkt jeder Paarbeziehung, so wie sie in Medien, Dichtung, Romanen, Liedern oder Kunst im Regelfall proklamiert wird. Liebe kann sich auch auf Gruppen beziehen, auf die Familie, Geschwister, Freunde, zu Tieren, Natur etc. Es gibt kein Limit für Liebe.

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