Verhängnisvolle Schönheit und verdammende Hässlichkeit – Der Glöckner von Notre-Dame

Es ist ein farbenfrohes, grausames Bild, das der berühmte französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) in seinem historischen Roman Der Glöckner von Notre-Dame (1831) kreiert. Schauplatz ist das spätmittelalterliche Paris an der Schwelle zur Neuzeit, auf dessen Bühne er individuelle Schicksale, geschichtliche Hintergründe und Lebenskultur des 15. Jahrhunderts miteinander verbindet.

Seine Darstellungen der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit, der Gewalt gegenüber Andersgläubigen und Menschen mit körperlicher Behinderung instrumentalisiert Hugo als eine Kritik an rückständigen gesellschaftlichen Konventionen sowie Vorurteilen und drückt Verurteilung der Todesstrafe und der Folter aus. Durch die Charakterzüge und Handlungsweisen seiner Figuren führt er uns vor Augen, wie tief die Verbindung von körperlicher und innerer Schönheit als Ideal unser Denken bestimmt. Dieser Konflikt taucht immer wieder auf und wird als solcher vom wenig attraktiven Glöckner Quasimodo aus seiner Sicht geäußert: „Was nicht schön ist, hat kein Recht zu sein; / Schönheit liebt allein nur Schönheit, / Dem April zeigt Januar den Rücken.“ (S. 447).

Schönheit und Liebe in all ihren Facetten stehen im Zentrum des Romans. Sie fungieren als Schlüsselwörter, die Schicksale offenbaren und entscheiden, das Schlimmste und Beste im Menschen herauskehren und die Figuren in einer Folge von fast schon reißerischen Geschehnissen an den Rand des Möglichen bringen. Der Glöckner von Notre-Dame erzählt von der romantischen Liebe, Nächstenliebe, von jener zwischen Eltern und Kindern, vor allem aber von der Macht, welche Schönheit und Liebe über uns Menschen haben.

Es ist keine schöne Liebesgeschichte, die sich in Hugos Roman entfaltet. Ist es überhaupt eine? Denn Liebe ist eher der Katalysator als das gewünschte Ziel und Endprodukt der Handlung.

Ein kurzes Vorwort des Verfassers führt in die Geschichte ein. In diesem wird erklärt, dass er bei der Besichtigung eines der Türme von Notre-Dame das altgriechische Wort ANAГKH in die Steinmauer geritzt fand: Verhängnis. „Er [der Verfasser] fragte sich, er suchte zu erraten, wer wohl die bedrängte Seele sein konnte, welche diese Welt nicht hatte verlassen wollen, ohne dieses Zeichen eines Verbrechens oder Unglücks auf der Stirn der alten Kirche zu hinterlassen. […] Doch gerade auf dieses Wort hin ist vorliegendes Buch entstanden.“ (S. 5-6)

Es wird dem Leser auch schnell klar, dass es in der Geschichte um wesentlich mehr als nur den armen Glöckner geht. Die deutsche Version des Titels lässt vermuten, dass der Fokus auf dieser berühmt-berüchtigten Figur liegt, im Original heißt der Roman jedoch Notre-Dame de Paris. Obwohl der Glöckner als Charakter eine der Hauptrollen spielt, findet die gesamte Handlung um und in der gotischen Kathedrale statt, welche schon seit dem Frühmittelalter ihren Platz auf der Île de la Cité hat.

Wir schreiben den 6. Januar 1482. Die bunte Gesellschaft aus einfachen Parisern, Adel und fahrendem Volk feiert das „Dreikönigsfest“ und den Narrentag. Die Vermählung des Kronprinzen von Frankreich mit Margarete von Flandern steht bevor, und so soll das öffentliche Amüsement auch den flandrischen Gesandten gelten: „An diesem Tage sollte auf dem Place de Grève ein Freudenfeuer brennen, vor der Kapelle von Braque ein Maibaum gepflanzt werden und im Justizpalast ein Mysterienspiel zu sehen sein.“ (S. 10)

Place de Grève

Passend zum Durcheinander dieses mittelalterlichen Volksfestes entwirft Hugo ein sehr breites, manchmal verworrenes Netz an Personen und Handlungssträngen, die des Öfteren vom Hauptgeschehen wegzuleiten scheinen und doch letztendlich wieder darauf treffen. Auf den ersten Blick vermag es schwer erscheinen, in dieser Vielfalt eine oder mehrere Hauptfiguren herauszustreichen. Letztendlich kann man sich wohl darauf einigen, dass es sich bei den wichtigsten um eine „Fünfeckbeziehung“ handelt: Pierre Gringoire, Esmeralda, Claude Frollo, Quasimodo und Phoebus de Châteaupers. Rechnet man die Rahmenhandlung um die Klausnerin Schwester Gudule mit ein, wären es sogar sechs. Doch da diese sich nicht aktiv an der Handlung beteiligt, sondern für die Vorgeschichte und deren Auflösung sorgt, wollen wir uns auf die besagten fünf Personen konzentrieren.

Es sind die Geschehnisse dieses 6. Januar 1482, die alles ins Rollen bringen und, obwohl der Spruch reichlich abgenutzt ist, das Schicksal der Hauptcharaktere besiegeln werden.

Nach einer detaillierten Beschreibung der Stadtansicht (samt Klage um den Verlust alter und schöner Bauwerke im Laufe der Zeiten), gebotenen Aktivitäten und Menschenmassen, findet sich die Erzählung im großen Saal des Pariser Justizpalastes ein. Dort soll ein Theaterstück aufgeführt werden – ironischerweise handelt es sich dabei um ein Sittenspiel – welches zwar den philosophisch-moralischen Vorstellungen seines Autors Pierre Gringoire entspricht, doch so gar nicht den derben Geschmack der Zuhörer und die zügellose Stimmung des Narrenfestes trifft. Gringoire ist ein erfolgloser Dichter und Philosoph und die Bezahlung für das Theaterstück seine letzte Chance, in dieser Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben.

Die Zuhörer wenden sich dann aber eher der alljährlichen Wahl des Narrenpapstes zu, ein Amt, welches jenem zufällt, der durch die Öffnung eines kaputten Maßwerkfensters die schrecklichste Fratze ziehen kann. Das Volk wählt schließlich Quasimodo, den buckligen, tauben Glöckner von Notre-Dame, der einst als Findelkind in die Obhut der Kathedrale gelangte und sich an diesem Tag ausnahmsweise unter die Menschen gemischt hat. Für gewöhnlich wird er vom Volk gemieden, da man ihn aufgrund seiner Entstellung durch einen verkrümmten Rücken, einen Buckel, ein verkürztes Bein und nur ein sehendes Auge als zaubernde Brut des Teufels fürchtet. An diesem Narrentag der umgestürzten gesellschaftlichen Regeln kommt er jedoch gerade recht. Als die Ansammlung von fahrendem Volk, Bettlern und Zuschauern zusammen mit ihrem neuen Narrenpapst in Richtung des Place de Grève abzieht, scheint für kurze Zeit eine Rückkehr der Aufmerksamkeit zu Gringoires Stück möglich. Diese wird jedoch endgültig durch lauthalse Rufe „Die Esmeralda! Die Esmeralda!“ (S. 60) beendet.

Was es mit dieser Esmeralda auf sich hat, erfährt der Leser in Begleitung Pierre Gringoires, als dieser sich dem Place de Grève unter anhaltendem Gejammer über sein missglücktes Stück nähert. Eine junge Frau tanzt im Schein des großen öffentlichen Feuers auf dem Platz, und nicht eine Person ist unter den Zuschauern, die nicht von ihrem Tanz, ihrer fantasievoll bunten Aufmachung und blendenden Schönheit bezaubert ist. Gringoire ergeht es nicht anders und er fasst ein reges Interesse an Esmeralda.

Esmeralda

Diese gehört zu den Zigeunern, die im vergangenen Jahr in die Stadt einzogen sind und verdient ihren Lebensunterhalt durch Tanzen und Possen mit ihrer treuen Begleiterin, der Ziege Djali. Ihrer großen Schönheit wegen wird sie unter den Zigeunern geradezu wie eine zweite Madonna verehrt. Sie ist abergläubisch und leichtfertig. Um den Hals trägt sie ein Säckchen mit einem grünen Stück Glas in der Form eines Edelsteines, der einen Zauber enthält. Dieser soll ihr helfen ihre Eltern wiederzufinden, doch er bliebe nur wirksam, solange sie ihre Jungfräulichkeit nicht verliert.

Während sie tanzt, bemerkt Gringoire eine dunkelgekleidete Figur, ein Mann, der Esmeralda mit Argusaugen beobachtet, wobei sein Blick geradezu Flammen sprüht. Er erkennt ihn als Claude Frollo, Archidiakonus von Notre-Dame, den er von seinen früheren Studien her kennt. Obwohl die beiden im Laufe der Geschichte noch mehrmals miteinander im Vertrauen sprechen, so wird Gringoire die Beudeutung dieses einen schweren Blicks nie begreifen, ebenso wenig wie das Gewicht dieses 6. Januars, der so vielen zum Verhängnis werden wird.

Auch Esmeralda bemerkt den düsteren Zuschauer und erschrickt sichtlich, denn er verfolgte sie schon mehrere Male zuvor mit seiner unheimlichen Aufmerksamkeit. Dies und die hasserfüllten, antiziganistischen Rufe der Schwester Gudule, die als Klausnerin in einer Art Kerkerloch am Place de Grève öffentlich Buße tut, verscheuchen Esmeralda schließlich. Gudules Abscheu vor Zigeunern wird im Laufe der Geschichte erklärt und löst letztendlich so einige versteckte Zusammenhänge auf.

Es ist Gringoires Bewunderung, die ihn Esmeralda folgen und miterleben lässt, wie der bucklige Glöckner die Zigeunerin zu entführen versucht. Dieser ist in Begleitung des Archidiakonus, seinem Ziehvater, ein Fakt, der Gringoire später entfällt (vermutlich des Schlags wegen, den Quasimodo ihm versetzt und der ihn mehrere Meter durch die Luft schleudert). Die Schreie der verängstigten und überwältigten Esmeralda rufen eine Wachmannschaft auf den Plan, von der sie schließlich gerettet wird. Mit dieser tritt ein weiterer der Hauptcharaktere auf, der Hauptmann Phoebus de Châteaupers.

Dieser ist nicht nur gutaussehend, sondern macht in seinem Hauptmannsstaat und durch die heldenhafte Rettung einen großen Eindruck auf die junge Frau, die sich auf den ersten Blick in ihn verliebt. Dass er nicht ganz frei ist, weiß sie an diesem Punkt noch nicht; und es hält Phoebus auch in weiterem Verlauf nicht davon ab, Esmeralda verführen zu wollen. Nur verführen, ein anderes Interesse hat er nicht an ihr. Von den Zigeunern als irrtümlicher Angreifer Esmeraldas gefasst, droht Gringoire der Galgen, dem er, laut deren Gesetze, nur durch eine ‚Ehe des zerbrochenen Kruges‘ entgehen kann. Eine Zigeunerin muss sich seiner erbarmen und ihn zum Mann nehmen.

Überraschenderweise erklärt sich Esmeralda bereit, wohlwissend, dass Gringoire nichts mit dem Überfall zu tun hatte und nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Man besiegelt die Trauung mit dem Zerbrechen eines Kruges, und wortlos wird Gringoire, der sein Glück kaum fassen kann, von Esmeralda in ihre Behausung mitgenommen. Dort wird ihm jedoch sehr schnell klar, dass er sich an diesem Abend eine Josefsehe eingehandelt hat – Esmeralda erzählt ihm von dem Zauber und seinen Bedingungen, die sie im Notfall auch mit einem Dolch verteidigen würde. Nach einem gemeinsamen Essen sperrt sie ihn in sein Zimmerchen ein (zur Sicherheit) und legt sich selbst ebenfalls schlafen. Gringoire beobachtet sie zwar noch durchs Schlüsselloch und hätte sicher auch nichts gegen eine Hochzeitsnacht gehabt, seine Zufriedenheit darüber, ein Bett und Dach über dem Kopf zu haben, obsiegt jedoch. Auf diese Weise endet der schicksalsschwere 6. Januar 1482.

Weshalb ist die Liebe nun so schwerwiegend? Bis jetzt ist der Leser doch lediglich davon Zeuge geworden, dass Gringoire für die schöne Esmeralda schwärmt und diese sich in den gutaussehenden Phoebus verguckt? Dass Schönheit die beiden oberflächlichen Männer einfängt, scheint nicht verwunderlich.

Was womöglich der eine oder andere schon erraten haben mag, ist, dass nicht nur Gringoire eine Vorliebe für die Zigeunerin gefasst hat, sondern auch der wesentlich ältere Claude Frollo, dessen Liebe sich jedoch zu Obsession und Wahnsinn steigert. Seine unheilvollen Gefühle treiben ihn dazu, an seiner Liebe zu Philosophie und Wissenschaft, seinen Überzeugungen der Überlegenheit und des Zölibats, ja, an Gott und dem christlichen Glauben zu zweifeln. Er liebt und begehrt die junge Frau, für die er sogar die Verdammnis in Kauf nehmen würde, mit einer inbrünstigen Heftigkeit. Im Vergleich dazu erscheint ihm sein bisheriges Leben kalt und vergeudet. Die Tatsache, dass Esmeralda seine Gefühle nicht erwidert, sie ihn fürchtet und im Laufe der Geschichte verabscheuen und sogar hassen lernt, ist zu viel für ihn.

„Ach! Ein Weib lieben! Priester sein! Gehaßt werden! Sie mit der ganzen Raserei seiner Seele zu lieben; fühlen, daß man für das leiseste Lächeln von ihr sein Blut, sein Herz, seinen Ruf, sein Heil, die Untsterblichkeit und die Ewigkeit, dieses und das ewige Leben hingeben würde; bedauern, daß man nicht König, Genius, Kaiser, Erzengel, Gott ist, um ihr einen bedeutenderen Sklaven vor die Füße zu legen; sie Tag und Nacht in seinen Träumen und seinen Gedanken fassen – und sie in eine Soldatenuniform verliebt zu sehen! […] Ich flehe dich an“, rief er, „wenn du ein Herz hast, stoße mich nicht von dir!“ (S. 387-388)

Esmeralda und Quasimodo

Nachdem er sie schon lange beobachtet hat, beschließt Frollo an diesem Tag – passenderweise dem Narrentag – Esmeralda mithilfe seines ungestalten Ziehsohns zu entführen. Der vereitelte Versuch bringt Quasimodo, der aus Liebe und Pflichtgefühl gegenüber seinem Ziehvater handelte, zum Strafgericht der öffentlichen Auspeitschung. Frollo aber stürzt es noch tiefer in seine Verzweiflung und Besessenheit, besonders als er eine unvorhergesehene Wandlung in Quasimodo entdeckt. Dieser verliert sein Herz aufgrund ihres Mitleids an Esmeralda, als sie dem am Schandpfahl stehenden Unglücksraben zu trinken gibt. Diese Szene des Schönen, das sich des Hässlichen erbarmt, macht sie beim Volk beliebt und sichert ihr Quasimodos ewig Verehrung und Dankbarkeit.

Die „Fünfeckbeziehung“, deren verhängnisvolle Entwicklung durch Frollos Plan seinen Lauf nahm, ist somit komplett. Es ist eine tragische Konstellation. Esmeralda, die das Zentrum bildet, hat ihr Herz an Phoebus verschenkt und glaubt an seine ewige, aufrichtige Liebe. Phoebus sieht in ihr lediglich eine schnelle Affäre und ein mögliches Vergnügen (er kann sich nicht einmal ihren Namen merken). Dies treibt den Archidiakonus in rasende Eifersucht, nicht nur wegen des offensichtlichen Interesses des Hauptmannes, sondern auch, weil es vermeintlich auf Gegenseitigkeit beruht. Phoebus ist alles, was Frollo niemals sein kann, ein Verbrechen, dass auch dem leichtlebigen Hauptmann noch viele Scherereien bereiten wird.

Quasimodo steht durch seine Entstellung außerhalb, denn, wie sie sowohl Gringoire als auch Frollo ins Gesicht sagt, ist Esmeralda äußerliche Schönheit wichtig und sie könne nur einen schönen, starken Mann lieben; der schlechte Charakter des Hauptmanns kommt ihr gar nicht in den Sinn. Die Liebe des ungestalten Glöckners ist eine stille Liebe, die aber womöglich die ehrlichste und aufrichtigste von allen romantischen Gefühlen ist. Ihm liegt das Wohlergehen, das Glück der jungen Frau wirklich am Herzen, und trotz der Ablehnung durch seine Angebetete (für die sich Esmeralda zumindest etwas schuldig fühlt), lassen seine Bemühungen zu ihrem Schutz niemals nach.

Während Gringoire sich irgendwann damit abfindet, dass Esmeralda ihn nicht liebt und Phoebus mangels echter Gefühle noch schneller über sie hinwegkommt, wird für den Archidiakonus und den Glöckner die Liebe zum Untergang. Ein Ende, in das sie die unglückliche Esmeralda mit hineinreißen.

Denn im Gegensatz zu den klaren Kategorien von Gut und Böse, dem Happy End der Disney-Verfilmung, ist Victor Hugos Roman ein Strudel aus Unglück und zertretenen Hoffnungen. Obwohl Disney die begehrliche Besessenheit des Claude Frollo besonders im Soundtrack Das Feuer der Hölle gut darstellt, stilisieren sie ihn jedoch zum verabscheuungswürdigen Bösewicht ohne Gefühl. Die Gewissensbisse, die Verzweiflung und Zerrissenheit des ursprünglichen Charakters werden dabei um der klaren Linie willen weggelassen. Keiner der Charaktere bei Hugo ist durch und durch sympathisch, doch man kann ihre Empfindungen nachvollziehen (mal mehr, mal weniger) und nimmt lebhaft Anteil an ihrer Wahrnehmung.

Esmeralda, die sich im Grunde nichts zuschulden hat kommen lassen, wird ihre Schönheit und der rechtlose Stand des fahrenden Volkes zum Verhängnis. Schönheit ist es bei Phoebus, Frollo und Gringoire, die eingebildete oder wahnsinnige Liebe hervorruft und sie den Machenschaften von Männern ausliefert, die im allgemeinen gesellschaftlich weit über ihr stehen. Schönheit, Liebe und Macht – die Machtdynamik der mittelalterlichen Ständegesellschaft und Geschlechterrollen – treibt das Rad der Handlung voran.

Im Gegensatz zu manch anderen Beiträgen über literarische Themen, habe ich diesmal versucht, so wenig wie möglich von der weiteren Handlung und dem Ende des Romans zu verraten. Ich kann nämlich jedem, der gern historische Romane liest, nur empfehlen, Victor Hugos meisterlichen Roman einmal selbst zu lesen.

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweis: Victor Hugo. Der Glöckner von Notre-Dame. München 2009.

„Die Erde steht offen“: Geister, Tote und der heilige Valentin

Die Welt ist rot und besteht aus Herzen. Dieser Eindruck zwingt sich einem unmittelbar auf, schaut man dieser Tage ins private Mail-Postfach, wo sich die Werbungen tummeln. Dasselbe gilt für den Marsch durch Einkaufspassagen oder – der Konsumapathie zum Trotz – für den Besuch von Cafés, Drogerien, Kaufhäusern. Von den tausenden um tausenden Internetseiten ganz zu schweigen. Herzen. Bärchen. Rosen. Schokolade. Kissen. Kitsch. Es ist überall. Und wir ahnen es: Der Valentinstag steht bevor. Der Tag der Verliebten, an dem man sich besonders lieb hat (oder lieb haben sollte), was für die restlichen 364 Tage des Jahres hoffentlich genauso gilt. Dabei ist es um den Festtag des heiligen Valentin, der am 14. Februar begangen wird, nicht gar so romantisch bestellt, zumindest nicht bis ins 14. Jahrhundert. Denn erst im Spätmittelalter erkor man den Tag, den Papst Gelasius I. im Jahre 496 offiziell als Gedenktag eingeführt hatte, als geeignet für das Fest der höfischen (und später der romantischen) Liebe. Die Süßigkeiten, Blumen und Liebesbekundungen sind sogar erst seit dem 18. Jahrhundert in Gebrauch. Auch begann um diese Zeit die Tradition, dem oder der Liebsten kleine Grußgarten zu senden, die sogenannten „Valentines“. Sogar Schlüssel erfreuten sich großer Beliebtheit, symbolisieren sie doch das Aufschließen des Herzens. Sogar an Kinder wurden sie verschenkt. Allerdings nur indirekt als Liebesbeweis, denn man sagte Schlüsseln nach, sie könnten die „Valentins-Krankheit“ abhalten. Damit war die Epilepsie gemeint, denn der heilige Valentin von Terni (3. Jahrhundert n. Chr.) wurde bei Krankheiten (allen voran der benannten „Fallsucht“), um Beistand angerufen. Allerdings war eben dieser Valentin nicht der einzige Valentin oder Valentinus. So gab es noch einen Valentin von Rom. Dieser war Priester und erlitt um 269 n. Chr. eben dort den Märtyrertod. Sein Begräbnisort, die Kirche San Valentino in Rom, galt bis zum Ende des Mittelalters als wichtiger Wallfahrtsort. Der bereits erwähnte Valentin von Terni wiederum war Bischof und erlitt das Martyrium um 273 n. Chr., nachdem er Kranke geheilt und christliche Taufen vollzogen hatte. Es wurde lange vermutet, dass es sich bei beiden um ein und dieselbe Person gehandelt haben könnte, unabhängig davon, dass in verschiedenen Kirchen Roms oder in Terni Reliquien von ihnen aufbewahrt und verehrt werden. Der endgültige Beweis darüber steht allerdings noch aus. Zudem erwähnt die „Katholische Enzyklopädie“, ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts publiziertes Nachschlagewerk zum katholischen Glauben, einen dritten Valentin, der angeblich in Afrika das Martyrium erlitt und über den ansonsten nicht viel bekannt ist.

Warum nun aber der 14. Februar? Und warum der Bezug zur Liebe? Wie bereits erwähnt, ist der Tag ein kirchlicher Gedenktag, weil an diesem der heilige Valentin zu Tode gekommen sein soll. Er fällt allerdings auch in einen Zeitraum, der im antiken Rom eng mit dem Totenkult verbunden gewesen ist. Vom 13. bis 21. Februar fanden die „dies parentalis“ oder Parentalia statt, ein Seelenfest, welches man vor allem den Ahnen der Familie sowie den verstorbenen Eltern (parentes) widmete. Da der Februar ursprünglich den letzten Monat im römischen Kalender repräsentierte und mit dem Reinigungsfest Februa (ein Beiname der Göttin Juno, das römische Äquivalent der Hera) im Zusammenhang stand, gehörten die Pflege der Erinnerung an die Toten, Opfergaben, um die Geister wohlgesonnen zu stimmen sowie die Aussöhnung (Caristia, gefeiert am 22. Februar, um die Bande zu den verstorbenen Familienangehörigen nochmals zu stärken) zu den gängigen gesellschaftlichen und kulturellen Gepflogenheiten.

Die Römer nahmen ihre Verbindung zu den Verstorbenen sehr ernst; eine Tugend, die uns seit der Aufklärung abhandengekommen zu sein scheint, denn Tod, Sterben und Gedenken sind in unserer post-modernen westlichen Welt doch viel zu häufig mit Scham, Verdrängen und Vergessen belegt. Wir schauen in die Zukunft. Über den Tod redet man nicht. Und die Vorstellung, für verstorbene Angehörige Opfer oder Rituale im eigenen Haus abzuhalten oder sie rechtlich wie Lebende zu behandeln, erscheint dieser Tage sowohl gruselig als auch bizarr. Dass Diesseits und Jenseits aber auch ohne Berührungsängste miteinander auskommen, zeigt indes der Día de Muertos, der Tag der Toten, der jedes Jahr am 2. November in Mexiko abgehalten und wie ein Volksfest gefeiert wird. Seit 2003 zählt das Brauchtum sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.

Aber zurück ins alte Rom. Die Totengeister waren dort als lares, lemures, manes oder larvae bekannt. Unter Laren (lares) verstand man Schutzgeister oder auch Schutzgötter von Familien oder Orten (jeweils unterschieden zwischen lares familiares oder lares loci). Wahrscheinlich hat der Kult seine Ursprünge in den früheren Hausbestattungen, als es noch nicht üblich war, Angehörige auf Friedhöfen zu beerdigen. Der Komödiendichter Titus Maccius Plautus (254-184 v. Chr.) lässt in seinem Werk „Goldtopf“ (Aulularia) den „Hausgott“ sagen: „Ich bin der Hausgott, bin der Gott des Hauses hier […]. Schon manches Jahr/ Zerrann im Strom der Zeiten, seit ich dieses Haus/ Beschirme; mich verehrte schon der Vater, mich/ Der Eltervater dessen, der es jetzt besitzt./ Der Eltervater hat mir einst ganz insgeheim/ Mit vielem Fehlen einen Schatz von Gold vertraut.“ Im weiteren Verlauf beschwert sich der Geist zunächst über mangelnde Opfer an ihn, lobt aber die Tochter des aktuellen Hausherrn, die ihm u. a. Wein und Weihrauch spendet.

Auch an Wegkreuzungen oder öffentlichen Plätzen verehrte und fürchtete man die Laren, denn sie galten als ortsgebunden und rachsüchtig bei Vernachlässigung. So gab es u. a. an jeder Kreuzung ihnen geweihte Schreine, die regelmäßig gepflegt wurden, bis der Kult 392 von Kaiser Theodosius II. (Codex Theodosianus) verboten wurde. Denn den männlichen Laren (sowie ihren weiblichen Gegenstücken, den Virae) sagte man nach, trotz ihrer Geisterhaftigkeit recht vital und zeugungsfähig zu sein. Zu vermuten ist, dass es sich hierbei um Reste von alten Fruchtbarkeitsriten handelt. Denn auch bei den Parentalia fallen Totenverehrung und Fruchtbarkeitsfest zusammen. So fallen in deren Zeitraum die Lupercalien (15. Februar), ein altrömischer Kult und das Hauptfest des römischen Herdengottes Faunus (sein Beiname lautet Lupercus, „Wolfsabwehrer“). Es stand für das baldige Kommen des Frühlings, das Aufblühen der Natur und die körperliche Vereinigung.

Wie den Laren wurden auch den Manen Opfer dargebracht, wobei die manes den Menschen milde gestimmt, aber auch feindlich gesinnt sein konnten. Entsprachen die Opfer nicht ihrem Sinne, konnten sie sich in larvae oder lemures verwandeln, die als äußerst tückisch und bedrohlich galten. Von „larva“ (Pl. larvae) leitet sich u.a. das Wort „Fratze“ ab und „lemures“ sollen gar mit den lamia (Lamien), vampirähnlichen Ungeheuern der griechischen Mythologie in Verbindung stehen. Eine detaillierte Untersuchung zu diesen Ableitungen ist allerdings noch offen.

Neben den erwähnten Totengeistern und Totenfesten darf das „Mundus patet“ nicht unerwähnt bleiben, das übersetzt „die Welt steht offen“ bedeutet, aber besser mit „die Erde steht offen“ wiederzugeben ist. Angeblich geht es auf Romulus, den legendären Gründer der Stadt Rom zurück, der nach dem Abbild des Himmels eine Grube ausgehoben haben soll (laut Plutarch, Romulus 11,2). Diese war den Geistern der Verstorbenen geweiht und wurde, bis auf drei Ausnahmen im Jahr (24. August, 5. Oktober, 8. November) mit einem Stein verschlossen gehalten. Der Stein, und damit die Erde, trennte auf diese Weise Diesseits und Jenseits symbolisch voneinander. Wurden beide Welten allerdings miteinander verbunden, galten für das Zusammentreffen von Toten und Lebenden bestimmte Richtlinien. Es durften weder Hochzeiten noch Schlachten stattfinden. Geschäfte blieben geschlossen. Es waren Festtage und eine weitere Bezeichnung für sie lautet „Mundus Cereris“, bezogen auf Ceres, die Göttin des Ackerbaus, der Fruchtbarkeit und der Ehe; man kann auch sagen, dass es sich hierbei um eine Art römisches Erntedankfest gehandelt hat, das eben nicht nur den Lebenden offenstand, sondern an dem man auch die Verstorbenen teilhaben ließ, um sowohl das Leben als auch die Vergänglichkeit zu preisen. Tod und Leben stehen also auch hier in einem engen und direkten Zusammenhang.

Und der heilige Valentin? Er ist durch und durch „christlichen Ursprungs“ und sein Todestag lag recht günstig zu eben jenen Toten- und Fruchtbarkeitsfesten, die es durch den neuen Glauben zu missionieren, vor allem aber zu transformieren galt. Der neue Glaube an den einen Gott und seinen Sohn bot keinen Platz mehr für polytheistische Gebräuche, auch wenn man dem Christentum zugutehalten muss, dass es die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten bis zur Aufklärung auf seine Weise bewahrt hat. Dass sich die romantischen (und vielleicht sogar fruchtbarkeitsfördernden) Aspekte in unseren Tagen wieder eingeschlichen haben, verdanken wir, wie bereits erwähnt, vor allem der höfischen Liebe und der Romantik. Ein Grund mehr also, mit einem Herzen nicht nur den/die Liebste/-n zu beschenken, sondern auch die Geister zu besänftigen.

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Der Kleine Pauly: Lexikon der Antike. Bd. 4. München 1979 sowie Bd. 7 München 1999.

Franz Böhmer: Ahnenkult und Ahnenglaube im alten Rom. Leipzig: 1943.

Lexikon des Mittelalters. Bd. 8. Stuttgart 2000.

Plautus: Goldtopf-Komödie. Reclam: Stuttgart 1986.

Der Mythos von Liebe und Tod, oder: Die drei Rätsel der Prinzessin Turandot

„Wer den Gong ertönen läßt,
dem erscheinet sie sofort!
Weiß wie Jade,
kalt wie Stahl:
das ist die schöne Turandot!“
(Turandot, Giacomo Puccini, Libretto)

Als der italienische Komponist Giacomo Puccini im Jahr 1920 zusammen mit dem Liberettisten Guiseppe Adami und dem Dramaturgen Renato Simoni über dem Stoff seiner sechs Jahre später uraufgeführten Oper „Turandot“ zu brüten begann, schrieb er Letzterem geradezu hoffnungsvoll: „machen wir ein Märchen, gefiltert durch unser modernes Gehirn!“ Das Märchen lag dem Kreativ-Trio zu dieser Zeit längst vor, u. a. in Form des Theaterstücks „Turandot“ von Friedrich Schiller (1802 uraufgeführt), welches auf einer Vorlage des italienischen Theaterdichters Carlo Gozzi aus dem Jahr 1762 beruhte. Darüber hinaus war dem Stoff bereits eine Reihe von Vertonungen vorausgegangen. Franz Seraph Destouches, Carl Maria von Weber, Antonia Bazzini sind nur einige der Namen, die sich der Geschichte annahmen. Daher war sich Puccini unsicher, auf welche Weise er den bereits bekannten Stoff zum Leben erwecken sollte. Am ehesten schien ihm dies über die Psychologie der Figuren möglich, mehr noch über die Gefühle. „Sie müssen das Letzte an Gefühl und Rührung herausholen … und sie können die rechten Verse finden!“, schreibt er an Adami. „[Der] Liebesausbruch muss wie ein leuchtender Meteorstein unter die rufende Volksmenge fallen, die mit gespannten Nerven … das Fluidum der Liebe begeistert aufnimmt.“

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Eros und Aphrodite

Alles sei voll von Göttern, soll der griechische Philosoph Thales von Milet (6. Jahrhundert v. Chr.) gesagt haben. Er blieb damit, auch wenn er dieser Behauptung eine abstraktere, nicht-wörtliche Bedeutung gegeben haben mag, der Weltsicht seiner Zeitgenossen verbunden. In der Tat fassen polytheistische Weltbilder – und die alten Griechen waren ja Polytheisten – ihre Götter nicht als transzendente Wesenheiten auf, die der Welt gegenüberstehen, sondern als Teil der Welt. Und in diesem Sinne hatte das, was wir Natur nennen, teil am Göttlichen, und Götter wirkten auch hinein in die Lebensvollzüge der Menschen. Sie wachten über die einzelnen Lebensbereiche, wenngleich sie häufig zu komplexe Gestalten waren, als dass man sie restlos mit einer Funktion hätte identifizieren können. Für das, was man im weitesten Sinne Liebe nennen kann, waren zwei Gottheiten zuständig: Eros (Liebesbegehren) und Aphrodite. Sie haben die Antike überlebt und sind nicht zuletzt durch die Kunst des Abendlandes bis heute populär: die schöne junge Frau und ihr knabenhafter Begleiter, der meist mit Pfeil und Bogen und oft auch geflügelt dargestellt wird. Freilich sind sie auf ihrem langen Weg auch zu puren Versinnbildlichungen, zu Allegorien geworden. Für die antike Welt aber waren sie mehr.

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Zur Liebe in Kultur und Mythos »Die Schöne und das Biest«

Podiumsdiskussion mit Elmar Schenkel, Constance Timm, Christoph Sorger und Reiner Tetzner
Was ist Liebe? Warum ist es in der heutigen Zeit geradezu eine Notwendigkeit, diese Frage im Diskurs eines gegenseitigen Miteinanders zu stellen? Ist Liebe die Lösung für unsere Probleme? Kann Liebe uns retten? Liebe und Lieben sind seit jeher Urbedürfnisse der Menschen. Dies spiegelt sich in den weltweiten Vorstellungen der Kulturen und Religionen wider: Eros, Amor, Aphrodite, Cupido, Venus, Freya, Ištar, Astarte, Hathor und Inanna sind nur einige der zahlreichen bekannten Liebesgottheiten in den Mythologien verschiedener Religions- und Kulturgemeinschaften. Dabei lässt sich das große Thema Liebe auffächern in die verschiedenen Facetten wie Verliebtheit, Fruchtbarkeit, Erotik, Verlangen. Aber auch Verständigung, gegenseitiges Begreifen, Akzeptieren und Annehmen sind als Ideen von Liebe wichtiger denn je und literarisch durch alle Zeiten hin beständig aufgegriffen und verarbeitet worden.

In der Podiumsdiskussion stellt der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie unter dem Titel »Die Schöne und das Biest« sein Jahresthema 2019 vor und diskutiert über kulturelle und literarische Aspekte, die sich mit Nächstenliebe, den Schattenseiten der Liebe, der Psychologie der Liebe sowie der Liebe in Mythos und Märchen befassen.

Eintritt: 3,- / 2,- EUR

Veranstaltung des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie e. V. Gefördert durch das Kulturamt der Stadt Leipzig

Was ist Liebe? – Eine mythische und literarische Einführung

Wenn wir von Liebe sprechen, verbinden wir mit ihr das intensive Gefühl von Zuneigung, Geborgenheit, Aufgehobensein, Verbundenheit, das sich im menschlich-emotionalen Erklärungskanon nicht mehr steigern lässt. „Es ist was es ist sagt die Liebe“ in Erich Fried’s (1921-1988) bekanntem Gedicht und würde man eintausend Menschen darüber befragen, würde man wohl eintausend verschiedene Antworten erhalten. Denn Liebe ist nicht nur der romantische Höhepunkt jeder Paarbeziehung, so wie sie in Medien, Dichtung, Romanen, Liedern oder Kunst im Regelfall proklamiert wird. Liebe kann sich auch auf Gruppen beziehen, auf die Familie, Geschwister, Freunde, zu Tieren, Natur etc. Es gibt kein Limit für Liebe.

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