Tausendundeine Nacht – Der Anfang und das glückliche Ende

„Das Schicksal besteht aus zwei Tagen: einer ist Sicherheit, einer Gefahr.
Und unser Leben hat zwei Hälften: eine ist trübe, und eine ist klar.
Sage zu dem, der uns geschmäht hat um unsres Schicksals willen:
‚Hat je das Schicksal einen geprüft, der ohne Bedeutsamkeit war?'“

(Der Kaufmann und der Dschinni, Die erste Nacht)

Wer kennt nicht die Abenteuer von Aladdin und dem Geist aus der Wunderlampe oder das „Sesam öffne dich“ aus der Erzählung von Ali Baba und den vierzig Räubern? Gute und böse Geister, Verwandlungen wie etwa in der Geschichte „Der Dieb von Bagdad“ oder die Reisen des Sindbad – es weht ein Hauch von Exotik, Ferne, Gefahr, Spannung und Poesie und Mythos durch die Seiten, bei denen man fortgetragen wird von Erzählung zu Erzählung. „Wenn du nicht schläfst, so erzähle uns deine Geschichte zu Ende!“ In dieser Nacht und in der nächsten. Es kann keinen Zweifel geben: Wir befinden uns auf einer fantastischen Reise durch das Morgenland und sind dem Bann von Tausendundeine Nacht erlegen; „alf laila wa-laila“ wie es im Arabischen heißt oder das Buch, welches mit der Absicht geschrieben wurde, „jedem nützlich zu sein, der darin liest“.

Der Mensch ist für Märchen gemacht

Tausendundeine Nacht bringen wir vor allem mit Märchen in Verbindung, jenen Berichten von wundersamen Begebenheiten, deren mündliche Erzähltraditionen sehr viel weiter zurückreichen als ihre Sammlungen und Niederschriften. In Märchen treiben Hexen und Zauberer ihr Unwesen, hausen Riesen und Zwerge in Bergen und Höhlen, gehen Geister um und verkünden sprechende Tiere Rat oder Unheil. Prinzen werden zu Helden, Prinzessinnen werden verbannt, entthront oder gerettet. In Märchen darf man hoffen. In Märchen werden Wunder wahr und gehen Wünsche und Träume in Erfüllung. In Märchen muss ein Preis für vermeintlich gerechte oder ungerechte Taten gezahlt werden. Märchen können brutal sein und sind zugleich belehrend. Sie sind unsere heimlichen Spiegel und Geschichten, die nach wie vor Jung und Alt in Bann zu schlagen vermögen, was auch daran liegen mag, weil sie ein glückliches Ende verheißen.

Tausendundeine Nacht bildet da keine Ausnahme. Neben Märchen vereint dieser Klassiker der Weltliteratur auch Dichtung und Tierfabeln und verschachtelt die einzelnen Erzählungen derart kunstvoll ineinander, dass man sich der Sogwirkung von Ende und Anfang nur schwer entziehen kann. Wer einmal zu lesen beginnt, möchte wissen, wie es weitergeht. Tausendundeine Nacht ist gewissermaßen das antike Paradebeispiel des modernen Cliffhangers.

Bild: Die indische Prinzessin Nadira Banu entzündet ein Feuerwerk

Durch Zufall stieß ich vor einigen Wochen auf das Büchlein „Tausendundeine Nacht – Der Anfang und das glückliche Ende“, welches 2018 im C.H. Beck Verlag erschienen und von der Orientalistin Claudia Ott nach den ältesten Handschriften neu übersetzt worden ist. Dabei handelt es sich nicht um die komplette Erzählsammlung, die weit umfangreicher ist als dieser Band, sondern um eine Kompilation von Texten aus der Gesamtausgabe Tausendundeine Nacht und der Übersetzung von Tausendundeine Nacht. Das glückliche Ende aus der Kayseri-Handschrift. Die Intention dieser Zusammenstellung ist dabei stringent auf die alles überspannende Rahmenhandlung ausgerichtet, welche, entgegen den Erwartungen, wenig märchenhaft anmutet. Oder anders ausgedrückt: Auf 141 Seiten offenbart das Büchlein, weshalb die Geschichten von Tausendundeine Nacht Geschichten „gegen den Tod“ sind.

Betrogene Herzen und mutige Taten

Am Beginn des Beginns stehen zwei Brüder: Schahriyar und Schahsaman. Beide sind sie Herrscher von Königreichen. Und beide teilen sie das Schicksal, von ihren Ehefrauen betrogen worden zu sein. Der unbeirrbare Glaube an Liebe und Treue wird von Frust, Verrat und Düsterkeit überschattet, vor allem nachdem sie während einer gemeinsamen Reise auf ein wunderschönes Mädchen treffen, das von einem Ifrit (einem Dschinn und Dämon) in einer Truhe gefangen gehalten wird. Nachdem der Ifrit eingeschlafen ist, lockt sie die beiden Könige zu sich, erpresst sie, verführt sie und verlangt danach ihre Ringe, von denen sie achtundneunzig ähnliche in einem Säckchen aufbewahrt. „Alle Besitzer dieser Ringe haben mit mir geschlafen, und von jedem, der mir zu Willen war, habe ich mir einen Ring genommen. Jetzt habt auch ihr beiden mit mir geschlafen, also gebt mir eure Ringe, damit ich sie zu den anderen Ringen tun kann und das Hundert voll wird. Nun haben mich einhundert Männer geliebt, und das diesem gehörnten, dreckigen Ifrit zum Trotz, der mich in dieser Truhe eingesperrt und mit vier Schlössern eingeschlossen hat. In der Tiefes dieses wogenden, tosenden Meeres, wo die Wellen aufeinanderschlagen, hält er mich gefangen und eingeschlossen, weil ich eine tugendhafte Jungfrau bleiben soll. Aber er wusste nicht, dass es das Schicksal anders wollte und nichts das Schicksal aufhalten kann. Wenn eine Frau etwas will, kann sich ihr niemand verweigern!“

König Schahriyar, der Ältere der Brüder und beschrieben als „gewaltiger Ritter“ und „kühner Held“, hat der Verrat seiner Ehefrau und das Geständnis des Mädchens aus der Truhe besonders tief getroffen. Fortan beschließt er, nur noch für die Liebe einer einzigen Nacht zu leben. Jeden Abend nimmt er sich eine neue Frau. Und jeden Morgen muss diese Frau eines fürchterlichen Todes sterben. Da das Land ob der Grausamkeit seines Regenten immer mehr in Angst und Trauer verfällt, fasst Schahrasad (auch bekannt als Scheherazad), die Tochter des Wesirs, der mit den Hinrichtungen der unglücklichen Bettgenossinnen des Königs beauftragt ist, einen Plan. Sie selbst möchte Schahriyars Frau werden und versuchen, ihn von seinem anhaltenden Wahnsinn abzubringen. Schahrasad ist belesen, klug und eine begnadete Erzählerin. Auf dieser Weise gelingt es ihr, zum einen den Vater davon zu überzeugen, sie zum König zu führen, zum anderen kann sie ihre Schwester Dinarasad (in der Kayersi-Handschrift Dunyasad) als Komplizin für das Vorhaben gewinnen. Die Rolle der Schwester ist für die nachfolgende nächtliche Dreier-Konstellation essentiell, ist es doch Dinarasad, die Scharasad damit bestürmt, eine Geschichte zu erzählen bzw. die am Vortag durch das Morgengrauen unterbrochene Erzählung fortzusetzen. Am Ende jeder Nacht bereiten beide den Cliffhanger vor. Dinarasad, indem sie sagt: „Wie schön und wie spannend ist deine Geschichte!“ Während Scharasad (in Abwandlung je nach handschriftlicher Überlieferung) antwortet: „Was ist das schon […] gegen das, was ich dir [euch] morgen Nacht erzählen werde, wenn ich dann noch lebe und mich dieser [der] König verschont. Das wird noch viel schöner und viel spannender [und aufregender] sein als das, was ich heute erzählt habe.“

Schahriyar ist zu Beginn der Erzählungen also nicht in die Erzählungen eingebunden, da Scharasad vorgibt, ihrer Schwester die Geschichte quasi zum Abschied zu erzählen. Als indirekter Zuhörer wird dabei natürlich (und beabsichtigt) seine Neugier geweckt. So zögert er die Hinrichtung seiner Frau von Nacht zu Nacht hinaus, da er begierig ist zu hören, wie es weitergeht. Auf diese Weise gewinnt Scharasad nach und nach das Herz des Königs. Bis sie ihm in der tausendsten Nacht schließlich seine eigene Geschichte erzählt, in der sich Schahriyar wiedererkennt und beschämt ist von seinem Verhalten und vor allem von seinen Taten. In der tausendundersten Nacht gelingt es Scharasad zudem, ihn davon zu überzeugen, dass Schahriyars Schicksal des betrogenen Mannes nicht sein alleiniges Schicksal ist und – ein essentieller Punkt – er erkennt, dass es sehr wohl Unterschiede zwischen den Charakteren und den Handlungen der Frauen gibt. Scharasad gelingt es also durch die Macht der Geschichten, Schahriyar von seinen traumatischen Erfahrungen zu heilen und ihn gleichzeitig wieder für Gefühle – allen voran die Liebe – empfänglich zu machen.

Das märchenhafte Schwarz-Weiß-Bild, wie es Tausendundeine Nacht zeichnet – die Frau ist entweder die verschlagene, betrügerische Hure oder die weise, beschwichtigende und hingebungsvolle „Retterin“, der Mann der kühne, etwas naiv anmutende Held oder der grausame Tyrann, der mal erlöst oder mal verdammt wird – passt so gar nicht in unsere postmoderne Zeit, welche die Zwischentöne der Geschlechter zumindest in den meisten westlichen Kulturen immer wieder postuliert. Daher muss man sich bei der Lektüre von Tausendundeine Nacht immer wieder vor Augen halten, wann und vor welchem historischen Hintergrund die Erzählsammlung entstanden ist.

Schriften aus dem Morgenland

Obwohl die Handschriften vornehmlich aus dem Arabischen stammen, finden sich die Motive der Rahmenhandlung und der Erzählsammlung bereits in persischer Zeit wieder, genauer gesagt zwischen dem 2. bis 6. Jahrhundert während der Regentschaft der Sassanidenkönige. Als Hezār Afsān, „Tausend Abenteuergeschichten“, war das Werk bekannt, welches die Übersetzer aufgriffen und in das literarische Gedächtnis der islamischen Welt einschrieben. Die zweite vollständige Fassung, die den heute bekannten Titel trägt, stammt aus dem 15. Jahrhundert. Zudem existiert eine Vielzahl von Fragmenten, die vielfach von Sammlern erworben wurden. Im Jahr 1701 gelangten drei von zwölf Bänden eines Handschriftenfragments nach Paris, wo der Orientalist Antoine Galland (1646-1715) die erste europäische Übersetzung von Tausendundeine Nacht anfertigte. Es war die Zeit der Regentschaft des Sonnenkönigs Ludwig XIV. und Galland passte Teile der Übertragung an die höfischen Gepflogenheiten an. Allerdings blieb seine Arbeit ein Torso. Doch dank seiner Belesenheit und seiner Arbeit an der „Bibliothèque du Roi“ gelang es Galland, einen großen Part der fehlenden Teile zu ergänzen. Den Rest beschaffte er sich auf andere Weise. Der in Paris lebende und aus dem syrischen Aleppo stammende Antun Yusuf Hanna Diyab, ein Christ und Kaufmann, der mehrere Sprachen (darunter Französisch, Italienisch, Türkisch und Aramäisch) beherrschte, traf Galland im Jahr 1709 und erzählte ihm eine Reihe weiterer Geschichten der Sammlung, darunter die Märchen von Aladdin und Ali Baba. Die uns heute bekannte und bereits im 18. Jahrhundert in Europa erfolgreiche Sammlung von Tausendundeine Nacht vereint also handschriftliche Übersetzung und orale Erzählung.

Als um das Jahr 1800 die dritte vollständige Fassung der Handschriften im arabischen Raum erschien, war diese von den europäischen Geschichten beeinflusst. Es kam sogar zu Rückübersetzungen aus dem Französischen. In diesem Zusammenhang ist die Kayseri-Handschrift (benannt nach der anatolischen Stadt Kayseri) ein wahrer Glücksfall, denn es handelt sich hierbei nicht nur um die vermutlich ältesten Handschriften von Tausendundeine Nacht, sondern auch um jene, in denen die Rahmenhandlung der Geschichte überliefert wird. Eine wahre Fundgrube, welche die Textauswahl von Claudia Otts Büchlein entscheidend bestimmt hat. Vor allem die „Läuterung“ des Königs Schahriyar und das im wahrsten Sinne des Wortes prachtvoll und mit Versen ausgeschmückte Happy End nimmt einen weiten Teil des Büchleins ein. An manchen Stellen fand ich all das Lob und den Überschwang, u.a. dargestellt in der Auswahl und Vorstellung von Brautkleidern, ein wenig zu viel des Guten. Natürlich finden Schahriyar und Scharasad zusammen und ihre Schwester Dinarasad wird mit Schahriyars Bruder Schahsaman verheiratet. Die Liebe besiegt den Tod in allen Belangen. Ein Triumphzug des Guten, der für den Verursacher des Bösen – in diesem Fall Schahriyar – keine Konsequenzen fordert, hat die Macht von Scharasads Geschichten doch seinen Weg aus der Dunkelheit bewirkt.

Dagegen mutet das „Und wenn sie nicht gestorben sind…“ der Grimmschen Märchen fast schon ein wenig bieder an. Trotzdem kann ich dieses Büchlein jedem märchenbegeisterten Leser und jedem neugierig Interessierten sehr ans Herz legen. Vor allem die in Geschichten gehüllte moralische Diskussion zwischen Scharasad und ihrem Vater, König Schahriyars Läuterung betreffend, sowie die Erzählungen der ersten Nächte (Der Kaufmann und der Dschinni) haben mir davon am besten gefallen. Wer einmal anfängt, der kann in der Tat nicht wieder aufhören.

„Wenn du nicht schläfst, so erzähle uns [eine] Geschichte“.

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Tausendundeine Nacht. Der Anfang und das glückliche Ende. Neu übertragen von Claudia Ott. C.H. Beck: München 2018.

Tausendundeine Nacht. Nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Mushin Mahdi erstmals in Deutsche übertragen von Claudia Ott. 11. Auf. C.H. Beck: München 2011.

Tausendundeine Nacht. Das glückliche Ende. Nach der Handschrift der Rasit-Efendi Bibliothek Kayseri erstmals in Deutsche übertragen von Claudia Ott. C.H. Beck: München 2016.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.