Der Mythos von Liebe und Tod, oder: Die drei Rätsel der Prinzessin Turandot

„Wer den Gong ertönen läßt,
dem erscheinet sie sofort!
Weiß wie Jade,
kalt wie Stahl:
das ist die schöne Turandot!“
(Turandot, Giacomo Puccini, Libretto)

Als der italienische Komponist Giacomo Puccini im Jahr 1920 zusammen mit dem Liberettisten Guiseppe Adami und dem Dramaturgen Renato Simoni über dem Stoff seiner sechs Jahre später uraufgeführten Oper „Turandot“ zu brüten begann, schrieb er Letzterem geradezu hoffnungsvoll: „machen wir ein Märchen, gefiltert durch unser modernes Gehirn!“ Das Märchen lag dem Kreativ-Trio zu dieser Zeit längst vor, u. a. in Form des Theaterstücks „Turandot“ von Friedrich Schiller (1802 uraufgeführt), welches auf einer Vorlage des italienischen Theaterdichters Carlo Gozzi aus dem Jahr 1762 beruhte. Darüber hinaus war dem Stoff bereits eine Reihe von Vertonungen vorausgegangen. Franz Seraph Destouches, Carl Maria von Weber, Antonia Bazzini sind nur einige der Namen, die sich der Geschichte annahmen. Daher war sich Puccini unsicher, auf welche Weise er den bereits bekannten Stoff zum Leben erwecken sollte. Am ehesten schien ihm dies über die Psychologie der Figuren möglich, mehr noch über die Gefühle. „Sie müssen das Letzte an Gefühl und Rührung herausholen … und sie können die rechten Verse finden!“, schreibt er an Adami. „[Der] Liebesausbruch muss wie ein leuchtender Meteorstein unter die rufende Volksmenge fallen, die mit gespannten Nerven … das Fluidum der Liebe begeistert aufnimmt.“

Die Liebe soll es also sein! Und in der Tat ist die „Turandot“, dieser Märchenstoff, der am Kaiserhof von Peking spielt und sowohl der Sammlung Tausendundeine Nacht als auch dem Epos Die sieben Schönheiten (entstanden 1197) des persischen Dichters Nezami entstammt, eine Geschichte, welche die Macht des höchsten menschlichen Gefühlszustandes preist. Doch am Anfang, und damit alles andere als beglückend oder hoffnungsvoll, steht das Ende, das Unglück, kurzum: der Tod.

Der sich inkognito in Peking aufhaltende Kalaf, ehemaliger Prinz des Landes Astrachan, begegnet zufällig seinem früheren Lehrer Barak, der unter fremden Namen in der Stadt lebt. Astrachan wurde von einem benachbarten Königreich erobert, die Bevölkerung abgeschlachtet und die Königsfamilie verfolgt. Der Tod folgt Kalaf, dessen Vater Timur und seiner Mutter Elmaze von Stadt zu Stadt und Land zu Land. In Peking nun wünscht Kalaf sich der Garde des Kaisers anzuschließen und, weil er die geliebten Eltern zurücklassen musste, für sich ein neues Leben aufzubauen. Das Schicksal will es nun, dass an eben jenem Tag eine Hinrichtung stattfindet. Der Kopf des Unglücklichen, der nichts Geringeres ist als ein Prinz, wird blutend auf den Stadtmauern aufgespießt. Der Grund ist ein für Kalaf und Barak zu Anfang ganz abscheulicher: Turandot, die Tochter des Kaisers Altoum, ist für den Tod (und viele ähnliche verantwortlich). Die Gerichteten sind allesamt Freier, die sie zur Gemahlin wollten. Um sie zu gewinnen, gibt sie jedem der Mutigen drei Rätsel auf, die Liebe (bei richtiger Lösung) oder Tod (beim Scheitern) bedeuten. Turandot hat den Tod der Wagemutigen ihrem Vater abgepresst, ist weiter zu hören. Der Kaiser ist müde, ob dieser lästigen Pflicht, hat doch das Gebaren seiner Tochter seinem Reich unzählige Feinde und Kriege beschert sowie Turandot den Ruf eines blutrünstigen, kalten Ungeheuers eingebracht. Kalaf selbst will es kaum glauben: „Konnte die Natur ein weibliches/ Geschöpf wie diese Turandot erzeugen,/ So ganz an Liebe leer und Menschlichkeit?“ (Schiller, Vs. 254-256)

Natürlich kommt es, wie es im Märchen kommen muss: Durch Zufall fällt Kalaf ein Bildnis der Turandot in die Hände und er, welcher die Liebe durch immerwährende Furcht vor Entdeckung nicht wagte, entbrennt vor Sehnsucht. Als Liebe auf den ersten Blick ist dieses Phänomen bekannt. Er weigert sich zu glauben, dass sich hinter der Schönheit, die er erkennt, ein grausames Monster verbirgt, obwohl ihn Barak nachdrücklich vor dem trügenden Schein warnt. Er will die Prinzessin für sich gewinnen. Und: Er will sie lehren, zu lieben, indem er ihre Rätsel löst (der pragmatische Aspekt, sich auf diese Weise den Thron eines Großreichs zu sichern und seine Familie der Gefahren zu entledigen, spielt dabei durchaus auch eine Rolle). Weder Baraks Flehen, noch Kaiser Altoums Warnung, noch die Überredungskünste der Minister oder das Blut seiner erfolglosen Vorgänger können Kalaf von seinem Plan abhalten. Mit „Tod oder Turandot!“ pariert er sämtliche Versuche und steht alsbald dem Objekt seiner Verehrung gegenüber, die ihre ganz eigene Sichtweise der Ereignisse hat, deren Verursacherin sie ist: „Der Himmel weiß, daß jene Zungen lügen,/die mich der Härte zeihn und Grausamkeit./- Ich bin nicht grausam. Frei nur will ich leben.“ (Schiller, Vs. 773-775) Turandot ist stolz und dabei rücksichtslos. Keinem Mann will sie sich ausliefern. An die Liebe glaubt sie nicht, weil sie noch niemals welche gefühlt zu haben scheint, wenn man die Liebe zu ihrem Vater ausschließt. Sie spricht von „Jägern“, deren Beute sie nicht sein mag. Von „besitzen“. Vom Joch einer „Sklavin“ sollte sie einen Mann ehelichen. Dahinter stehen die vergeblichen Versuche von Kaiser Altoum (vor den blutrünstigen Rätseln), die Tochter standesgemäß zu verheiraten, was gänzlich scheitern musste. Denn Turandot hat nicht nur Scharfsinn bewiesen, die Pläne ihres Vaters zu durchkreuzen, durch die Rätsel will sie auch die Klugen von den Toren trennen, welche sie nur eines Bildes (und damit des Äußeren) wegen zur Frau haben wollen. Bei der Lektüre kam mir selbst immer wieder der Gedanke, dass überzeugte Feministinnen an Turandot und ihren Überzeugungen ihre wahre Freude hätten. Wenn, ja, wenn das Ende am Ende nicht wäre. Aber dazu später.

Dass Turandot Kalaf gegenüber nicht gleichgültig eingestellt ist, merkt man daran, dass sie ihn vor der Aufgabe, in die er sich stürzen will, warnen und abschrecken möchte. Freilich ist Kalaf nicht umzustimmen. Und die Rätsel, die er sodann alle drei löst und von denen er sich nicht einmal durch Turandot’s Schönheit ablenken lässt, sind rasch zu Ende gebracht. An dieser Stelle sei auf eine Besonderheit hingewiesen, die in der Literatur ihresgleichen sucht. Denn bis auf eine Ausnahme sind die Rätsel in den Versionen von Gozzi, Schiller und Puccini alle verschieden. Bei Gozzi sind die Lösungen: die Sonne, das Jahr und das Grab. Bei Schiller: das Jahr, das Auge, der Pflug. Bei Puccini: die Hoffnung, das Blut, Turandot. Am ehesten lässt sich Puccinis Abweichung erklären, da er mit „seinen“ drei Rätseln dramaturgisch bessere Akzente für das Opernpublikum setzen konnte als mit den Begriffen der Vorlagen. Vor allem Schillers Abweichung ist erstaunlich. Da es sich jedoch um eine freie Nacherzählung handelt, war hierbei wohl auch Platz für eigene Interpretationen gegeben. Dennoch fallen die Rätsel (ebenso wie der Abschluss des Stückes) ein wenig aus dem Stoff, der, bis auf einige veränderte Schreibweisen der Namen, inhaltlich kaum Unterschiede zu den anderen Bearbeitungen aufweist. Hat Gozzi mit Sonne, Jahr und Grab noch dem Dreiklang von Anfang und Ende, die in einen stetig wiederkehrenden Kreislauf eingebunden sind, ein literarisches Zeugnis gesetzt, ist die Deutung bei Schiller schwieriger. Auch hier symbolisiert das Jahr den Kreislauf von Natur und Leben, ebenso der Pflug, der allerdings menschengemacht ist und dafür steht, dass der Mensch sich Land und Natur dienstbar gemacht hat. Das Auge, nicht nur als Spiegel der Seele oder Eintrittsweg der Liebe verstanden, kann in diesem Zusammenhang auch mit Wachsamkeit gedeutet werden, die dafür sorgt, dass beide Prinzipien (Natur und Mensch) nicht aus dem Gleichgewicht geraten. Und noch ein weiterer Gedanke ist möglich: Galt die sogenannte „Augenchiffre“ vor der Aufklärung als Symbol Gottes, verlor sie ab dem 18. Jahrhundert diese Deutung. Das Auge wurde u.a. auch von den Freimaurern als Symbol genutzt; die Frage, ob Friedrich Schiller einer Loge angehörte, ist häufig gestellt worden, allerdings stets mit widersprüchlichem Ergebnis. So entstand u.a. sein Gedicht „An die Freude“ für die Tafel der Freimaurerloge in Dresden.

Doch kehren wir zurück zum Geschehen. Kalaf hat also die Rätsel gelöst und die Hand der Turandot gewonnen. Allerdings erkennt er ihre Beschämung und den Widerwillen und mag sie nicht in eine Ehe zwingen. Daher gibt er ihr selbst ein Rätsel auf. Seinen Namen und den seines Vaters soll sie bis zum nächsten Morgen erraten. Tut sie es, will er erneut in den Tod oder aber außer Landes gehen. Rät sie falsch, soll Hochzeit in Peking gefeiert werden. Nicht die Liebe soll also (direkt) über das Paar entscheiden, sondern der Verstand. Und doch ist Turandot, die Kalte, dem Kalaf seltsam zugetan, obwohl sie die Gefühle rasch zu unterdrücken versteht. Zu sehr ist sie Gefangene ihres Stolzes und fürchtet die bevorstehende Demütigung. So sehr, dass sie selbst vor einer Intrige nicht zurückschreckt, welche die Sklavin Adelma sie auszuhecken drängt, nachdem eine weitere Sklavin (Zelima, die Stieftochter des Barak) sich über den „Prinzen“ verplappert hat. Denn Adelma hat sich an Kalaf erinnert, war sie doch nicht immer eine Sklavin, sondern ist selbst eine Prinzessin, die durch einen der von Turandots Männerhass verursachten Konflikte die Heimat und die Freiheit verlor. Kalaf begegnete ihr, während er Arbeiten verrichtete, um sich und seine Eltern am Leben zu erhalten. Schon damals regte sich Liebe im Adelmas Brust. Daher flüstert sie Turandot ein, den Namen des Rätsellösers (den sie indes selbst nicht kennt) durch List anstelle von Scharfsinn in Erfahrung zu bringen, um Kalaf auf diese Weise der blutrünstigen Prinzessin zu entreißen. Doch Kalaf kann allen Einflüsterungen widerstehen. Erst als die Sprache auf seinen Vater Timur kommt, den es nach dem Tod der geliebten Frau ebenfalls nach Peking verschlagen hat, begeht er die Unachtsamkeit und er offenbart das Geheimnis. Adelma, die ihre Chance gekommen sieht, redet ihm darüber hinaus ein, Turandot wolle ihn auf dem Weg zum kaiserlichen Palast, wo das Namensrätsel gelöst werden soll, ermorden lassen. Gemeinsam mit ihr zu fliehen, lehnt der untröstliche, aber immer noch liebende Kalaf allerdings ab.

Wie es sich für ein Märchen gehört, steht kurz vor dem Happy End alles noch einmal auf des Messers Schneide. Turandot begegnet dem sich siegreich wähnenden Kalaf, der sich darüber verwundert, dass das Mordkomplott gegen ihn offensichtlich nur einer Fantasie entstammte, in schwarz gewandetem Trauerflor. Dazu lässt sie ihn wissen: „Vollkommener konnte mein Triumph nicht sein,/Als dein getäuschtes Herz in süße Hoffnung/Erst einzuwiegen und mit einemmal/Nun in den Abgrund nieder dich zu schleudern./Hör‘, Kalaf, Timurs Sohn! Verlaß den Divan!/Such‘ eine andre Braut – Weh dir und allen,/Die sich im Kampf mit Turandot versuchen!“ (Schiller, Vs. 2443-2250)

Die Prinzessin sinnt nicht nach Kalafs Kopf. Doch ihr Stolz verbietet es ihr zunächst, offen einzugestehen, dass sie des Rätsels Lösung ermogelt hat. Erst als sich der Enttarnte um der Liebe willen töten will und sie ihn davon abhält, kommt die Wahrheit ans Licht. In Peking wird Hochzeit gefeiert. Die Liebe besiegt den Tod. Und die intrigante Adelma wird begnadigt. Soweit Schiller. Im Stück von Gozzi schließt das Märchen mit einem Monolog der Turandot, der sich wie ein durch eine höhere Macht bewirkter Sinneswandel liest:

„Nicht traurig mehr, nicht düster ist mein Hochzeitsfest!
Weil er mich liebt, spielt Kalaf um sein eignes Leben. […]
So bitte ich den Himmel um Vergebung, daß ich
Das männliche Geschlecht bis heute so beharrlich
Gehaßt und solche Grausamkeit an ihm verübt.“
(Gozzi, 2012, S. 89)

Liebe und die Bitte um Vergebung gehen hier Hand in Hand. Noch dramatischer ist es bei Puccini inszeniert. Turandot fühlt zum ersten Mal Tränen und Kalaf war bisher als einziger in der Lage, ihre Ängste zu verstehen. Diese rühren – anders als bei Gozzi und Schiller – von der Geschichte einer Ahnherrin her, die von fremden Eroberern zwangsverheiratet und, so darf man durch die Blume lesen bzw. hören, geschändet wurde. Diesem Unrecht steht der imposante Schluss mit den Worten gegenüber: „Liebe ist das Licht der Welt“. Worte, denen durchaus etwas Heiliges anmutet. Ob sie und das gewählte Happy End in Puccinis Sinn gewesen sind, bleibt offen. Der Komponist verstarb vor der Fertigstellung seines Werkes im Jahr 1926. Und in gewisser Hinsicht ist die Turandot damit seine Unvollendete geblieben.

Als ich das Werk im vergangenen Jahr in der Leipziger Oper genießen durfte, war ich – und ich denke, so dürfte es den meisten Musikliebhabern gehen – von der Musik und der Inszenierung gebannt. Allerdings – und das war ebenfalls der Wehrmutstropfen bei der Lektüre – bin ich mit der Liebe und der fast schon tragischen Gestalt der Prinzessin Turandot nicht wirklich warm geworden. Zu grausam und kalt erschien sie mir, zu stolz und zu ängstlich, zu fordernd und auch zu unnachgiebig (bis zur Brutalität) beim Erreichen ihrer Ziele (so lässt sie – in der Variante von Gozzi – den Barak brutal verprügeln, um hinter das Geheimnis der Namen zu gelangen; auch scheut sie nicht davor zurück Barak und Kalafs Vater Timur einzukerkern). Nein, Turandot ist keine wirkliche Sympathieträgerin. Auch wenn einzelne Fasern von Menschlichkeit und Gewissen durchblitzen, nimmt man ihr die Liebe (auf den ersten Blick) nicht ab. Dafür aber den Tod. Denn mit der Forderung gegenüber ihrem Vater, die Verlierer der Rätsel töten zu lassen, was sie scheinbar gelassen hinnimmt, auch wenn sie wortwörtlich das Gegenteil behauptet, steht sie dem „Schwarz“, das sie in den Theaterstücken ja auch zum Ende hin trägt, näher als dem Herzen. Ihr gegenüber wirkt Kalaf, der mit seinem „Tod oder Turandot“ stellenweise wie ein verblendeter Narr daherkommt, fast ein wenig naiv, wenn auch niemals an seinen Gefühlen zweifelnd, die der Schönheit entsprungen sind und denen jegliche Gemeinsamkeit oder Tiefgang fehlt. Zumindest in puncto Scharfsinn sind beide einander würdige Kontrahenten. Denn wie heißt es so schön: im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Und was die Letztere angeht, so haben mich die Passagen der Vater- und Sohnesliebe (die Liebe von Barak zu seinem Prinzen oder die Liebe der Sklavin Liú in Puccinis Opernversion) mehr gerührt als das eigentliche Liebespaar. Vielleicht ist das auch ein wenig Absicht bzw. eine Lehre zwischen den Zeilen. Die Liebe existiert in leisen Tönen und verrät sich selbst, wenn sie in schillernder Pracht daherkommt. Liebe besteht aber auch aus vielen Facetten. Sie ist sogleich greifbar wie ungreifbar. Das hat sie mit dem Tod gemeinsam. Ein Grund, warum beide seit Menschengedenken in Liedern und Geschichten besungen werden. So gesehen erscheint die Turandot fast wie ein psychologisches Lehrstück der Emotionen und Gewissheiten im Leben, denen wir Menschen ausgeliefert sind und nicht entkommen können. Aber am Anfang wie am Ende ist und bleibt es doch ein Märchen.

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Carlo Gozzi: Turandot. Reclam: Stuttgart 2012.

Friedrich Schiller: Turandot. Reclam: Stuttgart 2011.

Giacomo Puccini/Guiseppe Adami (Hrsg.): Briefe des Meisters. Lindau 1948.

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