"So grenzenlos ist meine Huld, die Liebe …" – Der mythisch-literarische Jahresrückblick

Liebe Leserinnen und Leser des MYTHO-Blogs,

erneut geht ein Jahr mit allzu schnellen Schritten dem Ende entgegen. Und wie immer waren die vergangenen Monate geprägt von einem bekannten und allzu menschlichen Auf und Ab. Das Team vom MYTHO-Blog bedankt sich herzlich für Ihr Interesse an unseren Artikeln und unseren Themen. Wir sind überwältigt vom Zuspruch, den wir erfahren, und freuen uns darauf, Sie auch im nächsten Jahr allfreitaglich mit mythischen, literarischen und kulturellen Neuigkeiten zu versorgen.

2020 dreht sich in unserem Jahresthema alles um das 25-jährige Jubiläum des Arbeitskreises und um Fabelwesen. Dazu werden wir mit kleinen Beiträgen auch regelmäßig in unserem “Bestiarium” informieren, wo wir fantastische Wesen aus aller Welt und aus allen Zeiten, vom Pegasus bis zur Meerjungfrau und vom Riesen bis zum Cyborg, vorstellen.

Doch bevor wir das Neue Jahr mit Feuerwerk und guten Wünschen willkommen heißen, darf unser mythisch-literarischer Jahresrückblick nicht fehlen. “Die Schöne und das Biest – Liebe in Kultur und Mythos” war das Thema, welches der Arbeitskreis 2019 aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet hat.

Love, Love, Love

In unserer Einführungsveranstaltung im Januar haben wir uns dem Thema angenähert, indem wir einige zentrale Fragen auf die Agenda gesetzt haben: Was ist Liebe? Und: Kann Liebe uns retten? Dazu referierten Christoph Sorger, der die griechische Mythologie in Form von Eros und Aphrodite näher in den Blick nahm, Constance Timm, die die Liebe aus kulturhistorischer Perspektive und mit Verweis auf Platons Kugelmenschenmythos beleuchtete sowie Reiner Tetzner, der aus den germanischen Mythen über das Liebeswerben des Göttervasallen Skirnir um die Riesin Gerda las.

In der ersten Jahreshälfte folgten Veranstaltungen über Liebe und Liebesriten in der populären Serie “Game of Thrones” (Das Lied von Eis und Feuer) und Einblicke in Liebesvorstellungen und Liebespraktiken in der Kultur Indiens. Über Liebe, Grauen und Literatur sprach die Autorin Simone Stölzel in ihren “Nachtmeerfahrten” anlässlich des 28. Wave-Gotik-Treffens in Leipzig.

Bei der Eröffnung zur 2. Jahreshälfte ließ uns der Schriftsteller Clemens Meyer auf die Schattenseite der Liebe blicken. Gewalt und Gier, Prostitution und Poesie vereinigten sich in der Lesung aus dem Roman “Im Stein”. Es folgten Vorträge und Lesungen über die mythische Galatea (das Geschöpf des Künstlers Pygmalion) und Helena von Troja, die schönste Frau der Welt. Aktuelle Auseinandersetzungen mit der Liebe unter dem Titel “Armor Tyrann” präsentierten Studentinnen des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, die dazu aus eigenen Texten lasen.

Dazwischen hat der Arbeitskreis wie immer Veranstaltungen durchgeführt, die sich mit besonderen mythischen und literarischen Themen befasst haben. Von Trickstern und Schelmen ist die Rede gewesen, dem über die Unsterblichkeit sinnierenden Faust, von australischen Begegnungen mit dem Weihnachtsmann bis hin zum Urknall, über den die Naturwissenschaften immer noch heiß diskutieren.

Ergänzt wurde das Programm durch unseren MYTHO-Blog. Eine Auswahl von Artikeln zum Thema “Liebe in Kultur und Mythos” haben wir für unsere Leser separat zusammengestellt, und obwohl wir in den kommenden Monaten ganz den Fabelwesen verpflichtet sind, werden wir die Themenseite weiterhin ergänzen und mit Neuigkeiten füttern.

Genauso wie die Beschäftigung mit dem Mythos hört auch die Liebe niemals auf, wobei wohl jeder für sich selbst beantworten muss, was sie denn nun sei und ob ihr die Macht der Rettung innewohnt. In der Literatur ist es zumeist die tragische Liebe, die den Leser zu fesseln versteht, während das beliebte Genre des modernen Liebesromans in der Regel gezielt auf das von uns allen ersehnte Happy End setzt.

“Edle Liebe reinigt, wie die Tragödie…”

Natürlich möchten wir unseren Blog für dieses Jahr nicht schließen, ohne noch einmal die Höhen und Abgründe der Liebe durchlitten zu haben. Und wie könnte man schöner träumen und leiden als mit dem berühmtesten Liebespaar der Weltliteratur: Romeo und Julia. Die zwischen 1594-1596 entstandene Tragödie des englischen Dramatikers William Shakespeare wurde unzählige Male literarisch, musikalisch (wunderschön: das Ballett von Sergei Prokofjew) und cineastisch verarbeitet. Am eindringlichsten ist mir die Verfilmung des Regisseurs Baz Luhrmann aus dem Jahr 1996 mit Leonardo DiCaprio und Clare Danes in Erinnerung; nicht nur, weil ich zu dieser Zeit selbst im schönsten Teeniealter gewesen bin und der Herzschmerz damit quasi abonniert war, sondern weil die Story mit der Original-Theatersprache, eingebettet in eine action- und kitschbeladene 90er-Jahre-Kino-Kulissse, sowohl antiquiert als auch modern daherkommt.

Der Romeo-und-Julia-Stoff war vermutlich keine reine Shakespeare-Erfindung. Bereits im Jahr 1562 – und damit vor der Geburt des Dramatikers – erschien die Verserzählung “The Tragicall Historye of Romeus and Juliet” aus der Feder seines Kollegen Arthur Brooke. Dieser wiederum konnte auf französische und italienische Vorlagen zurückgreifen, die allesamt im 16. Jahrhundert entstanden waren. Ein populärer Autorenstoff (u.a. für Matteo Bandello oder Luigi da Porto) also. Doch erst die Version Shakespeares schaffte es, nicht nur den Theaterhimmel für sich einzunehmen, sondern auch über die Literatur hinaus ihre Wirkung zu entfalten.

Francesco Haye, Romeo and Juliet

Die Geschichte von Romeo und Julia ist bekannt: Die Kinder zweier verfeindeter Veroneser Familien verlieben sich heimlich ineinander. Da Vertraute in der Verbindung den Schlüssel zur Aussöhnung sehen, entfaltet die Tragödie ihren Lauf. Romeo, der den Tod seines besten Freundes rächt, wird aus der Stadt verbannt. Derweil übergibt sich Julia dem Scheintod. Ein Brief, welcher die Handlung der jungen Frau aufklärt, erreicht Romeo indes nicht. Blind vor Wut und Trauer, bringt er sich um, just in dem Moment, als Julia erwacht. Den sterbenden Geliebten in den Armen haltend, begeht Julia Selbstmord. Die unfassbaren Taten beenden schließlich die Familienfehde.

Soweit Shakespeare und die Autoren des 16. Jahrhunderts. Blicken wir in der Literaturgeschichte indes ein wenig weiter zurück, werden wir bei den römischen Dichtern Vergil und Ovid fündig, die ein Liebespaar beschreiben, das für seine Zuneigung ebenfalls hohe Risiken in Kauf nehmen muss und am Ende mit dem Tod für diese Herausforderungen bezahlt. Die Rede ist von Hero und Leander.

Im ersten vorchristlichen Jahrhundert bearbeiteten beide Dichter den mythischen Stoff, dessen Ursprünge uns bis heute unbekannt sind, auf ganz unterschiedliche Weise. Vergil erwähnt in seinem Gedicht “Georgica” das Schicksal der Liebenden, jedoch ohne deren Namen zu nennen. Zudem bettet er es in eine Art abschreckendes Gleichnis über die Gefahren erotischer Begierden ein. Ovid hingegen hat sich dem Paar literarisch sehr viel ausführlicher gewidmet und die beiden einen fiktiven Brief an den jeweils anderen schreiben lassen. In seiner Sammlung “Heroides” (Briefe an die Heroinen) sind die Stücke zu lesen, wobei sich die Tragik vor allem zwischen den Zeilen entspinnt. Da der Stoff mindestens so berühmt ist wie die Geschichte von Romeo und Julia, in der literarischen und öffentlichen Wahrnehmung aber meist etwas stiefmütterlich behandelt wird, sei ihm nachfolgend ein näherer Blick gegönnt.

Hero und Leander

Hero und Leander sind ein Liebespaar, das nicht nur von zwei Städten und den Konventionen ihrer Zeit, sondern zudem vom Hellespont (heute bekannt als Dardanellen) getrennt wird. “Die Meeresgegend ist verrucht, weil hier Helle versunken ist” (Ovid, Vs. 143 f.) In der griechischen Mythologie war Helle eine thebanische Prinzessin. Auf der Flucht vor ihrer Stiefmutter überquerte sie gemeinsam mit ihrem Bruder Phrixos auf dem fliegenden Widder mit dem Goldenen Vlies das Meer. Als Helle verbotenerweise in die Tiefe schaute, stürzte sie vom Rücken des Tiers und ertrank.

An den gegenüberliegenden Ufern des Hellesponts liegen die Hafenstädte Abydos und Sestos. Eines Tages verliebt sich Leander aus Abydos in die Aphroditepriesterin Hero aus Sestos. Da ihre Liebe nicht geduldet ist, sucht er sie heimlich auf, indem er die Meerenge schwimmend durchquert. Ein von Hero entzündetes Licht weist ihm dabei den Weg. Im Brief, den Leander in glühendster Verehrung an Hero schreibt, ist nicht nur von der Sehnsucht an die Geliebte, das Verlangen und die Hoffnung, sie dauerhaft in die Arme schließen zu können, die Rede. Auch die Strapazen des Schwimmweges werden auf sehr poetische Weise dargestellt:

“Dass ich die Kälte der eisigen Tiefen nicht spüre, dafür sorgt die Liebe, die mir leidenschaftlich in der Brust brennt. Je mehr ich mich dem Ufer nähere, je geringer die Entfernung wird, umso mehr nimmt meine Begierde zu, sie zurückzulegen. Wenn ich wirklich schon gesehen werden kann, dann blicke zu mir, gib mir Mut und mach, dass ich es schaffe. Jetzt bemühe ich mich auch im Schwimmen meiner Gebieterin zu gefallen, und ich werfe meine Arme so hoch, dass du sie sehen kannst. Kaum kann dich deine Amme zurückhalten, in die Fluten zu steigen – denn auch das habe ich selbst gesehen, kein Wort habe ich erfunden. […] Das Übrige kennen nur wir, die Nacht, der Turm und das Licht, das mir den Weg durch die Wogen zeigt.” (Ovid, Vs. 89 ff.)

Für Leander ist es vor allem der Streit mit den Elementen Wasser und Wind, gegen die er aufbegehrt, sind sie es doch, die ihn vom Objekt seiner Träume trennen. Oft redet er davon, wie ihm beim Schwimmen die Arme schwer werden, wie er kämpft und wie hoch die Belohnung für ihn am Ende sein wird. Auch von Wagemut ist zu lesen: “Mag das Meer auch jetzt noch für wenige Nächte stürmisch bleiben, ich will versuchen, durch die zornigen Wogen zu kommen.” (Ovid, Vs. 193 f.) Der Brief soll die Geliebte von der Reinheit und Tiefe seiner Gefühle überzeuge, solange das schlechte Wetter anhält und die Überquerung des Hellesponts unmöglich ist.

Hero indes kann die Abwesenheit von Leander fast noch weniger ertragen als er und so beginnt sie ihr Antwortschreiben denn auch mit den Worten: “Damit ich den Gruß, den du mir in Worten geschickt hast, in Wirklichkeit genießen kann, komm! Jedes Verweilen, das unsere Freuden aufschiebt, wird mir lang. Vergib mir mein Geständnis; ich bin ungeduldig in der Liebe.” (Ovid, Vs. 1 ff.)

Hero ist ganz Wartende, und im Warten dehnt sich nicht nur die Zeit für sie endlos aus, sie verstrickt sich zudem in allerlei Gedankengespinste, zweifelt sogar an Leanders Treue. “Ich fürchte nicht so sehr die Winde, die die Erfüllung meiner Wünsche aufhalten, als dass ich dir nicht so viel wert bin und die Gefahren stärker als unsere Beziehung sind und ich im Vergleich zur Mühe ein allzu geringer Lohn scheine.” (Ovid, Vs. 95 ff.) Zudem fürchtet sie die zu kurze Zeit ihres Beisammenseins, Willkommen und Abschied (um es mit Goethe auszudrücken). Denn der Gefahren, die sich Leander für sie aussetzt, ist sie sich bewusst. Überquillt bei Leander vor allem die Hoffnung, die Geliebte bald in die Arme schließen zu können, schwingt in Heros Brief auch das drohende Unheil mit, von dem der Leser in den Brief nichts erfährt und das sich doch auf schicksalhafte Weise erfüllt.

“Obwohl du Sieger über die Seestürme bist, verachte die See dennoch nur in dem Maße, wie du sie fürchtest! Selbst kunstvoll gebaute Schiffe versinken in der Flut; […] Aber sooft ich mich blauen Wogen zuwende, erstarrt mein Herz in einer unbestimmten Furcht. Nicht weniger bin ich erschüttert durch eine Erscheinung der vergangenen Nacht, obwohl ich mich durch Opfergaben von dem Traumgesicht gereinigt habe. Denn kurz vorm Morgengrauen, als die Lampe schon heruntergebrannt war, in der Zeit, wenn die Träume Wahres zu erkennen geben pflegen, sanken die Fäden im Schlaf von meinen erschlafften Fingern, und ich sank mit dem Nacken auf das Kissen nieder. Ich bin ganz sicher, dass mir da ein Delfin erschienen ist, der durch sturmgepeitschte Wellen schwamm. Dieses arme Geschöpf verließ, nachdem es die Flut auf wassersaugenden Sand geworfen hatte, mit der zurückflutenden Welle auch das Leben.” (Ovid, Vs. 181 ff.)

Domenico Fetti, Hero und Leander

Hero träumt also Leanders Unglück quasi vorweg. Nachdem der Sturm Heros Licht ausgeblasen hat, verliert der Geliebte im Wasser die Orientierung und ertrinkt. Sein Körper wird an den Strand gespült und von Hero gefunden und beklagt. Unfähig den Schmerz des Verlustes zu ertragen, folgt sie ihm in den Tod nach. Diese Andeutungen der Katastrophe, welche bei Ovid, wie bereits erwähnt, nur Andeutungen bleiben, sind in den Bearbeitungen späterer Jahrhunderte immer wieder Thema von Liedern, Gedichten und Balladen gewesen.

Ob die christliche Volksballade “Es waren zwei Königskinder”, Erwähnungen bei Dante Alighieri oder Gedichte von Francesco Petrarca, Christine de Pizan, Hans Sachs, Christopher Marlowe, Friedrich Schiller oder Franz Grillparzer, sie alle greifen den antiken Stoff auf (entweder direkt durch die Ovidsche Übersetzung oder aber die lyrische Bearbeitung durch Musaeus Grammaticus um 500 n. Chr.) und halten ihn auf ihrer Weise in der Literatur lebendig. Shakespeare selbst erwähnt den Mythos in seiner Komödie “Wie es euch gefällt”. Inwieweit der Stoff für “Romeo und Julia” Pate stand bzw. Inspiration war, darüber kann nur spekuliert werden. Das Motiv der tragisch Liebenden, die durch widrige Umstände voneinander getrennt werden, findet sich u. a. auch bei Tristan und Isolde oder in der Sage von Pyramus und Thisbe.

Mich hat der Schriftverkehr der beiden Liebenden sehr berührt. Auch wenn die Kulisse der verfeindeten Familien bei Shakespeare viel mehr Dramatik und Konfliktpotenzial bereithält, kann man anhand der Briefe des Ovid das Leiden und Liebe auf sehr persönliche und auch sehr direkte Weise mitempfinden. Ein wirklich großartiger Stoff, den weiter zu verfolgen sich lohnt.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern einen entspannten und mythischen Start ins Neue Jahr. Bleiben Sie dem Mythos und vor allem auch der Liebe gewogen.

Ihr Team vom MYTHO-Blog

Literaturhinweis:

Ovid: Heroides. Brief der Heroinen. Übersetzt und herausgegeben von Detlev Hoffmann, Christoph Schliebitz und Hermann Stocker. Reclam: Stuttgart, 2017.

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