Cave canem: Michail Bulgakow

Die frühe Zeit der Sowjetunion war voller Projekte der Vervollkommnung, die sich von der Biologie des Menschen bis zu den Sternen erstreckte, und die Literatur gab Zeugnis davon. Der Neue Mensch sollte eine Neue Erde aufbauen und nach den Vorgaben des Sozialismus auch in das Innerste anthropologischer Strukturen eingreifen. Doch dann kamen die Schriftsteller und Künstler und begannen mit diesen Projekten zu spielen und bei dem Spiel entdeckten sie die abgründigen Seiten dieser umfassenden Revolution. Dabei mussten sie aufpassen, dass sie sich nicht der Verfolgung aussetzten. Mit großem Geschick platzierte Michail Bulgakow seine Erzählungen in diese Kontexte: Sie erzeugten wiedererkennbare Situationen, ermöglichten satirische Kritik, entzogen sich aber endlich auch dem Blick des Zensors durch Finten und Magie.

Das in Russland beliebteste Buch des 20. Jahrhunderts, wenn nicht aller Zeiten, ist sein Hauptwerk Meister und Margarita. Hier wird die Welt auf den Kopf gestellt, der Teufel muss helfend eingreifen, um die allzu Guten und ihr Gefolge von Heuchlern an ihrem zerstörerischen Werk zu hindern. Bulgakow jongliert hier mit Metafiktion und Geschichte, er praktiziert literarische Magie höchsten Grades. Noch heute, wenn man seine Wohnung in Moskau besucht, findet man alle Zeichen der Zauberkunst, die er dort damals hinterlassen hat: die schwarze Katze Behemoth, die Tauben, die Musik, die Schriftzeichen an den Wänden. Seit langem wird dies Gebäude (und damit der Roman und sein Autor) sehr kritisch von konservativen Kreisen der Orthodoxen Kirche beobachtet, und wenn ich mich nicht täusche, ist dort sogar einmal ein Exorzismus durchgeführt worden.

Revolutionäre Wissenschaft und Technik finden wir vor allem in zwei seiner Erzählungen, die ebenfalls sehr berühmt in Russland sind: Das hündische Herz und Die verhängnisvollen Eier. In Das hündische Herz (die frühere Übersetzung lautet Das Hundeherz) sehen wir den streunenden Mischling Sharik (dt. Lumpi) in der Zeit der Hungersnöte, im bitteren russischen Winter, auf der Suche nach Fressbaren. Eines Tages wird er von einem freundlichen Herrn von der Straße geholt und aufgepäppelt. Der freundliche Mensch ist Professor Preobraschenski. Sein Name deutet auf „Verwandlung“ und das ist in der Tat sein Metier. Lumpi weiß gar nicht, wie ihm geschieht in diesem sympathischen Haushalt, in dem er die besten Würste bekommt. Doch dann zeigt sich, dass Preobraschenski und sein Team ganz Anderes im Schilde führen. Sie betäuben ihn und pflanzen ihm die Hirnanhangsdrüse und Hoden eines jung umgekommenen Ganoven und Alkoholikers ein. Es gilt nämlich, wissenschaftlich zu testen, ob eine Verjüngung bei dem Hund durch die Verpflanzung machbar ist. Das Projekt nimmt eine überraschende Wendung, als sich der Hund nach der Operation erhebt, sein Fell abwirft, sich auf zwei Beine stellt und zu sprechen beginnt. So war das aber nicht geplant! Fortan nennt sich Lumpi Petrograf Petrografowitsch Lumpikow. Seinem Organspender bleibt er treu verbunden: Er redet wüstes Zeug, verlangt nach Alkohol und hat kriminelle Tendenzen, die er vor allem an Katzen auslässt. Hier vereinigen sich also glücklich der Hund und der Verbrecher. Böse wird es aber, und man versteht nun, warum die Zensur dieses Buch nicht erlaubte (es erschien erstmals 1987 in der UdSSR), als Lumpikow sich zum Funktionär hocharbeitet, als Vorsitzender der Unterabteilung zur Bereinigung der Stadt Moskau von streunenden Tieren (Katzen u.a.). Wenn Lumpikow in einen Zirkus geht, sollte man vorher klären, ob Kater im Programm mitwirken… Lumpikow schlägt bald über alle Stränge, macht sich an die Haushälterin heran, versumpft im Alkohol und prügelt sich, wo er nur kann – der reinste Horror. Die Verwandlung des Hundes in einen Sowjetmenschen ist misslungen – und muss rückgängig gemacht werden.

Professor Preobraschenski hatte sich in Moskau einen Namen gemacht mit seinen Verjüngungskuren, bei denen er Hoden verpflanzte. Sein Vorbild soll der russische Mediziner Serge Voronoff  (1866-1951) gewesen sein, der mit seinen Xenotransplantationen  in Paris großes Aufsehen erregte.

Voronoff seinerseits hatte sich eine Zeitlang dem Studium ägyptischer Eunuchen gewidmet und dabei erkannt, wie wichtig die Hormondrüsen für das spätere Leben des Körpers sind. Er verpflanzte hunderte von Hoden älterer Tiere auf jüngere und wandte dann diese Technik bei Menschen an, um entsprechende Verjüngungseffekte zu erzielen. Sein österreichischer Kollege Eugen Steinach (1861-1944) ging mit ähnlichen Mitteln vor, wobei er auch den Samenleiterschnitt praktizierte. Einer seiner Patienten war Sigmund Freud. Nach Steinachs Verjüngungsmethode ließ sich auch der große irische Dichter und Nobelpreisträger William Butler Yeats behandeln, der in seinem Spätwerk immerhin noch einmal die Flügel weit ausbreiten und in neue Höhen seiner Kunst vordringen sollte.

Eine literarische Quelle für seine Erzählung dürfte Bulgakow bei dem in der Sowjetunion viel gelesenen H.G. Wells gefunden haben: The Island of Dr Moreau (1896, Die Insel des Dr. Moreau). Wells, hatte sich intensiv mit den Konsequenzen der Evolutionslehre beschäftigt. In seinem Roman wird ein britischer Arzt auf eine ferne Insel im Pazifik verbannt – er hatte in London grausame Experimente an Tieren vorgenommen. Doch auf dieser Insel, die nicht weit von den seit Darwins Reise berühmten Galapagos Inseln und Francis Bacons Neuem Atlantis gelegen ist, führt Dr. Moreau seine Experimente weiter. Ein Schiffbrüchiger berichtet von seltsamen Geräuschen und Schreien und kann sich zunächst keinen Reim darauf machen, bis er erfährt, was wirklich vorgeht: Der Arzt versucht, mit den Mitteln der Chirurgie, Hypnose und Abrichtung aus wilden Panthern, Affen und Schweinen Menschen zu machen! Mit anderen Worten, der Wissenschaftler will Gott werden.

Den reichhaltigen Schatz Wells’scher Phantasie hat Bulgakow noch einmal angezapft für seine Geschichte „Die verhängnisvollen Eier“ (1924). Auch hier sehen wir einen Professor experimentieren. Per Zufall hat der Biologe Persikow in Moskau einen roten Strahl (die Farbe dürfte eine Botschaft haben) entwickelt, unter dessen Einwirkung sich die Reproduktionsrate von Amöben, Fröschen und Reptilien unheimlich beschleunigt. Die Presse hat Wind davon bekommen, auch der Geheimdienst und das Ausland. Zur selben Zeit eliminiert eine Hühnerpest sämtliche sowjetischen Hühner. Ein Gutsbesitzer namens Rokk (was auch Schicksal oder Verhängnis heißt) will ganz groß ins Geschäft einsteigen und bestellt sich kistenweise Eier aus dem Ausland, die er mit der neuen Erfindung bestrahlen will. Versehentlich hat man aber die Hühnereier an den Professor und die Reptilieneier an den Herrn Rokk geschickt. Letzterer richtet nun seinen Strahl auf die Eier und im Handumdrehen entstehen hier aggressive und bissige Krokodile, Strauße und riesige Schlangen. Sie machen sich auf, die Sowjetunion zu erobern. Wäre da nicht ein plötzlicher Kälteeinbruch im August, hätten sie das Land und den Rest der Welt kurz und klein gemacht. Wells’ The Food of the Gods (1904, Die Riesen kommen!) führte das Mittel Herakleophorbia IV ein, mit dem ein Forscher Hühner um das Sechsfache wachsen lässt. Das mag noch angehen, doch gerät die Substanz durch Schlamperei in die Nahrungskette und nun verändert sich die Welt durch Riesenwuchs ihrer Tiere und Menschen. Wenn bei Bulgakow das Klima die Welt rettet, so wird dies ebenfalls bei Wells vorweggenommen. In Wells’ Erzählung „Aepyornis Island“ (1894) kriecht ein ausgestorbener Elefantenvogel aus dem Ei und tyrannisiert seinen Entdecker.

All diese Phantasien vermitteln bei Wells noch evolutionäre Botschaften; auch archetypisch könnte man sie lesen, als Grunderfahrungen menschlicher Existenz. Bei dem Russen jedoch erhalten die biologischen Metaphern eine Wendung ins Politische. Daher wurde Das hündische Herz sogleich verboten, und auch in Professor Wladimir Ipatevitsch Persikow vermutete man eine Persiflage auf Wladimir Illjitsch Lenin, dessen roter Strahl auf verhängnisvolle Weise die Welt veränderte. In dieser politisch-satirischen Tradition wäre Karel Čapeks Der Krieg mit den Molchen anzusiedeln (1936); nur sind es diesmal die Faschisten, die aufs Korn genommen werden. Ein Kapitän schenkt den Molchen im Indischen Ozean Messer, wenn sie ihm nur viel Perlen aus dem Meer holen. Allmählich aber übernehmen die Molche die Herrschaft. Der Archetyp lautet hier wie dort: Der Mensch züchtet sich seine eigenen Monster heran und diese werden ihn eines Tages umbringen. Ob Hunde oder Tiermenschen, ob Maschinen oder Molche, all diese von der Wissenschaft erschaffenen Werkzeuge sind Mittel der menschlichen Machtausübung, Produkte von Zucht und Technik, und bedrohen schließlich ihre Urheber selbst. Wenn sich einer diesem Terror durch Wissenschaft, Optimierungs- und Machtwahn entziehen will, dann muss er wohl Schwejk heißen. Der züchtete keine hochrassigen Tiere, sondern fälschte lieber die Stammbäume seiner Scheusale. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


Literturhinweise:

Boia, Lucian. Forever Young. A Cultural History of Longevity. London: Reaktion Books 2004.

Bulgakow, Michail. Das hündische Herz. Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg. Berlin: Galiani 2013.

— „Die verhängnisvollen Eier“, in Teufeliaden. Aus dem Russischen von Thomas Reschke. München: Luchterhand 2006. 

Čapek, Karel. Der Krieg mit den Molchen. Aus dem Tschechischen von Julius Mader. Wien: Passer 1937.


Veränderte Version eines Textes aus Elmar Schenkel, Keplers Dämon. Wechselbeziehungen zwischen Literatur, Wissenschaft und Traum. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 2016. Dem Verlag danken wir für die freundliche Abdruckgenehmigung.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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