Vergil und Dante oder: Handschlag der Klassiker

Am Karfreitag des Jahres 1300 verirrt sich ein Wanderer in einem furchteinflößend finsteren und dichten Wald, weil er von seinem Weg abgekommen ist. Als er den Waldrand erreicht hat, erblickt er eine Anhöhe, über der gerade die Sonne aufgeht. Er kann sie aber nicht erreichen: Drei wilde Tiere nähern sich ihm bedrohlich, eine Pantherkatze, ein Löwe und eine Wölfin. Der Wanderer weicht erschreckt zurück …

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Etwas über Dante

Der Florentiner Dante Alighieri ist 1321 – also vor 700 Jahren – in Ravenna gestorben, und aus diesem Anlass werden viele kluge Menschen viele kluge Dinge über den verehrten Schöpfer der Göttlichen Komödie schreiben. Wer sich auf den Dichter Dante einlässt, kann erfahren, dass er gefordert hat, jeden Text müsse man in vierfachem Sinn auslegen können – einmal im buchstäblichen Sinn, dann im allegorischen Sinn, weiter im moralischen Sinn und schließlich im anagogischen Sinn, wobei anagogisch eine Anleitung zum Aufstieg meint, und zwar „zum Aufstieg in die Sphäre der Glaubenswahrheit“, wie es bei Ernst Robert Curtius in dem Buch zu lesen ist, in dem er 1932 „Elemente der Bildung“ beschrieben hat. Als jemand, der vor allem über Fortschritte und Einsichten der Naturwissenschaften schreibt, möchte ich einmal in knapper Form nachprüfen, ob Dantes vierfache Forderung an Geschriebenes etwa in Sachbüchern erfüllt werden kann.

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Stephen Fry: Mythos – Was uns die Götter heute sagen

Mythen wollen uns nicht nur unterhalten, sondern auch erklären. Sie beruhen auf den kollektiven Erfahrungen der Menschen und sind ein Ausdruck unseres Bedürfnisses, zu verstehen, nach welchen Gesetzen und Regeln die Welt um uns herum strukturiert ist. Schöpfungsmythen und Göttersagen geben uns Menschen eine Erklärung für die Existenz allen Seins und sind ein Versuch, die Lücken im menschlichen Erfahrungshorizont mit Sinnhaftigkeit zu füllen. Es verwundert daher in keiner Weise, dass jede uns heutzutage bekannte Kultur ihre eigenen Schöpfungsmythen und Götterwelten hervorgebracht hat.

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Der MYTHO-Blog gratuliert … zum 100. Geburtstag von Gisbert Kranz

Diese Woche, am 9. Februar, wäre der Privatgelehrte und Lyriker Gisbert Kranz 100 Jahre alt geworden. Der gebürtige Essener Gisbert Kranz (1921-2009) war ein kämpferischer Katholik und fromm bis in die Zehenspitzen. Aber er hatte auch etwas Ketzerisches. Die Kirche konnte er kritisieren, weil er fest im Glauben stand, gleichzeitig zeigte er sich offen für häretische und phantastische Visionen. Er war ein Kritiker des Kapitalismus wie auch des Kommunismus und glaubte an die katholische Soziallehre.

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Planet Dante. Ein Reisebericht

Je größer ein Gegenstand ist, desto subjektiver die Zugänge zu ihm. Der Gegenstand hört bei einer bestimmten Größe geradezu auf, Gegenstand, das heißt überschaubar, beschreibbar, berechenbar zu sein. Er wächst über das Vermögen des einzeln Wahrnehmenden hinaus, wie der Berg Mont Sainte Victoire bei Cézanne, der ihn immer wieder neu malen musste. Solche großen „Gegenstände“ sind Meere und Gebirge. Auch die mikrobiologischen Vorgänge gehören dazu, die sich in ihre andere Unendlichkeit verlieren: Das Kleine ist nur der Zipfel eines großen Unsichtbaren. Groß ist die Erde selbst, sodass wir nur durch den Blick aus dem Weltall sehen, wie rund sie ist. Ähnlich die Werke Shakespeares, die Bibel, Leonardo da Vinci. Wie Planeten schwingen sie um unser Bewusstsein und mehr noch um unser Unbewusstes. Auch Dantes Werk ist ein solcher Planet, möglicherweise noch der am wenigsten bekannte. In unseren Breiten ein fast unsichtbarer, der nur von Zeit zu Zeit, je nach Maßgabe des sich feiernden Dezimalsystems, das uns Jubiläen beschert, auftaucht. Einige Astronomen richten kurzzeitig ihre Fernrohre auf den Himmelskörper, echauffieren sich und diskutieren, während er schon längst wieder am Horizont verschwunden ist.

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Kosmologie und Literatur III: Kosmologie in Zeiten der Postmoderne. Von Douglas Adams zu Stanislaw Lem

Eines Nachts im Jahre 1971 lag ein junger Brite betrunken in einem Feld bei Innsbruck und schaute in die Sterne.  Bei sich trug der als Anhalter Reisende The Hitchhiker’s Guide to Europe. In diesem Moment kam ihm ein Gedanke, der die Welt verändern sollte: Er sagte sich, dass es eigentlich auch einen Hitchhiker’s Guide to the Universe geben müsste. Die Folge dieser beschwipsten Vision ist, dass es Jahrzehnte später eine wachsende Zahl von Menschen gibt, die sich an einem bestimmten Tag des Jahres mit einem Handtuch in der Öffentlichkeit zeigen. Der besagte Tag ist der 25. Mai, der sogenannte „Towel Day“, an dem man auch Schilder mit der Aufschrift „Don’t Panic“ sieht. Auch T-Shirts mit der Aufschrift „21 is only half the truth“  können gesichtet werden. Die Zahl deutet auf eine andere Zahl, die Suchmaschinen auswerfen, wenn man die Phrase „the answer to life, the universe and everything“ eingibt. Es ist die mysteriöse 42, die durch Douglas Adams eine unerhörte Karriere angetreten hat. Wer von all dem nichts weiß, wird an geistige Zerrüttung denken, doch Kenner genießen diese Hinweise auf Gruppengeist und Schwarmintelligenz. Eingeweihte dürften folgende Eigenschaften mitbringen: Humor, den Sinn für Parodie und Paradox und Freude am Spiel. Wahrscheinlich ist er oder sie auch mit einer freundlichen Natur gesegnet, so wie der leider früh verstorbene Douglas Adams.

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Der MYTHO-Blog gratuliert … zum 212. Geburtstag von Edgar Allan Poe

Der amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe (1809-1849) gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Er wirkte als Lyriker, Erzähler und Literaturkritiker; vor allem in Europa ist er nicht zuletzt vor allem als Meister der Short Story bekannt geworden. In seinen zahlreichen Erzählungen kreierte er eine Szenerie des Übersinnlichen und Schauderhaft-Makabren, indem er in psychologisch meisterhafter Weise tiefsitzende Ängste und Abgründe der menschlichen Natur thematisierte.

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Dazwischen?

Vor wenigen Tagen wurde Kroatien von einem Erdbeben mittlerer Stärke erschüttert. Die Ausläufer dieser Plattenbewegungen waren noch in den anderen Staaten des ehemaligen Jugoslawiens zu spüren. Auch in den Höhlen von Pazin geriet das weit verzweigte unterirdische Wassersystem in Unordnung, spülte Unmengen von Artefakten an, Helme, Puppen, Knochen, Flaschen, blaue Plastikteile, die von Antipersonenminen aus den Kriegen der Neunziger Jahre stammten, alte aufgeweichte Soldbücher, Gasmasken sogar aus den ersten beiden großen Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Karsthöhle von Pazin, die am Rande einer gewaltigen Schlucht liegt, wurde zwar immer wieder erforscht, Taucher drangen weit vor oder verschwanden, aber es ist nicht genau geklärt, bis wohin sich diese Seen, die teilweise über- beziehungsweise untereinander liegen, und die sie verbindenden Höhlensysteme erstrecken.

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Wir sind Legion – Ein Besuch bei Beelzebub und Freunden

Es sind nicht mehr als einhundert Kilometer von Vilnius nach Kaunas, aber mein Zug braucht mehrere Stunden für die Strecke, bummelt durch die flache Landschaft zwischen Wäldern, Wiesen, Seen und Sümpfen dahin. Wenn ich mich zurücklehne und die Augen schließe, sehe ich die baltische Landschaft trotzdem, sie ist ein Bernstein zwischen Meereskieseln, stumpf an der Oberfläche, schimmernd im Inneren, fest und weich zugleich. Eingeschlossen im erstarrten Harz wie Insekten liegen behütet die Städte zwischen Meer und Kiefern, zwischen Sümpfen und Sand. Eine ruhige, friedliche Landschaft, schwer vorstellbar, dass sich hier die Heimat des Bösen befinden soll.

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Kosmologie und Literatur II: Mythologie im wissenschaftlichen Zeitalter. Von William Blake bis J. R. R. Tolkien

Zeitgleich mit der Entwicklung einer wissenschaftlichen Weltsicht in der Neuzeit entstehen zahllose weltanschauliche Abzweigungen, die sich wiederum mit religiösen Sekten zusammentun oder auf privaten Visionen und Mythologien beruhende Kosmologien in die Welt setzen. Das Werk des schwedischen Geistersehers, Wissenschaftlers und Philosophen Emmanuel Swedenborg gehört sicherlich in diesen Strom ebenso wie das seines zeitweisen Anhängers William Blake (1757-1827). Romantik und Gnosis gehen bei Letzterem eine Einheit ein und bringen ein höchst merkwürdiges Werk hervor, das er bekanntlich nicht nur dichterisch und philosophisch, sondern auch in visueller Form ausgedrückt hat. In dem Maße wie er die Mystiker – vor allem Jakob Böhme – liebte, hasste er Newton und die empirischen, rational fundierten Wissenschaften, denen Francis Bacon das Programm geschrieben hatte. Politisch stand Blake quer zum Zeitgeist, legte sich mit dem Staat an und verteidigte die Französische Revolution. Von Kindheit an hatte er Visionen. Sein Vater tadelte ihn, als er behauptete, den Propheten Ezechiel getroffen zu haben. Einen Baum in Peckham Rye, im Süden Londons, sah er erfüllt von Engeln. Regelmäßig pflegte er sich mit Engeln und Geistern zu unterhalten. So zeichnete er auch den Geist eines Flohs. In seinem Kampf gegen die Unterdrückung von Sexualität erinnert er an Wilhelm Reich, denn Krieg sah er als eine direkte Folge von Verdrängung.

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Dekadenz und Arbeit – Ein Abend über Wolfgang Hilbig, Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud

Auf den ersten Blick passt da vieles nicht zusammen: der ostdeutsche Autor und Arbeiter Wolfgang Hilbig und die französischen Lyriker der Dekadenz und des Symbolismus, Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud. Als ich gefragt wurde, eine Veranstaltung mit der Hilbig-Gesellschaft und unserem Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie zu dieser Verbindung zu machen, fiel mir zunächst wenig ein. Wir konnten den Hallenser Autor und Gelehrten André Schinkel zu einem Gespräch gewinnen, denn ein Vortrag sollte es nicht sein. Schinkel und Schenkel versuchten es also, und die Zuhörer schienen konzentriert bei der Sache zu sein. Zumal es unsere erste Veranstaltung unter Corona-Bedingungen war, die langsame Rückkehr zu einer alten Form mit Hilfe von Maske, Chemie und Adressenlisten. Vielleicht war das passend zum Thema, zu den Autoren. Die Schutzmaske des Heizers Wolfgang Hilbig, die Masken der Dichter, die Desinfektion des Lebendigen und die Erinnerungen, die dadurch entstehen, die Rückkehr von Natur unter Schutzhüllen und molekularen Auren, die Poesie als Liste und List, den Bedingungen des sozialen Daseins zu entkommen, um es desto besser in den Blick zu nehmen.

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Kosmologie und Literatur I: Von Dante zur Science Fiction

Die Ornamente auf der Tapete nimmt man oft erst zur Kenntnis, wenn man krank im Bett liegt. Meist sind wir im Bild, bewegen uns mit den Protagonisten, identifizieren uns, leiden und freuen uns mit ihnen. Sobald wir jedoch in eine Krise geraten, greift diese auf das Bild über. Wir verlassen den Inhalt des Bildes mit seinen bunten Ablenkungen und beginnen uns auf den Rahmen zu konzentrieren. Was stimmt da nicht mehr? Wie verhält sich das Bild als Ganzes zum Rest der Wand oder der Welt? Dann fragen wir uns, wie Gauguin 1897 in seinem berühmten Gemälde: „Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?“ Wir geben uns nicht mehr zufrieden mit dem Leben auf der Insel, wir wollen wissen, wie diese Insel eingebettet liegt in größere Archipele, Kontinente, Galaxien – mit anderen Worten, in größeren Fragen. Neben die Frage nach dem Sinn unseres kleinen Lebens tritt die Frage nach dem Sinn allen Lebens. Sich mit Science Fiction zu beschäftigen, ist nicht die schlechteste Art, dieser Frage nachzugehen; in jedem Fall hat uns diese Form der Literatur einen Kosmos eröffnet, in dem unsere Stellung höchst befragenswert geworden ist. Sind wir allein? Wenn es einen Erlöser gab, hat er für die gesamte Galaxie gewirkt? Wo stehen wir mit unserer Evolution, über die ein amerikanischer Physiologe so treffend gesagt hat: „Der Planet Erde hat 4,5 Milliarden Jahre gebraucht, um zu entdecken, dass er 4,5 Milliarden Jahre alt ist.“ (George Wald)

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Vampire aller Orten: Anmerkungen zu einem Dauerphänomen – Teil 2: Von der obskuren Existenz zum Aristokraten

Der erste Auftritt eines Vampirs auf der literarischen Bühne ist vermutlich wenig zur Kenntnis genommen worden. Wahrscheinlich war die Zeit noch nicht reif dafür, und das Werk, in dem er figurierte, war auch nicht spektakulär: Ein 24-zeiliges Gedicht mit dem Titel Der Vampir aus der Feder des seit langem vergessenen Heinrich August Ossenfelder, das am 25. Mai 1748 in einem Journal namens Der Naturforscher gedruckt wurde. Verlagsort: Leipzig, „das Herz der deutschen Vampir-Debatte des 18. Jahrhunderts“ (Groom, S. 99).

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