Zwischen Stein und Himmel. Die Lobdeburg bei Jena

Es ist wieder so weit: Voller Vorfreude auf einen meiner liebsten Orte in Thüringen steige ich am Paradies aus dem Zug. Am Paradies? Ja, denn das ist der Name der Bahnstation in Jena, von wo aus ich meine Tour starte. Der JenTower, eines der Wahrzeichen dieser Stadt, scheint mir ein herzliches Willkommen zuzublinzeln. Doch heute werde ich ihn nicht besuchen, sondern stattdessen ein Bauwerk besichtigen, welches einige Jahre mehr zählt: Ich steige über Lobeda hinauf zur Lobdeburg – genauer gesagt, zu dem, was die Zeitläufte von ihr übrig gelassen haben.

Am Universitätsklinikum steige ich aus der Tram und lasse den riesigen Klinikkomplex hinter mir. Darüber, aus grünbewaldeter Höhe, grüßt sie schon ins Tal – die Burgruine, die mich immer wieder in ihren Bann zieht. Ein interessanter Gegensatz: zum einen der moderne medizinische Gebäudekomplex, zum anderen die hochmittelalterliche Ruine.

Hinter den UKJ-Wiesen geht es zunehmend steiler bergauf. An Grünflächen und Gärten geht es vorbei bis zu einer Schranke, hinter der es dann richtig sportlich wird. Der Weg ist zwar nicht lang, verlangt allerdings dank ordentlicher Steigung dem nur durchschnittlich trainierten Wanderer einiges ab. Ziemlich außer Atem stehe ich schließlich vor der Burganlage, deren beeindruckender Wohnturm vor mir aufragt. Mein Blick geht an der Südfassade nach oben, gleitet am Mauerwerk entlang und verweilt an der säulengetragenen Doppelarkade – einem der markanten baulichen Elemente der Anlage mit typischen Stilelementen der Romanik. An der Ostfassade des Turms ragt ein Kapellenerker heraus. Ich gehe an den Burgmauern entlang und steige die Holz- und Metallstufen hinauf, die mich auf und in das Burggelände hineinführen. Da stehe ich nun auf der Treppe, blicke in den Burghof und auf die Gebäudereste und versuche mir das alltägliche Leben vorzustellen, das sich hier vor rund 750 Jahren abgespielt hat. Ich sehe vor meinem inneren Auge geschäftiges Treiben: Handwerker bei der Arbeit, Mägde beim Wasserholen, Knechte beim Abladen eines Pferdefuhrwerks. Der Alltag war hart und hierarchisch durchorganisiert – das Leben auf einer Burg war alles andere als romantisch, auch wenn uns das manche Filme und Bücher glauben machen wollen.

Geschichte und Gegenwart einer Ruine

Die Lobdeburg gehört zu den bedeutendsten und am besten erhaltenen romanischen Profanbauten in Thüringen und zugleich zu den bedeutendsten Kulturdenkmalen Jenas. Sie liegt an der Transromanica, der Kulturroute des Europarates, auf welcher Sehenswürdigkeiten und Informationen zum Erbe der Romanik präsentiert werden. Zugleich ist die Burg eingebunden in das Wegenetzwerk der SaaleHorizontale, des wunderschönen, ca. 91 km langen Qualitätswanderweges, der zudem im Jahre 2023 zum schönsten Wanderweg Deutschlands gekürt wurde.

Eine Metalltreppe führt ins Innere des Wohnturmes. Ich stehe auf einer kleinen Plattform und lasse das Gemäuer auf mich wirken. Die dicken Wände strahlen Kühle, aber auch Wehrhaftigkeit aus. Mein Blick geht erneut nach oben; nun schaue ich von innen durch die Fensteröffnungen hinaus. Jedoch bleibt mir von meinem Standort aus der Blick auf die Landschaft verwehrt – da der Platz, auf der ich stehe, weit unter besagten Fensterarkaden liegt, sehe ich durch die Öffnungen nur ein kleines Stück Himmel. Von hier oben ließ sich zu damaliger Zeit das weite Tal mitsamt seinen Handelswegen überblicken. Die Burg wurde am Ende einer steil abfallenden Bergzunge der Saale-Ilm-Kalksteinplatte errichtet, an der Einmündung zweier verkehrsgeografisch bedeutsamer Seitentäler in das Saaletal. Maßgeblich für die Wahl des Platzes war die von weitem gut sichtbare Lage der Burg sowie eine für den Verteidigungsfall günstige Geländebeschaffenheit.

Bewohnt wurde die Burg nicht nur von den jeweiligen Edlen mit ihren Familien, sondern auch vom Gefolge des Burgherren, von Dienstleuten und einer militärischen Besatzung. Wie auf allen hochmittelalterlichen Burgen lebten hier nicht nur Adlige, sondern auch Gesinde, Handwerker und Verwalter. Die Burg war Wohnsitz, Verwaltungszentrum und militärischer Stützpunkt zugleich.

Geschichte und Erbauer

Die Lobdeburg wurde um die Mitte des 12. Jahrhunderts als repräsentativer Herrschaftssitz errichtet und nach dem Ort Lobeda benannt. Urkundlich erwähnt wurde sie erstmals 1166. Bauherren waren die Herren von Alerheim/Auhausen, ein schwäbisch-fränkisches Adelsgeschlecht aus der Gegend von Nördlingen im heutigen Bayern. Nach ihrer Übersiedlung nach Thüringen nannten sie sich fortan „Herren von Lobdeburg“.

Die Burg war Mittelpunkt einer ausgedehnten Grundherrschaft. Nach 1250 bauten die Lobdeburger ihre Territorialherrschaft erheblich aus; sie erstreckte sich von Jena bis in das nördliche Thüringer Schiefergebirge. Das Geschlecht verzweigte sich ab dem späten 12. Jahrhundert in mehrere Linien, darunter die Linie Lobdeburg-Burgau, in deren Besitz die Lobdeburg verblieb.

Im zweiten Drittel des 13. Jahrhunderts gerieten die Lobdeburger Burgherren zunehmend in politische Schwierigkeiten – Grund war vermutlich die Verstrickung in eine Revolte gegen Kaiser Friedrich II. Die Familie siedelte um und die Burg wurde zunächst aufgegeben, bevor man sie gegen Ende des gleichen Jahrhunderts erneut als Adelssitz nutzte. In den 1340er Jahren wurden Teile der Anlage verkauft und die Burg in kriegerische Auseinandersetzungen hineingezogen, im Zuge dessen sie großflächig ausbrannte. Nach ihrem Wiederaufbau gelangte sie an die Markgrafen von Meißen, die der Familie Lobdeburg-Burgau jedoch das weitere Nutzungsrecht einräumten. Der letzte Bewohner, Johannes von Lobdeburg-Burgau, verstarb Mitte des 15. Jahrhunderts. Danach war die Burg nicht mehr dauerhaft bewohnt und verfiel zur Ruine.

Die Burganlage

Ihr ältester und eindrucksvollster Teil ist der mächtige Wohnturm (Palas), das Hauptwohn- und Repräsentationsgebäude der Burg; er war das Zentrum des herrschaftlichen Lebens. Beachtlich sind die romanischen Doppelfenster mit Mittelsäule – eine Doppelarkade, die der Anlage einen repräsentativen Ausdruck verlieh. In den oberen Geschossen des Palas wohnte der Burgherr mit seiner Familie, was durch zahlreiche dekorative Gestaltungselemente ersichtlich ist. Die Altarnische zeigt zudem, dass der Turm eine Privatkapelle beherbergte, also Wohnbereich und sakraler Bereich verbunden waren. „Die der Kapelle zuzuordnenden Ausstattungselemente erlauben […] eine Vorstellung vom gestalterischen Reichtum des einstigen Raumkonzeptes, wobei mit der Verwendung von Stuck, Inkrustration, figurativer Bauplastik, Farbverglasung und figürlicher Glasmalerei nahezu die gesamte Bandbreite architektonischer Darstellungsmöglichkeiten ausgeschöpft wird.“ (M. Rupp, Jenaer Archäologische Forschungen 5, 2019, S. 18 f.)

Um den Palas herum sind Teile der Umfassungsmauern, Fundamentreste und weitere Mauerreste erhalten, die den Grundriss der einstigen Burg aufzeigen. Des Weiteren umfasste die Anlage einen schmaleren Wohnturm für den Lehnsadel, Mehrzweckgebäude und einen Zisternenturm, von dem noch mehrere Meter hohe Reste vorhanden sind.  

Über der hier beschriebenen Mittelburg befand sich noch eine Oberburg, die dem Schutz der Hauptburg gedient haben mag und von der heute jedoch nur noch ein kleiner Mauerrest vorhanden ist.

Die Sanierung

Über Jahrhunderte war die Lobdeburg Wind und Wetter ausgesetzt, erfreute sich jedoch zunehmender Beliebtheit als Wanderziel. Ab späten 19. Jahrhundert begann man, ihren kulturhistorischen Wert bewusster wahrzunehmen. Erste Sanierungsarbeiten erfolgten 1907-10912. Umfangreichere Sicherungs- und Sanierungsmaßnahmen, begleitet durch gründliche archäologische Grabungen, erfolgten schrittweise ab 1998. Unter Federführung der Stadt Jena, des Freistaates Thüringen und mit Unterstützung von Denkmalschutzbehörden sowie engagierten Fördervereinen, wie z.B. der Lobdeburggemeinde e. V. 1912, wurden Mauerreste gesichert, Wege angelegt und der Wohnturm statisch stabilisiert. Ziel war und ist es, die Ruine als Denkmal zu erhalten und zugleich für Besucher zugänglich zu machen. Grabungsfunde und Sanierungsarbeiten deckten den architektonischen und gestalterischen Reichtum der Anlage auf und machen den Burgalltag durch zahlreiche Fundstücke nachvollziehbar.

Mit Beginn des Jahres 2025 wurde die letzte Phase der Sanierung eingeleitet, die im Frühjahr 2026 ihren Abschluss finden wird. Diese Arbeiten markieren das Ende einer längeren Zeitspanne, in der die Burgruine nach und nach stabilisiert, gesichert und touristisch aufgewertet wurde. Infolgedessen wird die Anlage für Besucher ganz neu erlebbar sein. Dazu gehören unter anderem sanierte und restaurierte Mauerwerksabschnitte, die Gestaltung des Freigeländes zwischen den Gebäuderesten und die Installation mehrerer Treppenanlagen sowie zusätzliche Informationstafeln. Auf dem Zisternenturm wird eine Aussichtsplattform neue Ein- und Ausblicke eröffnen.

Goethe war auch hier

Johann Wolfgang von Goethe wanderte im Jahre 1802 mit der jugendlichen Sylvie von Ziegesar, Tochter des Freiherrn und Gothaer Geheimrates August Friedrich Carl von Ziegesar, zur Lobdeburgruine hinauf. Die romantischen und sinnlichen Empfindungen, die ihn hier überkamen, goss er in folgende Ballade:

Bergschloß

Da droben auf jenem Berge,

Da steht ein altes Schloß,

Wo hinter Toren und Türen

Sonst lauerten Ritter und Roß.


Verbrannt sind Türen und Tore

Und überall ist es so still;

Das alte, verfallne Gemäuer

Durchklettr′ ich, wie ich nur will.


Hierneben lag ein Keller,

So voll von köstlichem Wein;

Nun steiget nicht mehr mit Krügen

Die Kellnerin heiter hinein.


Sie setzt den Gästen im Saale

Nicht mehr die Becher umher,

Sie füllt zum heiligen Mahle

Dem Pfaffen das Fläschchen nicht mehr.


Sie reicht dem lüsternen Knappen

Nicht mehr auf dem Gange den Trank,

Und nimmt für flüchtige Gabe

Nicht mehr den flüchtigen Dank.


Denn alle Balken und Decken,

Sie sind schon lange verbrannt,

Und Trepp′ und Gang und Kapelle

In Schutt und Trümmer verwandt.


Doch als mit Zither und Flasche

Nach diesen felsigen Höh′n

Ich an dem heitersten Tage

Mein Liebchen steigen geseh′n,


Da drängte sich frohes Behagen

Hervor aus verödeter Ruh′,

Da ging′s wie in alten Tagen

Recht feierlich wieder zu;


Als wären für stattliche Gäste

Die weitesten Räume bereit,

Als käm′ ein Pärchen gegangen

Aus jener tüchtigen Zeit;


Als stünd′ in seiner Kapelle

Der würdige Pfaffe schon da,

Und fragte: „Wollt ihr einander?“

Wir aber lächelten: „Ja!“


Und tief bewegten Gesänge

Des Herzens innigsten Grund;

Es zeugte statt der Menge

Der Echo schallender Mund.


Und als sich gegen den Abend

Im Stillen alles verlor,

Da blickte die glühende Sonne

Zum schroffen Gipfel empor.


Und Knapp′ und Kellnerin glänzen

Als Herren weit und breit;

Sie nimmt sich zum Kredenzen

Und er zum Danke sich Zeit.


Memento mori

Jedes Mal, wenn ich hier oben an der Burgruine stehe, erfasst mich eine Mischung aus Ehrfurcht und Ruhe. Die mächtigen Mauern erzählen von Machtanspruch und Wehrhaftigkeit – und zugleich von Vergänglichkeit. Der Blick ins Tal verbindet Vergangenheit und Gegenwart: Unten breitet sich die moderne Stadt mit Klinik, Straßenbahn und Hochhäusern aus, oben sind die steinernen Reste einer längst entschwundenen Welt dem Zahn der Zeit preisgegeben. Eine Verbindung zwischen Gestern und Heute. Vielleicht ist es das, was mich immer wieder hierherzieht.

Die Lobdeburg hat sich über die Jahrhunderte ihre würdevolle Ausstrahlung bewahrt. Zwischen altem Mauerwerk und weitem Horizont wird Geschichte lebendig – nicht als bloße Jahreszahl, sondern als spürbare Wirklichkeit.

Ein Beitrag von Isabel Bendt



Literaturhinweise:

Landesamt für Archäologie, Sven Ostritz (Hrsg.): Jena und Umgebung – Saale-Holzland-Kreis, West. Archäologischer Wanderführer Thüringen 8. Beier & Beran, Weimar, Langenweißbach 2006, S. 61 ff.

Platen, Michael: Das Wirken der Herren von Lobdeburg im ostthüringischen Raum während des hohen und späten Mittelalters. In: Burgen und Schlösser in Thüringen. Jahresschrift der Landesgruppe Thüringen der Deutschen Burgenvereinigung. Jena (1996 – 2003), vol. 1 (1996), S. 16-22.

Rupp, Matthias: Die Lobdeburg bei Jena. Ergebnisse zu Bauforschung und Archäologie einer Burganlage des 12.-15. Jhs. Dissertation, Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2018. Hrsg. von Peter Ettel, Beier & Beran, Verlag f. Archäologische Fachliteratur, Jena, Langenweißbach 2019.

Rupp, Matthias: Die Lobdeburg bei Jena (Jenaer Archäologische Forschungen, Heft 5). Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Orientalistik, Indogermanistik, Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie, Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte mit Sammlung UFG, Jena 2019.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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