Der Geist in der Maschine – Automaten in der Literatur 2.0

Wie viele andere Autoren fühlte sich Jean Paul von den simulierenden Apparaten angezogen und abgestoßen zugleich, vielleicht weil die künstlerische Arbeit selbst Züge dieser Simulation trägt. Jede Fiktion, jede Skulptur steht in einem sichtbaren oder unsichtbaren Zusammenhang mit dem lebendigen Vorbild. Kunst soll Leben nicht nur darstellen, sondern auch erzeugen, im Betrachter lebendige Prozesse der Wahrnehmung auslösen. Zugleich waren sich Jean Paul, E.T.A. Hoffmann und überhaupt die Romantiker der wachsenden inneren und äußeren Mechanik bewusst. Jean Paul verfasste einen weiteren Text über Automaten unter dem Titel „Der Maschinen-Mann nebst seinen Eigenschaften“, ebenfalls in Des Teufels Papieren erschienen. Nicht nur das Rechnen und Schreiben, sondern auch das Kauen, Essen und Beten, ja noch die Musik werden durch Maschinen ausgeführt, wobei der Komponist sich aus Würfeln zusammensetzt. Am Schluss setzt Jean Paul noch eins drauf und benennt den eigentlichen Maschinen-Mann. Es ist niemand anders als der Leser! Immer wieder beschäftigen den Autor Maschinen, ja er erfindet neue hinzu: „Ohrfeigenmaschinen, Klistiermaschinen, Klatschmaschinen des Publikums, die Päpste nennt er einmal geistliche Waschmaschinen, die ‚Weltweisen’, die Philosophen, geistige Luftpumpen“ (Hädecke 130), ja, der Mensch selbst sei eine von Engeln bediente Maschine. Jean Paul gab seinen Luftgeistern viel Raum, sein Ausgangspunkt war eine Wirklichkeit, die sich von Maschinen bedroht wie angelockt sah. 

Die größte Herausforderung für die Künste stellte eine Figur dar, die schon in ihrem Namen Gefahr und Exotik in eins setzte: der Schach-Türke (vgl. Standage). In Bratislava, das, als es noch österreichisch-ungarisch war, Pressburg hieß, habe ich diesen Schach-Türken, über den so viel geschrieben worden war, gefunden.  Ich entdeckte ihn in dem dunklen Kellerflur eines Hotels, unbeleuchtet stand er mit seiner ausholenden linken Hand, mit der er die Figuren zu ergreifen pflegte, in einer Ecke, nicht weit von den Toiletten. Es war natürlich nur eine Kopie, so wie es viele Kopien von ihm auf der Welt geben muss. Ich schaltete ein Licht an, doch der Türke blieb müde, im Übrigen sah er eher wie ein Mohr aus, und man wundert sich, dass alle vom Türken sprechen. Aber Türken hatten im 18. Jahrhundert den Beiklang von „Gefahr für Wien“, die Osmanen wurden bekanntlich zurückgewiesen, und als Trophäen buk man Bagels (Steigbügel) oder Croissants (Halbmonde). Die Türkenmode war im Schwange, man ließ Bedienstete in türkischen Uniformen arbeiten, man trank türkischen Kaffee und gab der Musik türkische Instrumente bei. Und so trägt der Schach-Türke auch eine Reminiszenz an diese Zeit. Zudem interessierte sich die Kaiserin Maria Theresia für Automaten. Diese Verbindung von alteuropäischem Reich im Südosten und modernster Technik hat etwas von Steampunk – jene Technophantasien, die sich auf die Viktorianer beziehen, da wir klischeeartig den Südosten Europas mit Rückstand und Aberglauben verbinden, wie etwa Bram Stokers Dracula nahelegt.

Jedenfalls tat sich in diesem Widerspruch ein Raum für die literarische Imagination auf: die Kaiserin und der Erfinder. Dieser Erfinder hieß Wolfgang von Kempelen (1734- 1804). Er hatte sich als junger Mann einen Namen gemacht, als er für den österreichisch-ungarischen Staat das lateinisch geschriebene bürgerliche Gesetzbuch ins Deutsche übersetzte. Die Kaiserin beauftragte ihn mit verantwortungsvollen Aufgaben, wie der Wiederbesiedlung des zerstörten Banat im heutigen Rumänien. Er führte sie mit Umsicht und Erfolg aus. Doch Kempelen war auch ein großer Tüftler und Erfinder. Um 1769 begann er sich mit einer Maschine zu beschäftigen, die die menschliche Stimme nachahmen sollte. Er war fasziniert von Androiden. Es war in dieser Zeit,  als er mit der Kaiserin zusammen einer Vorführung der „magnetischen Spiele“ des Franzosen Jean Pelletier beiwohnte. Kempelen war nicht beeindruckt und behauptete, eine Maschine bauen zu können, die dieses Spielwerk weit übertreffen würde. Die Kaiserin nahm ihn beim Wort und stellte ihn für sechs Monate von seinen Pflichten frei, damit er in Pressburg einen solchen Automaten baue.   

Auch diesmal hielt er Wort und rückte im Frühjahr 1770 mit seinem Automaten in Wien an: es war ein lebensgroßer Türke hinter einem Tisch mit einem Schachbrett. Als Kempelen dem Publikum erklärte, es handle sich um einen Schachautomaten, war man tief beeindruckt und verunsichert. Der Schranktisch hatte vorne drei Türen und eine lange Schublade darunter. Der Orientale hielt eine Pfeife in der Rechten und spielte mit der Linken. Kempelen führte zunächst den Schrank vor, öffnete alle Türen nacheinander, leuchtete von hinten mit einer Kerze, um zu zeigen, dass niemand darin versteckt war. Man sah ein mechanisches Werk im Schrank, man hörte es schnarren und rasseln. Auch der Türke konnte Geräusche von sich geben, die Augen rollen und später sogar „Échec!“ sagen, „Schach!“ Es zeigte sich bald, dass der Türke so gut wie alle seine Gegner schlug, und zwar schnell und effektiv. Der Graf Cobenzl war wohl sein erstes Opfer, er musste sich innerhalb einer halben Stunde geschlagen geben. Bald war der Schachtürke Stadtgespräch in Wien. Man wunderte sich vor allem darüber, dass die Maschine ähnlich wie ein Mensch reagierte und auf alle möglichen Situationen zu reagieren wusste. Wenn man ihn betrügen wollte, so wischte er wütend alle Figuren vom Brett. So kamen bald die ersten Schriften auf, in denen man sich mit den Geheimnissen des mechanischen Schachspielers beschäftigte. Von Anfang an gab es den Verdacht, hier handele es sich um einen Komplott zwischen Maschine und Mensch. Auch wenn man keinen menschlichen Spieler sehen konnte, so vermutete man doch, der Apparat könne, sei es von außerhalb, von innen oder von Kempelen selbst bedient werden. In dieser Rätselhaftigkeit aber lag der Reiz. War es nur Maschine, dann konnte diese Wunder vollbringen, die bislang kein mechanisches Spielzeug hatte leisten können. War es Mensch und Maschine, dann handelte es sich um einen ersten Cyborg, einen Zentauren der Technik. Bald geriet der Automat jedoch in Vergessenheit. Er wurde wieder aufgeweckt, als ein russischer Großfürst Kaiser Joseph II. in Wien besuchte. Der Kaiser beurlaubte Kempelen für zwei Jahre und schickte ihn auf Tournee. Damit aber begann die internationale Karriere des Türken. In Paris konkurrierte er erfolgreich mit anderen Automaten. Die solitären Aktivitäten der Vaucansonschen Automaten, von der mechanischen Ente bis zum Flötenspieler und provenzalischen Trommler, gehörten in eine andere Kategorie. Kempelen griff den menschlichen Hochmut in seinem Kern an, den Verstand, noch dazu im Zeitalter der Aufklärung, die diesen hoch verehrte. Einer der ersten Spieler, der gegen den Türken antrat, war Benjamin Franklin; er zog den Kürzeren. Wer aber nicht verlor, war der große framzösische Schachspieler Philidor. Doch gab er nachher an, noch nie habe ihn ein Spiel so erschöpft wie dieses mit dem Türken. In diesen Jahren erschienen auch die ersten Traktate, die den Türken erklären wollten. 1804 starb Kempelen und die Maschine wurde von dem Schausteller und Automatenbauer Johann Nepomuk Mälzel erworben. 1808 ließ er Napoleon gegen ihn spielen; der Korse, das Siegen gewohnt, musste hier klein beigeben, ein Vorgeschmack auf die Jahre, die da für ihn kommen sollten. Er soll ein schlechter Verlierer gewesen sein.

Zu den schönen Geschichten gehört die Legende über einen Polen im Schachautomaten. Kempelen soll durch Russland getourt sein. In seinem Kasten saß angeblich ein polnischer Offizier, der in einer Schlacht gegen die Russen seine Beine verloren hatte. Nun rächte er sich durch sein geniales Schachspiel an seinen Feinden in Kaluga, Smolensk und Vitebsk. Dieser Worousky war bald der meistgesuchte Mann in Russland, doch er spielte Schach unter den Augen von Katharina der Großen. Eine saubere Geschichte, leider ganz und gar erfunden von Houdin oder jemand anderem, aber sie hielt sich bis in die Encyclopaedia Britannica von 1911 hinein. Auch Romane haben sich auf diesem Humus gebildet: 1894 erschien Sheila E. Braines The Turkish Automaton und 1926 Henry Dupuy-Mazuels Der Schachspieler.

Fortsetzung folgt

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

Eine Antwort auf „Der Geist in der Maschine – Automaten in der Literatur 2.0“

  1. Das war sehr beeindruckend und interessant geschrieben.
    Sobald ich angefangen hatte zu lesen, wollte ich unbedingt weiterlesen, um das Ende zu erfahren. Schön auch der versteckte Humor des Autors beim Schreiben.

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