Es lebe der Mythos!? – Drei aktuelle Positionen, die an das verbindungsstiftende Potential von Mythen erinnern

Märchen sind Weiber- und Kinderkram, Mythen sind für Primitive, alles ist rückständig und vom Logos zu überwinden – so oder ähnlich ließe sich, grob gesagt, das Mythen-Verständnis der Moderne zusammenfassen. Schon Adorno machte allerdings darauf aufmerksam, dass auch die mythenbefreite Weltanschauung der Aufklärung nicht umhinkommt, wieder neue Mythen zu generieren. Und die moderne Literatur hat sich reichlich aus den Mythen der Vormoderne bedient, sie jedoch zu Bricolages und Rewritings weiterverarbeitet, die noch in der Postmoderne dafür gefeiert werden, dass sie jeglicher Sinnstiftung den Boden entziehen.

Aktuell sind es insbesondere Denker, die sich um unser Verhältnis zur Welt und zur Natur sorgen, die wieder auf den Wert von Mythen aufmerksam machen. Drei Positionen möchte ich im Folgenden kurz umreißen und zu einer eingehenderen Lektüre anregen: die des kanadischen Philosophen Charles Taylor, die der britischen Religionswissenschaftlerin und Bestsellerautorin Karen Armstrong, und die der französischen Philosophin Émilie Hache.

1. Charles Taylor, Cosmic Connections. Poetry in the Age of Disenchantment, Harvard UP, 2024.

Der vielleicht bedeutendste zeitgenössische Philosoph im englischen Sprachraum, Charles Taylor (geb. 1931), widmet sich in seinem jüngsten Buch Cosmic Connections (2024) der romantischen und postromantischen Dichtung und Philosophie. Im Fokus stehen neben den englischen Romantikern (Wordsworth und Coleridge) vor allem Novalis, Hölderlin, Hamann, Herder und Humboldt. Auch spätere, für naturreligiöse Empfindungen bekannte Dichter wie Rilke, Gerard Manley Hopkins und Annie Dillard sind Gegenstand der Untersuchung. Als praktizierender Katholik und ehemals in Kanadas moderat sozialistischer New Democratic Party aktiv ist Taylor konservativ und liberal-progressiv zugleich. Entsprechend fällt auch seine Haltung zur Moderne und zum Mythos aus: Taylor begreift die Moderne zwar als Verlustgeschichte der Entzauberung (wie schon der Titel des Buchs verdeutlicht), er will aber auch nicht zurück ins katholische Mittelalter oder in eine idealisierte Vormoderne, in der die Welt angeblich noch in Ordnung war. Stattdessen versteht Taylor Phänomene der Moderne als Antwort auf menschliche Grundbedürfnisse, für die in der Vormoderne Religion und Mythos zuständig waren, und auf die im 19. und 20. Jahrhundert Dichtung, Kunst und Philosophie antworten. Was der Mensch durch die industrielle und naturwissenschaftliche Entzauberung der Welt nach Newton und Descartes verloren hat, so Taylor, ist ein umfassendes Gefühl von Verbundenheit – mit der Natur, mit seinen Mitgeschöpfen, und mit dem Kosmos. Dies wird ihm wiedergegeben in Kunst und Dichtung und in einer Philosophie, die Empathie und organische Verbundenheit von allem mit allem zu einem ihrer zentralen Anliegen macht, und poetische Bilder für die Sakralität der Schöpfung findet. Romantische und postromantische Dichtung und Philosophie als Wiederverzauberung der Welt und verbindungsstiftender Mythos-Ersatz? Gegen Ende seines Buchs wird Taylor noch einmal deutlich: unserer

(relativ späten) „theoretischen“ Phase der sich entwickelnden menschlichen Kultur […] muss eine Phase vorausgegangen sein, die [Merlin Donald] die „Mythische“ nennt, in der der ursprüngliche Sinn des Gemeinlebens in Geschichten (Mythen) ausgedrückt wurde, sowie in periodisch wiederkehrenden Rückverbindungsritualen mit den Göttern, Geistern und Kräften, von denen die Geschichten erzählten.

Rituelle Rückverbindung: wir, die wir weit fortgeschritten sind im theoretischen Zeitalter können mit Verachtung auf unsere Vorfahren zurückblicken; und viele von uns tun dies (irrtümlicherweise) auch. Dabei gibt es keinen Grund, weshalb wir die Bedürfnisse, die Fertigkeiten verloren haben sollten, einschließlich die der rituellen Anrufung, die uns in der früheren Epoche zu eigen war. Sie scheinen in der Tat immer noch zu fortzuleben in unseren Dichtern, Schriftstellern, Malern und Komponisten, von denen einige in diesem Buch angerufen wurden. (S. 597)


2. Karen Armstrong, Sacred Nature. Restoring Our Ancient Bond with the Natural World, 2022.

Karen Armstrong (geb. 1944) ist eine ehemalige Nonne, ihr Buch Sacred Nature (2022) wird von Taylor erwähnt. Insofern verwundert nicht, dass hier eine gewisse geistige Verwandtschaft besteht. Trotz seiner Aktualität in Bezug auf umweltphilosophische Debatten wurde das Buch, das vom New Yorker zu einem der „Best Books of 2022“ gekürt wurde, noch nicht ins Deutsche übersetzt. Armstrongs Perspektive ist radikaler und kulturhistorisch weiter gefasst als die von Taylor. Ihr geht es zwar auch um Verbundenheit, ganz konkret aber um unseren „ancient bond“ mit der Natur, den die westliche Zivilisation aufgegeben hat, der aber von allen Naturvölkern als offensichtlich wahrgenommen wurde und Dreh- und Angelpunkt ihres Selbstverständnisses, ihrer Mythen und Rituale war und ist. Als Religionswissenschaftlerin interessiert sich Armstrong vor allem für den bei uns verloren gegangenen Begriff einer heiligen Natur und lenkt den Blick auf die religiösen Traditionen, wobei sich die monotheistischen Religionen einige Kritik gefallen lassen müssen. Eine positive Ausnahmeerscheinung sieht Armstrong im Buch Hiob. Von den großen Weltreligionen erscheint ihr der Taoismus mit seiner expliziten Orientierung an natürlichen Prinzipien besonders vorbildlich – das Fließen des Wassers, der sich stets wandelnden Natur und des im Grunde nicht benennbaren Geheimnisses ihrer Lebens- und Regenerationskraft, des Qi. Als eine der international führenden Stimmen im interreligiösen Dialog findet Armstrong freilich in jeder Tradition ein gutes Korn, und es liegt ihr fern, irgendeine Religion zu verteufeln. Gleichwohl übt sie Kritik, wo sie angebracht ist, denn gerade die westliche Zivilisation hat sich in Sachen Umweltzerstörung einiges zu Schulden kommen lassen, und genau deshalb sind ihre geistigen Grundlagen kritisch zu beleuchten. Hier gerät auch die antike Philosophie ins Kreuzfeuer: in ihrem Kapitel „From Mythos to Logos“ beklagt Armstrong die von griechischen Philosophen gezielt vorangetriebene Überwindung des Mythos durch den Logos, was auch den Verlust jener Mythen bedeutete, die unsere Verbindung mit der Natur versinnbildlichten und einen konkreten Handlungsrahmen boten:

Die großen Mythen der Vergangenheit präsentierten die Welt als von Heiligkeit durchtränkt […]. Viele Mythen unserer Vorfahren […] lehrten, die natürliche Umwelt zu (ver)ehren. Anders als in unseren modernen Umweltdiskursen wurde die Natur mehr imaginativ und ästhetisch als naturwissenschaftlich erlebt. Das bedeutete den Einbezug von Gefühlen und des Körpers (über Rituale wurde der Mythos ins Leben integriert).

Der Mythos ist keine minderwertige Untersuchungsmethode, die beiseitegeschoben werden kann, sobald ein Mensch vernünftig zu denken gelernt hat. Er ist kein früher Versuch der Geschichtsschreibung; er nimmt nicht für sich in Anspruch, objektiv wahr zu sein. Vielmehr hilft er uns, neue Möglichkeiten zu sehen. In der Kunst, wenn sie von den Zwängen des Logos befreit ist, erhalten wir […] neue Ausdrucksformen, die unser Leben bereichern und uns etwas Wichtiges mitteilen, das uns neue Einblicke gewährt in das verstörende Rätsel unserer Welt. […] Die alten Mythen über die Natur waren ein Versuch, die verborgene Wirklichkeit der natürlichen Welt zu beschreiben und wirksam und sicher in unserer Umgebung zu leben. (S. 27)


3. Émilie Hache, „Aus der Erde geboren: ein neuer Mythos für Erdverbundene“ (2021)

Mag der Ausdruck ‚Mutter Erde’ noch so verstaubt und unpassend erscheinen, er drückt doch etwas aus, das uns heute deutlich vor Augen tritt, das aber erst nach langer Zeit wiederendeckt und auch benannt werden konnte: unsere Verbindung zur Erde. Hinter diesen abgenutzten Worten profiliert sich ein neuer Schöpfungsmythos, ein neuer Mythos für Erdverbundene. (S. 92)

Die französische Philosophin Émilie Hache (geb. 1976) leitet das Philosophische Institut der Universität Paris-Nanterre und steht dem Ökofeminismus nahe. Ihr Essay „Aus der Erde geboren: ein neuer Mythos für Erdverbundene“ ist im Jahr 2021 in einer von Peter Weibel und Bruno Latour herausgegebenen Publikation des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) erschienen. Der in jeder Hinsicht lesenswerte Essay ruft behutsam aber bestimmt zu einer radikalen Reflexion unserer Geschichtserzählung auf, insbesondere angesichts der voranschreitenden Zerstörung der Umwelt samt ihrer langen Vorgeschichte, die nicht erst mit der industriellen Revolution begann. Ausgehend vom alten Mythos der Mutter Erde zeichnet Hache den Weg der zivilisatorischen Entwicklung Europas und der Ausbeutung der Erde nach, die über viele Jahrhunderte noch als weiblich gesehen wurde. In Revolten gegen den Bergbau spielte diese Metaphorik immer wieder eine Rolle. Schon Carolyn Merchant, auf die Hache sich hier bezieht, hatte in ihrem einflussreichen Buch The Death of Nature (1980) darauf hingewiesen, dass in der griechisch-römischen Antike neben der aristotelischen und platonischen Tradition auch noch tellurische, erdverbundenere Denktraditionen existierten, zu denen z.B. Plinius zu rechnen ist. Er sprach sich vehement gegen den Bergbau aus und verglich diesen mit einer von Gier getriebenen Vergewaltigung des weiblichen Körpers, seine Ehre und Heiligkeit missachtend. Der gesamte Komplex des Mutter-Erde-Mythos und die damit einhergehende Wertschätzung von weiblicher Geburt, Fruchtbarkeit und Natur würde eigentlich einen Rekurs auf matriarchale Kulturen bzw. die Matriarchatsforschung nahelegen, aber so weit geht Hache – aus welchen Gründen auch immer – nicht. Sie stellt nach einem Exkurs über Demeter-Kulte im antiken Griechenland lediglich fest, dass im griechischen Mythos Athene aus dem Kopf von Zeus geboren wird, und dass das Problem möglicherweise hier schon anfängt. An dieser Stelle wird noch einmal deutlich, dass eine Rückkehr zum Mythos im Allgemeinen nicht die Lösung sein kann, sondern dass es um die frühesten Ausprägungen des mythischen Denkens geht, das den Menschen in eine dankbare, emotional und physisch verbundene Beziehung zur Natur, zur Erde und zum Leben, setzt. Es gäbe noch viel zu forschen und aufzudecken, so Hache, die sich in ihrem Essay vor allem auf Griechenland konzentriert, wobei unorthodoxe Forschungsmethoden durchaus angebracht seien. Dieser Aufforderung will man gerne folgen…

Ein Beitrag von Dr. Claudia Richter


Literaturhinweise:

Armstrong, Karen, Sacred Nature. Restoring Our Ancient Bond with the Natural World, Knopf, 2022.

Hache, Émilie, „Aus der Erde geboren: ein neuer Mythos für Erdverbundene“, Bruno Latour, Peter Weibel (ed.), Critical Zones: Die Wissenschaft und Politik der Landung auf der Erde, ZKM Publikationen, 2021. https://hal.science/hal-04406062/document

Merchant, Carolyn, The Death of Nature. Women, Ecology, and the Scientific Revolution – How Modern Science Sanctioned Exploitation and Subordination, Harper One, 1990 (1980).

Taylor, Charles, Cosmic Connections. Poetry in the Age of Disenchantment, Harvard UP, 2024.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

In deutscher Übersetzung von Michael Bischoff: Kosmische Verbindungen. Dichtung im Zeitalter der Entzauberung, Suhrkamp, 2026. Das Buch ist noch nicht erhältlich.

Anmerkung: Zitate aus dem Englischen wurden von der Autorin übersetzt, da bislang noch keine deutsche Fassung der Werke vorliegt.

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