Wenn Zahlen erzählen: Zahlen als Strukturelement in Mythen und Märchen

Zahlen tauchen in Erzähltraditionen so hartnäckig auf, als wollten sie nicht nur zählen, sondern uns auf etwas aufmerksam machen. Warum regnet es „vierzig Tage“, warum sind es „sieben Zwerge“, warum wird ausgerechnet „666“ zur Chiffre des Unheils und warum finden wir dieselbe Obsession für Zahlen ausgerechnet in den Naturwissenschaften wieder? Dieser Beitrag folgt einer irritierenden Spur: Zahlen als Ordnungsmacht – und als unterschätztes Bindeglied zwischen Mythos und Formel.

Zahlen überall: von Noah bis Order 66

„Noah war 600 Jahre alt, als die Sintflut über die Erde kam.“ (1. Mose 7,6) „Und der Regen fiel auf die Erde vierzig Tage und vierzig Nächte.“ (1. Mose 7,12) „Am 17. Tag des 7. Monats ließ sich die Arche auf dem Gebirge Ararat nieder.“ (1. Mose 8,4) Jesus war „ungefähr dreißig Jahre“ alt, als sein Wirken begann (Lukas 3,23). Buddha verlässt seinen heimatlichen Palast und beginnt sein Wirken ebenfalls im 30. Lebensjahr. Schneewittchen ging über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Und sieben Ringe erhalten die Zwergenherrscher in ihren Hallen aus Stein im weltberühmten Ring-Epos von J. R. Tolkien. 666 ist die Zahl des Untiers in der biblischen Apokalypse. Und die Order 66 ist der geheime Befehl in der Science-Fiction Saga Star Wars, der besagt, dass alle Jedi zu vernichten sind.

Das ist doch nur Statistik – oder?

Zahlen sind in Mythen, Märchen und heiligen Schriften allgegenwärtig. Sie ziehen sich durch die Geschichten aller Kulturen und Zeiten bis hinein in moderne Sagen und epische Kinofilme. Sie sind ohne Zweifel ein gemeinsamer Nenner aller Erzählungen. Das erscheint auf den ersten Blick auch nicht verwunderlich, denn Zahlen prägen unser Leben. Wir sind 47 Jahre alt, wohnen in der Hausnummer 13, nehmen den Bus 260 zur Arbeit, haben 65 Euro in der Geldbörse und werden Dritter beim Tennisturnier. Zahlen sind natürlich universell. Sie beschreiben Mengen und Größen, und diese kommen nun mal überall vor.

Aber so einfach ist das nicht, wenn wir auf die Zahlen in den zahlreichen Mythen, Märchen und Geschichten schauen. Denn es ist ganz offensichtlich naiv zu glauben, sie könnten Ausdruck bloßer Fakten gewesen sein. Das wird besonders deutlich, wenn es sich um völlig unrealistische Zahlen handelt: Adam zeugt seinen Sohn mit 130 Jahren und lebt danach noch 800 Jahre; Noah wird mit 500 Jahren Vater und erreicht ein Lebensalter von 950 Jahren und in der sumerischen Königsliste soll der erste König Alulim sogar 28.800 Jahre regiert haben. Diese Zahlen sind ganz offensichtlich Unsinn – jedenfalls dann, wenn man sie wörtlich versteht. Es liegt viel näher, dass die Verfasser der Texte keine quantitative Botschaft vermitteln wollten, so wie wir heute Zahlen nahezu ausschließlich verstehen, sondern eine qualitative.

Wiederkehrende Zahlen, wiederkehrende Muster: Zufall?

Das unterstreicht eine weitere erstaunliche Beobachtung: Bestimmte Zahlen kommen in ähnlichen Zusammenhängen in unterschiedlichsten Texten immer wieder vor, wie die Beispiele in der Einleitung bereits andeuten. Es gibt zahlreiche mehr davon: Vier Flüsse fließen durch den Garten Eden, und diese Erzählung vom Paradies hat vier Protagonisten. Das vergleichbare Auenland im „Herr der Ringe“, das ebenfalls Ausgangspunkt einer Erzählung ist, ist viergeteilt, und der Hobbit-Kern besteht aus vier Personen. In der Bibel heißt es „Einer ist Gott.“ und in der Ursprungsgeschichte von J. R. Tolkien, dem Simarillion, beginnt alles mit „Eru war da, der eine.“ Zufall? Natürlich wiederholen sich Zahlen zwangsläufig, da sie überall universell benutzt werden. Aber so leicht ist es nicht, denn Zahlen haben in den Geschichten meist eine zentrale Stellung, und diese lässt sich nicht mit ihrer quantitativen Eigenschaft erklären. Augustinus bringt es pointiert auf den Punkt: „Denn nicht ohne Grund wird in den heiligen Schriften die Zahl mit der Weisheit verbunden.“

Warum wir Zahlensymbolik für Aberglauben halten (und trotzdem daran hängen)

Wenn „Sechse kommen durch die ganze Welt“, „1001 Nacht“, „Die 12 Aufgaben des Herkules“ oder „Du musst verstehn! Aus Eins mach Zehn, Und Zwei lass gehn, Und Drei mach gleich, ..“ aus dem berühmten Hexeneinmaleins in Goethes Faust also keine Mengenangaben sind, sondern Inhalte vermitteln wollen, dann ist die Frage: welche? Davon haben wir heutzutage keinen blassen Schimmer mehr. Wir wissen nicht, welche symbolische Bedeutung der 12 zukommt oder warum gerade die Sieben nachweislich eine besondere Faszination auf Menschen ausübt – seit Jahrtausenden (vgl. sogenanntes Blue Seven Phänomen). Eine große Zahl der aufgeklärten modernen Menschen tut das Thema Zahlensymbolik ab mit dem Hinweis, es handle sich um einen überholten Aberglauben früherer, noch nicht so gebildeter Kulturen, der keine Weisheiten vermittelt, die heute noch richtig oder wichtig sein könnten. Bestärkt werden sie dabei durch all den Unfug, den Numerologie, Orakelsysteme und esoterische Deutungsszenen aus Zahlen gemacht haben. Aber kippt man hier nicht das Kind mit dem Bade aus? Denn nur weil einige Missbrauch mit einer qualitativen Betrachtung von Zahlen betrieben haben, muss dann die Ansicht, dass Zahlen universelle Prinzipien zum Ausdruck bringen können, auch gleich mitverdammt werden? So weit gehen viele.

Aber warum wird Goethes Faust so beharrlich als Gipfelwerk der deutschen Literatur gehandelt – wenn derselbe Goethe ganz offensichtlich ein Zahlenfan war? Wie kann die Bibel, das meistverkaufte Buch der Welt, eine solche Wirkungsgeschichte entfalten, obwohl sie Zahlenangaben enthält, die offenkundig der Realität widersprechen. Warum lesen Menschen, die sich als aufgeklärt und gebildet verstehen, ihren Kindern „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ vor? Oder „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“? Oder „Die sieben Raben“? Das wirkt widersprüchlich: Wir erklären den Zauber für erledigt – und können trotzdem nicht von ihm lassen.

„Alles ist Zahl“ – und das war nie nur Mathematik

Die zentrale Rolle von Zahlen ist keine neue. Von Pythagoras soll der Ausspruch stammen: „Alles ist Zahl“. Er gilt bis heute als einer der Gründer des modernen wissenschaftlichen Denkens, da er versuchte, die Welt außerhalb von ungreifbaren Göttern zu beschreiben. Gerne übersehen wird, dass Pythagoras dies nicht nur in einem mathematischen Sinn verstand. Vielmehr sah er in den Zahlen die Grundprinzipien der Welt. Für ihn hatte jede Zahl eine inhaltliche Bedeutung. So stand die Eins (Monas) für Einheit und Vollkommenheit, die Zwei (Dyade) für das Andere, die Polarität usw. Diese lehrte er in seinen berühmten Geheimbünden.

Was heutzutage weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Auch der große Platon verfolge eine ähnliche Ansicht. Jeder kennt seine berühmte Ideenlehre, aber kaum jemand seine These: „Die erste und wichtigste Wissenschaft ist die der Zahl als solcher, wobei das gewöhnliche Rechnen ausgeschlossen ist.“ Gleichsam wird Platon nach wie vor als der Wegbereiter nicht nur der Philosophie, sondern des wissenschaftlichen Denkens überhaupt bezeichnet. Er wirkte weit über die Philosophie hinaus: auf spätere biblische Lehren ebenso wie auf das Denken, aus dem später die Naturwissenschaften hervorgingen. Alfred North Whitehead, eine prägende Gestalt der Naturwissenschafts- und Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts, brachte es zugespitzt auf den Punkt: „Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.“

Wenn man sich diese einflussreiche Herkunft eines qualitativen Zahlenverständnisses vor Augen führt, wirkt es plötzlich weit weniger überraschend, dass Zahlen auch in Mythen und Märchen nicht bloß zählen, sondern eine inhaltliche Seite haben.

Die zweite Heimat der Zahl: Naturwissenschaft

Das Thema Zahlen fasziniert also – aber nicht nur in diesem Sinn. Blickt man auf ihre Rolle in den Naturwissenschaften, trifft „Alles ist Zahl“ hier tatsächlich zu hundert Prozent zu, wenn auch anders als oben gemeint. Denn wohin wir auch schauen: Die Welt lässt sich mit nichts anderem so präzise erfassen wie mit Zahlen. Warum sich die Prozesse der Natur so exakt mathematisch formulieren und sogar vorausberechnen lassen, bleibt dabei eines der großen Rätsel der Wissenschaft. Wir wissen, wo die Planeten nicht nur vor 1000 Jahren standen, sondern auch in 1000 Jahren stehen werden. Wir können berechnen, wie ein Stein zu Boden fällt oder wie sich eine atomare Kettenreaktion steuern lässt. Und wir speichern nahezu jede Information in Zahlen – Computer sind im Kern nichts anderes als gewaltige Zahlenmaschinen; Zahlen sind ihr Grundelement.

Von Galileo Galilei soll der Ausspruch stammen: „Die Mathematik ist die Sprache, mit der Gott das Universum geschrieben hat.“ Der berühmte zeitgenössische Physiker Roger Penrose hat dies gleichermaßen hervorgehoben: „Die natürlichen Zahlen waren da, bevor Menschen oder auch irgendwelche anderen Geschöpfe hier auf der Erde waren, und sie werden auch noch da sein, wenn alles Leben erloschen ist.“

Eine irritierende Parallele – und eine unbequeme Frage

Ist das nicht eine faszinierende Parallele? In den modernsten Naturwissenschaften sind Zahlen der grundlegende Baustoff und zugleich spielen sie in Mythen, Märchen und Geschichten eine auffallend zentrale Rolle. Auf den ersten Blick geschieht das in völlig unterschiedlicher Weise. Doch ist es nicht genau das, wonach wir insgeheim suchen: einen gemeinsamen Nenner zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, zwischen Erzählung und Formel?

Vielleicht lohnt es sich, wieder offener hinzusehen und dieses Element, das seit Jahrtausenden universal verwendet wird, wieder ernster zu nehmen. Vielleicht haben diese Fachbereiche mehr Berührungspunkte, als wir heute für möglich halten. Der Gedankengang mag ungewohnt klingen. Aber sowohl Mythen, Märchen und Weisheitslehren als auch die Naturwissenschaften wollen letztlich dasselbe: die Welt und ihre Prinzipien im Kern verstehen und verständlich machen. Und wenn all diese Disziplinen, so verschieden sie auch sein mögen, dieselbe Wirklichkeit beschreiben, warum sollten sie nicht auch auf dieselben Strukturen stoßen? Wieso wundern wir uns eigentlich, dass Angler, die im selben Teich fischen, ähnliche Fische fangen?

Ein Beitrag von Dr. Dr. Ruben Stelzner


Mehr unter www.rubenstelzner.com oder im Buch „Verlorene Weisheit“ von Dr. Dr. Ruben Stelzner


Dr. Dr. Ruben Stelzner studierte geistes- und naturwissenschaftliche Themenfelder und ist als Unternehmer im Gesundheitsbereich tätig. Aus dieser Verbindung von Theorie, Praxis sowie philosophischen Arbeiten – unter anderem als Autor – widmet er sich der Frage, welche wiederkehrenden Prinzipien sich in scheinbar weit entfernten Bereichen erkennen lassen: von Naturwissenschaft und Philosophie über Kunst und Kultur bis hin zu Dynamiken von Wachstum und Wandel in Organisationen. Seine Vorträge sind als Einladung zum Mitdenken angelegt: interdisziplinär, anschaulich und mit dem Anspruch, das Gemeinsame hinter getrennt erscheinenden Disziplinen sichtbar zu machen – oft gerade dort, wo man es nicht erwartet. Neben seiner Vortragstätigkeit vor Fachpublikum, an Universitäten und in philosophischen Formaten verfolgt er diese Fragen auch in seinem Buchprojekt „Verlorene Weisheit“.


©  Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

Mehr unter www.rubenstelzner.com.

Mehr unter www.rubenstelzner.com oder im Buch „Verlorene Weisheit“ von Dr. Dr. Ruben Stelzner

Eine Antwort auf „Wenn Zahlen erzählen: Zahlen als Strukturelement in Mythen und Märchen“

  1. Wunderbar. Wenn ich mir in Erinnerung rufe,wie ich damals im Mathematikunterricht regelrecht kapitulierte. Ständig Doppelstunden der Verzweiflung, Horrortrips im Bewusstsein der Wichtigkeit der Mathematik im Bezug auf die eigene Zukunft. So war es die Geometrie,die mir die Zensur und mein kleines Selbstbewusstsein einigermaßen rettete. Für mich war damals klar: “ Du wirst immer abseits dessen stehen,was man“ Erfolg “ nennt. Ganz so dramatisch war es dann doch nicht. Als der amerikanische Astronom carl sagan in Fernsehdokumentationen auftrat war es für mich wie ein rettendes Schiff in die Welt der Naturwissenschaften und aus einer,fast grundsätzlichen Abneigung wurde eine kleine,stille, dann stärker werdende Hinwendung, Zuneigung bis letztlich Bewunderung. “ Das Fleisch Gottes?“ Ja. So habe ich das benannt was ich erstmalig als reine Simulation auf einem Computer sah. Auf eine große Leinwand im Hamburger“ Grünspan “ projeziert, waberten schwingende,elektrisierte farbige Linien,Quadrate,Rechtecke,Dreiecke ineinander übergehend im Takt zu den Klängen meines Tanzes. Unvergessen. Alles Nullen und Einsen die derartige Eindrücke hinterlassen und in der elektronischen Musik,die ich seit meiner Kindheit liebe kann ich dann das gehörte in meinem kleinen biologischen “ Rechner“ ( Oberstübchen) alles wieder bildlich zusammenfügen. 🤗🤗🤗

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