Pop-Stars der Jahrhunderte – Heute: John Lennon

ALL YOU NEED IS LOVE. IMAGINE. STRAWBERRY FIELDS FOREVER. NUTOPIA.

Über John Lennon ist in den vergangenen mehr als sechs Jahrzehnten eine kaum mehr zu überblickende Text-, Bild- und Klangmenge produziert worden. Biographien, musikwissenschaftliche Analysen, zeitgeschichtliche Einordnungen, hagiographische Annäherungen und kritische Demontagen stehen nebeneinander. Anders als in meinem ersten Beitrag zu Paul Gerhardt darf ich daher voraussetzen, dass die Figur John Lennon der überwiegenden Zahl der Leserinnen und Leser bekannt ist. Allen, die nach Lennons Tod geboren sind oder auch nur wie ich nach der BEATLE-Mania aufwuchsen, empfehle ich den Mut, weiterzulesen. Das Problem ist hier nicht Unkenntnis, sondern Überkenntnis. Wer über Lennon schreibt, schreibt immer schon gegen einen übermächtigen Deutungskorpus an. Und das Thema „John Winston Ono Lennon“ ist so groß, dass ich vor Ehrfurcht erstarren kann, ohne ein Wort über ihn zu schreiben.

Man kann darauf auf zwei Arten reagieren: entweder mit Resignation – und Schweigen wäre in diesem Fall eine durchaus respektable wissenschaftliche Geste – oder mit bewusster Perspektivierung. Ich entscheide mich für Letzteres und nähere mich Lennon nicht primär als Pop-Ikone, sondern als Produzent von Räumen: imaginären, biographischen und konkret topographischen. Ein Zugang, der sich überraschend aus einem medialen Fund ergab.

Im Juli 2026 stieß ich in den Archiven des Deutschlandfunks auf den Podcast „Mind Games John Lennon“ von Michael Groth aus dem Jahr 2020. Dieser greift eine fünfteilige RIAS-Serie von 1981 auf, gestaltet von Siegfried Schmidt-Joos, entstanden unmittelbar im Schatten von Lennons Ermordung. Diese doppelte Zeitlichkeit – 1980/81 und Gegenwart – erzeugt eine eigentümliche Perspektive: Lennon erscheint gleichzeitig als historische Figur, als gerade Verstorbener und als bereits kanonisierter Mythos. Es ist diese Gleichzeitigkeit von Nähe und Distanz, die produktiv macht.

Ein frühes Beispiel für Lennons Fähigkeit, globale Resonanzräume zu schaffen, ist der Auftritt am 25. Juli 1967 der BEATLES im Rahmen der ersten weltweiten Satelliten-Livesendung „Our World“. Vor rund 700 Millionen Menschen performten die BEATLES „All You Need Is Love“. Beim letzten Satz bekomme ich Gänsehaut während ich ihn schreibe. Wo also anfangen, womit enden? Was gibt es über John Lennon in vielleicht dreitausend Wörtern noch zu sagen? Von einem wie mir, der niemals von der Beatle-Mania erfasst war. John Lennon ist nur ein Jahr jünger als meine Mutter, wir gehören unterschiedlichen Generationen mit völlig anderen Vorzeichen an. Als ich 1967 geboren wurde, waren die Gruppenmitglieder der Beatles bereits in der Experimentierphase mit Marihuana (Dank des Einflusses von Bob Dylon) und psychodelischen Drogen wie LSD sowie unter Einfluss des indischen Guru Maharishi Mahesh Yogi mit der Transzendentalen Meditation vertraut.

Technisch war „Our World“ ein Meilenstein, kulturell ein Ereignis von kaum zu überschätzender symbolischer Dichte und Tragweite. Die Welt als simultane Öffentlichkeit – und als emotional adressierbares Kollektiv. Erstmals. Man könnte zugespitzt formulieren: Hier wird eine säkulare Universalreligion im Medium des Fernsehens erprobt. Genau das verleitete wohl John Lennon zu seiner sehr stark gescholtenen Aussage: „Das Christentum wird vergehen. Es wird verschwinden und eingehen. […] Wir sind heute beliebter als Jesus – ich weiß nicht, was zuerst verschwinden wird, der Rock ’n’ Roll oder das Christentum.“ Das kann jenem über die Lippen gleiten, dessen Auftritte von kreischendem, ja ekstatischen Publikum begleitet werden.

In Großbritannien fanden diese Äußerungen wenig Beachtung. Als das Interview allerdings vier Monate nach seinem Erscheinen in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurde, löste die Aussage, die Beatles seien populärer als Jesus, eine Welle der Entrüstung aus. Mehrere Radiosender boykottierten Beatles-Lieder, und es gab sogar organisierte Verbrennungen ihrer Schallplatten. Lennons Mörder begründete gut 13 Jahre später sein Motiv mit dieser Aussage.

Biographie: Fragment statt Legende

Gehen wir auf Anfang: John Winston Ono Lennon wurde am 9. Oktober 1940 in Liverpool geboren und am 8. Dezember 1980 in New York ermordet. Die biographischen Eckdaten sind schnell genannt, doch sie erklären wenig. Lennon war Musiker, Komponist, politischer Aktivist, bildender Künstler, Autor, Ehemann, Vater, Provokateur, Magier und Suchender. Er war unter anderem Träger des Ordens The Most Excellent Order of the British Empire (MBE), hat seine Auszeichnungen aber auch demonstrativ relativiert. Er erhielt Grammys und einen Oscar, schrieb aber zugleich bewusst anti-institutionelle Kunst.

Nick Cohn bezeichnete ihn als „instinktiven Poeten des Proletariats“ – eine Charakterisierung, die sowohl trifft als auch verkürzt. Denn Lennon ist nicht nur Produkt seiner Herkunft, sondern auch deren bewusste Überschreitung. Seine Legasthenie, seine zerrütteten familiären Verhältnisse und seine frühe Erfahrung von Verlust (insbesondere der Mutter Julia) bilden einen emotionalen Resonanzraum, der sich durch sein Werk zieht.

Die späten 1960er Jahre markieren eine Phase intensiver Transformation: musikalisch, persönlich, politisch. Die Abkehr vom Tourleben ermöglicht eine radikale Konzentration auf Studioarbeit. Gleichzeitig führen Drogenexperimente, die Begegnung mit der indischen Spiritualität (Maharishi Mahesh Yogi) und nicht zuletzt der Selbstmord des Beatles-Managers Brian Epstein im Jahr 1967 zu einer Destabilisierung der Bandstruktur.

Auch privat kommt es zu Brüchen: die Trennung von Cynthia Powell und dem gemeinsamen Sohn Julian. Paul McCartneys „Hey Jude“ (1968) ist als musikalische Reaktion auf diese Situation zu lesen – ein Beispiel dafür, wie eng persönliche Biographie und künstlerische Produktion im Umfeld der BEATLES verwoben sind. Am 4. September des Jahres spielten die BEATLES dieses Lied in der britischen Fernsehsendung ‚Frost on Sunday‘, es war der letzte gemeinsame Fernsehauftritt der BEATLES.

Imagine: Utopie in einfacher Form

Der Song „Imagine“ (1971) gehört zu den bekanntesten Kompositionen des 20. Jahrhunderts. Inspiriert von Yoko Onos konzeptuellem Werk „Grapefruit“, entwirft Lennon eine Welt ohne Himmel, ohne Hölle, ohne Nationen, ohne Besitz. Für eine fachkundige Leserschaft ist weniger der Inhalt überraschend – die Motive sind aus religionskritischen und utopischen Traditionen vertraut – als vielmehr die Form.

Aufgenommen im Frühjahr 1971 in seinem Privatstudio in Tittenhurst Park, Berkshire, vervollständigte er „Imagine“ später in New York.

„Imagine“ operiert mit radikaler sprachlicher Reduktion. Es ist keine argumentierende Utopie, sondern eine einladende Imagination. Der Imperativ „Imagine“ ersetzt die theologische Verheißung. Erlösung wird nicht verkündet, sondern vorgestellt. In dieser Hinsicht lässt sich der Song als eine säkularisierte Eschatologie beschreiben: Die Hoffnung auf eine bessere Welt bleibt bestehen, aber ihre Begründung wird in die Imagination des Individuums verlagert.

Oder weniger akademisch formuliert: Lennon ersetzt das Jenseits durch ein Klaviermotiv.

Deutsche Übersetzung von John Lennons „Imagine“

Stell dir vor, es gäbe kein Himmelreich.
Komm – es ist gar nicht so schwer.
Es gäbe keine Hölle unter uns und
über uns wäre einfach nur – der Himmel.

Stell dir all die Menschen vor,
die nur im Hier und Jetzt leben.

Stell dir vor, es gäbe keine Landesgrenzen.
Komm – es ist gar nicht so schwer.
Es gäbe nichts, wofür jemand töten oder sterben muss
und auch keine Religionen.

Stell dir all die Völker vor,
die in Frieden miteinander leben würden.

Vielleicht nennst du mich einen Träumer,
aber – ich bin nicht der Einzige.
Ich hoffe, dass du eines Tages dazugehören wirst
und die Welt eins sein wird.

Stell dir vor, es gäbe keine Besitztümer.
Ich bin gespannt ob du das kannst?
Es gäbe keine Habgier und keinen Hunger
und alle Menschen wären wie Brüder.

Stell dir all die Völker vor,
die sich diese Welt TEILEN.

Vielleicht nennst du mich einen Träumer,
aber – ich bin nicht der Einzige.
Ich hoffe, dass du eines Tages dazugehören wirst
und die Welt eins sein wird.

Der Titelsong „Imagine“ war der erste Track von John Lennons zweitem Soloalbum Imagine, das am 9. September 1971 in den USA und am 8. Oktober 1971 in Großbritannien veröffentlicht wurde, erschienen im Beatles-Label Apple Records. Der Song ist eine der bekanntesten Friedenshymnen/-Balladen der Welt.

Das Jahresthema des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie e. V. ist im Jahre 2026 „Heilige und Unheilige Orte“. Da alles seine Zeit hat, braucht auch alles seine Zeit. Bei mir zumindest brauchte es viele Jahrzehnte und einige traumatischer Erfahrungen, um mich vielleicht in die Frequenz eines John Lennons einzufühlen. (Zu „Klöster im Licht und Schatten“ gab ich am 18. Juni des Jahres einen gut besuchten Vortrag in der Stadtbibliothek zu Leipzig.)

Fokussieren wir uns im heutigen Blog auf „STRAWBERRY FIELDS“. STRAWBERRY FIELDS liegt vor „Imagine“. Und gleichzeitig danach. Was die Orte angeht. Doch zuvor lassen wir den Songtext sprechen:

Strawberry Fields Forever (Song von The Beatles)

Let me take you down
‚Cause I’m going to Strawberry Fields
Nothing is real
And nothing to get hung about
Strawberry Fields forever

Living is easy with eyes closed
Misunderstanding all you see
It’s getting hard to be someone
But it all works out
It doesn’t matter much to me

Let me take you down
‚Cause I’m going to Strawberry Fields
Nothing is real
And nothing to get hung about
Strawberry Fields forever

No one I think is in my tree
I mean, it must be high or low
That is, you can’t, you know, tune in
But it’s alright
That is, I think it’s not too bad

Let me take you down
‚Cause I’m going to Strawberry Fields
Nothing is real
And nothing to get hung about
Strawberry Fields forever

Always, no sometimes, think it’s me
But you know I know when it’s a dream
I think I know I mean a yes
But it’s all wrong
That is I think I disagree

Let me take you down
‚Cause I’m going to Strawberry Fields
Nothing is real
And nothing to get hung about
Strawberry Fields forever
Strawberry Fields forever
Strawberry Fields forever

Cranberry sauce

(Quelle Songschreiber: Paul McCartney, John Lennon. Nur für nicht kommerzielle Zwecke. powered by www.musixmatch.com)

Strawberry Fields Forever: Klang gewordene Erinnerung

Für das Jahresthema „Heilige und unheilige Orte“ ist dieses Lied besonders aufschlussreich: „Strawberry Fields Forever“ veröffentlicht am 13. Februar 1967 als 14. Single der BEATLES als Doppel‑A‑Seite‑Single mit „Penny Lane“. Bereits der Titel verweist auf einen Ort – oder genauer: auf eine Überlagerung von Ort und Erinnerung.

Der Song entstand im Herbst 1966 während Lennons Dreharbeiten in Almería für den Film „How I Won the War“. Schon dieser Entstehungskontext ist bemerkenswert: Ein Lied über Liverpool wird im Süden Spaniens geschrieben. Erinnerung ist hier von Beginn an räumlich disloziert.

Die Aufnahmegeschichte in den Abbey Road Studios gehört zu den berühmtesten der Popmusik. Zwischen dem 24. November und dem 22. Dezember 1966 entstanden 26 Takes. Zwei davon – Take 7 und Take 26 – wurden schließlich kombiniert, obwohl sie sich in Tempo und Tonart unterschieden. Durch technische Manipulation (Verlangsamung, Tonhöhenanpassung) gelang es Produzent George Martin und Toningenieur Geoff Emerick, eine scheinbar kohärente Fassung zu erzeugen.

Doch „scheinbar“ ist hier entscheidend: Der Übergang bleibt bei genauem Hinhören erkennbar. Der Song enthält also eine strukturelle Bruchstelle, die nicht vollständig kaschiert wird. Diese ästhetische Entscheidung ist mehr als ein technisches Detail – sie entspricht dem thematischen Kern des Liedes. Erinnerung ist nie homogen. Sie ist montiert, überlagert, verzerrt.

Der Text selbst kreist um Wahrnehmung, Identität und Entfremdung. Zeilen wie „Nothing is real“ oder „Living is easy with eyes closed“ lassen sich sowohl als Kommentar zur psychedelischen Erfahrung als auch als Reflexion über die Konstruktion von Wirklichkeit lesen. Lennon entwirft hier keinen kohärenten Erinnerungsraum, sondern einen schwebenden Zustand zwischen Kindheit, Traum und Gegenwart.

Paul McCartney spielt dazu das Mellotron MK II, den Bass und die Pauke, John Lennons Beitrag zum Lied waren sein Gesang, das Spielen der akustischen Gitarre und Bongos. In die am Ende des Songs angefügte Disharmonie spricht Lennon leise „Cranberry Sauce“, was von einigen Fans als „I buried Paul“ verstanden wurde. „Ich habe Paul begraben“ gab den Gerüchten um das Ableben von Paul McCartney weitere Nahrung. Die Diskussion hält bis heute an, ähnlich wie „Elvis lebt“.

Autorenschaft und Konstruktion

Ein kurzer Blick auf die Autorenschaft lohnt sich. Lennon und McCartney hatten bereits im Alter von nur 15 Jahren als Gymnasiasten in ihrer ersten Band „The Quarrymen“ vereinbart, ihre Songs gemeinsam zu signieren – unabhängig davon, wer den Hauptanteil der Komposition lieferte. Dieses Modell war ökonomisch klug und künstlerisch produktiv, führt jedoch bis heute zu Zuschreibungsdebatten.

Im Fall von „Strawberry Fields Forever“ gilt Lennon eindeutig als Hauptautor. Stilistisch ist dies unschwer zu erkennen: die introspektive, leicht fragmentierte Sprache unterscheidet sich deutlich von McCartneys stärker narrativ geprägten Texten (etwa in „Penny Lane“, der parallel erschienenen Doppel-A-Seite).

Veröffentlichung und Rezeption

Die Single „Strawberry Fields Forever / Penny Lane“ wurde am 13. Februar 1967 zuerst in den USA und danach am 17. Februar in Deutschland und Großbritannien gleichzeitig veröffentlicht. Die ersten 25.000 Exemplare der Platte wurden in Großbritannien mit einem Cover ausgeliefert, das die vier Beatles als Babys zeigte. Die Entscheidung für eine Doppel-A-Seite hatte charttechnische Konsequenzen, – was den BEATLES klar gewesen sein muss – insbesondere im Vereinigten Königreich, wo die Verkaufszahlen aufgeteilt wurden. So erreichte keine der beiden Seiten Platz 1 – ein seltenes Ereignis in der Erfolgsgeschichte der Beatles.

In den USA hingegen wurden die Songs getrennt gewertet: „Penny Lane“ erreichte Platz 1, „Strawberry Fields Forever“ Platz 8. Die kommerzielle Rezeption steht hier in einem interessanten Spannungsverhältnis zur späteren kulturgeschichtlichen Bewertung: Während „Penny Lane“ zunächst erfolgreicher war, gilt „Strawberry Fields Forever“ heute als das künstlerisch bedeutendere Werk.

Innerhalb von nur drei Tagen nach der Veröffentlichung in den USA wurden 1,1 Millionen Exemplare bestellt, was die höchste Verkaufszahl für Capitol Records bedeutete. In Großbritannien gingen in den ersten drei Tagen nach der Veröffentlichung am 17. Februar 1967 insgesamt 350.000 Exemplare über die Ladentheke. Insgesamt wurden in den USA 1,5 Millionen und in Großbritannien 500.000 Singles verkauft.

Realer Ort I: Strawberry Field in Liverpool

Der reale Ort Strawberry Field liegt im Liverpooler Stadtteil Woolton. Es handelt sich um ein Gelände der Heilsarmee, auf dem sich seit den 1930er Jahren ein Kinderheim befand. Lennon wuchs in unmittelbarer Nähe bei seiner Tante Mimi auf und nutzte das Gelände als Rückzugsort.

Die Berichte, dass er über den Zaun kletterte, um dort zu spielen, gehören mittlerweile zum festen Bestandteil der Lennon-Überlieferung. Ob im Detail zutreffend oder nicht, ist letztlich zweitrangig. Entscheidend ist die symbolische Funktion: Strawberry Field wird zum Ort des Rückzugs, der Freiheit und der Imagination.

Historisch lässt sich das Gelände bis in die 1870er Jahre zurückverfolgen. 1934 wurde es von der Heilsarmee erworben, ab 1936 als Kinderheim genutzt. Die Einrichtung nahm vor allem Kinder auf, die als besonders schutzbedürftig oder schwer erziehbar galten – eine Terminologie, die ihrerseits zeittypisch ist und heute kritisch zu reflektieren wäre.

1984 rettete seine Witwe Yoko Ono das Heim mit einer Spende vor dem Aus.

Im Zuge umfassender Reformen der britischen Jugendhilfe wurde das Heim 2005 geschlossen. Die Entscheidung folgte der Überzeugung, dass Pflegefamilien für viele Kinder die bessere Alternative darstellen. Skandale oder Missstände sind aus der Geschichte von Strawberry Field nicht bekannt.

Heute präsentiert sich das Gelände als Besucherzentrum mit Ausstellung, Archivmaterial und pädagogischen Angeboten. Die ikonischen roten Tore fungieren als visuelles Symbol – ein Übergang zwischen Alltagsraum und Erinnerungsort. Ihre zwischenzeitliche Entwendung im Jahr 2000 und spätere Rückkehr ist eine fast schon anekdotische Episode, die jedoch die symbolische Aufladung des Ortes unterstreicht. Die altehrwürdigen schmiedeeisernen Tore wurden 2025 durch eine Nachbildung ersetzt.

Auf dem Gelände steht das Klavier, auf dem John Lennon „Imagine“ komponierte; es wurde 2000 von George Michael gekauft und ist eine Dauerleihgabe an Strawberry Field.

Neuere Ergänzungen wie der Musikpavillon (2023) oder ein ukrainisches Friedensdenkmal zeigen, dass Strawberry Field nicht statisch ist, sondern sich kontinuierlich weiterentwickelt. Der Ort ist längst mehr als ein biographischer Bezugspunkt – er ist ein Knotenpunkt zwischen Musikgeschichte, Sozialarbeit, Tourismus und globaler Erinnerungskultur.

Oder zugespitzt formuliert: Aus einem Kinderheim wurde ein Wallfahrtsort der Popkultur.

[Foto Strawberry: Von Lander777 in der Wikipedia auf Englisch – Übertragen aus en.wikipedia nach Commons durch Liftarn mithilfe des CommonsHelper., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12002478]

Ort II: Strawberry Fields in New York

Das zweite zentrale „Strawberry Fields“ befindet sich im Central Park in New York. Es handelt sich um ein am 9. Oktober 1985 anlässlich John Lennons 45. Geburtstag eingeweihtes „living memorial“, finanziert maßgeblich durch seine Witwe Yoko Ono.

Die Lage ist von entscheidender Bedeutung: Die Gedenkstätte befindet sich in unmittelbarer Nähe des Dakota Buildings, vor dem Lennon am 8. Dezember 1980 erschossen wurde. Diese topographische Nähe erzeugt eine Verbindung von Tatort und Erinnerungsort, die dem Gelände eine besondere Intensität verleiht.

Neapolitanische Handwerker fertigten das zentrale Element, ein kreisrundes schwarz-weiße „Imagine“-Mosaik. Es fungiert als visuelles und symbolisches Zentrum. Gleichzeitig ist es kein abgeschlossenes Kunstwerk, sondern Teil eines offenen, partizipativen Prozesses. Besucher hinterlassen Blumen, Notizen, Symbole – das Mosaik wird täglich neu „beschrieben“.

Die Anlage ist bewusst als dynamischer Erinnerungsraum konzipiert. Sie wächst, verändert sich und integriert neue Formen des Gedenkens. In diesem Sinne entspricht sie modernen Konzepten von Erinnerungskultur, die nicht mehr auf statische Monumente setzen, sondern auf Beteiligung und Prozessualität.

[Quelle: Damzow, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons]

Heilige und unheilige Orte der Moderne

Im Kontext des Jahresthemas „Heilige und unheilige Orte“ lassen sich beide Strawberry-Field-Orte als Beispiele für eine säkulare Sakralisierung lesen.

  • In Liverpool haben wir es mit einem biographisch aufgeladenen Ort zu tun, der retrospektiv symbolisch überhöht wird.
  • In New York hingegen handelt es sich um einen bewusst gestalteten Erinnerungsraum, der von Anfang an als kollektives Ritualfeld angelegt ist.

Beide Orte sind nicht „heilig“ im religiösen Sinne, erfüllen jedoch vergleichbare Funktionen: Sie strukturieren Erinnerung, ermöglichen Identifikation und bieten Raum für symbolische Handlungen. Die Musik fungiert dabei als verbindendes Medium. Ohne „Strawberry Fields Forever“ und „Imagine“ wären diese Orte lokal geblieben. Erst durch die Songs werden sie in ein globales kulturelles Gedächtnis eingebettet.

Schluss: Räume statt Antworten und Ergriffenheit

Was bleibt also von John Lennon im Kontext dieser Überlegungen? Vielleicht weniger eine Botschaft als eine Methode. Lennon erzeugt Räume – klangliche, gedankliche, reale –, in denen sich individuelle und kollektive Erfahrung überlagern können.

Diese Räume sind nicht eindeutig. Sie sind widersprüchlich, fragmentiert, offen. Gerade darin liegt ihre anhaltende Wirkung. Er sagte einmal, er höre seine Lieder immer so, wie er sie geschrieben habe. Die Deutungen machten andere. „Nothing is real“ ist keine Absage an die Wirklichkeit, sondern eine Einladung, die Wirklichkeit als gestaltbar zu begreifen.

Und vielleicht ist das der Punkt, an dem sich Rockmusik und Religionsgeschichte unerwartet berühren: Beide schaffen Orte, an denen Menschen Bedeutung verhandeln. Der Unterschied besteht darin, dass man in Strawberry Field keinen Katechismus braucht – ein Song genügt. Oder, um es weniger feierlich zu sagen: Manchmal reicht eine Melodie, um aus einem Zaun ein Symbol zu machen.

Lennons Musik hat mich ergriffen. Vielleicht auch, weil ich sie erstmals be-griffen habe. Und ich stelle mir vor [IMAGINE], Menschen würden mehr um die Bedeutung verhandeln, weil es unterschiedliche Wirklichkeiten gibt [Nothing is real].

Vielen Dank an die Mitreisenden. Sehen wir uns vielleicht wieder in Nutopia?

Fortsetzung folgt

Ein Beitrag von Harald Johanns


Zum Nachlesen:

Was heute geschah – 8. Dezember 1980: John Lennon wird erschossen | Klassik entdecken | BR-KLASSIK | Bayerischer Rundfunk

75. Geburtstag des Beatles-Sängers – John Lennon, der Frieden und der Geheimdienst

Hanns Eisler und John Lennon in einer Langen Nacht – Working Class Heroes

Musiktourismus – Auf den Spuren der Beatles in Liverpool


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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