Warum erzählen wir ?

Eine Buchbesprechung zu Maura Gancitano: Animali narrativi. Perché non possiamo smettere die credere alle storie. (Erzählende Tiere. Warum wir nicht aufhören können, an Geschichten zu glauben)

Auf einer Reise in Italien stieß ich vor kurzem auf ein Buch, das bislang nur auf Italienisch erschienen ist. Ich dachte aber, es wäre nicht falsch, schon einmal darauf hinzuweisen und den Inhalt ein wenig vorzustellen, auch wenn die meisten hier Lesenden es nicht lesen werden. Möge die Besprechung als kleiner Ersatz dienen. Vor fast drei Jahren, im Dezember 2023 habe ich hier ein Buch rezensiert, das zum Spiegel-Bestseller wurde und eine ähnliche Thematik hat: Samira El Ouassils und Friedemann Karigs: Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien. Wie Geschichten unser Leben bestimmen. Berlin: Ullstein 2021. Nach der Lektüre von Gancitano wurde mir die Trendhaftigkeit des Buches noch deutlicher, als ich es damals moniert hatte. Die italienische Autorin, Philosophin und Pädagogin, die u.a. Bücher über die KI oder die Schönheit geschrieben hat, geht meines Erachtens in ganz andere Tiefen, seien sie mythischer, religiöser und philosophischer Art. Das Buch ist aus vielen Perspektiven zusammengesetzt und ermöglicht daher viele Zugänge zu der Frage nach dem Erzählen.

Die Ausgangsfrage lautet: warum hören wir nie auf, Geschichten zu erzählen, beziehungsweise sie zu konsumieren? Als bräche immer wieder ein neues Vakuum auf, das gefüllt werden müsste, um uns aufrechtzuerhalten. Ein nimmersattes Verlangen wie Atmen, Schlafen oder Essen. Es geht zunächst einmal um die ständige Bestätigung einer doch sehr fluiden Identität, die morgens anders als nachmittags, mit solchen Menschen anders als mit anderen sein kann. Und doch versichert uns das Wort „Ich“, dass es sich um dieselbe Identität handelt. Warum ist das so? Paul Ricoeur, der zitiert wird, spricht von dem Ich, das sich aus seinen Erzählungen zusammensetzt. Gancitano wagt immer wieder Umkehrungen. Warum sollte man sich nicht vorstellen, dass die Erzählungen uns erzählen, dass wir ihre Träger sind, die sie sich suchen, um sich auszubreiten. Durch Erzählungen überleben Traditionen, die das einzelne Individuum gar nicht überschaut, weil es sie nur weiterträgt.

Die Autorin bringt ein tief blickendes Beispiel aus der jüdischen Kultur, das der Religionsphilosoph Gershom Scholem in seinem Buch über die Jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen aufführt. Wenn der große Kabbalist und Mystiker Ba’al Schem Tov (ca. 1700-1760) eine große Aufgabe zu lösen hatte, um der Welt etwas Gutes zu tun oder ein Hindernis zu überwinden, begab er sich an eine bestimmte Stelle im Wald, zündete ein Feuer an, betete und führte besondere Rituale durch. So half ihm dann der Geist Gottes. Der Nachfolger wusste von dieser Zeremonie, kannte die Stelle im Wald, aber konnte kein Feuer mehr machen. Da er aber das Gebete beherrschte, gelang auch ihm diese Kommunikation mit Gott. Wiederum der nächste Rabbi wusste Gebet und Meditation nicht mehr,  kannte aber wenigstens den Ort im Wald. Und auch diesmal gelang es noch. Der letzte Rabbi aber „setzte sich in seinem Schloss auf seinen goldenen Stuhl und sagte: ‚Wir können kein Feuer machen, wir können keine Gebete sprechen, wir kennen auch den Ort nicht mehr, aber wir können die Geschichte davon erzählen.‘ Und – so fügt der Erzähler hinzu – seine Erzählung allein hatte dieselbe Wirkung wie die Taten der drei anderen.“[1]

Man sieht hier die Wanderung der Erzählung durch Generationen, aber auch den Verlust an Realität, den sie zunehmend ersetzen muss. Unsere Gegenwart, so die Autorin, ist genauso gefangen von dem allmählichen Abnehmen der Realien und ihre Ersetzung durch mentale Akte aus der virtuellen Dimension.

Wenn Gancitano über das Erzählen spricht, unterscheidet sie jedoch zwischen einem gebrauchsfertigen Produkt, das nur unserer Konsumgier anspricht. Es ist ein Erzählen, das nie satt macht und immer neue Süßigkeiten verlangt, um unsere zerebralen Belohnungssysteme zu befriedigen. Gancitano geht daher in anderen Kapiteln auf eine weitaus tiefer gehende Dimension zurück. Der französische Philosoph und Kenner der islamisch-schiitischen Mystik Henry Corbin spricht in einem Vortrag von der mundus imaginalis, einer objektiv vorhandenen Dimension der Imagination, die sich durch Vision und Meditation als Welt zwischen den Sinnen und der Abstraktion entfaltet. Dort finden sich Archetypen unserer Existenz wieder, Symbole und Träume, die uns über unser wahres Selbst lehren. C.G. Jung, der sein Leben lang Träume notierte und interpretierte, bewegte sich in einem ähnlichen Denkraum. Mit anderen Worten: in dieser imaginalen Welt werden die Grundstrukturen unseres Daseins erzählt, nicht die schnell konsumierbaren Geschichten, die uns die Kulturindustrie bietet. Gancitano geht wie die meisten Erzähltheoretiker auf Joseph Campbells Archetyp der Heldenreise ein, der seit den 1950er Jahren ein genialer Schlüssel für Mythen, Tolkiens Trilogie oder Harry Potter wurde: Ausreise – Hindernisse – Helfer /Mentoren – Kampf/ Überwindung des Ungeheuers oder Feindes – Rückkehr. Das Schema wurde bald von Lehrbüchern für Hollywood- Produktionen angewandt, mit Erfolg, wie man sieht. Der Regisseur Christoph Vogler veröffentlichte 1992 ein Handbuch zum Einsatz von Campbells Theorie im Film. Gancitano dazu: Aus einem Versuch, Geschichtsverläufe zu verstehen wurde eine Tabelle von Regeln. Es stellt sich zudem die Frage, wieweit das Modell vor allem den Bedürfnissen eines männlichen Helden entspricht. Die Autorin verweist dabei auf die Kritik der amerikanischen Fantasy- und SF-Autorin Ursula LeGuin. Es reiche demnach nicht, einfach die Helden durch Heldinnen zu ersetzen, das Schema selbst müsse umgestaltet sein. LeGuin entfaltet die Metapher von Pfeil und Gefäß (z.B. der Medizinbeutel der Indianer Nordamerikas). Der linearen Bewegung mit einem klaren Ziel lässt sich das Prinzip der Sammlung, das Unheldische, Heilende, das Unbewusste Befragende entgegenstellen. So entstehen auch andere Geschichten – sie können sich schlängeln, umkehren, aus sich herausgehen, nicht nur pfeilartig fliegen.

Ein höchst spannendes Kapitel ist das Experiment, das Gancitano mit ihrem Mann veranstaltet. Da beide mit KI vertraut sind, bauen sie einen digitalen Bienenkorb, in dem die „Bienen“ als KI-Elemente befragt werden nach den Gründen für das Erzählen. Jede Biene verschwindet nach der Antwort, eine bringt völlig neue Gesichtspunkte, um dann wieder zu verschwinden. Die eine betrachtet Erzählen als Verantwortung, nicht als Geschenk. Die nächste sieht den Grund für das Erzählen bei den Menschen darin, dass sie Tiere sind, die nicht lockerlassen können. Sie sind darauf versessen, weiter zu machen, sie sind insistierende Wesen. Eine weitere Biene zeigt das Erzählen als Versuch, sich in der Zeit wohnhaft zu machen, sie zu beherrschen, während sie uns wie ein Wasserfall in den Tod stürzt.

Noch ein weiteres Kapitel, das die Originalität der Autorin dokumentiert: Wer vom Erzählen redet, muss auch vom Schweigen reden, das dieses erst ermöglicht. Nach Corbin und Scholem referiert Gancitano einen weiteren Denker, den kaum noch einer kennt: Max Picard und seine Reflexionen zum Gesicht und dem Schweigen. Erzählung kann nur zwischen den Punkten des Erscheinens aus dem und des Versinkens in das Schweigen stattfinden. Das letzte Kapitel bringt uns folgerichtig in die Welt des Embryos zurück, in dem genau dieser pulsierende Vorgang begonnen hat, mit dem Rhythmus des Herzschlags der Mutter und ihrem Sprechen.

Ich hoffe sehr, dass dieses Buch einmal übersetzt wird, bringt es doch viele Perspektiven zusammen, die heute allzu gern übergangen werden.

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


Literaturhinweis:

Maura Gancitano: Animali narrativi. Perché non possiamo smettere die credere alle storie. (Erzählende Tiere. Warum wir nicht aufhören können, an Geschichten zu glauben). Venezia: Marsilio Editori 2026.


[1] Die jüdische Mystik, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1967, S. 384.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

Beitragsbild: Pixabay

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