Zauberwort und Wortzauber – Magie in Sprache und Literatur

Nichts scheint so fern wie die Magie, nichts so nah. Auf der einen Seite das Mittelalter, Ägypten, die Orakel und Zaubersprüche in fremdem Kauderwelsch, das ganze Abakadabra der geistigen Vernebelung. Der Glaube, Dinge durch den Geist bewegen zu können … Halt, da ist schon die andere Seite, die Nähe allen magischen Denkens. Wer glaubt, durch richtiges Denken die Wirklichkeit verändern zu können, denkt schon magisch. Von den Blicken in die Horoskope will ich gar nicht reden, aber doch von kleinen Alltagshandlungen, die magischen Charakter haben. Zum Beispiel sich einen Guten Morgen zu wünschen. Durch das Aussprechen dieses Wunsches soll der Morgen ja ein guter werden. Und die vielen anderen Wünsche, Hals- und Beinbruch, ich drück dir den Daumen. Sie müssen alle ausgesprochen werden. Die Sprache selbst also bürgt für die Anwesenheit der Magie. Denn sie rückt das, was fern ist, zum Beispiel die Vergangenheit oder ein anderes Land, in unser Bewusstsein. Das nennt man auch Telekinese. Die Sprache vollbringt es, wie die Musik, durch Schwingungen, freundliche, aufbauende, erfrischende wie auch runterziehende, deprimierende, sinnlose. Höhere Magie und niedere. Wie Magie baut Sprache auf Ritualen auf. Es gibt Wortfolgen, Konjunktionen, die verbinden, es gibt Objekte und Subjekte, Syntax und Regeln generell. Interessant ist, dass das Wort für Grammatik, lat. grammatica sich in Französisch in grammaire und grimoire spaltet, also Grammatik und Zauberbuch. Auch im Mittelenglischen hat grammarye eine Zauberkomponente, die sich im Glamour wiederfindet.

Eine gute Beherrschung der Sprache und der Schrift verhilft zum Ruf des Zauberns, denn mit dieser Beherrschung, durch Rhetorik und Stil kann man unendlichen Einfluss ausüben. Man erinnere sich an berühmte und berüchtigte, auf jeden Fall wirkungsmächtige Reden, von Napoleon bis Goebbels und Churchill, von Wilhelm II. bis zu J.F. Kennedy oder Martin Luther King. Bilder wie die von den Hunnen (Kaiser Wilhelm II.), vom Schweiß und Blut und Tränen (Churchill) oder dem Traum einer rassismusfreien Gesellschaft (Martin Luther King) oder einem freien Berlin (Kennedy), unterlegt mit der richtigen akustischen Schwingung, können Tatendrang fördern oder Menschen verbinden, je nach politischer Richtung. Die Rede besteht in der Kunst der Bindung, einem alten magischen Ritual.

Kaum einer hat über diese sprachlichen Kräfte tiefer nachgedacht als der heute weithin vergessene deutsch-amerikanische Soziologe, Theologe und Philosoph Eugen Rosenstock-Huessy (1888-1973). In Die Sprache des Menschengeschlechts – eine leibhaftige Grammatik in vier Teilen (1963) hat er über diese Verwandtschaft von Ritual und Sprache reflektiert. Kennzeichen von Ritualen und Liturgien sind die Wiederholung, die Ansprache, das Mitsprechen, dazu kommen auch Imperative, Pausen oder Fragen. Sind sie richtig orchestriert, so kommt es zu einer deutlichen oder zumindest subkutanen Wirkung. Rituale kann man so als ausgedehnte Mantras bezeichnen, die ja inzwischen nur noch soviel wie ausgeleierte (politische) Phrasen bedeuten. Dem war nicht so und dem ist nicht so, wenn wir uns der magischen Seite nähern, denn ihre Wirkungen haben sie weiterhin. Die Magie der Wiederholung baut geradezu auf der Abstumpfung, um desto tiefer wirken zu können.

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Magie im herkömmlichen Sinn ist daher eher als eine besondere Gattung der allgemein wirkenden sprachlichen Zauberei zu sehen. In traditionellen Formen wie Beschwörung oder Besprechung, in Zeichendeutung und Zeichenwirkung werden sprachliche Phänomene auffällig, die wir ansonsten übersehen, während wir sie doch dauernd benutzen.

Wenn wir uns magisches Verhalten genauer anschauen, kann uns möglicherweise die grundlegende Magie unserer Existenz bewusst werden. Der englische Autor Chesterton hat das einmal in seiner Schrift Orthodoxie (1908) auf den Punkt gebracht: „Wenn wir ganz kleine Kinder sind, brauchen wir keine Märchen: wir brauchen einfach nur Geschichten. Das Leben selbst ist interessant genug. Ein siebenjähriges Kind ist aufgeregt, wenn man ihm erzählt, dass Tommy eine Tür aufgemacht hat und einen Drachen erblickte. Ein dreijähriges Kind ist schon ganz aufgeregt, wenn man ihm erzählt, dass Tommy eine Tür aufgemacht hat.“ (Chesterton 80. Übers. ES) Chesterton ist daher der Meinung, dass Babys die eigentlichen und einzigen Versteher von realistischen Romanen seien.

Magie kann also schon durch ihre äußere Abwesenheit wirken, weil die eigentliche Magie in der Vorstellung liegt. Das ältere Kind muss die Vorstellungskraft, die ihm als Kleineren eine Eigentätigkeit erlaubte, auf Objekte lenken, auf Drachen, Hexen und Kobolden, auf äußere Reize also. Sie sind geradezu Personifizierungen einer schwindenden Phantasie – vielleicht auch eine Erklärung für den Ursprung der Mythologie? Und so ist es auch mit der Literatur. Harry Potter ist nicht für die Dreijährigen geschrieben, sondern für jene Kinder, die von Objekten umzingelt sind und denen man helfen muss, wieder mit ihrer Vorstellungskraft in die Gänge zu kommen.

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Ähnliches ließe sich für die Wissenschaften behaupten, von denen immer wieder gesagt wird, dass sie die Welt entzaubert haben. Einen fast donquijotesken Kampf dagegen führt der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer, der immer wieder auf die irrationale, ja magische Seite der Naturwissenschaften hinweist – auf das Unermessliche, weil Unvermessbare, angefangen mit der Heisenbergschen Unschärferelation. In Die Verzauberung der Welt zählt er viele Geheimnisse auf, für die es derzeit keine vollständige Erklärung gibt und vielleicht gar nicht geben kann: Das Erröten des Menschen, das Lachen, die Träume, der Aberglaube, das Küssen und das Nasebohren. Was können wir genau über Blitze sagen und was über die Kollision von Molekülen? (Fischer 79-102) Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss würde dem beipflichten. In der Quantenphysik gebe es viele Beispiele, dass Phänomene den gesunden Menschenverstand schockieren. Ist das Universum überhaupt für den Menschenverstand gemacht? Die Mythen der schriftlosen Völker mit ihren sinnfremden Paradoxien erscheinen ihm manchmal wie die Fabeln, von denen die heutigen Physiker reden: Körper, die sich mal als Teilchen, mal als Welle manifestieren und dennoch ihre Identität bewahren? Das erinnert ihn an die Geschichte eines Menschen, der sich verdoppelt, wenn zwei Wege vor ihm liegen, und dabei doch derselbe bleibt – eine Geschichte, die von Borges ersonnen worden sein könnte oder eben von den Mythenmachern mit ihrem Sinn für Verwandlungen und Unwahrscheinlichkeiten: „Nun verstehen wir besser, warum einer der Väter der Quantenphysik, Niels Bohr, seine Zeitgenossen aufgerufen hat, sich zur Überwindung der offenkundigen Widersprüche darin an die Ethnologen und die Dichter zu wenden.“ (Lévi-Strauss 139-145) Ein Werk wie Lewis Carrolls Alice in Wonderland würde sich bestens anbieten, dieser Paradoxien und Ungereimtheiten durch Parodie und Reimspaß auf die Schliche zu kommen. Hier wirkt Sprache insofern magisch, als durch Verse, sprachliche Verdrehungen und Wortspiele eine eigene Realität entsteht.

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Kann man ähnliche Überlegungen für die Menschen anstellen, die in prähistorischen Zeiten Rituale abhielten, um die Widersprüche des Lebens zu zähmen? Auf der walisischen Insel Anglesey besuchte ich einmal ein Steingrab aus der Jungsteinzeit, Barclodiad y Gawres. Das heißt etwa Schürze und Riesin und geht auf eine Sage zurück, die wohl später dem Ort angeheftet wurde. Ein Riesenpaar wollte sich ein Haus bauen und die Riesin trug die Steine einfach in ihrer Schürze zur Baustelle. In Steinen findet man bis heute magische Kräfte, so glauben jedenfalls viele, und wenn diese Steine noch in eine besondere Konstellation gebracht werden, erhöht das die entstehende Energie oder zumindest die Stimmung. Ich hatte einen Onkel, der ist mit einer Wünschelrute steinzeitliche Anlagen abgegangen und behauptete beispielsweise, dass die Anlage von Carnac in der Bretagne Ritualwege bezeichnet, die denen in einer Kathedrale ähnlich seien. Auf der Hebriden-Insel Lewis steht eine Anlage namens Callanish, deren Steine in der Form eines keltischen Kreuzes aufgebaut sind, mit einem Kreis um die Mitte. Aber sie entstand 3000 Jahre vor dem Christentum. Das Ritual scheint auch hier eine wichtige Rolle gespielt zu haben: das Abgehen von Anlagen, eine Art Gottesdienst oder Sonnen- und Sternendienst. In der walisischen Anlage führt jedoch ein Fund zu möglicherweise magischen Praktiken. Neben den Überresten männlicher Skelette fand man die Asche eines Feuers, das man mit einem Gebräu gelöscht haben muss. Dieser Sud bestand aus Lippfischen, Aal, Frosch, Kröte, Ringelnatter, Spitzmaus und Hase. Eine eigene Syntax, die vermutlich zu einem Ritual gehörte, vielleicht ein Zaubertrank, vielleicht eine Gabe für die Ahnen. Wir müssen uns dabei gesprochene Worte vorstellen, wie bei den Hexen in Macbeth, denn zur Magie gehört meistens Sprache: Namen, Wünsche, Flüche, Kauderwelsch, Abrakadabra. Letzeres soll auf eine alte chaldäische Wurzel zurückgehen – abbada ke dabra – „stirb wie das Wort“. Es soll zur Gesundbetung von Kranken gesprochen worden sein (Haarmann 222).

Als mir meine einstige Hausärztin, eine knochentrockene Materialistin und Rationalistin, eines Tage gegen eine Warze unter der Hand einen Spruch, der bei abnehmendem Mond zu sprechen war, mitteilte und dieser tatsächlich die Warze kurz darauf zum Verschwinden brachte, da waren wir nicht allzu fern von solchen Heilworten, die schon in prähistorischen Zeiten gesprochen worden waren. Auch die Merseburger Zaubersprüche müssen solche heilend-bindenden Kräfte gehabt haben. Wie bei der Hypnose ist der Glaube und die feste Überzeugung auf beiden Seiten – des Heilenden und des Kranken – von großer Bedeutung. Heute sprechen wir billig vom Placebo-Effekt, doch ist gerade dieser sehr geheimnisvoll und zeigt, wie sehr der Geist durch Worte und Vorstellungen auf den Körper wirken kann. Sind die Medikamente der Schulmedizin auf der der physischen Seite angesiedelt, so werden wir hier Zeuge von Überschreitungen zwischen Geist und Materie. Genau an dieser Stelle ist Sprache anzusiedeln, und erst recht, wenn sie metrisch geformt ist, mit Reimen arbeitet und Assonanzen, mit starken Bildern und Metaphern – kurz, wenn sie poetisch ist.

So lassen sich die Ursprünge der Poesie in der magischen Handlung verorten, in einer Art sprachlicher Hypnose, die die Sänger und Barden, die Märchenerzählerinnen und Dichter auf ihre Zuhörer ausüben. Ganz Ohr sind diese, so wie die Götter sein sollten, wenn die Menschen zu ihnen beteten. Auf einer Stele von 1200 v. Chr. aus der ägyptischen Königstadt Memphis ist ein Gebet an den Gott Ptah von Ohren umgeben – damit sichergestellt wird, dass das Gebet erhört wird (Haarmann 235).

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Das Ohr ist dem Magischen eher zugewandt als das Auge und leichter beeinflussbar – eine These, die Marshall McLuhan dazu veranlasste, im elektronischen Zeitalter eine Rückkehr der Magie zu entdecken, global-dörfliche Strukturen, die solche Glaubenshandlungen fördern. Der kanadische Medienphilosoph war noch von der Wirkung des Radios und des Fernsehens so überwältigt und hat insofern immer noch Recht, als die mediale Hypnose um ein Vielfaches zugenommen und sich beschleunigt hat. Allerdings ist die Schrift wieder in ihr Recht getreten, sodass wir heute ein mediales Ensemble von Gesprochenem und Geschriebenem haben, dazu bewegte Bilderketten ohne Ende. Bis heute scheint die Schrift eine größere Autorität einzufordern als das nur Gehörte, möge sie noch so falsch und trügerisch sein. Einst war sie der Garant einer Kommunikation mit den Göttern, beherrscht von einer kleinen Schicht von Fachleuten, Priester genannt, Druiden, Wahrsager, Einsiedler, Mönche, antike Nerds und Think Tanks. Die Kenntnis dieser Technik umgab die Spezialisten und ihr Tun mit einer Aura, die sich auf die Schriftzeichen übertrug. Nirgendwo wird das deutlicher als im alten China. Dort scheint die Schrift auf Orakelknochen ihren Anfang genommen zu haben. Noch heute werden in der Mongolei Knochen, die man über Feuer hält, gelesen und nach Ritzungen, Brüchen und Linien durchsucht, die man für Zeichen, für die Schrift von Geistern hält. Um 1200 v. Chr. tauchen in China Knochen mit Schriftzeichen auf. Man ritzte ihnen Fragen ein, die an die Ahnen gestellt wurden. Die Schrift ermöglichte also – neben Anrufungen und Ritualen – eine magische Verbindung mit den Vorfahren, die ihre Weisheit, ihren Zuspruch oder ihre Abrede den Lebenden erteilen konnten. Die Achtung vor der Aura der Schrift scheint sich bis heute gehalten zu haben, denn Chinesen werfen ungern beschriebene Papiere einfach weg; man verbrennt sie lieber in Öfen auf dem Tempelgelände (Ledderose 16). Heilige Schriften finden sich in China hauptsächlich in Höhlen, auch dies eine Verbindung zur tiefen Vergangenheit, zugleich Vorspiel der Stuben-Höhlen, in denen die Gelehrten bis heute noch sitzen, vor Manuskripten wie Bildschirmen.

Ein chinesischer Wahrsager erklärte einst (im 2. Jahrhundert n.Chr.) dem Kaiser, dass der Himmel nicht mit Worten spreche, sondern sich mit Texten und Symbolen mitteile. Um das Jahr 370 v. Chr. wurden dem Seher Yang Xi von den Unsterblichen eines nachts Manuskripte  in einem uralten Schrifttyp gezeigt. Er konnte sie in Trance lesen und ins Chinesische mit Pinsel und Tusche übertragen (Ledderose 17). Solche Urschriften erinnern an die Ritzungen in der Blombos-Höhle/Südafrika (ca. 77 000 Jahre), auf Gibraltar (mehr als 39 000 Jahre) an die jüngeren Felsbilder von Bohuslän/Schweden oder Tamgaly in Kasachstan, ja noch an die Wüstenlinien von Nazca in Peru. Als der Buddhismus nach China kam, übertrug man wichtige Botschaften der Religion auf Felswände, die weithin sichtbar waren und sind – und gab ihnen so ein Stück Ewigkeit, welches Texte auf Pergamentrollen nicht haben. Auch hier zeigt sich der auratische Wert der Schrift. Die Buddha-Namen „König der großen Leere“ und Buddha der Großen Felswand“ in Shandong (560 n.Chr.) finden sich nicht in den heiligen Schriften: „Es gibt [diese Namen] nur hier. Durch das Einmeißeln wurden die zwei Buddhas aus den Tiefen des Kosmos heraufbeschworen. Nun sind sie in dieser Felswand anwesend und allein schon durch ihre Größe allen Kobolden und Geistern überlegen, welche vorher hier das Land bevölkert und seine Bewohner geängstigt haben.“ (Ledderose 12) So haben diese Schriftbilder eine ähnliche Funktion, wie die Kirchen, die das Christentum über die paganen Altäre setzte. Damit absorbierte man die Energien des Heidentums, was aber auch heißt, das man es in ‚gereinigter‘ Form in sich aufnahm. So leben magische Praktiken in den Kirchen weiter und so ist in der Beruhigung, die die Bevölkerung durch das Anblicken der Buddha-Namen erfährt, ein Rest von Magie. Nur ist sie nun gebündelt, namentlich fixiert, gezähmt und beherrschbar. Die Magie ist Teil eines übergeordneten Systems, das größer ist als die lokale Gottheit und die Stammesgeister. Der Staat – oder die Kirche – haben sich ihrer bemächtigt und ihrem Schweigen eine andere Stimme gegeben. Sie tröstet und hilft, aber zugleich ist diese Stimme auch gefährlich geworden, denn sie ist dem einzelnen Menschen entzogen. Sie bezieht ihre Macht nun aus der Masse. Und wir hören sie wieder in den Radioansprachen eines Hitler oder Mao und jedweden anderen Diktators.

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Mit dem Radio und den vielen neuen Medien, die nicht umsonst „Medien“ heißen, wird der Magie eine neue Macht zugeführt, die oft kaum zu bändigen ist. Wo Macht ist, ist auch Magie. Dies wird schon etymologisch sichtbar: Magie kommt vom altpersischen magus, etymologisch tiefer geht es zu *maegh, was indoeuropäisch soviel wie können/vermögen heißt (vgl. engl. might = Macht). Möglicherweise geht es auf Sanskrit maha, gleich groß/wirkungsvoll (wie in mahatma, die große Seele). Wie auch immer: Macht muss sich groß zeigen, sonst ist sie keine. Dabei helfen magische Mittel wie Gestik (die erhobene Hand, die Faust), Symbolik (Fahnen, Firmen-Logos, das Hakenkreuz, Halbmond, Davidstern), mächtige heraldische Totemtiere (Adler, Löwe, Drachen) und eben Sprache. Literarische Werke sind hilfreich, die die Macht stärken – Epen zum Beispiel. Insbesondere in Rede und Schrift kann Wortmagie tätig werden: Wiederholungen, Betonungen, Rhythmen. Namen und Sätze können wie Mantras so oft eingehämmert werden, bis sie hypnotisch fest verwurzelt sind. In H.G. Wells‘ The Island of Dr Moreau (1895) versucht ein böser Wissenschaftler, aus Tieren Menschen zu machen, mit den Mitteln der Chemie, Chirurgie und der endlosen Wiederholung von sprachlichen Formeln, wie „Zweibeiner sind gut, Vierbeiner sind schlecht“. George Orwell hat dieses Prinzip der Gehirnwäsche zwecks magischer Beherrschung der Untertanen durch das Wiederholen von Slogans in Animal Farm (1945) und 1984 (1949) weiterentwickelt. Die Formeln müssen zwingend sein; dabei helfen Alliterationen wie „Blut und Boden“, „Schimpf und Schande“. Mit dem Namen Schicklgruber hätte Hitler womöglich weniger Erfolg gehabt, weil der Heilruf dann alliterationsfrei gewesen wäre, eher lächerlich also als zwingend.

Undenkbar in solchen macht-magischen Welten ist der Machtverzicht. Die Literatur aber lebt ihn uns vor. In Shakespeares The Tempest zerbricht Prospero am Ende seinen Zauberstab und wirft das Zauberbuch ins Wasser. Tolkien schreibt einen massiven dreibändigen Roman, in dem es um das Aufgeben von Macht geht – der Ring muss weggeworfen werden. Der Herr der Ringe ist eine spannende Erzählung über den Kampf des Menschen mit sich selbst, auf Macht und damit die endgültige Zerstörung seiner eigenen Existenz zu verzichten – eine Parabel für das Atomzeitalter.

Auch die Werbung sucht die magische Bindung der Kunden. Ein Verzicht auf Konsum käme der Entzauberung ihrer Macht gleich. Wie die Politik arbeitet sie mit Mantras, sinnlosen Wiederholungen, mit Bildern und Rhythmen, die der Poesie entnommen sind. Wo bewegte Bild- und Tonsprache im Spiel ist, wird unser Reptilhirn angesprochen, unter Umgehung aller Vernunft. Da werden wir wie Tiere, die pausenlosen Kommandos unterworfen sind, die ihren Nasen folgen, wenn es etwas Schönes zu erschnüffeln gilt und von Musik ergriffen werden, ohne zu wissen warum. Diese Magie eröffnet die Welt der Instinkte, die Rückkehr in die komplette Abhängigkeit von Reizen.

Am Ende stellt sich die Frage, ob nicht die Lösung von dieser Abhängigkeit wiederum in Literatur liegen kann. Tolkien hat es vorgemacht auf epische Weise. Andere können uns hineinziehen in die Welt des Als-ob. Wer eine Metapher erfindet, bringt die Faszination für das neue Bild ins Spiel; es kann uns bannen. Jedoch wissen wir, es bleibt eine Metapher, eine Art von Verführung, die aber auf der Ebene des Spiels bleibt. Auch wenn wir sagen, die Sonne ist ein Tiger, so wissen wir, dass dies nicht wirklich zutrifft. Die Magie wird nur angedeutet. Glaubten wir es wirklich, wären wir reif für die Anstalt. Die poetische Sprache lehrt uns also den spielerischen Umgang mit Magie. Wir brauchen die Magie, aber sie soll uns Spielen lehren. Zwingt sie uns oder versuchen wir, mit ihr zu zwingen, so wird sie totalitär – früher hätte man gesagt: aus der weißen wird schwarze Magie. Doch, wie Orwell sagte, es gibt kein besseres Mittel, totalitäre Systeme zu analysieren als durch Literatur.

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Ludwig Hanemann, 1907 in Worcestershire geboren, 1996 in München gestorben, nannte sich den „Unfassbaren“ oder Punx. Punx, der auch Werbefachmann war, stellte den Zauber in seinen Shows nicht in die Mitte, sondern ließ ihn nebenher entstehen (Benziger 173f.). Im Fokus standen vielmehr Erzählungen vom Lügenbaron, zauberhafte Episoden aus Eulenspiegel oder Cagliostro. Dies und die Begleitmusik lenkte vom eigentlichen Geschehen ab. Der Trick war nicht das Eigentliche, die Magie lag in der umgebenden Kunst, im Erzählen, im Erschaffen von Situationen. Am Ende, so ein Beobachter, wusste man nicht, ob der Abend der Magie Scherz oder Ernst war und einen tieferen Sinn hatte. So mag man über Magie wie über das Leben selbst sprechen – als etwas Unfassbares.

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


Literaturhinweise:

Benziger, Olaf. Das Buch der Zauberer. München: dtv 2003.

Chesterton, Gilbert Keith. Orthodoxy. London: Sheed & Ward 1939.

Fischer, Ernst Peter. Die Verzauberung der Welt. München: Siedler 2014.

Gauger, „Y“ – Paranormale Wirklichkeit und Literatur. Berlin: Henssel 1980.

Haarmann, Harald. Die Gegenwart der Magie. Frankfurt/M.: Campus 1992.

Hocke, Gustav René. Manierismus in der Literatur. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1959.

Ledderose, Lothar. China Schreibt Anders. Stuttgart: Kröner 2021.

Lévi-Strauss, Claude. Wir sind alle Kannibalen. Berlin: Suhrkamp 2014.

Petzold, Leander. Magie. Weltbild Praktiken Rituale. München: C.H. Beck 2011.

Rosenstock-Huessy, Eugen. Die Sprache des Menschengeschlechts – eine leibhaftige Grammatik in vier Teilen. Heidelberg: Lambrecht Schneider 1963.

Streck, Bernhard. Sterbendes Heidentum. Die Rekonstruktion der ersten Weltreligion. Leipzig: Eudora 2013.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

4 Antworten auf „Zauberwort und Wortzauber – Magie in Sprache und Literatur“

  1. Lieber Elmar,
    Ich arbeite – mal wieder – zu ´Experience´ und werde gleich einige der zitierten Bücher besorgen. Danke für die Anregungen und vor allem für die Kreuz- und Querverbindungen!! As always ((-:

  2. Ich bin fasziniert von der umfassenden Kenntnis und
    Kombinationsfähigkeit des Autors. Allein schon derGedanke: “Verliert MAGIE das Spielerische wird sie totalitär “ist druckreif!!.

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