Der Geist in der Maschine – Automaten in der Literatur 1.0

Neuhausen bei Seiffen im Erzgebirge, nahe der tschechischen Grenze, kann sich mit Recht die Hauptstadt der Nussknacker nennen. Dort gibt es die größte Sammlung von Nussknackern weltweit, fast 5000 Stücke von den italienischen Frühzeiten bis zu Hillary Clinton. Begrüßt wird man von dem größten Nussknacker der Welt, starr steht er da, überdacht, 5,87 m hoch. Wenn man einen Chip einwirft, bewegt er sein Gebiss. Zu jeder vollen Stunde öffnet sich daneben die Tür einer kleinen Bühne und menschengroße Nussknacker kreisen zur Musik von Tschaikowsky vor den Augen der Besucher, dann wird die Musik leiser und die Türen schließen sich, doch durch einen Spalt sieht man die starren Figuren weiter kreisen, unbeobachtet scheinen sie sich bis in die Unendlichkeit weiterzudrehen.

Nicht nur den Kindern sieht man das Staunen, die Ehrfurcht an, die sich bei diesem Spektakel einstellen. Es ist etwas in der Natur des Mechanischen, dass uns Menschen Furcht und Faszination einflößt, es hat etwas Schönes und Schreckliches zugleich. Das Mechanische ist etwas von uns, das wissen wir alle im rationalen Sinne, aber es ist zugleich eine Abspaltung, ein Fremdes, das aus uns hervorgegangen ist. An mechanischen Figuren werden wir uns selber fremd, wir erkennen, dass wir nicht ganz und nicht immer wir selbst sind, sondern auch etwas Anderes sind, ferngesteuert und unfrei.

Es ist ein Spiel mit unserem Selbst und möglicherweise Teil unserer anthropologischen Ausstattung. Denn unsere Gattung neigt zu jener besonderen Art von Doppelung, die wir auch Fiktion nennen. Wir möchten, vor allem als Kinder, das Unbelebte belebt sehen und erschaffen uns seit Jahrtausenden künstliche und mechanische Gebilde, die die Bewegung von Menschen oder Tieren nachahmen. Solche Fremdbelebung ist Ausweis und Begleiter der Kultur. Sind nicht Bilder die ersten Versuche, das Organische nachzuahmen und eine künstliche zweite Schöpfung der ersten zur Seite zu stellen? Daher rührt vielleicht das Verbot, das der biblische Gott gegen die Bilder ausrief.

Schon in frühesten Aufzeichnungen der Menschheit ist von bewegten Statuen die Rede, von schwitzenden Orakeln und singenden Bildsäulen. Mechanische Schnecken ziehen  bei einem Triumphzug mit, eherne Adler erheben sich in die Luft, künstliche Vögel zwitschern von den Bäumen. Ob satirisch oder real gemeint, die Texte eines Lukian und der alexandrinischen Techniker Ktesibios, Philon von Byzanz und Heron verweisen darauf, dass Technik nun der Religion zur Seite stehen muss, um den gefährdeten Glauben zu stützen. Daidalos war der erste und größte Erfinder, von dem wir hören, er baute nicht nur seinem Sohn das Fluggerät mit den wächsernen Schwingen, sondern auch der Pasiphae eine Kuh, in der sie sich von einem Bullen begatten ließ, und auf Kreta stellte er einen eisernen Riesen auf, der die Feinde abwehrte. Archytas, ein Schüler des Pythagoras, konstruierte eine fliegende Taube, während Heron von Alexandria ein ganzes Automatentheater errichtete. Solche Geschichten durchspukten und inspirierten die Literatur des Mittelalters, das seinerseits sprechende Köpfe und Roboter kannte, die nicht selten an schwarze Magie denken ließen. Dem Minoritenmönch Roger Bacon (1214-1294) wurde ein solcher Kopf nachgesagt, er soll Ratschläge zur Verteidigung Englands erteilt haben, doch stand der doctor mirabilis auch im Rufe des Ketzers. Die Literatur hat sich ihm gewidmet: Der Elisabethaner Robert Greene schrieb das Theaterstück The Honourable Historie of Friar Bacon and Friar Bungay und noch im 20. Jahrhundert beschäftigte sich John Cowper Powys mit Roger Bacon in dem Roman The Brazen Head (1956). Der Science-Fiction Autor James Blish veröffentlichte 1964 einen weiteren Roman über Roger Bacon unter dem Titel Doctor mirabilis.

Die berühmteste Robotergeschichte des Mittelalters erzählte man jedoch über das Universalgenie Albertus Magnus. Der Theologe war in vielen Gebieten unterwegs, von der Botanik bis zur Astronomie, und so ist es kein Wunder, dass er sich auch mit den mechanischen Künsten beschäftigte. Um Albertus rankt sich so die Geschichte eines frühen Roboters. Es handelt sich  um seinen Eisernen Mann, der dem großen Gelehrten als Türhüter diente. Er soll Besucher nach ihrem Begehren gefragt haben und sie, je nach der Antwort, zugelassen oder abgewiesen haben. Das sind schöne Anekdoten, dekoriert wahrscheinlich, denn soweit waren die technischen Künste noch nicht – selbst heute hätten Maschinen noch einige Schwierigkeiten, diese Aufgabe zu lösen. Bekannt und in späteren Berichten ausgeschmückt wurde dieser Roboter des Albertus, weil dessen Lieblingsschüler Thomas von Aquin ihn eines Tages besuchte und von eben diesem Maschinenmann ausgefragt wurde. Daraufhin soll der große Theologe ihn mit seinem Stock zertrümmert haben. Andere Berichte – sie sind alle viel später geschrieben worden – berichten, dass Thomas sich bei seinen Studien von dem mechanischen Geschwätz gestört gefühlt, wieder andere, weil er grundsätzlich etwas gegen künstliche Menschen gehabt habe. Erhalten blieb auch der Ausruf des erschrockenen Erfinders: „Thomas! Thomas! Die Arbeit von dreißig Jahren hast du mit einem Schlag vernichtet!“

Gleich, ob dies so verlief oder anders – die Gestalt eines mechanischen Menschen hat die Nachwelt fasziniert. Die Ausschmückung ist ja nichts anderes als ein Ausdruck von Faszination. Nachdem im 17. Jahrhundert das Nachdenken und Tüfteln über künstliche Schöpfungen zugenommen hatte – man denke an die Wunderwerke eines Athanasius Kircher – machte sich das 18. Jahrhundert daran, den Menschen als solchen zum Mechanismus zu erklären. Das Uhrwerk, diese große Erfindung des Mittelalters, wurde zum Vorbild für einen mechanisch funktionierenden Kosmos mit einem als Maschine angelegten Menschen darin. Newton lieferte die Gesetze für den äußeren Kosmos, der französische Leibarzt Friedrichs des Großen, Julien Offray de La Mettrie (1709-1751), eine Beschreibung der Maschinenhaftigkeit des Menschen. Damit war der Weg geebnet für den ungehinderten Fortschritt der Automaten.

Die bekanntesten Konstrukteure kommen aus dem Land der Uhren, der französischen Schweiz. Die Konstrukteure hießen Jacques Vaucanson (1709-1782) und Pierre-Jaquet Droz (1721-1790). Weltberühmt wurde neben Vaucansons Flötenspieler und provenzalischem Trommler dessen mechanische Ente, die Körner picken und sogar verdauen und ausscheiden konnte. 1703, nachdem sie eine Zeitlang durch Europa gewandert waren, entdeckte  der Berliner Aufklärer Christian Friedrich Nicolai die drei Automaten in Kisten verpackt auf einem Nürnberger Dachboden. Zwanzig Jahre später tauchen sie wieder auf, und nun haben wir einen großen Zeugen. Im Jahre 1805 besuchte der Geheimrat Goethe zusammen mit dem Hallenser Altphilologen Friedrich August Wolf und seinem Sohn August den  Helmstedter Erfinder, Kunstsammler, Naturhistoriker, Alchimisten, Zauberer und Wundertäter Professor Gottfried Christoph Beireis, eine wahre „Faust-Karikatur“ (Richard Friedenthal). Der Autor des Faust fühlte sich von dieser Legende angezogen, einem Sonderling, der „wie ein geheimnisvoller Greif über außerordentlichen und kaum denkbaren Schätzen waltete“ (Goethe 758). Er schien auf riesigen Reichtümern zu hocken. Auf unbegreifliche Weise hatte er Werke von Tizian, Dürer und vielen anderen gehortet, sie standen zum Teil in seinem Schlafzimmer herum, es war schwer zwischen Originalen und Fälschungen zu unterscheiden. Er besaß einen eiergroßen Diamanten und war bekannt als Arzt und Heiler. Die merkwürdigsten Geschichten kursierten über ihn. So soll der Professor bei einem Diner im Hause des Herzogs von Braunschweig einen grell-roten Mantel getragen haben, den er partout nicht ablegen wollte. Während der Mahlzeit wurde der Mantel mit einem Mal schwarz und zerfiel in Stücke. Ein weiterer Gast, der Bischof von Hildesheim, musste in diesem Augenblick zu seinem Leidwesen feststellen, dass sein Wein zu Essig geworden war (Wood 31). Zu seinem Ruf, ein Alchemist zu sein, trug der Geruch in seinen Gemächern bei. Es roch allgegenwärtig etwas teuflisch-schweflig, denn Schwefel setzte er ein im Kampf gegen die Motten, die seine Sammlungen aufzufressen begannen. Achim von Arnim ließ den geheimnisvollen Doktor in „Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores“ auftreten, E.T.A. Hoffmann nutzte ihn für Coppelius in „Der Sandmann“. Goethe erkannte allerdings, dass Beireis schon einer anderen Welt angehörte:

Die Kommunikation der Weltbürger ging noch nicht so schnell wie gegenwärtig, noch konnte jemand, der an entfernten Orten wie Swedenborg, oder auf einer beschränkten Universität wie Beireis seinen Aufenthalt nahm, immer die beste Gelegenheit finden, sich in geheimnisvolles Dunkel zu hüllen, Geister zu berufen und am Stein der Weisen zu arbeiten. (Goethe 775)

Goethe und Wolf durchschritten mehrere Räume, auch einen Saal der Naturgeschichte, in dem ausgestopfte, von Motten angefressene Vögel standen. In einem ähnlichen Zustand fanden sie die Vaucansonschen Automaten vor, „durchaus paralysiert.“ Der Flötenspieler war stumm geworden, die Ente ganz schön mitgenommen, sie hatte ihr Gefieder verloren und verdaute nicht mehr. Napoleon selbst hatte versucht, die Ente von Beireis abzukaufen, was dieser jedoch abgelehnt hatte. Nach seinem Tod versuchte man, die Automaten an den französischen Kaiser zu verkaufen, doch nun wollte der nicht mehr.

Flötenspieler und Trommler verschwanden daraufhin, die Ente tauchte eine Zeitlang unter, um als Original oder in verschiedenen Kopien nach zwei Jahrzehnten wieder aufzutauchen. Sie geriet in die Hände von Ausstellern, Pfandverleihern und Bastlern, bis sie sich eines Tages, 1844, auf der Exposition Universelle in Paris zeigte. Ein Flügel lahmte und so beauftragte der Besitzer Dietz einen berühmten Zauberer und Automatenbauer, den großen Jean-Eugène Robert-Houdin persönlich, die Maschine wieder in Ordnung zu bringen. Robert-Houdin neigt in seinen Schriften zur Dramatik, aber es stimmt wohl, was er damals behauptete, bei der Untersuchung der Ente gefunden zu haben: Sie konnte gar nicht verdauen! Die Exkremente, die angeblich nach dem Verdauungsprozess aus ihr traten, waren in Wirklichkeit vorgefertigte Stoffe, eine Mischung aus grün gefärbten Brotkrümeln. Nicolai hatte übrigens Ähnliches schon Jahrzehnte zuvor festgestellt. Später hören wir, dass die Ente 1882 auf einer Ausstellung von Wachsfiguren in Krakau gesichtet wurde, andere behaupten, die wahre Ente sei bei einem Feuer in Nishni Novgorod an der Wolga zugrunde gegangen. In dieser romantischen Geschichte einer Automate, die Kaiser wie Rummelplätze beschäftigte, steckt allerdings noch eine andere. Günter Kunert schrieb einmal von den „irisierenden Glasaugen der Ente“, in der eine andere Zukunft glänze. Die gefälligen Automaten lenkten ab von jenen Maschinen, die nach ähnlichen Prinzipien die menschliche Arbeit zu kontrollieren und umzugestalten begannen. Vaucanson war an vorderster Front tätig, als es um die Mechanisierung der Seidenherstellung ging – der Hass der Arbeiter, die ihre Stellen verloren, schlug ihm entgegen. Jean Paul hat sich mit diesem Aspekt der Maschine sehr früh beschäftigt. 1785 schrieb er den ältesten deutschen literarischen Text „über die drohenden Folgen einer Industrialisierung der Textilproduktion“ (Hädecke 125). Das Prosastück, 1789 in der Auswahl aus des Teufels Papieren erschienen, trägt den Titel: „Unterthänigste Vorstellung unser, der sämmtlichen Spieler und redenden Damen in Europa entgegen und wieder die Einführung der Kempelischen Spiel- und Sprachmaschinen“. Darin macht er sich verspielt-barock lustig über die Maschinenhaftigkeit menschlicher, vor allem höfischer Gesellschaft, aber er geht auch im Mantel der Satire gegen die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch die neuen Spinnmaschinen vor. Vaucanson lieferte die Vorlage für den Jacquardschen Webstuhl, der mit Lochkarten operierte. Dieses System führte schließlich, über den Umweg von Charles Babbages Rechenmaschine, zum Lochkartensystem des Herman Hollerith, der damit die amerikanische Volkszählung von 1890 durchführte. Aus den Lochkarten wurde das Prinzip des Computers entwickelt, aus Holleriths Tabulating Machines Company wurde 1924 die International Business Machines Company, auch als IBM bekannt.

Fortsetzung folgt

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

Eine Antwort auf „Der Geist in der Maschine – Automaten in der Literatur 1.0“

  1. Lieber Elmar, ich bin gespannt auf die Fortsetzung.
    Ganz wunder-bar.
    Natürlich lieben wir Menschen die Routine. Faulenzen nicht alle Säugetiere, außer dem Menschen, die überwiegende Zeit des Tages, um dann in kürzester Zeit den Lebensunterhalt (Fressen) und Fortpflanzung zu erledigen?
    Weshalb wohl ist dies unserer Gattung so nicht gestattet?
    Woraus der Wunsch sich vielleicht erklären mag, dass wir ‚Stellvertreter‘ wünschen?

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