Person und Mythos – Die heilige Elisabeth von Thüringen

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Dies ist die Lebensbeschreibung und die Legende der gottseligen St. Elisabeth, der Tochter des edlen Königs von Ungarn, die nach Gottes Willen und Fügung mit dem edlen Fürsten Landgraf Ludwig von Thüringen vermählt wurde.” (Leben und Legende, S. 7)

Mit diesen Worten beginnt der Dominikaner Dietrich von Apolda (vermutlich 1230-1302) seine Vita, welche zwischen 1289 und 1291 entstand: die Vita der heiligen Elisabeth von Thüringen. Diese schillernde Gestalt des Mittelalters, heilige Landespatronin von Thüringen und Hessen, erfährt hier eine Aufarbeitung im Sinne von “Leben und Legende”: neben den Fakten finden sich viel Erzählstoff und Geschichten um die Person Elisabeth von Thüringen, die zur Bildung eines unverkennbaren Mythos führten.

Sie ist vieles, u. a. die verklärte Heilige, deren Person von Klerus und Kirche konstruiert wurde und auf deren Grundstein ihre Geschichte überdauerte. Schaut man jedoch hinter diese aufgebaute Fassade, sieht man eine Frau, die ihre Überzeugungen verteidigte und einem anderen Weg folgen wollte, als jener, der ihr von Gott gegeben zu sein schien.

Ich bin erst kürzlich auf der Wartburg gewesen, auf der ihr Mythos noch heute lebendig gehalten wird – eine solche Persönlichkeit zieht eben die Touristen an. Obwohl von hohem Stand, widmete sie ihr Leben Gott und ihren Besitz dem Armutsideal ihrer Zeit, was zu steten Konflikten mit den umliegenden Adligen, ihrer eigenen Familie und schließlich dem Verlust ihres Lebens führte.

Die Wartburg in Eisenach

Nicht nur in Elisabeths Fall ist es schwer, erdichtete Heilige und historische Person zu trennen, da viele Informationen über ihr Leben auf jenen Heiligenviten basiert. Der Mythos verschleiert oft die Wurzel, das Eigentliche. Ist man jedoch sowohl mit den gesellschaftlichen als auch religiösen Gepflogenheiten ihrer Zeit vertraut und sieht auf die wenigen Berichte der Zeitzeugen, so kann man den Unterschied zumindest erahnen.

In einer Zeit, in der Frauen ihre Identität vom Status ihrer männlichen Vormunde diktiert bekamen, erklärt Dietrich von Apolda uns in diesen ersten, genannten Sätzen bereits, wer Elisabeth von Thüringen in ihren Grundzügen ist. Zumindest nach mittelalterlichen Maßstäben.

Sie wurde 1207 als Tochter des ungarischen Königs Andreas II. und dessen Frau Gertrud von Andechs geboren, und stammte somit aus den höchsten Adelskreisen Europas. Bereits als Kleinkind wurde sie der Dynastie der Ludowinger in der Landgrafschaft Thüringen versprochen, eine Verbindung, die vermutlich dem Hause Andechs-Meranien und besonders ihrer Mutter zusagte – von Letzterer meint Dietrich sie „verstand gute Absichten durchzusetzen, denn sie besaß in ihrem weiblichen Körper einen männlichen Sinn und regelte alle Angelegenheiten des Königreiches.” (Leben und Legende, S. 11)

Der zweite Vormund, den Dietrich von Apolda erwähnt, ist Elisabeths Ehemann Ludwig IV. von Thüringen, den sie schließlich heiraten sollte. Für die Menschen ihrer Zeit wäre die Person Elisabeth von Thüringen somit ausreichend erklärt gewesen, aber sie selbst sorgte dafür, dass sie nicht nur wegen Herkunft und Ehepolitik in Erinnerung bleiben würde.

Im Detail beschreibt Dietrich, wie die vierjährige Elisabeth samt Geleit und einer sehr reichlichen Mitgift im Jahr 1211 auf die lange Reise nach Thüringen geschickt wird und lässt sich schließlich zu der Aussage hinreißen: „Kurz gesagt, sie schickte so viel, daß man so schöne, kostbare und erlesene Schätze, wie die Königin ihrer Tochter mitgab, niemals nach Thüringen gebracht, noch jemals dort erblickt hatte.” (Leben und Legende, S. 11). Er deutet dabei an, Elisabeth wäre im Bezug auf Reichtum unter ihrem Stand verlobt worden. Zwar war sie eine Königstochter, doch die Landgrafschaft Thüringen gehörte damals zu einem der mächtigsten und wohlhabendsten Häuser deutscher Lande.

Sie wurde am Hof ihres Zukünftigen erzogen, was zu ihrer Zeit gängige Praxis war. Es ist wahrscheinlich, dass Elisabeth mit dem früh verstorbenen Erstgeborenen Hermann verheiratet werden sollte, nach dessen Tod 1216 jedoch dem nächstjüngeren Sohn anverlobt wurde. Wie es in Heiligenviten üblich ist, soll Elisabeth bereits als Kind äußerst fromm, intelligent und gutherzig gewesen sein.

„Selbst bei den Kinderspielen richtete sie die Hoffnung zu Gewinnen auf Gott, denn sie schenkte von ihrem Gewinn stets den zehnten Teil armen Kindern und nötigte sie zugleich, ein Paternoster und ein Ave Maria zu beten.” (Leben und Legende, S. 12)

Kinder hätten laut Dietrich gesehen, wie Elisabeth von Jesus Christus besucht wurde. Das Fundament ihrer Heiligkeit wurde frühzeitig gelegt, doch die Besuche durch Heilige und Christus sollen ihr Leben lang angehalten und somit die Richtigkeit ihres Werdeganges belegt haben. An einem Hof, der seinerzeit als kultiviertes Zentrum von Dichtkunst und Minne galt, und wo man die damit verbundenen “Ausschweifungen” von Farben, Festen und Finesse schätzte, lehnte Elisabeth dieses wohl schon frühzeitig ab.

Nachdem ihre Mutter aus machtpolitischen Gründen während der längerfristigen Abwesenheit ihres Mannes 1213 ermordet wurde, blieb der zweite Teil der versprochenen Mitgift aus. Dies ließ man das Mädchen wohl in den nächsten Jahren deutlich spüren, auch von einem Zurückschicken der Braut soll die Rede gewesen sein. Dass sie lediglich ein Pfand und Geldwert in den Ränkespielen der Mächtigen war, das begriff die Königstochter sicherlich schnell. In den Legenden und der Vita erscheint es jedoch so, als hätte man sie wegen ihrer ungewöhnlichen Lebensart zurückschicken wollen.

Als besonders ungnädig beschreibt Dietrich von Apolda auch die zukünftige Schwiegermutter Sophia, welche die junge Braut nach Strich und Faden getadelt und kritisiert haben soll. Ebenso wie die kategorische Ablehnung ihrer Frömmigkeit wegen, so gehört wohl diese Antagonistenrolle in das Reich der überspitzten Heiligenlegenden. Elisabeth sollte nach ihr Landgräfin werde und eine gewisse Besorgnis, die Sophia in Anbetracht der Verweigerung Elisabeths gegenüber höfischen Lebens und dynastischer Repräsentation gezeigt haben mag, wäre verständlich.

Aus der Perspektive mittelalterlicher Religiosität kann man sich keine besseren, lobenswerteren Anlagen wünschen. Dies wird in den Geschichten, auf denen ihr Mythos beruht, überdeutlich. In ihrem weltlichen Leben war das Größte, das sie erhoffen konnte, die Anleitung und der Vorstand des Haushaltes und eine Rolle als schmückendes Beiwerk. Ihr Unwillen, diese Rolle einzunehmen, war höchst problematisch.

Doch allen realen oder angedichteten Intrigen zum Trotz, waren Ludwig und Elisabeth das “Traumpaar des deutschen Mittelalters”, wie sie oft bezeichnet werden. Sie liebten einander wirklich, darin stimmen sowohl Heiligenvita als auch historische Quellen überein. Ihre Ehe muss so viel glücklicher als die allgemeine Adligenheirat gewesen sein, dass sie schon geradezu als unorthodox angesehen wurde. Ihr entsprangen drei Kinder, ein Sohn und zwei Töchter.

Sie verbrachten ungewöhnlich viel Zeit miteinander und interessanterweise verurteilte Ludwig ihr Streben nach einem gottgefälligen Leben nie. So ermöglichte er ihr, dass sie karitative Tätigkeiten weitgehend ungestört verrichten konnte. Lediglich ihren Hang zu übertriebener Selbstgeißelung, die ihre Gesundheit gefährdeten, versuchte er im Rahmen zu halten. Sie neigte sogar dazu, sich nachts von ihren Hofdamen zum Gebet aufwecken zu lassen, indem diese an ihrem Zeh zogen.

„Dabei geschah es aus Versehen, daß die ehrbare Isentrut nach den Zehen des Fürsten faßte und ihn aus dem Schlaf weckte. Er begriff sogleich, daß dies mit ihrer Andacht zusammenhing, und schwieg geduldig dazu.” (Leben und Legende, S. 21)

Diese Episode ist im Detail so humoristisch und einzigartig, dass sie vermutlich wirklich stattgefunden hat. Es spricht für Ludwigs freundlichen Charakter und Liebe zu seiner Frau, dass er in dieser Situation auf solch gelassene Art reagierte.

In den Jahren ihrer Ehe trat die wichtigste männliche Gestalt neben ihrem Ehemann in ihr Leben – Konrad von Marburg, welcher vom Papst in deutschen Landen zum Überprüfen des Ordensklerus eingesetzt worden war. Dieser erfüllte ihren Wunsch nach Anleitung und Unterricht in theologischen Dingen, welche den einer gewöhnlichen Adligen überstieg.

Von Anfang an nahm Konrad von Marburg eine Stellung in Elisabeths Leben ein, die mit der ihres Ehemanns ins Gehege hätte kommen müssen. Dieser befürwortete die enge Beziehung seiner jungen Frau zu ihrem Beichtvater jedoch. In seinem Beisein legte sie ein Gelöbnis ab, ihrem geistlichen Vormund in allen Fällen zu gehorchen, solange dies nicht den Ansprüchen des Landgrafen entgegenwirkte. Sollte Ludwig jedoch sterben, so stünde sie unter seiner uneingeschränkten Kontrolle. Warum Ludwig eine solche Einmischung Konrads duldete oder förderte, ist nicht bekannt.

Sie sollte jedoch Elisabeths weiteres Leben maßgeblich bestimmen. Als Ludwig 1227 zum fünften Kreuzzug aufbrach, kam er lediglich bis Otranto, Italien, wo er vermutlich an Malaria erkrankte und starb. Als die Nachricht Elisabeth erreichte, nahm sie diese voller Trauer auf, mehr denn je darin bestärkt, ihr Leben von der Welt abzuwenden und sich ganz der Verwirklichung ihres asketischen Lebensplanes zu widmen.

Ludwig zieht auf den Kreuzzug – der Abschied der Eheleute soll herzzerreißend gewesen sein.

Es brach eine Zeit der Unsicherheit und Streitereien an. Ein regelrechtes Tauziehen um die frisch verwitwete Landgräfin begann – auf der einen Seite Konrad von Marburg, auf der anderen die Verwandten und Hofbeamten. Diese fürchteten den übergroßen Einfluss Konrads auf die Landgräfin, die schon oft zuvor Güter und Gelder in großem Stil an die Armen verteilt hatte. Die Gefahr bestand jedoch nicht nur in materiellem Verlust, sondern auch in der damit einhergehenden Befugnis über den ältesten Sohn des verstorbenen Landgrafen. In kürzester Zeit eskalierten die schwelenden Konflikte.

Elisabeths Schwager, der an der Stelle seiner unmündigen Neffen die Herrschaft übernommen hatte, entzog ihr das Verfügungsrecht über Ländereien und Güter. Man versuchte, Elisabeth innerhalb der Familie unterzubringen, während ihr Beichtvater sie von ihr zu isolieren suchte. Er brachte sie schließlich dazu, ihren Kindern, Freundes- und Familienbanden abzuschwören und ihr Leben ganz in den Dienst seiner Leitung zu stellen. Elisabeth, die dabei die ganze Zeit über zwischen den Fronten gestanden hatte, tat dies vielleicht, um einer weiteren Hochzeit zu entgehen, mit der sie von ihren Verwandten bestürmt wurde.

Konrad von Marburg erreichte schließlich, dass, obwohl ihr die Witwengüter verweigert wurden, eine beträchtliche Summe gezahlt und einige Ländereien um Marburg an der Lahn an Elisabeth gingen, die sie zum Unterhalt eines dort gegründeten Hospitals nutzte. Elisabeths Verwandte hatten den Kampf um sie weitgehend aufgegeben und Elisabeth überließ sich Konrads Kontrolle. Diesen Abschnitt ihres Lebens, so verheerend er für Elisabeths Seelenwelt möglicherweise gewesen sein mag, beschreibt Dietrich von Apolda in seiner Vita als durchaus positiv – die klare Feindesrolle wird Elisabeths Familie zugedacht, während Konrad von Marburg in den höchsten Tönen gelobt wird.

„Der gottergebene Priester Meister Konrad bemerkte, daß die Gottesdienerin St. Elisabeth zum Gipfel der höchsten Vollkommenheit emporstrebte. Er entzog ihr deshalb alles, was sie von ihrem Vorsatz hätte abbringen können, und ließ ihr zukommen, was sie darin bestärken sollte. So schickte er ihr ganzes Gesinde…fort; danach auch die ehrbare Frau Isentrut, an der sie mit inniger Liebe hing; […] Der fromme Prieste nahm Gottest Dienerin jede Gemeinschaft mit Menschen und deren Trost, damit die Beständigkeit ihres Gehorsams und ihres Willens, Gott allein zu dienen, offenbart wurden.“ (Leben und Legende, S. 69-70)

Die Beziehung zu Konrad von Marburg kann nur als höchst ungesund, wenn nicht sogar toxisch bezeichnet werden. Auf der einen Seite bestärkte und forderte er immer größere Aufopferung und Aufgabe all dessen, was sie an ihr früheres Leben erinnern könnte – offenbar fürchtete er einen „Rückfall“ und jede “Verfehlung” wurde durch Schläge mit Ruten gegeißelt. Auf der anderen versuchte er, sie von der übermäßigen Ausgabe finanzieller Mittel an Arme abzuhalten. Die Summe, die er mit Elisabeths Verwandten ausgehandelt hatte und die für die Instandhaltung des Hospitals sorgte, war ebenso sein eigenes Einkommen. Daher war ihm gar nicht daran gelegen, dass seine „junge Untergebene“ ihr ganzes Hab und Gut weggab, wie sie es sich eigentlich wünschte.

Die Vita nimmt auch das als gerechtfertigt, ja, positiv und Opfer auf ihrem Weg zur Gottgefälligkeit hin:

„Als Meister Konrad davon erfuhr, verbot er ihr jedes weitere Almosengeben, weil sie sonst überhaupt nichts behalten hätte, und gab ihr einige strenge Frauen zur Seite, die ihr hart zusetzten.” (Leben und Legende, S. 78)

Er ließ sie Tag und Nacht überwachen, Strafen wurden zunehmend härter und über jede Tat und Atemzug bestimmte er selbst. Dass sein Hauptaugenmerk auf den finanziellen Mitteln lag, sagt viel über seine eigenen Interessen aus. In Elisabeth hatte er ein williges, bedeutendes Instrument gefunden, das sein Überleben und seine Berühmtheit mehrte und das nur sehr selten dagegen aufbegehrte.

Ihre letzten Jahre verbrachte sie in Askese und mit täglicher harter Arbeit im Hospital. Die körperlichen Entbehrungen und der psychische Druck forderten jedoch bald ihren Tribut. Mit nur 24 Jahren starb Elisabeth in Marburg an der Lahn im Jahre 1231. Die denkbare Ursache ist körperliche Erschöpfung und Auszehrung, gefolgt von kurzer Krankheit.

Die allgemeine Anteilnahme war überwältigend und ihre Heiligsprechung gilt als eine der schnellsten überhaupt. Bereits kurz nach ihrer Beisetzung verbreiteten sich Berichte von wundersamen Heilungen durch Berühren ihres aufgebahrten Leichnams, Gebeten an ihrem Grab. Diese nötigen Wunder brachte Konrad von Marburg in dem Heiligsprechungsverfahren ein, das er bis zu seinem gewaltsamen Tod 1233 unterstützte. Insgesamt sollen es wohl 105 Wunder gewesen sein, die Elisabeth vor und nach ihrem Tod vollbracht hatte und 1235 wurde sie in das Heiligenregister aufgenommen.

Der Mythos und sein Ursprung, beides wurde von anderen bestimmt. Niemals hätte Elisabeth ihr Leben auf solche Art gestalten könne, hätte es ihr Gemahl nicht geduldet. Ohne die Vorherrschaft des Konrad von Marburg hätte sie ihre letzten Jahre vielleicht anders verbracht oder hätte sogar noch einmal geheiratet. Ihre Geschichte ist einzigartig und beeindruckte Menschen damals wie heute derart, dass sie wohl die populärste Heilige des deutschen Sprachraumes ist.

Wie viel von Elisabeths Geschichte ist nun Mythos und wie viel ihre eigentliche Person? Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass das eine ohne das andere nicht existieren und deshalb nicht voneinander getrennt werden kann. Ihre persönlichen Gefühle und Gedanken sind uns ebenso wenig bekannt, wie die ihres Ehemannes oder Konrad von Marburgs. Ihre Geschichten, die wir lesen, wurden zu einem Zweck geschrieben und man kann die eigentliche Person, den Menschen aus Fleisch und Blut dahinter nur erahnen.

Dass sie jedoch ein einzigartiges Leben führte, sich den gängigen Konventionen widersetzte, das ist gewiss. Sie besaß den Schneid, ihren Platz anzuzweifeln, der ihr in den Augen ihrer Mitmenschen von Gott gegeben war. Sie führte eine ungewöhnlich glückliche Ehe mit einem Mann, der sie offensichtlich in ihren Entscheidungen bedingungslos unterstützte; vielleicht schwieg er aber auch nur aus Liebe zu ihr und duldete eher, als zu unterstützen. Vielleicht war sie Konrad von Marburgs willige Dienerin, vielleicht erkannte sie aber auch, dass sie sich in etwas hineinmanövriert hatte, das außer Kontrolle geraten war.

Sie ertrug und duldete sehr viel in ihrem Leben, wobei sie dieses nie wirklich so gestalten konnte, wie sie es eigentlich wünschte. Das ist vielleicht die einzige Tatsache, die unumstößlich wahr ist.

Ein Beitrag von Pia Stöger.

Literaturhinweis:

Rainer Kößling. Leben und Legende der heiligen Elisabeth. Mit 14 Miniaturen der Handschrift von 1481 / nach Dietrich von Apolda. Frankfurt am Main: Insel-Verlag 2007.

Verwandlung

„Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue
Körper, so treibt mich der Geist. Ihr Götter, da ihr sie gewandelt,
Fördert mein Werk und lasset mein Lied in dauerndem Flusse
Von dem Beginne der Welt bis auf meine Zeiten gelangen!”

(Ovid, Metamorphosen, Buch 1, Vs. 1-4)

Alles um uns herum befindet sich in steter Veränderung. Jeder Aspekt unseres menschlichen Lebens führt uns das Tag für Tag vor Augen, und dennoch tun sich die meisten Menschen mit Veränderungen eher schwer. “Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein”, sagte Johann Wolfgang von Goethe, wobei er wohl eher auf den eben beschriebenen, täglichen Umgang mit dem steten Fluss des Neuen anspielt, als die Verwandlung einer jungen Frau in eine Kuh.

Veränderung, Umstellung, Übergang – Verwandlung. Viele Synonyme, die alle irgendwie dasselbe bedeuten und dann doch wieder nicht. „Veränderung“ ist wohl der beste Sammelbegriff, denn er kann vom Jobwechsel und einer neuen Frisur bis hin zum Umdenken alles sein. Gerade die hier genannten stellen zugleich eine Art Verwandlung der jeweiligen Person dar und Verwandlungen spielen seit jeher eine große Rolle in der Vorstellung der Menschen.

Die frühen Naturreligionen verehrten lebensbestimmenden Faktoren wie den Jahreszeitenwechsel, den Tag und die Nacht, die Regen- und Trockenzeiten als Verwandlungen ihrer Umwelt, die durch göttliche Macht hervorgerufen wurden. Die Hindu-Göttin Parvati kennt viele Erscheinungsformen; ursprünglich das göttliche Ideal der liebenden, treusorgenden Mutter ist eines ihrer anderen Gesichter das der Kali, Göttin des Todes und der Zerstörung. Auch im Christentum tritt Jesus als Sohn Gottes auf, der sich von einer Sterblichen als Mensch in diese Welt gebären ließ. Veränderung und Verwandlung sind also zentrale Elemente der verschiedensten Religionsvorstellungen.

Wandlung als Motiv

Das griechische und römische Pantheon nimmt die Verwandlung in ihren Geschichten jedoch so wörtlich, dass sie sogar in einem als solche betitelten Werk gesammelt wurden. Die Rede ist von dem mythologischen, in Hexametern verfassten, Werk Metamorphosen (Metamorphoseon libri) aus der Feder des römischen Dichters Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. – 17 n. Chr.), der vor allem unter dem Namen Ovid bekannt ist.

Das Wort „Metamorphose“ leitet sich vom altgriechischen metamórfōsis ab, was so viel wie „Umgestaltung“ oder „Verwandlung“ bedeutet. In der Tierwelt kennt man den Begriff zum Beispiel in Verbindung mit dem Verpuppen von Raupen und den daraus schlüpfenden Schmetterlingen. In Ovids Geschichten ist allerdings nicht jeder so glücklich, als schöner Falter aus seiner Metamorphose herauszukommen.

Bei dem Werk handelt es sich um eine literarische Verarbeitung von etwa 250 Sagen, welche aus 15 „Gesängen“ oder Büchern aufgebaut ist. Jedes einzelne dieser Bücher besteht wiederum aus circa 700 bis 900 Versen, die von der Entstehung und Geschichte unserer Welt erzählen. Die Metamorphose ist dabei ein wiederkehrendes Motiv, welches auf die unterschiedlichsten Arten und für diverse Zwecke zustande kommt.

Konsequenz der Untreue

Beliebt ist die Verwandlung als Strafe, meist sind die Opfer dabei unliebsame Nebenbuhler und Geliebte der Gottheiten – wobei wir zur jungen Frau und deren Verwandlung in eine Kuh zurückkommen. Denn eine der berühmteren Geschichten ist die des Jupiter und der Io, die sich im Buch 1 findet. Die Umstände der Verwandlung sind zugleich kurios und tragisch, geschieht sie doch erst als Rettung und wird dann zur Bestrafung umgewandelt.

Jupiter, das römische Gegenstück zum Göttervater Zeus, verliebt sich in die junge Priesterin Io und verführt sie. Seine Ehefrau Juno kommt ihm jedoch auf die Schliche, da sie seine Neigung zu Untreue kennt.

„Nach dem Gemahle späte sie [Juno] aus: sie wußte, wie oft schon
Sie ihn ertappt bei heimlicher Liebe; und als sie im Himmel
Ihn nicht fand, da sagte sie: »Entweder bin ich im Irrtum,
Oder ich werde beleidigt.« Sie glitt vom himmlischen Aether
Nieder und stand auf der Erde: den Nebeln gebot sie zu weichen.
Jupiter hatte ihr Kommen gemerkt, und des Inacus Tochter
Hat er verwandelt: sie war zur strahlenden Färse geworden.”
(Metamorphosen, Buch 1, Vs. 605-611)


Die Aktion geht nach hinten los, denn Juno ahnt, dass es sich bei dem Tier um kein gewöhnliches handelt. Anstatt jedoch wütend zu werden, bewundert sie die schöne weiße Kuh, fragt nach ihrer Herkunft und wem sie wohl gehört. Jupiter antwortet ausweichend, und so fordert Juno ihn auf, dass er ihr die Kuh zum Geschenk machen soll. Dieser sitzt nun in der Zwickmühle und überlässt seiner Frau schließlich die hilflose Geliebte in ihrer Tiergestalt, um seinen Schwindel nicht auffliegen lassen zu müssen.

Juno befragt Jupiter

Da Juno noch immer nicht überzeugt ist, gibt sie die Kuh dem Riesen Argus mit seinen hunderten Augen zur Bewachung. Die arme Io muss ein jämmerliches Dasein fristen und läuft den Nymphen, ihren Schwestern, und dem Vater in der Hoffnung nach, sich irgendwie zu verständigen. Ihr Vater ist es dann auch, der die Wahrheit erkennt und dennoch machtlos bleibt. Mithilfe eines Tricks schafft es Jupiter, den Argus töten zu lassen, was seine Gattin mit einer üblen Hetzjagd der armen Io pariert.

Letztendlich zwingt ihn die aussichtslose Lage dazu, zerknirscht Besserung zu geloben und Gnade für seine Geliebte zu erbitten. Befriedigt verwandelt die triumphierende Juno die junge Frau zurück. Glücklich gesellt sich diese wieder zu ihrer Verwandtschaft und wird von da an als göttlich berührt verehrt.

Letzte Zuflucht

In einem Großteil der Geschichten ist die Liebe eines Gottes verantwortlich für die Verwandlung. Fand sie bei Io statt, um Jupiters Untreue zu kaschieren, so kann sie auch als Errettung vor unerwünschten Avancen eintreten. So geschieht es auch in der Geschichte um Phoebus und der Nymphe Daphne, welche ebenfalls im Buch 1 zu lesen ist.

Das Schicksal der beiden ist geradezu tragisch, wenn auch von Phoebus Seite her nicht ganz unentschuldigt. Dieser verspottet Cupido, den Sohn der Venus, wegen seines Bogenschießens, worauf dieser verständlicherweise nicht allzu freundlich reagiert. Aus Rache trifft her Phoebus mit einem seiner Pfeile, welche die Liebe entzünden. Die Nymphe Daphne trifft er jedoch mit dem Gegenstück, das die Liebe verscheucht und Unwillen hervorruft.

Alle Bewerber lehnt sie ab, trotz der mehr oder weniger sanften Maßregelungen ihres Vaters. Letztendlich kann sie von ihm die Erlaubnis zum ewigen Ledigenstand und Jungfräulichkeit erbitten. Ihrer Schönheit wegen prophezeit er ihr jedoch einige Hindernisse diesbezüglich. Und er soll recht behalten.

„Phoebus – er liebt! Er hat Daphne erblickt und ersehnt die Vermählung, […]
Also wurde der Gott zur Flamme, es loderte Feuer
Ihm in der Brust, und die Hoffnung ernährte vergebliche Liebe.”

(Metamorphosen, Buch 1, Vs. 490-496)

Er tritt zu ihr, geblendet von seinem Begehren, und muss mit ansehen, wie die Liebste vor ihm flieht. Unter Bitten und Flehen verfolgt er sie, gibt sich ihr als Gott des Lichtes, der Heilung, der Künste zu erkennen und hofft damit ihre Angst zu vertreiben. Doch sein Bemühen ist zwecklos, was er schnell einsieht. Die unerbittliche Magie von Cupidos Pfeil treibt ihn jedoch immer weiter an und die Verfolgung wird immer verzweifelter, während der sich Daphne die Haut an Dornen auf- und ihre Kleider zerreißt.

Als er sie dann beinahe hat, erkennt auch Daphne die Ausweglosigkeit ihrer Situation und wendet sich mit letzter Kraft an die göttlichen Kräfte der Natur, von denen sie Rettung erhofft.

„[…] ‚Ach, öffne dich mir, o Erde! so ruft sie,
Oder vernichte die allzu begehrte Gestalt durch Verwandlung!‘
Kaum hat sie solches gebetet, da fällt eine schwere Erlahmung
Ihr auf die Glieder, die schwellende Brust pberzieht sich mit feiner
Rinde; es wachsen die Haare zu Blättern, zu Zweigen die Arme;
Auch die Füße, soeben so rasch noch, sie hangen in trägen
Wurzeln, das Haupt wird Wipfel: was bleibt, ist die glänzende Schönheit.”

(Metamorphosen, Buch 1, Vs. 546-552)

Daphnes Verwandlung

Ist es Phoebus auch verwehrt, die geliebte Nymphe für sich zu gewinnen, so liebt er sie dennoch in ihrer neuen Gestalt. Er erwählt sich den Baum und seine Blätter zum Schmuck an Kleidung und Haar und verspricht ihr, dass ein Kranz aus ihren Zweigen von nun an stets die Häupter der Siegreichen schmücken wird. Denn Daphne ist in ihrer Metamorphose zum Lorbeer geworden.

Heimlicher Schwindel

Waren es in den hier genannten Beispielen bis jetzt stets die unglücklichen Geliebten der Götter, die eine Metamorphose erfuhren, so ist es in der wohl berühmtesten Geschichte genau anders herum. Die Rede ist von Jupiters Liebe zur Königstochter Europa, deren Episode vor allem als “Der Raub der Europa” bekannt ist. Zu lesen ist sie im Buch 2 und im Anfang des Buches 3 der Metamorphosen.

Jupiter erblick die Königstochter Europa, als sie von einer Gruppe Mädchen begleitet am Strand spazieren geht. Um sich ihr unauffällig nähern zu können, verwandelt er sich in einen besonders schönen, schneeweißen Stier und mischt sich unter die Herde königlicher Stiere, welche der Götterbote Merkur auf sein Wort hin zu eben jenem Strand getrieben hat.

Obwohl die Frauen zuerst bei dessen Anblick erschrocken sind, nähern sie sich dem zutraulichen Tier jedoch bald ohne größere Hemmungen. Auch Europa gesellt sich dazu, spielt mit dem Stier, streichelt diesen und schmückt die Hörner des Tieres mit Blumen.

„[…] Und sieh, nun wagt es gar die Prinzessin,
Sich auf den Rücken des Stieres zu setzen – sie kennt ihren Träger
Nicht – doch vom Land, vom trockenen Ufer entschreitet allmählich
Sachte der Gott mit trügenden Schritten zuerst in das Wasser,
Geht dann tiefer hinein und entführt durch das Meer seine Beute.”

(Metamorphosen, Buch 2, Vs. 868-872)

Europa reitet auf dem Stier

Die Entführte bringt Jupiter nach Kreta, wo er sich ihr in seiner wahren Gestalt offenbart. Auch die Suche ihrer Brüder mag sie nicht zurückbringen, und schließlich befragt man das Orakel von Delphi, welches einem der Brüder jedoch rät, nicht weiter nach seiner Schwester zu suchen, sondern stattdessen die Stadt Theben zu gründen. So endet die Geschichte der Europa, denn dem obersten Gott kann kein Sterblicher etwas entgegensetzen, ob er sich nun dessen Schwester bemächtigt hat oder nicht.

Ein Einfluss durch die Zeit

Die Metamorphosen, die vermutlich zwischen dem Jahr 3 und 8 nach Christus entstanden, zählen zu den populärsten mythologischen Werken der Geschichte und beeinflussten maßgeblich Literatur und bildende Kunst. Sie erfreuten sich im Mittelalter derartiger Beliebtheit, dass Albrecht von Halberstadt bereits im frühen 13. Jahrhundert eine Paraphrasierung im thüringischen Dialekt herausbrachte. William Shakespeare baut in seinem Stück Ein Sommernachtstraum nicht nur die Geschichte von Pyramus und Thisbe (eine weitere Episode der Metamorphosen) als meta-dramatisches Stück-im-Stück ein, sondern lässt auch einen seiner wichtigen Charaktere in ein Mischwesen aus Esel und Mensch verwandeln.

Das Motiv von Verwandlung hat seitdem im literarisch-kulturellen Bereich viele Formen angenommen. Sie wird nicht länger nur als körperliches Phänomen verarbeitet, sondern auch als psychisches, was zum Beispiel in Werken wie Robert L. Stevensons Der Seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr Hyde zum Ausdruck gebracht wird. In diesem verwandelt sich der gesetzte Dr. Jekyll in sein grausames Alter Ego Mr Hyde, in eine Fleischwerdung unterdrückter Bedürfnisse, Triebe und Traumata. Bei Franz Kafkas Werk Die Verwandlung tritt die Transformation als ungeklärtes Intermezzo auf und führt schließlich zum Ruin des Protagonisten: eine starke Botschaft, dass Veränderungen unser gesamtes Weltbild zum Einsturz bringen können.

Verwandlungen, wie sie in Ovids Werk stattfinden, haben die Menschen über Jahrtausende als solche derart beeindruckt und beeinflusst, dass sie immer wieder Aufarbeitung und neue Adaptionen erfuhren. Sie scheinen uns als Menschen auf einer Ebene anzusprechen, die als eine Abweichung aus der rationalen Welt lockt. Denn wer hat nicht schon einmal davon geträumt, sich verwandeln zu können?

Ein Beitrag von Pia Stöger.

Literaturhinweis:

Ovid. Metamorphosen. Reclam: Stuttgart 2008.

Verhängnisvolle Schönheit und verdammende Hässlichkeit – Der Glöckner von Notre-Dame

Es ist ein farbenfrohes, grausames Bild, das der berühmte französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) in seinem historischen Roman Der Glöckner von Notre-Dame (1831) kreiert. Schauplatz ist das spätmittelalterliche Paris an der Schwelle zur Neuzeit, auf dessen Bühne er individuelle Schicksale, geschichtliche Hintergründe und Lebenskultur des 15. Jahrhunderts miteinander verbindet.

Seine Darstellungen der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit, der Gewalt gegenüber Andersgläubigen und Menschen mit körperlicher Behinderung instrumentalisiert Hugo als eine Kritik an rückständigen gesellschaftlichen Konventionen sowie Vorurteilen und drückt Verurteilung der Todesstrafe und der Folter aus. Durch die Charakterzüge und Handlungsweisen seiner Figuren führt er uns vor Augen, wie tief die Verbindung von körperlicher und innerer Schönheit als Ideal unser Denken bestimmt. Dieser Konflikt taucht immer wieder auf und wird als solcher vom wenig attraktiven Glöckner Quasimodo aus seiner Sicht geäußert: „Was nicht schön ist, hat kein Recht zu sein; / Schönheit liebt allein nur Schönheit, / Dem April zeigt Januar den Rücken.“ (S. 447).

Schönheit und Liebe in all ihren Facetten stehen im Zentrum des Romans. Sie fungieren als Schlüsselwörter, die Schicksale offenbaren und entscheiden, das Schlimmste und Beste im Menschen herauskehren und die Figuren in einer Folge von fast schon reißerischen Geschehnissen an den Rand des Möglichen bringen. Der Glöckner von Notre-Dame erzählt von der romantischen Liebe, Nächstenliebe, von jener zwischen Eltern und Kindern, vor allem aber von der Macht, welche Schönheit und Liebe über uns Menschen haben.

Es ist keine schöne Liebesgeschichte, die sich in Hugos Roman entfaltet. Ist es überhaupt eine? Denn Liebe ist eher der Katalysator als das gewünschte Ziel und Endprodukt der Handlung.

Ein kurzes Vorwort des Verfassers führt in die Geschichte ein. In diesem wird erklärt, dass er bei der Besichtigung eines der Türme von Notre-Dame das altgriechische Wort ANAГKH in die Steinmauer geritzt fand: Verhängnis. „Er [der Verfasser] fragte sich, er suchte zu erraten, wer wohl die bedrängte Seele sein konnte, welche diese Welt nicht hatte verlassen wollen, ohne dieses Zeichen eines Verbrechens oder Unglücks auf der Stirn der alten Kirche zu hinterlassen. […] Doch gerade auf dieses Wort hin ist vorliegendes Buch entstanden.“ (S. 5-6)

Es wird dem Leser auch schnell klar, dass es in der Geschichte um wesentlich mehr als nur den armen Glöckner geht. Die deutsche Version des Titels lässt vermuten, dass der Fokus auf dieser berühmt-berüchtigten Figur liegt, im Original heißt der Roman jedoch Notre-Dame de Paris. Obwohl der Glöckner als Charakter eine der Hauptrollen spielt, findet die gesamte Handlung um und in der gotischen Kathedrale statt, welche schon seit dem Frühmittelalter ihren Platz auf der Île de la Cité hat.

Wir schreiben den 6. Januar 1482. Die bunte Gesellschaft aus einfachen Parisern, Adel und fahrendem Volk feiert das „Dreikönigsfest“ und den Narrentag. Die Vermählung des Kronprinzen von Frankreich mit Margarete von Flandern steht bevor, und so soll das öffentliche Amüsement auch den flandrischen Gesandten gelten: „An diesem Tage sollte auf dem Place de Grève ein Freudenfeuer brennen, vor der Kapelle von Braque ein Maibaum gepflanzt werden und im Justizpalast ein Mysterienspiel zu sehen sein.“ (S. 10)

Place de Grève

Passend zum Durcheinander dieses mittelalterlichen Volksfestes entwirft Hugo ein sehr breites, manchmal verworrenes Netz an Personen und Handlungssträngen, die des Öfteren vom Hauptgeschehen wegzuleiten scheinen und doch letztendlich wieder darauf treffen. Auf den ersten Blick vermag es schwer erscheinen, in dieser Vielfalt eine oder mehrere Hauptfiguren herauszustreichen. Letztendlich kann man sich wohl darauf einigen, dass es sich bei den wichtigsten um eine „Fünfeckbeziehung“ handelt: Pierre Gringoire, Esmeralda, Claude Frollo, Quasimodo und Phoebus de Châteaupers. Rechnet man die Rahmenhandlung um die Klausnerin Schwester Gudule mit ein, wären es sogar sechs. Doch da diese sich nicht aktiv an der Handlung beteiligt, sondern für die Vorgeschichte und deren Auflösung sorgt, wollen wir uns auf die besagten fünf Personen konzentrieren.

Es sind die Geschehnisse dieses 6. Januar 1482, die alles ins Rollen bringen und, obwohl der Spruch reichlich abgenutzt ist, das Schicksal der Hauptcharaktere besiegeln werden.

Nach einer detaillierten Beschreibung der Stadtansicht (samt Klage um den Verlust alter und schöner Bauwerke im Laufe der Zeiten), gebotenen Aktivitäten und Menschenmassen, findet sich die Erzählung im großen Saal des Pariser Justizpalastes ein. Dort soll ein Theaterstück aufgeführt werden – ironischerweise handelt es sich dabei um ein Sittenspiel – welches zwar den philosophisch-moralischen Vorstellungen seines Autors Pierre Gringoire entspricht, doch so gar nicht den derben Geschmack der Zuhörer und die zügellose Stimmung des Narrenfestes trifft. Gringoire ist ein erfolgloser Dichter und Philosoph und die Bezahlung für das Theaterstück seine letzte Chance, in dieser Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben.

Die Zuhörer wenden sich dann aber eher der alljährlichen Wahl des Narrenpapstes zu, ein Amt, welches jenem zufällt, der durch die Öffnung eines kaputten Maßwerkfensters die schrecklichste Fratze ziehen kann. Das Volk wählt schließlich Quasimodo, den buckligen, tauben Glöckner von Notre-Dame, der einst als Findelkind in die Obhut der Kathedrale gelangte und sich an diesem Tag ausnahmsweise unter die Menschen gemischt hat. Für gewöhnlich wird er vom Volk gemieden, da man ihn aufgrund seiner Entstellung durch einen verkrümmten Rücken, einen Buckel, ein verkürztes Bein und nur ein sehendes Auge als zaubernde Brut des Teufels fürchtet. An diesem Narrentag der umgestürzten gesellschaftlichen Regeln kommt er jedoch gerade recht. Als die Ansammlung von fahrendem Volk, Bettlern und Zuschauern zusammen mit ihrem neuen Narrenpapst in Richtung des Place de Grève abzieht, scheint für kurze Zeit eine Rückkehr der Aufmerksamkeit zu Gringoires Stück möglich. Diese wird jedoch endgültig durch lauthalse Rufe „Die Esmeralda! Die Esmeralda!“ (S. 60) beendet.

Was es mit dieser Esmeralda auf sich hat, erfährt der Leser in Begleitung Pierre Gringoires, als dieser sich dem Place de Grève unter anhaltendem Gejammer über sein missglücktes Stück nähert. Eine junge Frau tanzt im Schein des großen öffentlichen Feuers auf dem Platz, und nicht eine Person ist unter den Zuschauern, die nicht von ihrem Tanz, ihrer fantasievoll bunten Aufmachung und blendenden Schönheit bezaubert ist. Gringoire ergeht es nicht anders und er fasst ein reges Interesse an Esmeralda.

Esmeralda

Diese gehört zu den Zigeunern, die im vergangenen Jahr in die Stadt einzogen sind und verdient ihren Lebensunterhalt durch Tanzen und Possen mit ihrer treuen Begleiterin, der Ziege Djali. Ihrer großen Schönheit wegen wird sie unter den Zigeunern geradezu wie eine zweite Madonna verehrt. Sie ist abergläubisch und leichtfertig. Um den Hals trägt sie ein Säckchen mit einem grünen Stück Glas in der Form eines Edelsteines, der einen Zauber enthält. Dieser soll ihr helfen ihre Eltern wiederzufinden, doch er bliebe nur wirksam, solange sie ihre Jungfräulichkeit nicht verliert.

Während sie tanzt, bemerkt Gringoire eine dunkelgekleidete Figur, ein Mann, der Esmeralda mit Argusaugen beobachtet, wobei sein Blick geradezu Flammen sprüht. Er erkennt ihn als Claude Frollo, Archidiakonus von Notre-Dame, den er von seinen früheren Studien her kennt. Obwohl die beiden im Laufe der Geschichte noch mehrmals miteinander im Vertrauen sprechen, so wird Gringoire die Beudeutung dieses einen schweren Blicks nie begreifen, ebenso wenig wie das Gewicht dieses 6. Januars, der so vielen zum Verhängnis werden wird.

Auch Esmeralda bemerkt den düsteren Zuschauer und erschrickt sichtlich, denn er verfolgte sie schon mehrere Male zuvor mit seiner unheimlichen Aufmerksamkeit. Dies und die hasserfüllten, antiziganistischen Rufe der Schwester Gudule, die als Klausnerin in einer Art Kerkerloch am Place de Grève öffentlich Buße tut, verscheuchen Esmeralda schließlich. Gudules Abscheu vor Zigeunern wird im Laufe der Geschichte erklärt und löst letztendlich so einige versteckte Zusammenhänge auf.

Es ist Gringoires Bewunderung, die ihn Esmeralda folgen und miterleben lässt, wie der bucklige Glöckner die Zigeunerin zu entführen versucht. Dieser ist in Begleitung des Archidiakonus, seinem Ziehvater, ein Fakt, der Gringoire später entfällt (vermutlich des Schlags wegen, den Quasimodo ihm versetzt und der ihn mehrere Meter durch die Luft schleudert). Die Schreie der verängstigten und überwältigten Esmeralda rufen eine Wachmannschaft auf den Plan, von der sie schließlich gerettet wird. Mit dieser tritt ein weiterer der Hauptcharaktere auf, der Hauptmann Phoebus de Châteaupers.

Dieser ist nicht nur gutaussehend, sondern macht in seinem Hauptmannsstaat und durch die heldenhafte Rettung einen großen Eindruck auf die junge Frau, die sich auf den ersten Blick in ihn verliebt. Dass er nicht ganz frei ist, weiß sie an diesem Punkt noch nicht; und es hält Phoebus auch in weiterem Verlauf nicht davon ab, Esmeralda verführen zu wollen. Nur verführen, ein anderes Interesse hat er nicht an ihr. Von den Zigeunern als irrtümlicher Angreifer Esmeraldas gefasst, droht Gringoire der Galgen, dem er, laut deren Gesetze, nur durch eine ‚Ehe des zerbrochenen Kruges‘ entgehen kann. Eine Zigeunerin muss sich seiner erbarmen und ihn zum Mann nehmen.

Überraschenderweise erklärt sich Esmeralda bereit, wohlwissend, dass Gringoire nichts mit dem Überfall zu tun hatte und nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Man besiegelt die Trauung mit dem Zerbrechen eines Kruges, und wortlos wird Gringoire, der sein Glück kaum fassen kann, von Esmeralda in ihre Behausung mitgenommen. Dort wird ihm jedoch sehr schnell klar, dass er sich an diesem Abend eine Josefsehe eingehandelt hat – Esmeralda erzählt ihm von dem Zauber und seinen Bedingungen, die sie im Notfall auch mit einem Dolch verteidigen würde. Nach einem gemeinsamen Essen sperrt sie ihn in sein Zimmerchen ein (zur Sicherheit) und legt sich selbst ebenfalls schlafen. Gringoire beobachtet sie zwar noch durchs Schlüsselloch und hätte sicher auch nichts gegen eine Hochzeitsnacht gehabt, seine Zufriedenheit darüber, ein Bett und Dach über dem Kopf zu haben, obsiegt jedoch. Auf diese Weise endet der schicksalsschwere 6. Januar 1482.

Weshalb ist die Liebe nun so schwerwiegend? Bis jetzt ist der Leser doch lediglich davon Zeuge geworden, dass Gringoire für die schöne Esmeralda schwärmt und diese sich in den gutaussehenden Phoebus verguckt? Dass Schönheit die beiden oberflächlichen Männer einfängt, scheint nicht verwunderlich.

Was womöglich der eine oder andere schon erraten haben mag, ist, dass nicht nur Gringoire eine Vorliebe für die Zigeunerin gefasst hat, sondern auch der wesentlich ältere Claude Frollo, dessen Liebe sich jedoch zu Obsession und Wahnsinn steigert. Seine unheilvollen Gefühle treiben ihn dazu, an seiner Liebe zu Philosophie und Wissenschaft, seinen Überzeugungen der Überlegenheit und des Zölibats, ja, an Gott und dem christlichen Glauben zu zweifeln. Er liebt und begehrt die junge Frau, für die er sogar die Verdammnis in Kauf nehmen würde, mit einer inbrünstigen Heftigkeit. Im Vergleich dazu erscheint ihm sein bisheriges Leben kalt und vergeudet. Die Tatsache, dass Esmeralda seine Gefühle nicht erwidert, sie ihn fürchtet und im Laufe der Geschichte verabscheuen und sogar hassen lernt, ist zu viel für ihn.

„Ach! Ein Weib lieben! Priester sein! Gehaßt werden! Sie mit der ganzen Raserei seiner Seele zu lieben; fühlen, daß man für das leiseste Lächeln von ihr sein Blut, sein Herz, seinen Ruf, sein Heil, die Untsterblichkeit und die Ewigkeit, dieses und das ewige Leben hingeben würde; bedauern, daß man nicht König, Genius, Kaiser, Erzengel, Gott ist, um ihr einen bedeutenderen Sklaven vor die Füße zu legen; sie Tag und Nacht in seinen Träumen und seinen Gedanken fassen – und sie in eine Soldatenuniform verliebt zu sehen! […] Ich flehe dich an“, rief er, „wenn du ein Herz hast, stoße mich nicht von dir!“ (S. 387-388)

Esmeralda und Quasimodo

Nachdem er sie schon lange beobachtet hat, beschließt Frollo an diesem Tag – passenderweise dem Narrentag – Esmeralda mithilfe seines ungestalten Ziehsohns zu entführen. Der vereitelte Versuch bringt Quasimodo, der aus Liebe und Pflichtgefühl gegenüber seinem Ziehvater handelte, zum Strafgericht der öffentlichen Auspeitschung. Frollo aber stürzt es noch tiefer in seine Verzweiflung und Besessenheit, besonders als er eine unvorhergesehene Wandlung in Quasimodo entdeckt. Dieser verliert sein Herz aufgrund ihres Mitleids an Esmeralda, als sie dem am Schandpfahl stehenden Unglücksraben zu trinken gibt. Diese Szene des Schönen, das sich des Hässlichen erbarmt, macht sie beim Volk beliebt und sichert ihr Quasimodos ewig Verehrung und Dankbarkeit.

Die „Fünfeckbeziehung“, deren verhängnisvolle Entwicklung durch Frollos Plan seinen Lauf nahm, ist somit komplett. Es ist eine tragische Konstellation. Esmeralda, die das Zentrum bildet, hat ihr Herz an Phoebus verschenkt und glaubt an seine ewige, aufrichtige Liebe. Phoebus sieht in ihr lediglich eine schnelle Affäre und ein mögliches Vergnügen (er kann sich nicht einmal ihren Namen merken). Dies treibt den Archidiakonus in rasende Eifersucht, nicht nur wegen des offensichtlichen Interesses des Hauptmannes, sondern auch, weil es vermeintlich auf Gegenseitigkeit beruht. Phoebus ist alles, was Frollo niemals sein kann, ein Verbrechen, dass auch dem leichtlebigen Hauptmann noch viele Scherereien bereiten wird.

Quasimodo steht durch seine Entstellung außerhalb, denn, wie sie sowohl Gringoire als auch Frollo ins Gesicht sagt, ist Esmeralda äußerliche Schönheit wichtig und sie könne nur einen schönen, starken Mann lieben; der schlechte Charakter des Hauptmanns kommt ihr gar nicht in den Sinn. Die Liebe des ungestalten Glöckners ist eine stille Liebe, die aber womöglich die ehrlichste und aufrichtigste von allen romantischen Gefühlen ist. Ihm liegt das Wohlergehen, das Glück der jungen Frau wirklich am Herzen, und trotz der Ablehnung durch seine Angebetete (für die sich Esmeralda zumindest etwas schuldig fühlt), lassen seine Bemühungen zu ihrem Schutz niemals nach.

Während Gringoire sich irgendwann damit abfindet, dass Esmeralda ihn nicht liebt und Phoebus mangels echter Gefühle noch schneller über sie hinwegkommt, wird für den Archidiakonus und den Glöckner die Liebe zum Untergang. Ein Ende, in das sie die unglückliche Esmeralda mit hineinreißen.

Denn im Gegensatz zu den klaren Kategorien von Gut und Böse, dem Happy End der Disney-Verfilmung, ist Victor Hugos Roman ein Strudel aus Unglück und zertretenen Hoffnungen. Obwohl Disney die begehrliche Besessenheit des Claude Frollo besonders im Soundtrack Das Feuer der Hölle gut darstellt, stilisieren sie ihn jedoch zum verabscheuungswürdigen Bösewicht ohne Gefühl. Die Gewissensbisse, die Verzweiflung und Zerrissenheit des ursprünglichen Charakters werden dabei um der klaren Linie willen weggelassen. Keiner der Charaktere bei Hugo ist durch und durch sympathisch, doch man kann ihre Empfindungen nachvollziehen (mal mehr, mal weniger) und nimmt lebhaft Anteil an ihrer Wahrnehmung.

Esmeralda, die sich im Grunde nichts zuschulden hat kommen lassen, wird ihre Schönheit und der rechtlose Stand des fahrenden Volkes zum Verhängnis. Schönheit ist es bei Phoebus, Frollo und Gringoire, die eingebildete oder wahnsinnige Liebe hervorruft und sie den Machenschaften von Männern ausliefert, die im allgemeinen gesellschaftlich weit über ihr stehen. Schönheit, Liebe und Macht – die Machtdynamik der mittelalterlichen Ständegesellschaft und Geschlechterrollen – treibt das Rad der Handlung voran.

Im Gegensatz zu manch anderen Beiträgen über literarische Themen, habe ich diesmal versucht, so wenig wie möglich von der weiteren Handlung und dem Ende des Romans zu verraten. Ich kann nämlich jedem, der gern historische Romane liest, nur empfehlen, Victor Hugos meisterlichen Roman einmal selbst zu lesen.

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweis: Victor Hugo. Der Glöckner von Notre-Dame. München 2009.

Es weihnachtet schwer 5.0: „Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren“

Frohe Weihnachten! Mit welchem Recht bist du froh? Aus welchem Grund bist du froh? Du bist doch ganz arm!“
Na komm”, versetzte der Neffe freudig. „Mit welchem Recht bist du trübsinnig? Aus welchem Grund bist du mürrisch? Du bist doch ganz reich!” (14)

Wir schreiben das viktorianische London. Arm und Reich leben durch einen tiefen Abgrund getrennt und doch dicht gedrängt in der, von den schwarzen Rauchwolken der Industrie überspannten Metropole. Allen täglichen Kämpfen und Sorgen zum Trotz liegt so etwas wie freudige Erwartung in der Luft. Denn es ist der 24. Dezember, der Tag vor dem Weihnachtsmorgen. Als Ebenezer Scrooge – alt, bitter und steinreich – die Zeit damit verbringt, seine ablehnende Haltung zum Weihnachtsfest kund zu tun und anderen die Freude gründlich zu verderben, hat er noch keine Ahnung, dass die vor ihm liegende Weihnachtsnacht alles verändern wird.

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Es weihnachtet schwer 4.0: Das Neunerlei – Ein Weihnachtsbrauch

Ich bin im Vogtland geboren und aufgewachsen. Wer jetzt nicht weiß, wo das liegt (denn die meisten tun es nicht), es handelt sich dabei um die Region im Südwesten von Sachsen, die aber auch Gebiete von Bayern, Thüringen und Böhmen umfasst. Der Historiker Enno Bünz beschreibt sie folgendermaßen: „Unter den Kulturlandschaften Sachsens, … ist das Vogtland die kleinste, die freilich über ein ausgeprägtes, historisch gewachsenes Regionalbewusstsein verfügt.“ Das ist eine diplomatische Art auszudrücken, dass so manche aus dieser Gegend sofort jeden berichtigen, der sie als „Sachsen“ bezeichnet; sie seien keine Sachsen, sondern Vogtländer. Und die sind im allgemeinen als „kleines, zänkisches Bergvolk“ verschrien.

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Es weihnachtet schwer 3.0: Der Weihnachtsmann – Ein traditionsreicher und moderner Mythos


„Morgen kommt der Weihnachtsmann,
Kommt mit seinen Gaben.“

So viele Bräuche und Traditionen ranken sich um die Adventszeit und das Weihnachtsfest. Am 6. Dezember bringt der Nikolaus für gute Kinder mit blankgeputzen Schuhen kleine Gaben, und mancherorts hat er seinen grausigen Gegenpart Krampus im Schlepptau, um unartige Kinder das Fürchten zu lehren. Der Nikolaustag ist, in gewissem Sinne, die Vorhut für das eigentliche Weihnachtsfest.

Ein Symbol der Weihnachtszeit

Bei manchen kommt er durch den Schornstein und packt die Geschenke unter den Weihnachtsbaum, bei anderen füllt er diese in Strümpfe, die am Kamin hängen. Und wieder in anderen Fällen kommt er am Heiligen Abend zu Besuch und bringt sie vor den Augen aller vorbei. Von Land zu Land, von Region zu Region, manchmal sogar von Familie zu Familie, variieren die Bräuche des weihnachtlichen Schenkens, doch meist gibt es nur einen, der dafür verantwortlich ist. Die Rede ist vom Weihnachtsmann, in unserer heutigen Zeit DER Weihnachtsfigur schlechthin. 

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Halloween 1.0: „Die Toten reiten schnell“

 

Willkommen zum ersten Teil unseres Blogspecials im Zeichen des Schaurigen!

 

 

Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
„Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?“ –
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben:
Ob er gesund geblieben.
(Str. 1)

Die erste Strophe der Ballade Lenore, verfasst vom deutschen Dichter Gottfried August Bürger (1747-1794), fackelt nicht lange und führt den Leser sofort an den springenden Punkt heran, der die gesamte Handlung ins Rollen bringt: Willhelm, Lenores Verlobter, kämpft im Siebenjährigen Krieg und keiner weiß, welches Schicksal ihn ereilt hat. Eines Nachts jedoch wird die Hauptcharakterin von einer unheilvollen Ahnung heimgesucht und stellt den Leser bereits zu anfangs vor eine vollendete Tatsache; der Verlobte ist entweder untreu geworden und im fremden Land geblieben, oder er ist im Kampf gefallen. Es ist ein böses Erwachen, welches in seiner Abruptheit die Ballade eröffnet. Ein böses Erwachen in der Tat, ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte um Lenores unheilvolles Schicksal zieht.

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Frankenstein im Pfingstgeflüster

Mit unserem Beitrag zum Wave Gotik Treffen 2018 wollten wir die Thematik des Frankenstein und seiner Schöpfung einem breiten Publikum auf unterhaltsame Art und Weise näher bringen, was uns auch gelungen ist. Ein volles Haus und interessierte Zuhörer haben uns bestätigt, wie aktuell dieser Roman und seine Grundidee ist.

Umso mehr freute es uns, als mich Marcus Rietzsch, der Herausgeber des Pfingstgeflüster, auf Facebook kontaktierte und anfragte, ob wir nicht Lust hätten einen Vortragsbeitrag beizusteuern. Das Pfingstgeflüster, ein Bild-Text-Band, der jährlich im Zuge des Wave Gotik Treffens in der Edition Subkultur erscheint, hat es sich zur Aufgabe gemacht Impressionen des einzigartigen Musik- und Kulturfestivals festzuhalten und diese in hochwertigem Design zu verewigen. Es bietet Einblicke in Lesungen, musikalische Highlights, Kunstausstellungen und natürlich dem Herz des Leipziger Festivals – die Besucher. Für alle, die diesmal nicht dabei sein konnten, die ein literarisches, zusammenfassendes Erinnerungsstück mitnehmen oder sich Einblicke in Veranstaltungen holen wollen, zu denen sie es leider nicht geschafft haben.

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9 Monate Irland – Eine Exkursion in Folklore

  Der Begriff Folklore umfasst die populären Glaubensvorstellungen einer Kultur oder Minderheit, und ist somit ein vielschichtiges und breitgefächertes Phänomen der kulturellen Erinnerung und Identität. Es sind Glaubens- und Vorstellungsmuster, welche zwar in Verbindung mit der vorherrschenden Religion entstehen, jedoch weitestgehend außerhalb der etablierten religiösen Institution existieren. Von Traditionen und Bräuchen, über Volksmärchen, Sagen und Aberglaube, umfasst die Folklore einer Kultur alle Aspekte, die meist bereits seit langer Zeit von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden. Diese können in ihren Feinheiten je nach Land, Landstrich oder sogar Region unterscheiden und bieten für alle Außenstehenden, die diese kennenlernen und verstehen wollen, eine Herausforderung, die aufzunehmen sich lohnt. Will man die Kultur eines anderen Landes kennenlernen, ist die Folklore unumgänglich.

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