Der Neunkräuterzauber, oder: Von der Magie der Medizin

Die Medizin der Vergangenheit mag uns heute fragwürdig vorkommen. Gerade wenn das ‚düstere Mittelalter‘ erwähnt wird, ein Zeitabschnitt, der immerhin fast eintausend Jahre einnimmt, fallen Begriffe wie Quacksalber und Aberglaube. Von Erkältungen, kleinsten Verletzungen seien die Menschen wie die Fliegen gestorben. Dass jedoch Ärzte an der großen Schule von Salerno im 12. Jahrhundert durch Bohrung erfolgreiche Operationen am offenen Gehirn durchführten, lässt so manchen innehalten. Dort florierte die fortschrittlichste Medizin, vor allem durch die Nähe zum arabischen Raum, welcher damals die hervorragendsten Ärzte hervorbrachte.

Die universitären Lehren gelangten langsamer und oft weniger umfangreich in nördliche Gefilde, die eine ganz eigene Welt aus Wissen, Gebräuchen und Heilmitteln ausbildeten. Eine dieser einzigartigen Welten eröffnet sich im angelsächsischen medizinischen Sammelwerk „Lacnunga„, welches ungefähr ins späte 10. bis Mitte des 11. Jahrhunderts datiert werden kann. Sein altenglischer Name bedeutet in modernes Englisch übersetzt ‚remedies‚, was soviel wie Heilmittel oder Arzeneien bedeuten kann. Die Sammlung besteht jedoch nicht nur aus Rezepten – auch wenn diese zahlreich vertreten sind – sondern auch aus Gebeten, Ritualen und Zaubern.

Einer davon ist der Neunkräuterzauber (engl. Nine Herbs Charm), ein einzigartiges Zeugnis des Volksglaubens sowie der Volksheilkunde im „Lacnunga„. Dass für die Menschen des angelsächsischen Englands Heilung, Glaube und magische Kräfte untrennbar zusammen gehörten, wird hier auf faszinierende Art und Weise deutlich. Der Neunkräuterzauber stammt vermutlich aus der Zeit zwischen dem Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts, eine Zeit in der das Christentum längst vorherrschte, und weist doch dominierende Elemente nordisch-germanischer Mythologie auf. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass seine Wurzeln weit zurückliegen und in den vorchristlichen Religionen der Britischen Inseln sowie germanischen Glaubensvorstellungen liegen. Letztere waren bereits mit Menschen vom Kontinent ins Land gekommen.

Ein Meltingpot der Kulturen

Nachdem die Römer im 5. Jahrhundert Britannien verlassen hatten, um ihr zerfallendes Reich zu retten, herrschte Chaos und die verschiedenen Stämme der Insel begannen sogleich damit, sich zu bekriegen. Bis dato hatten die Briten seit Jahrhunderten unter römischer Kontrolle, römischer Politik, römischer Ökonomie gelebt und ein neues Machtgefüge musste ausgefochten werden, um der Gesellschaft Struktur zu geben.

Mitte des 5. Jahrhunderts erreichten germanische Stämme aus Norddeutschland und Jütland die britischen Inseln. Diese waren von dem einen odere anderen Stammesoberhaupt angeworben worden, um Unterstützung in den herrschenden Kämpfen zu bieten. Es schien den zugezogenen Kriegern jedoch in Großbritannien zu gefallen. Sie rebellierten gegen diejenigen, die sie angeheuert hatten, ließen sich nieder und so assimilierten die bestehenden und die germanischen Bräuche, Religionen und Traditionen. Das Resultat war eine vielschichtige Kultur.

Das Christentum war im 8. Jahrhundert als Religion vollständig etabliert. Es scheint beinahe ein Schalk des Schicksals gewesen zu sein, dass just zu dieser Zeit eine erneute Welle kriegerischer Einflüsse unaufhaltsam auf die Inseln zurollte. Den Beginn des Viking Conquest, den Einfall der Nordmänner oder auch Wikinger genannt, markiert die Plünderung des Klosters Lindisfarne an der nordöstlichen Küste. Weitere Plünderungsstreifzüge folgten, die mithilfe der fortschrittlichen Schiffe der Wikinger immer weiter im Landesinneren stattfanden. Die Eroberer begannen, das Land systematisch zu überrennen. Mit Erfolg.

Ein erneutes Aufleben der germanischen und nordischen Kultur fand statt und bahnte sich einen Weg in die Mitte der Gesellschaft. Dass auch hier über kurz oder lang eine Konvertierung stattfand, muss nicht extra ausgeführt werden. Aber, dass kulturell ein interessanter Hybrid aus keltischen, germanischen, nordischen und christlichen Elementen das Produkt war, sehr wohl. Dies spiegelt sich auch im Neunkräuterzauber wieder. Heilung konnte nicht allein von einer Person durch das Aufsagen eines Zauberspruches bewirkt werden, sondern musste mithilfe der Formeln erbeten werden. Man rief die Heilkräft von Pflanzen und der übrigen Geister der Natur an, natürlich als Schöpfungen des christlichen Gottes.

Die Magie der Pflanzen

Der altenglische Neunkräuterzauber besteht aus zwei Teilen. Zum einen dem Zauberspruch, welcher über die neun zu verwendenden, namensgebenden Kräuter gesprochen werden muss, um aus ihren Kräften zu schöpfen. Dabei konzentriert sich der Spruch vor allem auf ihre nützlichen Eigenschaften und die Krankheiten oder Leiden, die mit ihnen bekämpft werden sollen. In diesem ersten Teil finden sich auch Überlieferungen der germanischen Mythologie sowie christliche Elemente, beides als signifikante, spirituelle Unterstützung der zu benutzenden Kräuter. Der zweite Teil besteht aus dem Rezept einer Salbe und Anweisungen zur Anwendung des Zaubers. Er ist in Prosa verfasst, während Teil eins in angelsächsischer Dichtung, der metrical poetry, geschrieben ist. Diese Dichtform unterscheidet sich sehr von jener des modernen Englisch und orientiert sich mehr an den alten germanischen Sprachen, wie zum Beispiel dem Altnordischem. Die metrischen Muster basieren auf dem Prinzip des Stabreims mit einer variablen Anzahl von Silben, aber für gewöhnlich vier starken Betonungen in jeder Zeile. Die Zäsur, die Pause am Ende einer Zeile, hob die Wichtigkeit des Gesagten hervor.

Manchmal wird der erste Teil auch noch einmal in den Kräuterspruch und die einbezogene Geschichte unterteilt, da sie jedoch miteinander verwoben und nicht klar von einander getrennt werden können, kann durchaus von insgesamt zwei Teilen des Neunkräuterzaubers gesprochen werden. Die „Stimme“ des ersten, poetischen Teils, richtet den Zauberspruch direkt an die Pflanzen. Jede wird einzeln mit ‚þu‚ angesprochen, dem altenglischen Personalpronomen, welches dem häutigen ‚you‚ gleichkommt. Somit wird ihnen ein Charakter, eine Identität als mächtiges Wesen mit Eigenschaften und Persönlichkeit zugedacht.

Die neun Heilkräuter umfassen “Mucgwyrt”, Wegbrāde”, Stune”, Stiðe”, Āttorlaðe”, Mægðe”, Wergulu, Fille” und Finule. Die Forschung rund um das Lacnunga gibt zu bedenken, dass eine eindeutige Gleichsetzung mit einem termina der modernen englischen Sprache nur bedingt möglich ist. Auch in der deutschen Sprache bestehen für ein und dieselbe Pflanze oft zahlreiche Namen, was rückblickend eine eindeutige Identifikation erschwert. Die am weitesten verbreiteten Interpretationen der altenglischen Namen, deuten auf die Pflanzen Beifuß (“Mucgwyrt”), (Breit)Wegerich (“Wegbrāde”), (Brunnen)Kresse (“Stune”), Brennnessel (“Stiðe”), Heilziest (“Āttorlaðe”), Kamille (“Mægðe”), Wildapfel (“Wergulu”), Kerbel (“Fille”) und Fenchel (“Finule”) hin.

Pflanzendarstellungen im „Lacnunga“ Manuskript

Gegen alles ist ein Kraut gewachsen…

Kennt man sich ein wenig mit Pflanzenheilkunde aus, weiß man schon auf den ersten Blick, dass einige der ‚Kräuter‘ tatsächlich heilende, wirksame Eigenschaften besitzen. Dass die angelsächsischen Heilkundigen sie verwendeten, ist also kein Zufall. Auch ihnen waren der medizinische Wert bekannt. Zusätzlich zu ihren Heilkräften, die auch die moderne Medizin als solche erkennt, werden die Pflanzen mit der göttlichen und spirituellen Welt in Verbindung gebracht, wobei Figuren und Themen aus der Folklore und Volksreligion auftauchen.

Beifuß wurde als Schutz gegen böse Geister zur Sommer- und Wintersonnenwende, und vor allem in den Rauhnächten, zusammen mit anderen getrocknetenen Kräutern genutzt, um Häuser und Ställe zu beräuchern. Man ordnete ihn der Frau Holle zu, deren Ursprung auf alteuropäische Wurzeln zurückgeht. Beifuß wurde sowohl von Wehmüttern, Heilern als auch Schamanen benutzt. Für Letztere galt er als magisches, segnendes Mittel vor einer Reise in die Anderswelt, was ihm auch in dieser Dimension den Ruf eines vorzüglichen Schutzes auf Reisen einbrachte.

Der (Breit)Wegerich wirkt antiseptisch und bei Problemen in allen Bereichen des Verdauungstrakts. Berühmt für seine Widerstandsfähigkeit, die ihn an viel frequentierten Wegen und sogar in Pflasterritzen wachsen lässt, soll durch den Zauber diese Eigenschaft auf den Patienten übertragen werden.

“[…] nach Osten geöffnet, im Innern mächtig;
über dir knarrten Wagen ,über dir weinten Frauen,
über dir schrieen Bräute, über dir schnaubten Stiere.
Allen hast du widerstanden, und dich widersetzt;
ebenso widerstehe dem Gift und der Ansteckung […]”
(Z. 8-12)

Die Erwähnung der Himmelsrichtung Osten bezieht sich zum einen auf die Blütezeit des Wegerichs von ungefähr Juni bis Oktober, zum anderen auf die lebensspendenden Sonnenstrahlen, welche dem Kraut ihre Macht verleihen. Als nährende Quelle der Natur war die Sonne den vorchristlichen Religionen heilig.

Dass auch die (Brunnen)Kresse große gesundheitliche Vorzüge für uns hat, ist kein Geheimnis. Sie galt in jeder Hinsicht als belebend: appetitanregend, stoffwechselfördernd, harn- und wehentreibend und sogar als Aphrodisiakum. Womöglich wussten auch die Urheber des Zaubers dieser Macht nichts weiter hinzuzufügen, denn der Teil, welcher sich auf eben diese Pflanze bezieht, ist äußerst kurz.

Sobald im Frühjahr die ersten jungen Brennnesseln hervorkommen, wird in meiner Familie Brennesselspinat gekocht, frischer Brennnesseltee zubereitet oder die jungen Blätter in Wildkräutersalat verarbeitet. Die Brennnessel hat eine sehr lange Tradition als Heilpflanze, die sich bis heute ungebrochen erhalten hat. Reich an Mineralstoffen, Vitamin C, Eisen und Eiweiß, und dank ihrer unkomplizierten und anspruchslosen Art, wächst sie für gewöhnlich breitflächig. Brennnesseltee hat eine entwässernde und blutreinigende Wirkung und wird deshalb gern unterstützend bei Detoxkuren getrunken. Da man Krankheiten in früheren Zeiten oft im Blut angesiedelt sah, ist die Wertschätzung dieser Pflanze daher kaum überraschend.

Die Echte Betonie, auch Heilziest genannt, war schon in der Antike als Heilkraut bekannt. Sie wuchs in den Gärten Karls des Großen und war in jedem Klostergarten zu finden. Verwendet wurde sie bei Erkrankungen der Atemwege und des Magen-Darm-Traktes. Als Schutz gegen bösen Zauber trug man ihre Stiele mit roter Wolle am Handgelenk oder um den Hals.

Auch Kamille ist eines der Kräuter, welches sich mit seinen zuträglichen Eigenschaften in der Mitte der heutigen Gesellschaft eingefunden hat. Entzündungshemmend, krampflösend und antibakteriell wird sie zum Beispiel als Tee bei Magenschmerzen getrunken, findet sich aber auch in Kosmetika wieder.

Im Falle des Wildapfels ist nicht eindeutig, ob für den Zauber die Blüten oder die Frucht gemeint sind oder welche Heilkräfte er besitzen soll. Der Zauberspruch lautet wie folgt:

„Dies ist das Kraut, das wergulu heisst;
das entsandte der Seehund über dem Rücken der See
zur Hilfe gegen die Bosheit von einem anderen Gift.”
(Z. 27-29)

Die Anspielung auf die Reise über das Meer spielt womöglich darauf an, dass der Apfel auf den Britischen Inseln nicht heimisch ist, sondern durch Reisende mitgebracht wurde.

Göttliche Kraft und menschlicher Wille

Nachdem sich der Zauberspruch mit diesen sieben der neun Kräuter befasst hat, schiebt sich an dieser Stelle ein kurzer Erzählstrang ein:

“Diese 9 [Kräuter] haben Macht gegen neun Gifte.
Eine Schlange kam gekrochen, zerriss einen Menschen;
da nahm Wodan 9 Ruhmeszweige,
erschlug da die Natter, dass sie in 9 [Stücke] zerbarst.”
(Z. 30-33)

Es wird wird erwähnt, dass die neun Kräuter des Zaubers gegen neun bestimmte Gifte helfen. Der kurze Erzählungsstrang berichtet davon, wie diese Gifte entstanden. Wodan, einer der vielen Namen für den Göttervater Odin, erschlug mit neun Ruhmeszweigen eine Schlange, die Menschen tötete. Diese zersprang dabei in neun Teile, die von da an über das Land flogen und Krankheit brachten. Diese neun Teile der Schlange stellen die neun Gifte dar. Neben Zauber und bösen Geistern galt Gift als einer der Hauptgründe für Krankheiten bei den Angelsachsen und steht deshalb als Synonym für verschiedene Krankheitsursprünge und ihre Symptome.

Die Ruhmeszweige, welche erwähnt werden, sind geheime Runenzauber, die Odin einst meisterte und auf Zweige schrieb. Diese Geschichte ist Teil der altisländischen “Lieder-Edda” und taucht in der “Hávamál” auf, auch bekannt als “Sprüche des Hohen”. Gewidmet ist der Geschichte der magischen Runen dort das Lied “Rúnatal“. Es berichtet davon, wie Odin neun Tage und Nächte verletzt in den Zweigen des Weltenbaumes Yggdrasil hing, ein Selbstopfer, um die neun Runenzauber zu erlernen.

“Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst, […]
Auf Runen sinnend, lernte sie seufzend:
Endlich fiel ich zur Erde.
Hauptlieder neun lernt ich von dem weisen Sohn
Bölthorns, des Vaters Bestlas, […]”
(Vers 139-141)

Die Kräfte der Kräuter werden durch die Ursprungsgeschichte der Gifte und den Hinweis auf die Runenzauber, in spirituellen Kontext gesetzt – sie entspringen göttlicher Macht. Obwohl Wodan namentlich erwähnt wird, lässt die weitere Formulierung des Zaubers jedoch eine mehrdeutige Interpretation zu:

“Dort sprach der Apfel gegen das Gift, …
Kerbel und Fenchel, zwei sehr mächtige,
diese Kräuter schuf der weise Herr,
der Heilige im Himmel, als er hing;
setze und sandte [sie]…
den Armen und Reichen, allen zur Hilfe.”
(Z. 34-40)

Kerbel und Fenchel werden zusammen erwähnt. Ersterer weist eine vitalisierende und blutverdünnende Wirkung auf, während Fenchel in jeder Hinsicht beruhigend wirkt, sei es bei Lungen- oder Magenerkrankungen. Sogar gegen Schlangenbisse, so glaubte man, half er. Viel wichtiger ist jedoch, dass “der weise Herr”, der “ hing” und die magischen Gegenmittel hinaussandte, auch als der am Kreuz hängende Christus interpretiert werden kann. Der Zauber, welcher unübersehbar germanischen Ursprungs ist, wird somit umgedeutet und Wodan mit Gott/Christus gleichgesetzt.

Die angelsächsiche Christenheit interpretierte das Kreuz auch als Baum, wie es zum Beispiel im Gedicht “The Dream of the Rood” (Manuskript aus dem 10. Jahrhundert) dargestellt wird. Auch Christus hing und litt eine Anzahl von Stunden an diesem. Das Evangelium des Johannes macht keine Angaben zum Todeszeitpunkt Christi, doch nach Matthäus, Markus und Lukas starb Christus zur neunten Stunde. Dann ließ er sein Menschsein hinter sich, um schließlich zu Gott aufzusteigen. Odin hing ebenfalls in Selbstopferung an Yggdrasil und erhielt nach dessen Ende die mächtigen, magischen Kräfte. Es sind also durchaus Parallelen zwischen den beiden ersichtlich, die im Neunkräuterzauber verwendet werden, um sowohl die alten Geschichten der germanischen Mythologie als auch den christlichen Glauben zu vereinen.

Bis zu diesem Punkt des Zaubers haben seine Ausführungen die Kräfte der Kräuter aktiviert, nun zählt man die Namen der Gifte und der einhergehenden Krankheiten auf. Diese werden durch Farben und Geruch charakterisiert: Es gibt rotes, stinkendes, weißes und purpurnes Gift, aber auch gelbes, blaues, braunes und karminrotes. Die erwähnten Krankheiten sind Schlangenblattern, Wasserblattern, Dornblattern, Diestelblattern, Eisblattern und Giftblattern. Was genau die Gifte und Krankheiten betiteln, ist jedoch unklar, da es zahlreiche und uneindeutige Interpretationsmöglichkeiten gibt. Ohne Zweifel an dieser Stelle des Textes jedoch, “Christus stand über Krankheit jeder Art.” (Z. 58)

Der Zauberspruch und somit Teil eins des Neunkräuterzauber, endet mit den Worten, welche die ganze Bandbreite der Kräuterkräfte herauskehrt:

“Ich allein weiss ein rinnendes Wasser
da neun Nattern nahe bewachen;
mögen alle Kräuter nun von ihren Wurzeln aufspringen,
die Seen sich öffnen, all das Salzwasser,
wenn ich dieses Gift von dir blase.”
(Z. 59-63)

Zum Schluss

Auf das Ende des Zauberspruches folgt Teil zwei, das Rezept für eine Salbe. Dieses ist im Vergleich zum Spruch recht kurz. Es weist den Praktizierenden an, dass der Zauberspruch drei Mal über jedem Kraut gesungen werden soll, bevor man es vorbereitet. Die Pflanzen müssen zerstoßen und mit Seife vermischt werden. Dazu gibt man den Saft eines Apfels, über dem ebenfalls drei Mal der Zauberspruch gesungen wurde. Aus Wasser und Asche wird ein Brei gerührt, in dem man dann Fenchel kocht. Diese Mixtur muss zusammen mit der Salbe vor und nach jeder Anwendung erhitzt werden.

Will man die Salbe auftragen, so singt der Praktizierende zuerst den Zauberspruch in Mund, Ohren und über der Wunde des Patienten. Die Körperöffnungen und zu behandelnde Stellen galten für die Angelsachsen als Eintrittstselle von bösen Geistern, Zaubern und Giften. Deshalb mussten sie auf dem gleichen Wege wieder ‚ausgesungen‘ werden. Bezüglich einer Melodie oder Ähnlichem, gibt der Text keine Hinweise.

Gebete und Zaubersprüche zur Heilung stellten für die Angelsachsen keine Widersprüche dar. Man bediente sich sowohl der Gebete und Messen in der Kirche, um Gesundheit zu erbitten, als auch den Kräften der Natur, die man mit Sprüchen heraufbeschwor. Jede Krankheit war gefährlich und man zog alle Register, um das Leben zu beschützen. Nur mit Hilfe von Gott und allen guten Geistern, die ihren Willen dazugaben, konnten die schlechten Geister als Ursprung von Krankheiten vertrieben werden.

Die Neun war eine heilige Zahl der Germanen, wie ich bereits in früheren Beiträgen schon erwähnt habe. Und auf dieselbe Art, wie Odin die neun Runenzauber nutzte, ruft der Heiler mit dem “Neunkräuterzauber” die Kräfte von neun magischen Pflanzen an. Obwohl sie aus Mangel an moderner Technik keinen wissenschaftlichen Beweis für die natürlichen Wirkstoffe der Pflanzen erbringen konnten, verließen sich die Angelsachsen auf althergebrachtes Wissen. Für sie waren die heilenden Eigenschaften der Pflanzen eben reine Magie.

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweise:

Chaney, William A. “Paganism to Christianity in Anglo-Saxon England” The Harvard Theological Review, vol. 53, no. 3, 1960, pp. 197-217. Jstor. Web. 14 Mai. 2019

Die Bibel. (nach der deutschen Übersetzung des Martin Luther). Altenburg: Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft, 1956.

Getz, Faye Marie. Medicine in the English Middle Ages. Princeton, NJ: Princeton University Press, 1998.

Jolly, Karen Louise. Popular Religion in Late Saxon England. Elf Charms in Context. Chapel Hill and London: The University of North Carolina Press, 1996.

Pettit, Edward (Ed. Transl.) Anglo-Saxon Remedies, Charms, and Prayers from British Library Ms Harley 585. The Lacnunga. Volume 1: Introduction, Text, Translation, and Appendices. Lewiston, New York: Mellen, 2001.

Pollington, Stephen. Leechcraft. Hockwold-cum-Wilton: Anglo-Saxon-Books, 2003.

Hávamál“, abgerufen 14. Mai 2019

Der Neunkräuterzauber„, abgerufen 15. Mai 2019 (für größere Genauigkeit verglichen mit Pettits englischer Übersetzung)

Die Walpurgisnacht

„Am Kreuzweg feiert der Böse sein Fest,
Mit Sang und Klang und Reigen:
Die Eule rafft sich vom heimlichen Nest
Und lädt viel luftige Gäste.
Die stürzen sich jach durch die Lüfte heran,
Geschmückt mit Distel und Drachenzahn,
Und grüßen den harrenden Meister.“

aus „Walpurgisnacht“ von Theodor Storm

Es ist tiefe Nacht. Lautlos wiegen sich die schemenhaften Gestalten von Bäumen und Büschen im Wind, matt beleuchtet vom Mondlicht. Doch plötzlich – ein Rauschen, die Luft erfüllt von Lachen, Schreien und wilden Gesängen. Auf Besen, Mistgabeln und Böcken kommen sie geflogen, um in der Nacht vor dem Tag der heiligen Walburga ihr ausschweifendes und gottloses Treiben abzuhalten: Hexen. Männer und Frauen, manche halbnackt, mit glänzenden Augen und vom Wind zerzausten Haaren. Zuerst sind es nur ein paar, doch rasch werden es immer mehr. Ein großes Feuer lodert auf der Lichtung des Berggipfels auf, Schatten tanzen im flackernden Licht der Flammen zu wilder Musik.

Und da ist er – der Herr der Finsternis, einen Moment als blasser, hagerer Mann, dann als großer, schwarzer Ziegenbock. Er sitzt auf einem Thron und seine Untertanen huldigen ihm auf abstoßende Weise. Ein Festmahl wird abgehalten, Salben aus dem Blut von Kindern und Kräutern hergestellt und schlechtes Wetter gekocht. Die Hexen stellen ihre Novizen vor, die in dieser Nacht ihre Seele im Pakt mit dem Teufel verkaufen, um im Gegensatz teuflische Mächte zu erhalten. Die Besiegelung und der Ausklang des Festes enden in einer Orgie.

„Hexensabbat auf dem Brocken“ (1650) von Michael Herr (1591-1661)

Es ist die allgemeine Vorstellung der Walpurgisnacht, vom 30. April auf den 1. Mai, in der sich Hexen zusammenrotten und wilde Feste abhalten. Aber sie gilt nicht nur als eine Zeit der Magie und Hexerei, sondern symbolisiert einen Übergang: Man kommt zusammen, verabschiedet sich von der kalten Jahreszeit, treibt mit Feuern den Winter aus und läutet die warmen, sonnigen Monate ein. Mancherorts ist es geradezu ein gesellschaftliches Spektakel. Auf dem Brocken, der auch Blocksberg genannt wird und als der Hexentreffpunkt schlechthin bekannt ist, treffen sich jedes Jahr tausende Menschen, feiern auf dem berühmten „Hexentanzplatz“ diese gewichtige Nacht und vermischen dabei den Glaube an Hexensabbat und Jahreszeitenwechsel. Doch was macht dieses Datum so besonders?

Ein heiliger Name

Die Namensgeberin der „Walpurgisnacht“ ist die heilige Walburga, eine angelsächsiche Benediktinerin, die um 710 in Devonshire (England) geboren wurde. Angeblich soll sie die Tochter des heiligen Richard von Wessex gewesen sein, was jedoch nicht belegt ist. Als sicher gilt jedoch, dass sie 735 vom heiligen Bonifatius zusammen mit anderen Nonnen als Missionarin nach Deutschland geholt wurde. Einige Legenden, wie die Speisung eines Kindes mit nur drei Kornähren und die Abwendung eines Angriffes durch wilde Hunde, existieren aus ihrer Zeit als Nonne. In Heidenheim wurde sie schließlich Äbtissin des Frauenklosters, wo sie bis zu ihrem Tod am 25. Februar 780 wirkte.

Walburgas offizieller Gedenktag in der katholischen Kirche ist ihr Todestag. Das weiter verbreitete Datum des 1. Mais bezieht sich auf ihre Heiligsprechung, welche 870 von Papst Hadrian II. durchgeführt wurde. Auch in England, ihrer Heimat, verehrt man sie an diesem Tag. Walburga gilt unter anderem als Patronin der Wöchnerinnen und Bauern. Sie wird zudem für das Gedeihen der Feldfrüchte, gegen Hungersnot und Missernten angerufen, aber nicht als Abwehrerin von böser Magie oder Dämonen.

Die neun Tage, welche der Walpurgisnacht vorangehen, wurden „Walpurgistage“ genannt. In diesem Zeitraum läutete man die Kirchenglocken als Abwehr gegen das Treiben des Bösen. Anstatt dieses als „Hexennacht“ oder „Teufelsnacht“ zu betiteln, erinnerte man an den Namen und den Tag der Heiligen, der ihm folgt. Namen können magische oder, wie in diesem Fall, heilige Macht besitzen. Mit der heiligen Walburga als Namensgeberin glaubte man wohl, Unheil und Zauber zu bannen. Dass der berühmte Hexenflug jedoch ausgerechnet in dieser Nacht stattfindet, ist dennoch kein Zufall.

Keltische Wurzeln

Das keltische Fest Beltaine, oder auch Beltane, mit welchem ich mich bereits in einem meiner früheren Beiträge kurz befasst habe, fällt auf den 1. Mai. Es liegt somit ungefähr auf halbem Wege zwischen Frühlingsanfang und der Sommersonnenwende. Da in der Zeitrechnung des keltischen Jahres der Anbruch des nächsten Tages stets mit dem Sonnenuntergang beginnt, findet es schon in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai statt.

Beltane markiert den Beginn des Sommers und ist vor allem in Irland, Schottland und der Isle of Man belegt. In der irischen Kultur ist es derart verwurzelt, dass das Wort Bealtaine im modernen Irisch den Monat Mai bezeichnet. An diesem Tag ist es den Menschen – sowie an den anderen hohen Feiertagen Imbolc, Lughnasadh und Samhain – möglich, die Bewohner der Feenhügel und -bäume zu sehen, da sich die Grenzen zwischen unserer und der Anderswelt weitgehend auflösen.

Das Fest galt dem größten Reichtum der Kelten, ihren Rindern, um die eine Zahl und Ritualen betrieben wurden. Man entzündete große Freudenfeuer, deren Flammen, Asche und Rauch als heilig und gesegnet galten. Die Menschen führten ihre Rinder zwischen den Feuern hindurch oder darum herum. Oft sprangen sie sogar mit ihnen über die Glut, um die schutzbringenden Kräfte des Feuers auf Mensch und Tier zu übertragen.

Feuer segnen die Menschen und Tiere

Auch ein Festmahl gehörte dazu und während man speiste, wurden einige ausgewählte Speisen und Getränke bereitgestellt. Diese bot man den umtreibenden Bewohnern der Anderswelt an, um sie milde zu stimmen und Unheil abzuwenden. Traditionsgemäß löschte man alle Herdfeuer und entzündete sie mit den Flammen der Freudenfeuer neu, damit ihr Segen auf das Heim überginge. Am Tag schmückte man Haus und Tier mit gelben Maiblumen und die Rinder wurden zum ersten Mal auf die Sommerweiden getrieben, was auch als Cétshamhain („first of summer“) bekannt ist.

Der Morgentau, den man vor Sonnenaufgang am 1. Mai auffing, galt als magisches Schönheitsmittel. Man breitete Tücher auf Wiesen und unter Bäumen aus, die den sogenannten „Maitau“ aufsaugten. Wusch man sich damit Gesicht und Körper, sollte er sogar weniger ansehnlichen Frauen zur Schönheit verhelfen bzw. Schönheit bis ins hohe Alter bewahren.

Die Tradition des Maibusches hat sich bis heute in den ländlichen Gegenden von Irland erhalten. Besonders in Leinster, den Midlands, dem westlichen Galway, südlichen Ulster und Donegal war diese verbreitet. Ein Dornenbusch wurde mit bunten Bändern, Blumen und manchmal den übriggebliebenen buntgefärbten Eierschalen vom Osterfest geschmückt. Die Schönheit des dekorierten Busches versprach Glück für den Haushalt oder die Gemeinschaft. In Städten wachte man darüber, dass keiner den Busch stahl und somit Unglück heraufbeschwor. Eine ähnliche Tradition des Maibaumes kennen wir auch hier in Deutschland.

Übermalt und re-interpretiert

Es ist kein Geheimnis, dass in der Geschichte des Christentums Feste und Traditionen vorchristlicher Religionen und Kulte umgedeutet und neu interpretiert wurden, um sie dem neuen religiösen Kontext anzupassen. Auch die Maifestlichkeiten erfuhren diese Behandlung. Betrachtete man die Geister der Anderswelt als Geschöpfe des Teufels, so wurden die Menschen, die sich zu ihren heiligen Festen versammelten, über die Zeit zu Hexen und Teufelsanbetern. Der Grundgedanke einer besonders magischen Zeit, sei er übler oder heiliger Natur, blieb jedoch erhalten.

Die christliche Vorstellung vom Bösen und vom Heiligen, mit denen die Walpurgisnacht und der 1. Mai derart geballt aufgeladen sind, reflektiert die Gewichtigkeit des Maifestes, das in Walburgas Heimat eine lange Geschichte aufweist und auch hierzulande noch praktiziert wird. In meiner Kindheit war es ein aufregendes Ereignis, bei dem das ganze Dorf zusammenkam und man die ganze Nacht (oder zumindest bis zum Herabbrennen des Feuers) wach bleiben konnte. So, wie man in Grüppchen zusammenstand, ein paar Gläser trank, die Kinder spielten und ums Feuer tanzten, hat dieses Fest wohl nie ganz seinen ursprünglichen Charakter eingebüßt.

Im Vogtland hieß es jedoch weder Beltaine noch Walpurgisnacht, sondern “Hexenfeuer”. Es war Brauch, eine mit Stroh gefüllte Puppe auf den Holzhaufen zu packen, der dann später angezündet wurde; ein symbolischer Akt, mit dem der Winter endgültig ausgetrieben werden sollte. Es scheint also in den großen Feuern der Walpurgisnacht mehr als nur eine Bedeutung mitzubrennen.

Faszination Hexenglaube

Das Verbrennen einer Hexenpuppe erinnert offensichtlich an die Hexenverbrennungen der Neuzeit. Dieses blutige Kapitel der Geschichte ist bis heute ebenso abstoßend wie faszinierend. Den Angeklagten wurde die Teilnahme an sogenannten „Hexensabbatten“ vorgeworfen, welch ähnlich abliefen, wie ich zu Beginn dieses Beitrags bereits beschrieben habe: ein opulentes, wildes Fest, bei dem Hexen ums Feuer tanzten, durch Teufelspakt und Teufelsbuhlschaft (besiegelnder Geschlechtsverkehr mit dem Teufel) ihre magischen Kräfte erhielten und diese einsetzten, um der Christenheit zu schaden.

„Die Alte Hexe“ (um 1500) von Albrecht Dürer (1471-1528 )

Sowohl Literatur als auch bildende Kunst und Musik haben eine besondere Vorliebe für das Thema Walpurgisnacht. Dabei kommen uralter Glaube an Magie und die Vorstellungen der neuzeitlichen Hexenverfolgung zusammen und ergeben oft ein fantastisches, ekstatisches Bild. Das Geheimnis der Zusammenkünfte, der Hauch des Verbotenen, welcher diese sexuell aufgeladene Festivitäten umgibt und die Hexe als von Konventionen losgelöste Frau, hat begeistert und inspiriert.

Wer kennt nicht die Szene der „Walpurgisnacht“ in Goethes „Faust I“, als Mephistopheles den Doktor zum wilden Hexentanz in den Harz entführt?

„Da seh ich junge Hexchen, nackt und bloß,
Und alte, die sich klug verhüllen.
Seid freundlich, nur um meinetwillen;
Die Müh ist klein, der Spaß ist groß.
Ich höre was von Instrumenten tönen!
Verflucht Geschnarr! Man muß sich dran gewohnen.
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders sein,
Ich tret heran und führe dich herein,
Und ich verbinde dich aufs neue.
Was sagst du, Freund? das ist kein kleiner Raum.
Da sieh nur hin! du siehst das Ende kaum.
Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe
Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt“

(Faust I, Vs. 4046-4059)

Künstler wie Albrecht Dürer ( 1471-1528 ) oder Luis Ricardo Falero (1851-1896) bildeten Hexen und ihr Treiben der Walpurgisnacht ab, wobei sie sich auf gängige Vorstellungen des Hexenglaubens stützten.

„Walpurgisnacht. Der Aufbruch der Hexen“ (1878) von Luis Ricardo Falero (1851-1896)

Einen interessanten Fall liefert erneut Johann Wolfgang Goethe, dessen Ballade „Die erste Walpurgisnacht“ (1799) von Felix Mendelssohn Bartholdys als gleichnamige weltliche Kantate (1833) vertont wurde. Sie stellt ein ganz anderes Bild der Walpurgisnacht als im „Faust I“ vor und konzentriert sich auf die Konflikte des vorchristlichen Glaubens mit dem Christentum. Dabei beschreibt Goethe, wie diese erste Walpurgisnacht nichts mit einer wilden, dämonischen Orgie zu tun hat, sondern bietet eine erzählerische Erklärung für eine mögliche Entstehung dieses Volksglaubens.

Man trifft sich heimlich zum Freudenfeuer, man warnt vor der christlichen Überwachung. Um diese zu überlisten, lässt der führende Druide einen inszenierten Spuk auftreten, der die beobachtenden Christen in ihren Ideen von Ausschweifung und Teufeln bestärkt, damit sie sich fernhalten.

„Diese dumpfen Pfaffenchristen,
lasst uns keck sie überlisten!
Mit dem Teufel, den sie fabeln,
wollen wir sie selbst erschrecken.
Kommt! Kommt mit Zacken und mit Gabeln,
und mit Glut und Klapperstöcken
lärmen wir bei nächt’ger Weile
durch die engen Felsenstrecken!
Kauz und Eule,
Heul’ in unser Rundgeheule,
kommt! Kommt! Kommt!“

(Ein Wächter der Druiden und Chor der Wächter der Druide)

Die Ballade ist zugleich von ernster Thematik, aber auch sehr humoristisch angelegt. Sie entfernt sich von den so populären Vorstellungen der Walpurgisnacht, die Goethe selbst gepflegt hat, und wirft einen Blick zurück auf das Ursprüngliche: Menschen, die die Natur und den Jahreszeitenwechsel feierten.

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweis:

Albrecht Schöne. Götterzeichen, Liebeszauber, Satanskult – Neue Einblicke in alte Goethetexte. C.H. Beck: München 1982.

Heilige Walburga von Joachim Schäfer. Ökumenisches Heiligenlexikon. 30. April 2019 https://www.heiligenlexikon.de/BiographienW/Walburga.htm

Johann Wolfgang von Goethe. Faust. Reclam: Stuttgart 2000.

Kevin Danaher. The Year in Ireland. Mercier Dublin 1972.

„The Maybush“ National Museum of Ireland. Web. 02. Mai 2019 https://www.museum.ie/Country-Life/Folklife-Collections/Featured-Topics/May-Day/The-May-Bush

Thomas P. Becker. „Mythos Walpurgisnacht“ Anmerkungen aus historischer Sicht. In: Materialdienst. Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen 4/2007, S 142 – 148. Web. Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. 30. April 2019 https://www.ezw-berlin.de/downloads/Materialdienst_04_2007.pdf

Hinter der Maske – Die vielen Gesichter des Phantoms der Oper

Die Pariser Oper in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Theater wird von einer schattenhaften Gestalt heimgesucht, welche das abergläubische Theatervolk „Das Phantom der Oper“ nennt. An diesem Punkt setzt das vermutlich erfolgreichste Musical aller Zeiten an.

Es erzählt die Geschichte der jungen Sängerin Christine Daaé, deren unsichtbarer Gesangslehrer, ihr „Engel der Muse“ (im Englischen Angel of Music), sich als das berühmt-berüchtigte Phantom der Oper entpuppt. Dieser ist jedoch weder unsichtbar noch körperlos, sondern ein geheimnisvoll maskierter Mann von musikalischem und technischem Genie. Und unsterblich in Christine Daaé verliebt. Als der junge Raoul, Vicomte de Chagny, ein Kindheitsfreund Christines, die Gönnerschaft für die Oper übernimmt, spitzt sich eine dramatische Dreiecksbeziehung zu, die nur tragisch enden kann. Ein bildgewaltiges Werk über Liebe, Hass und die Abgründe des Menschlichen.

Eine fantastische Mysterie-Erzählung

Die Romanvorlage stammt aus der Feder des französischen Journalisten und Autors Gaston Leroux, welcher vor allem durch seine Detektiv-Geschichten wie „Das Geheimnis des gelben Zimmers” (1907) oder “Das Parfum der Dame in Schwarz” (1908), Berühmtheit erlangte. Sein Schreibtalent für mysteriöse Erzählungen wurde auch in „Le fantôme de l’opéra“ deutlich. Der Roman erschien vom 23. September 1909 bis zum 08. Januar 1910 in Fortsetzung in der Zeitschrift Le Gaulois. Letzteres mag eine Erklärung dafür sein, weshalb Leroux regelmäßig tief in Be- und Umschreibungen eintaucht. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es üblich, dass Autoren solcher Zeitschriftengeschichten nach Wortzahl entlohnt wurden. Es war ihnen – möglicherweise also auch Leroux – daran gelegen, Geschehnisse und Szenen so detailiert wie möglich auszuformulieren.

Bereits im März 1910 erschien der Roman als gebundenes Werk, herausgegeben von Pierre Lafitte. Die erste deutsche Version erschien im Albert Langen Verlag im Jahre 1912. Die Schnelligkeit dieser Veröffentlichung zeigt, wie beliebt die Geschichte schon damals war. Tatsächlich erhielt der Roman sowohl von Kritikerseite als auch von der Öffentlichkeit positives Feedback, auch wenn der Ruhm nicht an andere Werke des Autors heranreichte.

Originalcover der gebundenen Ausgabe

Durch seine Erzählart entsteht ein gewisser Realitätsanspruch. Der Ich-Erzähler, ein Journalist, stellt den Roman als detektivische Investigation auf den Spuren des Phantoms dar. Der Prolog beteuert die Realität des Phantoms und berichtet von intensiven Recherchearbeiten des Erzählers. Im Laufe des Romans bedient er sich einer Reihe von Aussagen, Memoiren und Schriftstücken, die von handelnden, fiktiven Personen stammen. Auch die Zeit der Handlung in den 1880er Jahren, gut zehn Jahre nachdem die Opéra Garnier, der Schauplatz und Handlungsort, fertiggestellt wurde, trägt weiter dazu bei, dass die Erzählung wie eine tatsächliche Begebenheit erscheint.

Der Wirklichkeit entspricht die Tatsache, dass das Gebäude auf einem tiefen, labyrinthartigen Unterbau errichtet war, von dem ein großer Teil geflutet und damit zum geheimen See des Phantoms wurde. Mysteriöse Geräusche aus diesem Abgrund während Aufführungen, der Fund eines menschlichen Skeletts bei Bauarbeiten und der ungeklärte Unfall des herabstürzenden Kronleuchters mit einem Todesfall, führte zu der Entstehung des Phantom-Mythos, den Leroux verarbeitete und weiterentwickelte.

Obwohl der Roman, wie bereits erwähnt, über die Jahre weitgehend in Vergessenheit geraten war, gelangte eine Secondhand Ausgabe in die Hände Andrew Lloyd Webbers – und eine Idee wurde geboren.

Vom Buch zum Film

Zu allererst muss festgehalten werden, dass es gravierende Unterschiede zwischen dem Handlungsverlauf des Romans, der Musicalversion und der filmischen Adaption von 2004 mit Gerard Butler, Emmy Rossum und Patrick Wilson in den Hauptrollen – einer Verfilumg des Musicals, nicht des Buches wohlgemerkt – gibt. Handlungsstränge wurden abgewandelt, Charaktere ausgelassen oder Geschehnisse an einem anderen Zeitpunkt eingebracht. Bei den Inszenierungen erhalten wir durch die visuellen Mittel weit mehr Einsicht in verschiedene Charaktere (das Phantom eingeschlossen), als im Roman. Dort begleiten wir als Leser besonders den jungen Raoul, Vicomte de Chagny, der versucht, das schreckliche Geheimnis zu lüften, dass Christine Daaé angstvoll hütet.

Wie bereits erwähnt, konzentrieren sich Musical und Musical-Verfilmung vor allem auf das Beziehungsdreieck des Phantoms, des Vicomtes de Chagny und Christine Daaés und machen eine Liebesgeschichte daraus. Für beide Männer hat sie unleugbar Gefühle und ist zwischen ihnen hin- und hergerissen. Der blonde Raoul symbolisiert dabei schon rein optisch mit seiner heiteren Art das sonnige, sorglose, aber gebundene Leben, das Christine weit weg von der Oper als Frau eines Vicomtes führen könnte. Das mysteriöse Phantom stellt hingegen durch seine Aufmachung mit Maske und Umhang den sinnlichen Nervenkitzel einer leidenschaftlichen Liebe außerhalb der gesellschaftlichen Norm dar.

Auf der einen Seite also der Wunsch nach Liebe inmitten der Gesellschaft, auf der anderen die unwiderstehliche Anziehungskraft des Geheimnsivollen. Christine lebt bereits als mittellose „Ballettratte“, wie Leroux die Tänzerinnen der Oper nennt, und begäbe sich in jedem Fall in eine neue Abhängigkeit: das einer adligen Ehe oder dazu, verdammt im Schatten, ein Leben abseits jeder Gesellschaft zu verbringen. Manchem mag der Charakter des Raoul im Gegensatz zum charismatischen Phantom eher fad vorkommen (so wie mir zuerst), aber denkt man länger darüber nach, erkennt man, in welcher Misere die junge Frau tatsächlich steckt.

Hinter der Maske – Der Zauber von Oper und Theater

Das Musical und der Film übernahmen den Zauber des Theaters, der Oper, die für ihre Besucher immer wieder Wunder erschaffen. Der Film selbst kreiiert eine Traumwelt, in der Logik, gesellschaftliche Regeln und dann und wann auch die Regeln der Physik außer Kraft gesetzt sind. Ein Management lässt sich jeden Monat von einem sich selbst als „Operngeist“ bezeichnenden Fremden um tausende Francs erpressen und duldet gleichzeitig eine jähnzornige Diva, die, sobald etwas nicht nach ihrem Kopf geht, alle fünf Sekunden mit Sack und Pack zu kündigen gedenkt. Hier kann der Vicomte eine mittellose Sängerin heiraten, ohne dass jemand daran Anstoß nimmt. Und Leuchter tauchen samt brennenden Kerzen aus einem unterirdischen See auf. Diese Dinge fallen einem auf, man begreift, dass dies nicht der Wirklichkeit entspricht, aber es stört nicht. Man nimmt sie hin, denn es geht um die wunderbare Musik, die Atmosphäre, die Liebesgeschichte.

„Der Tanzunterricht“ (um 1874) von Edgar Degas – Hinter den Kulissen war die Oper eine Welt für sich.

Die Maske, die das Symbol des Theaters (und nebenbei das Erkennungsmerkmal des Phantoms) ist, taucht immer wieder auf. Metaphorisch oder als plastisches Objekt, zeigt eine Maske nach außen das Eine und verbirgt das Andere. In der Oper existieren die Bühne und das Stück als das, was der Außenwelt präsentiert wird, während hinter den Kulissen eine geheime Welt existiert, die sich nur Eingeweihten öffnet. Im „Phantom der Oper“ besitzt Letzteres zudem eine weitere Unterteilung: der Oberbau des Opernhauses, der dem Personal gehört, und der architektonische Unterbau, in dem das Phantom herrscht.

Könnte man es deshalb nicht als den ungreifbaren und doch fleischgewordenen Zauber dieses Kosmos bezeichnen?

Die einzige Maske im eigentlichen Sinn trägt eben jene berühmt-berüchtigte Figur. Nach außen eine glatte, elegante Marmorerscheinung, versteckt sie eine körperliche Entstellung, die das Phantom zu seinem Dasein in Dunkelheit und Einsamkeit verdammt. Vergleicht man seine Darstellung in Roman, Musical und Film, wird klar, dass er ein Charakter von größter Ambivalenz ist.

Das Phantom als Bösewicht

Die träumerische Atmosphäre der Adaptionen, die bereits erläutert wurde, exisitiert im Roman nicht. Es ist die Welt des 19. Jahrhunderts, nur eben mit einem Phantom im Keller. Das Management ist seiner weniger karikierten Diva gegenüber klar und deutlich, Raouls älterer Bruder, der Comte de Chagny, versucht mit allen Mitteln dessen Pläne einer Heirat mit Christine zu verhindern und von unter Wasser brennenden Kerzen ist nirgendwo die Rede. Auch das Phantom ist ein Anderer, nämlich ein verzweifelter Mensch namens Erik, bei dem Wahnsinn und Genie Hand in Hand gehen und dessen obsessive Liebe zu Christine ihn in einen grausamen Bösewicht verwandelt.

Christine, das Objekt seiner Begierde, hat nach einer unsanften Entführung und seiner Demaskierung panische Angst vor ihm und traut sich doch lange Zeit nicht, jemandem von ihrem Geheimnis zu erzählen. Der „Operngeist“ ist zu allem fähig, droht ihr und Christine fürchtet in seiner Labilität noch mehr Tode. Besonders um Raoul, der sich in sie verliebt hat und ihre kühle Ablehnung verwirrt zu verstehen versucht, hat sie Angst, denn ihr „Engel der Muse“ ist krankhaft eifersüchtig.

Nachdem Erik seine Angebetete erneut und vor den Augen aller von der Bühne entführt hat, droht er, die ganze Oper samt Galagästen in die Luft zu jagen, sofern sie sich nicht von Raoul abwendet und für ihn entscheidet. Um so überraschender ist das Ende, an dem die beiden Liebenden freikommen und der Roman mit dem Tod des Phantoms schließt

Erst danach wird mehr über den Charakter aufgeklärt und man beginnt Mitleid und Sympathie für diese entstellte Seele zu haben. Seine Herkunft handelt Leroux erst im Epilog ab.

Das Phantom als Opfer

Im Musical und Film tritt das Phantom zuerst als eine art romantisch-verklärter Geist in Erscheinung. Da ist sein erster Streich lediglich eine herabfallende Leinwand der Requisite, die keinem Schaden zufügt. Auch die „Entführung“ der Christine Daaé ist eher eine fantastische, sinnliche Reise, auf die sich diese voll betörtem Staunen freiwillig begibt. In der Wohnung des Phantoms am See wartet´n Kerzenschein und Musik, keine Angst und Dunkelheit. Sein wütender Ausbruch über die Enthüllung seiner Entstellung, als Christine ihn zum ersten mal demaskiert, erschreckt sie nur kurzfristig. Ihr Mitleid überwiegt.

Erst nachdem das Phantom jemanden getötet hat, bekommt Christine Angst vor ihm und wird in ein verwirrendes Chaos aus romantischen Gefühlen, Angst und immer noch Mitleid gestoßen. Das Phantom, das namenlos bleibt, ist in erster Linie eine tragische Existenz, die durch kontinurierliche Ablehnung und grausame Behandlung seines Äußeren wegens zu dem wurde, was es ist.

Die Idee des entstellten Außenseiters, der sich in das erste Schöne unsterblich verliebt, das ihm nahe kommt, tauchte bereits in Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“ auf, dem ich mich bereits in einem früheren Blogbeitrag gewidmet habe. Hugos Roman erschien 1831 und obwohl ich keine Belege dafür finden konnte, dass Gaston Leroux ihn kannte, so ist es doch anzunehmen. Es gibt gewisse Parallelen zwischen dem missgestalteten Quasimodo und dem Phantom: Beide wurden von ihren Familien verstoßen und erfuhren ein Leben lang Gewalt, Ausgrenzung und Verachtung aufgrund ihrer Erscheinung.

Doch während Ersterer glücklicherweise vom Archidiakonus Frollo adoptiert wird, fehlt dem Phantom diese Mittelsfigur zwischen der Welt und ihm. Er erleidet das Schicksal, als lebende Kuriosität in einem Wanderzirkus ausgestellt zu werden, welches Quasimodo als Kind einer Zigeunerin vielleicht auch geblüht hätte, wäre er nicht auf glücklichen Umwegen nach Paris gelangt.

Quasimodo versteckt sich zwar oft aus Furcht vor den Menschen, doch ist sein Erscheinungsbild ein Zustand, mit dem er sich weitgehend abgefunden hat. Im Falle des Phantoms ist das Tragen der Maske vor allem mit Scham behaftet. Im Roman verdeckt sie das ganze Gesicht, in den Inszenierungen nur die obere Hälfte oder eine Seite, da sonst die Darsteller beim Singen behindert würden.

Zwei schicksalsschwere Male wird das Phantom in Musical und Film demaskiert, beide Male durch die Hände der Frau, deren Ablehnung ihn zerstören würde und der er sein Gesicht deshalb auf keinen Fall zeigen will. Sein kompletter Kontrollverlust in beiden Szenen zeigt, wie emotional aufgeladen die Maskensituation. Die zweite, öffentliche Demaskierung gipfelt schließlich im Showdown, bei dem das Phantom Christine dazu zwingen will, sich für ihn zu entscheiden. Bewegt von ihrem unerschütterlich guten Herzen, lässt er die beiden frei und verschwindet in einem Geheimgang.

Ansicht der Pariser Oper Ende des 19. Jahrhunderts

Das tragische Phantom

Das „Phantom der Oper“ ist Geist, Künstler, Bösewicht, eine verstoßene Seele, Genie und Opfer. Gaston Leroux macht aus ihm einen Menschen aus Fleisch und Blut, einen Charakter, der seitdem immer wieder verändert, erweitert und neu erfunden wurde. Auf der Bühne bekam es durch viele Künstler ebenso viele verschiedene Gesichter, wie es als Figur Facetten hat. Basierend auf seiner kurzen Biographie, die Leroux in seinem Epilog aufführt, erschuf die britische Schriftstellerin Susan Kay mit ihrem Roman „Das Phantom“ eine tief eintauchende, bewegende Lebensgeschichte, die mehr denn je das Phantom als ein Opfer seiner Umstände darstellt und ihm ein „Gesicht“ gibt.

Auch Leroux erwähnt am Ende seines Buches, es sei ein großes Unglück, das diesen armen Menschen prägte und er habe an seinem Grab für sein Seelenheil gebetet. In Anbetracht seines armseligen Lebens, ohne Liebe und im Schatten, hätte er das trotz seiner Verbrechen verdient.

Vermutlich fasst keiner das Dilemma des Phantoms der Oper so getroffen zusammen, wie das Phantom selbst in dem Lied „Die Erinnerung kommt zurück“:

„Schlimmer als ein Alptraum.
Wie erträgst du’s hinzuschau’n?
Erfasst dich nicht ein Graun,
von mir, dem Höllentier?
Fratzenhaft doch sehnsuchtskrank.
Nach dem Himmel.
Sehnsuchtskrank, sehnsuchtskrank…

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweis:

Kay, Susan. Das Phantom. Frankfurt a. M. 2016.

Leroux, Gaston. Das Phantom der Oper. München 1993.

Newart, Cormac. „Vous qui faites l’endormie. The Phantom and the Buried Voices of the Paris Opéra“. 19th-Century Music Vol. 33, No. 1, 2009, S. 62-78. Web. JStor. 03. April 2019

Shah, Raj. „No Ordinary Skeleton. Unmasking the Secret Source of Gaston Leroux’s Le fantôme de l’opéra“. Forum for Modern Language Studies Vol. 50, No. 1, 2013, S. 16-29. Web. JStor. 03. April 2019

„The Publication and Initial French Reception of Gaston Leroux’s Le fantôme de l’opéra“. French Studies Bulletin Vol. 37, No. 138, 2016, S. 13-16. Web. Oxford Journals. 03. April 2019

Person und Mythos – Die heilige Elisabeth von Thüringen

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Dies ist die Lebensbeschreibung und die Legende der gottseligen St. Elisabeth, der Tochter des edlen Königs von Ungarn, die nach Gottes Willen und Fügung mit dem edlen Fürsten Landgraf Ludwig von Thüringen vermählt wurde.” (Leben und Legende, S. 7)

Mit diesen Worten beginnt der Dominikaner Dietrich von Apolda (vermutlich 1230-1302) seine Vita, welche zwischen 1289 und 1291 entstand: die Vita der heiligen Elisabeth von Thüringen. Diese schillernde Gestalt des Mittelalters, heilige Landespatronin von Thüringen und Hessen, erfährt hier eine Aufarbeitung im Sinne von “Leben und Legende”: neben den Fakten finden sich viel Erzählstoff und Geschichten um die Person Elisabeth von Thüringen, die zur Bildung eines unverkennbaren Mythos führten.

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Verwandlung

„Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue
Körper, so treibt mich der Geist. Ihr Götter, da ihr sie gewandelt,
Fördert mein Werk und lasset mein Lied in dauerndem Flusse
Von dem Beginne der Welt bis auf meine Zeiten gelangen!”

(Ovid, Metamorphosen, Buch 1, Vs. 1-4)

Alles um uns herum befindet sich in steter Veränderung. Jeder Aspekt unseres menschlichen Lebens führt uns das Tag für Tag vor Augen, und dennoch tun sich die meisten Menschen mit Veränderungen eher schwer. “Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein”, sagte Johann Wolfgang von Goethe, wobei er wohl eher auf den eben beschriebenen, täglichen Umgang mit dem steten Fluss des Neuen anspielt, als die Verwandlung einer jungen Frau in eine Kuh.

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Verhängnisvolle Schönheit und verdammende Hässlichkeit – Der Glöckner von Notre-Dame

Es ist ein farbenfrohes, grausames Bild, das der berühmte französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) in seinem historischen Roman Der Glöckner von Notre-Dame (1831) kreiert. Schauplatz ist das spätmittelalterliche Paris an der Schwelle zur Neuzeit, auf dessen Bühne er individuelle Schicksale, geschichtliche Hintergründe und Lebenskultur des 15. Jahrhunderts miteinander verbindet.

Seine Darstellungen der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit, der Gewalt gegenüber Andersgläubigen und Menschen mit körperlicher Behinderung instrumentalisiert Hugo als eine Kritik an rückständigen gesellschaftlichen Konventionen sowie Vorurteilen und drückt Verurteilung der Todesstrafe und der Folter aus. Durch die Charakterzüge und Handlungsweisen seiner Figuren führt er uns vor Augen, wie tief die Verbindung von körperlicher und innerer Schönheit als Ideal unser Denken bestimmt. Dieser Konflikt taucht immer wieder auf und wird als solcher vom wenig attraktiven Glöckner Quasimodo aus seiner Sicht geäußert: „Was nicht schön ist, hat kein Recht zu sein; / Schönheit liebt allein nur Schönheit, / Dem April zeigt Januar den Rücken.“ (S. 447).

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Es weihnachtet schwer 5.0: „Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren“

Frohe Weihnachten! Mit welchem Recht bist du froh? Aus welchem Grund bist du froh? Du bist doch ganz arm!“
Na komm”, versetzte der Neffe freudig. „Mit welchem Recht bist du trübsinnig? Aus welchem Grund bist du mürrisch? Du bist doch ganz reich!” (14)

Wir schreiben das viktorianische London. Arm und Reich leben durch einen tiefen Abgrund getrennt und doch dicht gedrängt in der, von den schwarzen Rauchwolken der Industrie überspannten Metropole. Allen täglichen Kämpfen und Sorgen zum Trotz liegt so etwas wie freudige Erwartung in der Luft. Denn es ist der 24. Dezember, der Tag vor dem Weihnachtsmorgen. Als Ebenezer Scrooge – alt, bitter und steinreich – die Zeit damit verbringt, seine ablehnende Haltung zum Weihnachtsfest kund zu tun und anderen die Freude gründlich zu verderben, hat er noch keine Ahnung, dass die vor ihm liegende Weihnachtsnacht alles verändern wird.

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Es weihnachtet schwer 4.0: Das Neunerlei – Ein Weihnachtsbrauch

Ich bin im Vogtland geboren und aufgewachsen. Wer jetzt nicht weiß, wo das liegt (denn die meisten tun es nicht), es handelt sich dabei um die Region im Südwesten von Sachsen, die aber auch Gebiete von Bayern, Thüringen und Böhmen umfasst. Der Historiker Enno Bünz beschreibt sie folgendermaßen: „Unter den Kulturlandschaften Sachsens, … ist das Vogtland die kleinste, die freilich über ein ausgeprägtes, historisch gewachsenes Regionalbewusstsein verfügt.“ Das ist eine diplomatische Art auszudrücken, dass so manche aus dieser Gegend sofort jeden berichtigen, der sie als „Sachsen“ bezeichnet; sie seien keine Sachsen, sondern Vogtländer. Und die sind im allgemeinen als „kleines, zänkisches Bergvolk“ verschrien.

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Es weihnachtet schwer 3.0: Der Weihnachtsmann – Ein traditionsreicher und moderner Mythos


„Morgen kommt der Weihnachtsmann,
Kommt mit seinen Gaben.“

So viele Bräuche und Traditionen ranken sich um die Adventszeit und das Weihnachtsfest. Am 6. Dezember bringt der Nikolaus für gute Kinder mit blankgeputzen Schuhen kleine Gaben, und mancherorts hat er seinen grausigen Gegenpart Krampus im Schlepptau, um unartige Kinder das Fürchten zu lehren. Der Nikolaustag ist, in gewissem Sinne, die Vorhut für das eigentliche Weihnachtsfest.

Ein Symbol der Weihnachtszeit

Bei manchen kommt er durch den Schornstein und packt die Geschenke unter den Weihnachtsbaum, bei anderen füllt er diese in Strümpfe, die am Kamin hängen. Und wieder in anderen Fällen kommt er am Heiligen Abend zu Besuch und bringt sie vor den Augen aller vorbei. Von Land zu Land, von Region zu Region, manchmal sogar von Familie zu Familie, variieren die Bräuche des weihnachtlichen Schenkens, doch meist gibt es nur einen, der dafür verantwortlich ist. Die Rede ist vom Weihnachtsmann, in unserer heutigen Zeit DER Weihnachtsfigur schlechthin. 

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Halloween 1.0: „Die Toten reiten schnell“

 

Willkommen zum ersten Teil unseres Blogspecials im Zeichen des Schaurigen!

 

 

Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
„Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?“ –
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben:
Ob er gesund geblieben.
(Str. 1)

Die erste Strophe der Ballade Lenore, verfasst vom deutschen Dichter Gottfried August Bürger (1747-1794), fackelt nicht lange und führt den Leser sofort an den springenden Punkt heran, der die gesamte Handlung ins Rollen bringt: Willhelm, Lenores Verlobter, kämpft im Siebenjährigen Krieg und keiner weiß, welches Schicksal ihn ereilt hat. Eines Nachts jedoch wird die Hauptcharakterin von einer unheilvollen Ahnung heimgesucht und stellt den Leser bereits zu anfangs vor eine vollendete Tatsache; der Verlobte ist entweder untreu geworden und im fremden Land geblieben, oder er ist im Kampf gefallen. Es ist ein böses Erwachen, welches in seiner Abruptheit die Ballade eröffnet. Ein böses Erwachen in der Tat, ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte um Lenores unheilvolles Schicksal zieht.

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Frankenstein im Pfingstgeflüster

Mit unserem Beitrag zum Wave Gotik Treffen 2018 wollten wir die Thematik des Frankenstein und seiner Schöpfung einem breiten Publikum auf unterhaltsame Art und Weise näher bringen, was uns auch gelungen ist. Ein volles Haus und interessierte Zuhörer haben uns bestätigt, wie aktuell dieser Roman und seine Grundidee ist.

Umso mehr freute es uns, als mich Marcus Rietzsch, der Herausgeber des Pfingstgeflüster, auf Facebook kontaktierte und anfragte, ob wir nicht Lust hätten einen Vortragsbeitrag beizusteuern. Das Pfingstgeflüster, ein Bild-Text-Band, der jährlich im Zuge des Wave Gotik Treffens in der Edition Subkultur erscheint, hat es sich zur Aufgabe gemacht Impressionen des einzigartigen Musik- und Kulturfestivals festzuhalten und diese in hochwertigem Design zu verewigen. Es bietet Einblicke in Lesungen, musikalische Highlights, Kunstausstellungen und natürlich dem Herz des Leipziger Festivals – die Besucher. Für alle, die diesmal nicht dabei sein konnten, die ein literarisches, zusammenfassendes Erinnerungsstück mitnehmen oder sich Einblicke in Veranstaltungen holen wollen, zu denen sie es leider nicht geschafft haben.

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9 Monate Irland – Eine Exkursion in Folklore

  Der Begriff Folklore umfasst die populären Glaubensvorstellungen einer Kultur oder Minderheit, und ist somit ein vielschichtiges und breitgefächertes Phänomen der kulturellen Erinnerung und Identität. Es sind Glaubens- und Vorstellungsmuster, welche zwar in Verbindung mit der vorherrschenden Religion entstehen, jedoch weitestgehend außerhalb der etablierten religiösen Institution existieren. Von Traditionen und Bräuchen, über Volksmärchen, Sagen und Aberglaube, umfasst die Folklore einer Kultur alle Aspekte, die meist bereits seit langer Zeit von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden. Diese können in ihren Feinheiten je nach Land, Landstrich oder sogar Region unterscheiden und bieten für alle Außenstehenden, die diese kennenlernen und verstehen wollen, eine Herausforderung, die aufzunehmen sich lohnt. Will man die Kultur eines anderen Landes kennenlernen, ist die Folklore unumgänglich.

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