Der Neunkräuterzauber, oder: Von der Magie der Medizin

Die Medizin der Vergangenheit mag uns heute fragwürdig vorkommen. Gerade wenn das ‚düstere Mittelalter‘ erwähnt wird, ein Zeitabschnitt, der immerhin fast eintausend Jahre einnimmt, fallen Begriffe wie Quacksalber und Aberglaube. Von Erkältungen, kleinsten Verletzungen seien die Menschen wie die Fliegen gestorben. Dass jedoch Ärzte an der großen Schule von Salerno im 12. Jahrhundert durch Bohrung erfolgreiche Operationen am offenen Gehirn durchführten, lässt so manchen innehalten. Dort florierte die fortschrittlichste Medizin, vor allem durch die Nähe zum arabischen Raum, welcher damals die hervorragendsten Ärzte hervorbrachte.

Die universitären Lehren gelangten langsamer und oft weniger umfangreich in nördliche Gefilde, die eine ganz eigene Welt aus Wissen, Gebräuchen und Heilmitteln ausbildeten. Eine dieser einzigartigen Welten eröffnet sich im angelsächsischen medizinischen Sammelwerk „Lacnunga„, welches ungefähr ins späte 10. bis Mitte des 11. Jahrhunderts datiert werden kann. Sein altenglischer Name bedeutet in modernes Englisch übersetzt ‚remedies‚, was soviel wie Heilmittel oder Arzeneien bedeuten kann. Die Sammlung besteht jedoch nicht nur aus Rezepten – auch wenn diese zahlreich vertreten sind – sondern auch aus Gebeten, Ritualen und Zaubern.

Einer davon ist der Neunkräuterzauber (engl. Nine Herbs Charm), ein einzigartiges Zeugnis des Volksglaubens sowie der Volksheilkunde im „Lacnunga„. Dass für die Menschen des angelsächsischen Englands Heilung, Glaube und magische Kräfte untrennbar zusammen gehörten, wird hier auf faszinierende Art und Weise deutlich. Der Neunkräuterzauber stammt vermutlich aus der Zeit zwischen dem Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts, eine Zeit in der das Christentum längst vorherrschte, und weist doch dominierende Elemente nordisch-germanischer Mythologie auf. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass seine Wurzeln weit zurückliegen und in den vorchristlichen Religionen der Britischen Inseln sowie germanischen Glaubensvorstellungen liegen. Letztere waren bereits mit Menschen vom Kontinent ins Land gekommen.

Ein Meltingpot der Kulturen

Nachdem die Römer im 5. Jahrhundert Britannien verlassen hatten, um ihr zerfallendes Reich zu retten, herrschte Chaos und die verschiedenen Stämme der Insel begannen sogleich damit, sich zu bekriegen. Bis dato hatten die Briten seit Jahrhunderten unter römischer Kontrolle, römischer Politik, römischer Ökonomie gelebt und ein neues Machtgefüge musste ausgefochten werden, um der Gesellschaft Struktur zu geben.

Mitte des 5. Jahrhunderts erreichten germanische Stämme aus Norddeutschland und Jütland die britischen Inseln. Diese waren von dem einen odere anderen Stammesoberhaupt angeworben worden, um Unterstützung in den herrschenden Kämpfen zu bieten. Es schien den zugezogenen Kriegern jedoch in Großbritannien zu gefallen. Sie rebellierten gegen diejenigen, die sie angeheuert hatten, ließen sich nieder und so assimilierten die bestehenden und die germanischen Bräuche, Religionen und Traditionen. Das Resultat war eine vielschichtige Kultur.

Das Christentum war im 8. Jahrhundert als Religion vollständig etabliert. Es scheint beinahe ein Schalk des Schicksals gewesen zu sein, dass just zu dieser Zeit eine erneute Welle kriegerischer Einflüsse unaufhaltsam auf die Inseln zurollte. Den Beginn des Viking Conquest, den Einfall der Nordmänner oder auch Wikinger genannt, markiert die Plünderung des Klosters Lindisfarne an der nordöstlichen Küste. Weitere Plünderungsstreifzüge folgten, die mithilfe der fortschrittlichen Schiffe der Wikinger immer weiter im Landesinneren stattfanden. Die Eroberer begannen, das Land systematisch zu überrennen. Mit Erfolg.

Ein erneutes Aufleben der germanischen und nordischen Kultur fand statt und bahnte sich einen Weg in die Mitte der Gesellschaft. Dass auch hier über kurz oder lang eine Konvertierung stattfand, muss nicht extra ausgeführt werden. Aber, dass kulturell ein interessanter Hybrid aus keltischen, germanischen, nordischen und christlichen Elementen das Produkt war, sehr wohl. Dies spiegelt sich auch im Neunkräuterzauber wieder. Heilung konnte nicht allein von einer Person durch das Aufsagen eines Zauberspruches bewirkt werden, sondern musste mithilfe der Formeln erbeten werden. Man rief die Heilkräft von Pflanzen und der übrigen Geister der Natur an, natürlich als Schöpfungen des christlichen Gottes.

Die Magie der Pflanzen

Der altenglische Neunkräuterzauber besteht aus zwei Teilen. Zum einen dem Zauberspruch, welcher über die neun zu verwendenden, namensgebenden Kräuter gesprochen werden muss, um aus ihren Kräften zu schöpfen. Dabei konzentriert sich der Spruch vor allem auf ihre nützlichen Eigenschaften und die Krankheiten oder Leiden, die mit ihnen bekämpft werden sollen. In diesem ersten Teil finden sich auch Überlieferungen der germanischen Mythologie sowie christliche Elemente, beides als signifikante, spirituelle Unterstützung der zu benutzenden Kräuter. Der zweite Teil besteht aus dem Rezept einer Salbe und Anweisungen zur Anwendung des Zaubers. Er ist in Prosa verfasst, während Teil eins in angelsächsischer Dichtung, der metrical poetry, geschrieben ist. Diese Dichtform unterscheidet sich sehr von jener des modernen Englisch und orientiert sich mehr an den alten germanischen Sprachen, wie zum Beispiel dem Altnordischem. Die metrischen Muster basieren auf dem Prinzip des Stabreims mit einer variablen Anzahl von Silben, aber für gewöhnlich vier starken Betonungen in jeder Zeile. Die Zäsur, die Pause am Ende einer Zeile, hob die Wichtigkeit des Gesagten hervor.

Manchmal wird der erste Teil auch noch einmal in den Kräuterspruch und die einbezogene Geschichte unterteilt, da sie jedoch miteinander verwoben und nicht klar von einander getrennt werden können, kann durchaus von insgesamt zwei Teilen des Neunkräuterzaubers gesprochen werden. Die „Stimme“ des ersten, poetischen Teils, richtet den Zauberspruch direkt an die Pflanzen. Jede wird einzeln mit ‚þu‚ angesprochen, dem altenglischen Personalpronomen, welches dem häutigen ‚you‚ gleichkommt. Somit wird ihnen ein Charakter, eine Identität als mächtiges Wesen mit Eigenschaften und Persönlichkeit zugedacht.

Die neun Heilkräuter umfassen “Mucgwyrt”, Wegbrāde”, Stune”, Stiðe”, Āttorlaðe”, Mægðe”, Wergulu, Fille” und Finule. Die Forschung rund um das Lacnunga gibt zu bedenken, dass eine eindeutige Gleichsetzung mit einem termina der modernen englischen Sprache nur bedingt möglich ist. Auch in der deutschen Sprache bestehen für ein und dieselbe Pflanze oft zahlreiche Namen, was rückblickend eine eindeutige Identifikation erschwert. Die am weitesten verbreiteten Interpretationen der altenglischen Namen, deuten auf die Pflanzen Beifuß (“Mucgwyrt”), (Breit)Wegerich (“Wegbrāde”), (Brunnen)Kresse (“Stune”), Brennnessel (“Stiðe”), Heilziest (“Āttorlaðe”), Kamille (“Mægðe”), Wildapfel (“Wergulu”), Kerbel (“Fille”) und Fenchel (“Finule”) hin.

Pflanzendarstellungen im „Lacnunga“ Manuskript

Gegen alles ist ein Kraut gewachsen…

Kennt man sich ein wenig mit Pflanzenheilkunde aus, weiß man schon auf den ersten Blick, dass einige der ‚Kräuter‘ tatsächlich heilende, wirksame Eigenschaften besitzen. Dass die angelsächsischen Heilkundigen sie verwendeten, ist also kein Zufall. Auch ihnen waren der medizinische Wert bekannt. Zusätzlich zu ihren Heilkräften, die auch die moderne Medizin als solche erkennt, werden die Pflanzen mit der göttlichen und spirituellen Welt in Verbindung gebracht, wobei Figuren und Themen aus der Folklore und Volksreligion auftauchen.

Beifuß wurde als Schutz gegen böse Geister zur Sommer- und Wintersonnenwende, und vor allem in den Rauhnächten, zusammen mit anderen getrocknetenen Kräutern genutzt, um Häuser und Ställe zu beräuchern. Man ordnete ihn der Frau Holle zu, deren Ursprung auf alteuropäische Wurzeln zurückgeht. Beifuß wurde sowohl von Wehmüttern, Heilern als auch Schamanen benutzt. Für Letztere galt er als magisches, segnendes Mittel vor einer Reise in die Anderswelt, was ihm auch in dieser Dimension den Ruf eines vorzüglichen Schutzes auf Reisen einbrachte.

Der (Breit)Wegerich wirkt antiseptisch und bei Problemen in allen Bereichen des Verdauungstrakts. Berühmt für seine Widerstandsfähigkeit, die ihn an viel frequentierten Wegen und sogar in Pflasterritzen wachsen lässt, soll durch den Zauber diese Eigenschaft auf den Patienten übertragen werden.

“[…] nach Osten geöffnet, im Innern mächtig;
über dir knarrten Wagen ,über dir weinten Frauen,
über dir schrieen Bräute, über dir schnaubten Stiere.
Allen hast du widerstanden, und dich widersetzt;
ebenso widerstehe dem Gift und der Ansteckung […]”
(Z. 8-12)

Die Erwähnung der Himmelsrichtung Osten bezieht sich zum einen auf die Blütezeit des Wegerichs von ungefähr Juni bis Oktober, zum anderen auf die lebensspendenden Sonnenstrahlen, welche dem Kraut ihre Macht verleihen. Als nährende Quelle der Natur war die Sonne den vorchristlichen Religionen heilig.

Dass auch die (Brunnen)Kresse große gesundheitliche Vorzüge für uns hat, ist kein Geheimnis. Sie galt in jeder Hinsicht als belebend: appetitanregend, stoffwechselfördernd, harn- und wehentreibend und sogar als Aphrodisiakum. Womöglich wussten auch die Urheber des Zaubers dieser Macht nichts weiter hinzuzufügen, denn der Teil, welcher sich auf eben diese Pflanze bezieht, ist äußerst kurz.

Sobald im Frühjahr die ersten jungen Brennnesseln hervorkommen, wird in meiner Familie Brennesselspinat gekocht, frischer Brennnesseltee zubereitet oder die jungen Blätter in Wildkräutersalat verarbeitet. Die Brennnessel hat eine sehr lange Tradition als Heilpflanze, die sich bis heute ungebrochen erhalten hat. Reich an Mineralstoffen, Vitamin C, Eisen und Eiweiß, und dank ihrer unkomplizierten und anspruchslosen Art, wächst sie für gewöhnlich breitflächig. Brennnesseltee hat eine entwässernde und blutreinigende Wirkung und wird deshalb gern unterstützend bei Detoxkuren getrunken. Da man Krankheiten in früheren Zeiten oft im Blut angesiedelt sah, ist die Wertschätzung dieser Pflanze daher kaum überraschend.

Die Echte Betonie, auch Heilziest genannt, war schon in der Antike als Heilkraut bekannt. Sie wuchs in den Gärten Karls des Großen und war in jedem Klostergarten zu finden. Verwendet wurde sie bei Erkrankungen der Atemwege und des Magen-Darm-Traktes. Als Schutz gegen bösen Zauber trug man ihre Stiele mit roter Wolle am Handgelenk oder um den Hals.

Auch Kamille ist eines der Kräuter, welches sich mit seinen zuträglichen Eigenschaften in der Mitte der heutigen Gesellschaft eingefunden hat. Entzündungshemmend, krampflösend und antibakteriell wird sie zum Beispiel als Tee bei Magenschmerzen getrunken, findet sich aber auch in Kosmetika wieder.

Im Falle des Wildapfels ist nicht eindeutig, ob für den Zauber die Blüten oder die Frucht gemeint sind oder welche Heilkräfte er besitzen soll. Der Zauberspruch lautet wie folgt:

„Dies ist das Kraut, das wergulu heisst;
das entsandte der Seehund über dem Rücken der See
zur Hilfe gegen die Bosheit von einem anderen Gift.”
(Z. 27-29)

Die Anspielung auf die Reise über das Meer spielt womöglich darauf an, dass der Apfel auf den Britischen Inseln nicht heimisch ist, sondern durch Reisende mitgebracht wurde.

Göttliche Kraft und menschlicher Wille

Nachdem sich der Zauberspruch mit diesen sieben der neun Kräuter befasst hat, schiebt sich an dieser Stelle ein kurzer Erzählstrang ein:

“Diese 9 [Kräuter] haben Macht gegen neun Gifte.
Eine Schlange kam gekrochen, zerriss einen Menschen;
da nahm Wodan 9 Ruhmeszweige,
erschlug da die Natter, dass sie in 9 [Stücke] zerbarst.”
(Z. 30-33)

Es wird wird erwähnt, dass die neun Kräuter des Zaubers gegen neun bestimmte Gifte helfen. Der kurze Erzählungsstrang berichtet davon, wie diese Gifte entstanden. Wodan, einer der vielen Namen für den Göttervater Odin, erschlug mit neun Ruhmeszweigen eine Schlange, die Menschen tötete. Diese zersprang dabei in neun Teile, die von da an über das Land flogen und Krankheit brachten. Diese neun Teile der Schlange stellen die neun Gifte dar. Neben Zauber und bösen Geistern galt Gift als einer der Hauptgründe für Krankheiten bei den Angelsachsen und steht deshalb als Synonym für verschiedene Krankheitsursprünge und ihre Symptome.

Die Ruhmeszweige, welche erwähnt werden, sind geheime Runenzauber, die Odin einst meisterte und auf Zweige schrieb. Diese Geschichte ist Teil der altisländischen “Lieder-Edda” und taucht in der “Hávamál” auf, auch bekannt als “Sprüche des Hohen”. Gewidmet ist der Geschichte der magischen Runen dort das Lied “Rúnatal“. Es berichtet davon, wie Odin neun Tage und Nächte verletzt in den Zweigen des Weltenbaumes Yggdrasil hing, ein Selbstopfer, um die neun Runenzauber zu erlernen.

“Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst, […]
Auf Runen sinnend, lernte sie seufzend:
Endlich fiel ich zur Erde.
Hauptlieder neun lernt ich von dem weisen Sohn
Bölthorns, des Vaters Bestlas, […]”
(Vers 139-141)

Die Kräfte der Kräuter werden durch die Ursprungsgeschichte der Gifte und den Hinweis auf die Runenzauber, in spirituellen Kontext gesetzt – sie entspringen göttlicher Macht. Obwohl Wodan namentlich erwähnt wird, lässt die weitere Formulierung des Zaubers jedoch eine mehrdeutige Interpretation zu:

“Dort sprach der Apfel gegen das Gift, …
Kerbel und Fenchel, zwei sehr mächtige,
diese Kräuter schuf der weise Herr,
der Heilige im Himmel, als er hing;
setze und sandte [sie]…
den Armen und Reichen, allen zur Hilfe.”
(Z. 34-40)

Kerbel und Fenchel werden zusammen erwähnt. Ersterer weist eine vitalisierende und blutverdünnende Wirkung auf, während Fenchel in jeder Hinsicht beruhigend wirkt, sei es bei Lungen- oder Magenerkrankungen. Sogar gegen Schlangenbisse, so glaubte man, half er. Viel wichtiger ist jedoch, dass “der weise Herr”, der “ hing” und die magischen Gegenmittel hinaussandte, auch als der am Kreuz hängende Christus interpretiert werden kann. Der Zauber, welcher unübersehbar germanischen Ursprungs ist, wird somit umgedeutet und Wodan mit Gott/Christus gleichgesetzt.

Die angelsächsiche Christenheit interpretierte das Kreuz auch als Baum, wie es zum Beispiel im Gedicht “The Dream of the Rood” (Manuskript aus dem 10. Jahrhundert) dargestellt wird. Auch Christus hing und litt eine Anzahl von Stunden an diesem. Das Evangelium des Johannes macht keine Angaben zum Todeszeitpunkt Christi, doch nach Matthäus, Markus und Lukas starb Christus zur neunten Stunde. Dann ließ er sein Menschsein hinter sich, um schließlich zu Gott aufzusteigen. Odin hing ebenfalls in Selbstopferung an Yggdrasil und erhielt nach dessen Ende die mächtigen, magischen Kräfte. Es sind also durchaus Parallelen zwischen den beiden ersichtlich, die im Neunkräuterzauber verwendet werden, um sowohl die alten Geschichten der germanischen Mythologie als auch den christlichen Glauben zu vereinen.

Bis zu diesem Punkt des Zaubers haben seine Ausführungen die Kräfte der Kräuter aktiviert, nun zählt man die Namen der Gifte und der einhergehenden Krankheiten auf. Diese werden durch Farben und Geruch charakterisiert: Es gibt rotes, stinkendes, weißes und purpurnes Gift, aber auch gelbes, blaues, braunes und karminrotes. Die erwähnten Krankheiten sind Schlangenblattern, Wasserblattern, Dornblattern, Diestelblattern, Eisblattern und Giftblattern. Was genau die Gifte und Krankheiten betiteln, ist jedoch unklar, da es zahlreiche und uneindeutige Interpretationsmöglichkeiten gibt. Ohne Zweifel an dieser Stelle des Textes jedoch, “Christus stand über Krankheit jeder Art.” (Z. 58)

Der Zauberspruch und somit Teil eins des Neunkräuterzauber, endet mit den Worten, welche die ganze Bandbreite der Kräuterkräfte herauskehrt:

“Ich allein weiss ein rinnendes Wasser
da neun Nattern nahe bewachen;
mögen alle Kräuter nun von ihren Wurzeln aufspringen,
die Seen sich öffnen, all das Salzwasser,
wenn ich dieses Gift von dir blase.”
(Z. 59-63)

Zum Schluss

Auf das Ende des Zauberspruches folgt Teil zwei, das Rezept für eine Salbe. Dieses ist im Vergleich zum Spruch recht kurz. Es weist den Praktizierenden an, dass der Zauberspruch drei Mal über jedem Kraut gesungen werden soll, bevor man es vorbereitet. Die Pflanzen müssen zerstoßen und mit Seife vermischt werden. Dazu gibt man den Saft eines Apfels, über dem ebenfalls drei Mal der Zauberspruch gesungen wurde. Aus Wasser und Asche wird ein Brei gerührt, in dem man dann Fenchel kocht. Diese Mixtur muss zusammen mit der Salbe vor und nach jeder Anwendung erhitzt werden.

Will man die Salbe auftragen, so singt der Praktizierende zuerst den Zauberspruch in Mund, Ohren und über der Wunde des Patienten. Die Körperöffnungen und zu behandelnde Stellen galten für die Angelsachsen als Eintrittstselle von bösen Geistern, Zaubern und Giften. Deshalb mussten sie auf dem gleichen Wege wieder ‚ausgesungen‘ werden. Bezüglich einer Melodie oder Ähnlichem, gibt der Text keine Hinweise.

Gebete und Zaubersprüche zur Heilung stellten für die Angelsachsen keine Widersprüche dar. Man bediente sich sowohl der Gebete und Messen in der Kirche, um Gesundheit zu erbitten, als auch den Kräften der Natur, die man mit Sprüchen heraufbeschwor. Jede Krankheit war gefährlich und man zog alle Register, um das Leben zu beschützen. Nur mit Hilfe von Gott und allen guten Geistern, die ihren Willen dazugaben, konnten die schlechten Geister als Ursprung von Krankheiten vertrieben werden.

Die Neun war eine heilige Zahl der Germanen, wie ich bereits in früheren Beiträgen schon erwähnt habe. Und auf dieselbe Art, wie Odin die neun Runenzauber nutzte, ruft der Heiler mit dem “Neunkräuterzauber” die Kräfte von neun magischen Pflanzen an. Obwohl sie aus Mangel an moderner Technik keinen wissenschaftlichen Beweis für die natürlichen Wirkstoffe der Pflanzen erbringen konnten, verließen sich die Angelsachsen auf althergebrachtes Wissen. Für sie waren die heilenden Eigenschaften der Pflanzen eben reine Magie.

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweise:

Chaney, William A. “Paganism to Christianity in Anglo-Saxon England” The Harvard Theological Review, vol. 53, no. 3, 1960, pp. 197-217. Jstor. Web. 14 Mai. 2019

Die Bibel. (nach der deutschen Übersetzung des Martin Luther). Altenburg: Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft, 1956.

Getz, Faye Marie. Medicine in the English Middle Ages. Princeton, NJ: Princeton University Press, 1998.

Jolly, Karen Louise. Popular Religion in Late Saxon England. Elf Charms in Context. Chapel Hill and London: The University of North Carolina Press, 1996.

Pettit, Edward (Ed. Transl.) Anglo-Saxon Remedies, Charms, and Prayers from British Library Ms Harley 585. The Lacnunga. Volume 1: Introduction, Text, Translation, and Appendices. Lewiston, New York: Mellen, 2001.

Pollington, Stephen. Leechcraft. Hockwold-cum-Wilton: Anglo-Saxon-Books, 2003.

Hávamál“, abgerufen 14. Mai 2019

Der Neunkräuterzauber„, abgerufen 15. Mai 2019 (für größere Genauigkeit verglichen mit Pettits englischer Übersetzung)

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