9 Monate Irland – Eine Exkursion in Folklore

  Der Begriff Folklore umfasst die populären Glaubensvorstellungen einer Kultur oder Minderheit, und ist somit ein vielschichtiges und breitgefächertes Phänomen der kulturellen Erinnerung und Identität. Es sind Glaubens- und Vorstellungsmuster, welche zwar in Verbindung mit der vorherrschenden Religion entstehen, jedoch weitestgehend außerhalb der etablierten religiösen Institution existieren. Von Traditionen und Bräuchen, über Volksmärchen, Sagen und Aberglaube, umfasst die Folklore einer Kultur alle Aspekte, die meist bereits seit langer Zeit von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden. Diese können sich in ihren Feinheiten je nach Land, Landstrich oder sogar Region unterscheiden und bieten für alle Außenstehenden, die diese kennenlernen und verstehen wollen eine Herausforderung, die aufzunehmen sich lohnt. Will man die Kultur eines anderen Landes kennenlernen, ist die Folklore unumgänglich.

Als ich die Kurse für mein Auslandsstudium am University College Cork in Irland auswählte, stieß ich auf etwas, das ich so noch an keiner deutschen Uni in diesem Umfang gesehen hatte: Ein ganzes Institut, welches sich nur mit irischer Folklore beschäftigt. Wie die meisten Studenten, die ein Auslandsjahr planen, wollte ich vor allem Kurse belegen, die mich interessierten und etwas völlig Neues boten – und wann würde ich schon wieder die Gelegenheit haben, akademische Kurse in irischer Folklore zu belegen?

Allein die Tatsache, dass das University College Cork der irischen Folklore einen gesamten Studiengang widmet, zeigt wie verwurzelt diese im Bewusstsein der Iren ist. Dies ist, wie ich dann während meines Auslandsstudiums lernte, der einzigartigen Missionsgeschichte Irlands geschuldet. Um dieses komplexe aber nötige Thema zu umreißen, ist es wichtig zu wissen, dass das Christentum Irland ungefähr in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts erreichte und dort eine einzigartige Form des christlichen Glaubens herausbildete. Was als Celtic Church bekannt ist, beschreibt die Verschmelzung bestehender keltischer Bräuche und Traditionen mit den Glaubensvorstellungen des Christentums. So wurden keltische Götterwesen mitunter zu Heiligen umgedeutet, wie es zum Beispiel im Falle der Heiligen Brigid geschah, und heilige Orte des Keltentums zu Plätzen für den christlichen Gottesdienst umfunktioniert. In diesem Umfeld war es möglich, dass keltische Kultur in einem breiten Spektrum erhalten blieb und auch heute noch Irlands Kultur maßgeblich prägt. Dies ist in Europa ein einzigartiges Phänomen.

Ein großer Teil irischer Volkssagen und -geschichten dreht sich um Tír na nÓg – die Anderswelt, welche übernatürliche Wesen und die Geister der Verstorbenen beheimatet. Besonders berühmt sind die fairies, das Feenvolk, das in einer Art Paralleluniversum der Menschenwelt haust. Bevorzugt sind sie in einzeln stehenden, großen Bäumen zuhause, welche zu fällen man sich hüten sollte. Werden sie gekränkt, sind diese Wesen dafür bekannt, dass sie Krankheiten auslösen, Menschen in die Anderswelt entführen, die Milch verderben und die Butter stehlen. Im früheren Irland, als Viehwirtschaft, Milch- und besonders Butterproduktion als gesichertes, gutbezahltes Einkommen galt, wäre Vergeltung auf diese Art in der Tat eine Katastrophe gewesen. Eine christliche Ursprungstheorie bezeichnet das Feenvolk als die gefallenen Engel, welche zusammen mit Luzifer aus dem Paradies verbannt wurden. Um dorthin zurück zu gelangen, müssen sie jedoch sterblich, beziehungsweise menschlich werden, denn nur so wird ihnen das Versprechen auf Erlösung zuteil. Entführungen durch das Feenvolk seien also oft durch den Wunsch motiviert, sich menschliches Blut anzueignen.

In vielen Fällen stehlen sie menschliche Kinder, da diese als besonders unschuldig und frei von Sünde gelten, in der Hoffnung, durch sie ihre Menschlichkeit wiederzuerlangen. An ihrer statt lassen sie eines ihrer eigenen Kinder, sogenannte Wechselbälger, zurück, die sich in den Geschichten durch ungewöhnliches oder übernatürliches Verhalten verraten. Meist bemerken die menschlichen Mütter sehr schnell, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Nach einer Weile Rangelei mit dem untergeschobenen Kindersatz, kehren schließlich die verantwortlichen fairy Eltern zurück um ihr aufgeflogenes Wechselbalg vor den tobenden Menschenfrauen zu retten und im Tausch für dessen Wohlergehen, das Menschenkind zurückzugeben.

Diese Geschichten zeigen jedoch nur eine der Theorien und Interpretationen, nicht alle stellen die fairies als schlichtweg böse und den Menschen feindlich gesinnt dar. Oft gelten sie als schalkhaft, Spieler von Streichen und das beliebte Spiel Hurling, das sich auch bei den menschlichen Bewohnern Irlands großer Beliebtheit erfreut, ist das Spiel der fairies. Zieht ein starker Windstoß an einem vorbei, so heißt es, sei gerade eine Feengesellschaft im wilden Ritt an einem vorbei gezogen. Und noch heute heißt es bei den älteren Leuten, wenn jemand in Gedanken versunken ist oder vor sich hinträumt, he’s off and away with the fairies – er ist auf und davon bei den Feen.

In vielen Geschichten lebt das Feenvolk in ihrer Parallelwelt in einer Gesellschaft, welche unserer sehr ähnelt und kommen nur an den Tagen des Jahres mit der Menschenwelt in Berührung, an denen die Grenzen zwischen den Welten sich weitgehend auflösen. Dies tritt an den besonderen Festtagen des keltischen Kalenders auf; Feste, die den Wechsel der Jahreszeiten und deren Höhepunkte markieren.

Da in dieser Zeitrechnung der Tag mit dem Sonnenuntergang beginnt, startet das keltische Jahr ebenfalls mit dem Fest der beginnenden Dunkelheit Samhain, dem Ursprung des heute so beliebten Halloween am 31. Oktober. Besonders an Samhain gelangen die nicht immer freundlich gesinnten Wesen der Anderswelt, die angeblich auch die Seelen der Toten beheimatet, in die Welt der Menschen. Deshalb verkleiden sich die Lebenden, um von den Toten nicht als solche erkannt zu werden .

Der Beginn des lichten Jahres wird gebührend an Imbolc, oder auch das Fest der Heiligen Brigid genannt, am 1. und 2. Februar gefeiert. Um sich Fruchtbarkeit und Wohlstand zu sichern, werden Brigid’s crosses geflochten, Kreuzen und Triskelen nachempfundene Gebilde aus Schilf, die im Haus aufgehängt werden. Auch eine kleine Strohpuppe, der Heiligen als Kind nachempfunden, wird als Sinnbild derer gebastelt und von Haus zu Haus getragen, da sie an diesem Tag die Häuser der Menschen mit ihrem Segen besucht.

Darauf folgt Beltaine, der 1. Mai, an dem im keltischen Jahr der Sommer beginnt. Dieser Tag ist vor allem den Rindern gewidmet, die in vergangenen Zeiten großen Reichtum bedeuteten. Man zündet große Feuer an und springt über die Flammen und Kohlen, deren Rauch angeblich segnet und vor Unheil bewahrt.

Im August findet schließlich Lughnasadh statt, an dem die Menschen der Erde für die reiche Ernte danken, die sie einbringen werden bevor erneut die dunkle Jahreszeit beginnt. Der Name leitet sich von dem keltischen Gott Lugh ab, der mit vielen verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens in Verbindung gebracht wurde; um einige zu nennen, gilt er als Gott der Handwerke, des Hafers und der Sonne.

In den Kursen am University College Cork erzählten die Dozenten begeistert Geschichten aus ihrer eigenen Kindheit, in der sie mit der Brigid-Puppe von Haus zu Haus zogen, oder den Besuch einer heiligen Quelle, welche die ein oder andere Großmutter aufsuchte um ihr Augenleiden zu lindern. Für viele, vor allem die älteren Generationen, sind der Feenglaube, die alten Feste, das Aufsuchen heiliger Quellen und Bäume noch sehr lebendig, und finden auch im alltäglichen Leben Anwendung. In einer der Vorlesungen wurde sogar ein Mann vorgestellt, der von Leuten als eine Art Medium zur Anderswelt gebucht werden konnte; wollte man ein Haus auf dem Land bauen, würde er beurteilen ob es ein sicherer Ort wäre oder ob an dieser Stelle eine viel frequentierte Reiseroute der fairies läge. Im zweiten Fall, würde er einem dazu raten, das Haus doch woanders zu bauen um Streit mit dem Feenvolk zu vermeiden. Und obwohl die internationalen Studenten skeptische und spöttische Blicke tauschten – er war auf seinem Gebiet tatsächlich sehr gefragt.

Die alten Traditionen werden von den jüngeren Iren und Irinnen nur teilweise aktiv gepflegt, meist bleibt es bei Halloween Partys und dem knüpfen von Brigid’s crosses. Schulen und Universitäten haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Folklore der irischen Kultur bewusst zu erhalten und diese den nachfolgenden Generationen näher zu bringen. In diesem Zuge erlebt auch die gälische Sprache ein Come-back in den Klassen- und Seminarräumen Irlands. Da der Nachhall der Celtic Church im heutigen Katholizismus der Iren noch sehr präsent ist, sind viele Aspekte des keltischen Erbes auf solche Art im täglichen Leben verankert, dass sie gar nicht als solche wahrgenommen, sondern als die gängige, religiöse Praxis gesehen werden. Die irische Folklore existiert somit im Zentrum der Gesellschaft und wird es, obwohl für den ein oder anderen ungesehen, noch lange sein.

Ein Beitrag von Pia Stöger