Die Walpurgisnacht

„Am Kreuzweg feiert der Böse sein Fest,
Mit Sang und Klang und Reigen:
Die Eule rafft sich vom heimlichen Nest
Und lädt viel luftige Gäste.
Die stürzen sich jach durch die Lüfte heran,
Geschmückt mit Distel und Drachenzahn,
Und grüßen den harrenden Meister.“

aus „Walpurgisnacht“ von Theodor Storm

Es ist tiefe Nacht. Lautlos wiegen sich die schemenhaften Gestalten von Bäumen und Büschen im Wind, matt beleuchtet vom Mondlicht. Doch plötzlich – ein Rauschen, die Luft erfüllt von Lachen, Schreien und wilden Gesängen. Auf Besen, Mistgabeln und Böcken kommen sie geflogen, um in der Nacht vor dem Tag der heiligen Walburga ihr ausschweifendes und gottloses Treiben abzuhalten: Hexen. Männer und Frauen, manche halbnackt, mit glänzenden Augen und vom Wind zerzausten Haaren. Zuerst sind es nur ein paar, doch rasch werden es immer mehr. Ein großes Feuer lodert auf der Lichtung des Berggipfels auf, Schatten tanzen im flackernden Licht der Flammen zu wilder Musik.

Und da ist er – der Herr der Finsternis, einen Moment als blasser, hagerer Mann, dann als großer, schwarzer Ziegenbock. Er sitzt auf einem Thron und seine Untertanen huldigen ihm auf abstoßende Weise. Ein Festmahl wird abgehalten, Salben aus dem Blut von Kindern und Kräutern hergestellt und schlechtes Wetter gekocht. Die Hexen stellen ihre Novizen vor, die in dieser Nacht ihre Seele im Pakt mit dem Teufel verkaufen, um im Gegensatz teuflische Mächte zu erhalten. Die Besiegelung und der Ausklang des Festes enden in einer Orgie.

„Hexensabbat auf dem Brocken“ (1650) von Michael Herr (1591-1661)

Es ist die allgemeine Vorstellung der Walpurgisnacht, vom 30. April auf den 1. Mai, in der sich Hexen zusammenrotten und wilde Feste abhalten. Aber sie gilt nicht nur als eine Zeit der Magie und Hexerei, sondern symbolisiert einen Übergang: Man kommt zusammen, verabschiedet sich von der kalten Jahreszeit, treibt mit Feuern den Winter aus und läutet die warmen, sonnigen Monate ein. Mancherorts ist es geradezu ein gesellschaftliches Spektakel. Auf dem Brocken, der auch Blocksberg genannt wird und als der Hexentreffpunkt schlechthin bekannt ist, treffen sich jedes Jahr tausende Menschen, feiern auf dem berühmten „Hexentanzplatz“ diese gewichtige Nacht und vermischen dabei den Glaube an Hexensabbat und Jahreszeitenwechsel. Doch was macht dieses Datum so besonders?

Ein heiliger Name

Die Namensgeberin der „Walpurgisnacht“ ist die heilige Walburga, eine angelsächsiche Benediktinerin, die um 710 in Devonshire (England) geboren wurde. Angeblich soll sie die Tochter des heiligen Richard von Wessex gewesen sein, was jedoch nicht belegt ist. Als sicher gilt jedoch, dass sie 735 vom heiligen Bonifatius zusammen mit anderen Nonnen als Missionarin nach Deutschland geholt wurde. Einige Legenden, wie die Speisung eines Kindes mit nur drei Kornähren und die Abwendung eines Angriffes durch wilde Hunde, existieren aus ihrer Zeit als Nonne. In Heidenheim wurde sie schließlich Äbtissin des Frauenklosters, wo sie bis zu ihrem Tod am 25. Februar 780 wirkte.

Walburgas offizieller Gedenktag in der katholischen Kirche ist ihr Todestag. Das weiter verbreitete Datum des 1. Mais bezieht sich auf ihre Heiligsprechung, welche 870 von Papst Hadrian II. durchgeführt wurde. Auch in England, ihrer Heimat, verehrt man sie an diesem Tag. Walburga gilt unter anderem als Patronin der Wöchnerinnen und Bauern. Sie wird zudem für das Gedeihen der Feldfrüchte, gegen Hungersnot und Missernten angerufen, aber nicht als Abwehrerin von böser Magie oder Dämonen.

Die neun Tage, welche der Walpurgisnacht vorangehen, wurden „Walpurgistage“ genannt. In diesem Zeitraum läutete man die Kirchenglocken als Abwehr gegen das Treiben des Bösen. Anstatt dieses als „Hexennacht“ oder „Teufelsnacht“ zu betiteln, erinnerte man an den Namen und den Tag der Heiligen, der ihm folgt. Namen können magische oder, wie in diesem Fall, heilige Macht besitzen. Mit der heiligen Walburga als Namensgeberin glaubte man wohl, Unheil und Zauber zu bannen. Dass der berühmte Hexenflug jedoch ausgerechnet in dieser Nacht stattfindet, ist dennoch kein Zufall.

Keltische Wurzeln

Das keltische Fest Beltaine, oder auch Beltane, mit welchem ich mich bereits in einem meiner früheren Beiträge kurz befasst habe, fällt auf den 1. Mai. Es liegt somit ungefähr auf halbem Wege zwischen Frühlingsanfang und der Sommersonnenwende. Da in der Zeitrechnung des keltischen Jahres der Anbruch des nächsten Tages stets mit dem Sonnenuntergang beginnt, findet es schon in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai statt.

Beltane markiert den Beginn des Sommers und ist vor allem in Irland, Schottland und der Isle of Man belegt. In der irischen Kultur ist es derart verwurzelt, dass das Wort Bealtaine im modernen Irisch den Monat Mai bezeichnet. An diesem Tag ist es den Menschen – sowie an den anderen hohen Feiertagen Imbolc, Lughnasadh und Samhain – möglich, die Bewohner der Feenhügel und -bäume zu sehen, da sich die Grenzen zwischen unserer und der Anderswelt weitgehend auflösen.

Das Fest galt dem größten Reichtum der Kelten, ihren Rindern, um die eine Zahl und Ritualen betrieben wurden. Man entzündete große Freudenfeuer, deren Flammen, Asche und Rauch als heilig und gesegnet galten. Die Menschen führten ihre Rinder zwischen den Feuern hindurch oder darum herum. Oft sprangen sie sogar mit ihnen über die Glut, um die schutzbringenden Kräfte des Feuers auf Mensch und Tier zu übertragen.

Feuer segnen die Menschen und Tiere

Auch ein Festmahl gehörte dazu und während man speiste, wurden einige ausgewählte Speisen und Getränke bereitgestellt. Diese bot man den umtreibenden Bewohnern der Anderswelt an, um sie milde zu stimmen und Unheil abzuwenden. Traditionsgemäß löschte man alle Herdfeuer und entzündete sie mit den Flammen der Freudenfeuer neu, damit ihr Segen auf das Heim überginge. Am Tag schmückte man Haus und Tier mit gelben Maiblumen und die Rinder wurden zum ersten Mal auf die Sommerweiden getrieben, was auch als Cétshamhain („first of summer“) bekannt ist.

Der Morgentau, den man vor Sonnenaufgang am 1. Mai auffing, galt als magisches Schönheitsmittel. Man breitete Tücher auf Wiesen und unter Bäumen aus, die den sogenannten „Maitau“ aufsaugten. Wusch man sich damit Gesicht und Körper, sollte er sogar weniger ansehnlichen Frauen zur Schönheit verhelfen bzw. Schönheit bis ins hohe Alter bewahren.

Die Tradition des Maibusches hat sich bis heute in den ländlichen Gegenden von Irland erhalten. Besonders in Leinster, den Midlands, dem westlichen Galway, südlichen Ulster und Donegal war diese verbreitet. Ein Dornenbusch wurde mit bunten Bändern, Blumen und manchmal den übriggebliebenen buntgefärbten Eierschalen vom Osterfest geschmückt. Die Schönheit des dekorierten Busches versprach Glück für den Haushalt oder die Gemeinschaft. In Städten wachte man darüber, dass keiner den Busch stahl und somit Unglück heraufbeschwor. Eine ähnliche Tradition des Maibaumes kennen wir auch hier in Deutschland.

Übermalt und re-interpretiert

Es ist kein Geheimnis, dass in der Geschichte des Christentums Feste und Traditionen vorchristlicher Religionen und Kulte umgedeutet und neu interpretiert wurden, um sie dem neuen religiösen Kontext anzupassen. Auch die Maifestlichkeiten erfuhren diese Behandlung. Betrachtete man die Geister der Anderswelt als Geschöpfe des Teufels, so wurden die Menschen, die sich zu ihren heiligen Festen versammelten, über die Zeit zu Hexen und Teufelsanbetern. Der Grundgedanke einer besonders magischen Zeit, sei er übler oder heiliger Natur, blieb jedoch erhalten.

Die christliche Vorstellung vom Bösen und vom Heiligen, mit denen die Walpurgisnacht und der 1. Mai derart geballt aufgeladen sind, reflektiert die Gewichtigkeit des Maifestes, das in Walburgas Heimat eine lange Geschichte aufweist und auch hierzulande noch praktiziert wird. In meiner Kindheit war es ein aufregendes Ereignis, bei dem das ganze Dorf zusammenkam und man die ganze Nacht (oder zumindest bis zum Herabbrennen des Feuers) wach bleiben konnte. So, wie man in Grüppchen zusammenstand, ein paar Gläser trank, die Kinder spielten und ums Feuer tanzten, hat dieses Fest wohl nie ganz seinen ursprünglichen Charakter eingebüßt.

Im Vogtland hieß es jedoch weder Beltaine noch Walpurgisnacht, sondern “Hexenfeuer”. Es war Brauch, eine mit Stroh gefüllte Puppe auf den Holzhaufen zu packen, der dann später angezündet wurde; ein symbolischer Akt, mit dem der Winter endgültig ausgetrieben werden sollte. Es scheint also in den großen Feuern der Walpurgisnacht mehr als nur eine Bedeutung mitzubrennen.

Faszination Hexenglaube

Das Verbrennen einer Hexenpuppe erinnert offensichtlich an die Hexenverbrennungen der Neuzeit. Dieses blutige Kapitel der Geschichte ist bis heute ebenso abstoßend wie faszinierend. Den Angeklagten wurde die Teilnahme an sogenannten „Hexensabbatten“ vorgeworfen, welch ähnlich abliefen, wie ich zu Beginn dieses Beitrags bereits beschrieben habe: ein opulentes, wildes Fest, bei dem Hexen ums Feuer tanzten, durch Teufelspakt und Teufelsbuhlschaft (besiegelnder Geschlechtsverkehr mit dem Teufel) ihre magischen Kräfte erhielten und diese einsetzten, um der Christenheit zu schaden.

„Die Alte Hexe“ (um 1500) von Albrecht Dürer (1471-1528 )

Sowohl Literatur als auch bildende Kunst und Musik haben eine besondere Vorliebe für das Thema Walpurgisnacht. Dabei kommen uralter Glaube an Magie und die Vorstellungen der neuzeitlichen Hexenverfolgung zusammen und ergeben oft ein fantastisches, ekstatisches Bild. Das Geheimnis der Zusammenkünfte, der Hauch des Verbotenen, welcher diese sexuell aufgeladene Festivitäten umgibt und die Hexe als von Konventionen losgelöste Frau, hat begeistert und inspiriert.

Wer kennt nicht die Szene der „Walpurgisnacht“ in Goethes „Faust I“, als Mephistopheles den Doktor zum wilden Hexentanz in den Harz entführt?

„Da seh ich junge Hexchen, nackt und bloß,
Und alte, die sich klug verhüllen.
Seid freundlich, nur um meinetwillen;
Die Müh ist klein, der Spaß ist groß.
Ich höre was von Instrumenten tönen!
Verflucht Geschnarr! Man muß sich dran gewohnen.
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders sein,
Ich tret heran und führe dich herein,
Und ich verbinde dich aufs neue.
Was sagst du, Freund? das ist kein kleiner Raum.
Da sieh nur hin! du siehst das Ende kaum.
Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe
Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt“

(Faust I, Vs. 4046-4059)

Künstler wie Albrecht Dürer ( 1471-1528 ) oder Luis Ricardo Falero (1851-1896) bildeten Hexen und ihr Treiben der Walpurgisnacht ab, wobei sie sich auf gängige Vorstellungen des Hexenglaubens stützten.

„Walpurgisnacht. Der Aufbruch der Hexen“ (1878) von Luis Ricardo Falero (1851-1896)

Einen interessanten Fall liefert erneut Johann Wolfgang Goethe, dessen Ballade „Die erste Walpurgisnacht“ (1799) von Felix Mendelssohn Bartholdys als gleichnamige weltliche Kantate (1833) vertont wurde. Sie stellt ein ganz anderes Bild der Walpurgisnacht als im „Faust I“ vor und konzentriert sich auf die Konflikte des vorchristlichen Glaubens mit dem Christentum. Dabei beschreibt Goethe, wie diese erste Walpurgisnacht nichts mit einer wilden, dämonischen Orgie zu tun hat, sondern bietet eine erzählerische Erklärung für eine mögliche Entstehung dieses Volksglaubens.

Man trifft sich heimlich zum Freudenfeuer, man warnt vor der christlichen Überwachung. Um diese zu überlisten, lässt der führende Druide einen inszenierten Spuk auftreten, der die beobachtenden Christen in ihren Ideen von Ausschweifung und Teufeln bestärkt, damit sie sich fernhalten.

„Diese dumpfen Pfaffenchristen,
lasst uns keck sie überlisten!
Mit dem Teufel, den sie fabeln,
wollen wir sie selbst erschrecken.
Kommt! Kommt mit Zacken und mit Gabeln,
und mit Glut und Klapperstöcken
lärmen wir bei nächt’ger Weile
durch die engen Felsenstrecken!
Kauz und Eule,
Heul’ in unser Rundgeheule,
kommt! Kommt! Kommt!“

(Ein Wächter der Druiden und Chor der Wächter der Druide)

Die Ballade ist zugleich von ernster Thematik, aber auch sehr humoristisch angelegt. Sie entfernt sich von den so populären Vorstellungen der Walpurgisnacht, die Goethe selbst gepflegt hat, und wirft einen Blick zurück auf das Ursprüngliche: Menschen, die die Natur und den Jahreszeitenwechsel feierten.

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweise:

Albrecht Schöne. Götterzeichen, Liebeszauber, Satanskult – Neue Einblicke in alte Goethetexte. C.H. Beck: München 1982.

Heilige Walburga von Joachim Schäfer. Ökumenisches Heiligenlexikon. 30. April 2019 https://www.heiligenlexikon.de/BiographienW/Walburga.htm

Johann Wolfgang von Goethe. Faust. Reclam: Stuttgart 2000.

Kevin Danaher. The Year in Ireland. Mercier Dublin 1972.

„The Maybush“ National Museum of Ireland. Web. 02. Mai 2019 https://www.museum.ie/Country-Life/Folklife-Collections/Featured-Topics/May-Day/The-May-Bush

Thomas P. Becker. „Mythos Walpurgisnacht“ Anmerkungen aus historischer Sicht. In: Materialdienst. Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen 4/2007, S 142 – 148. Web. Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. 30. April 2019 https://www.ezw-berlin.de/downloads/Materialdienst_04_2007.pdf

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