„Ich höre erst dann auf, Schwarz zu tragen, wenn eine dunklere Farbe erfunden wird!“

Liebe Leserinnen und Leser,

endlich ist es soweit. Pfingsten rückt näher und wir sind auch dieses Jahr wieder mit zwei Veranstaltungen im Programm des Wave-Gotik-Treffens in Leipzig dabei!

Da Organisation und inhaltliche Gestaltung uns diese Woche in Atem halten, fällt unser Beitrag etwas kürzer aus. Nächste Woche melden wir uns dann wie gewohnt freitags mit einema ausführlichen Blogpost zurück.

Für heute aber soll die Farbe Schwarz unser Thema sein. Am Pfingstwochenende bestimmt sie alljährlich die Straßen Leipzigs, wenn sich die „Schwarze Szene“ zu einem ihrer weltweit größten Musik- und Kulturfestivals zusammenfindet. Fraglos hat sich die Szene seit den 80er Jahren verändert. Mit neuen Subkulturen, die sich herausgebildet haben, kamen auch mehr Farben ins Spiel. Aber Schwarz war, ist und bleibt Grundfarbe, Kernelement und Seele.

Spätestens seit der Farbenlehre, mit der vermutlich jeder auf die eine oder andere Art schon einmal in Berührung gekommen ist, wissen wir, dass Farben Bedeutungen haben. Je nach Kultur und Kontext verbinden wir verschiedene Dinge mit ihnen; sie werden zu Symbolen und können sogar Geschichten erzählen. Zusammen mit seinem Gegenpol Weiß und Grau bildet Schwarz das Dreieck der unbunten Farben. Schwarz ist aber auch ein Zustand. So kennt man Schwarz und Weiß als sprachliche oder visuelle Gegenüberstellungen, aber auch als Balance wie zum Beispiel im Yin und Yang der chinesischen Philosophie.

Sucht man eine Farbe, die mehr Diskussionen auslöst, dann muss man wohl lange suchen. Schwarz findet sich als vielbenutzte Farbe schon in neolithischen Höhlenmalereien wieder. Die Ägypter und Griechen machten sie gar zur Farbe der Unterwelt, eine Konnotation, die aber keineswegs als negativ zu sehen ist. Die Verbindung zum Tod blieb jedoch über Jahrtausende erhalten, denn auch in unserem westlichen Kulturkreis gilt Schwarz allgemein als Farbe der Trauer. Bei den Römern trugen sie vor allem die Handwerker und Künstler, wohl aber mehr aus praktischen als symbolischen Gründen. ‚Ater‚, das lateinische Wort für Schwarz, verband man zudem mit Boshaftigkeit und Brutalität; im englischen Wort ‚atrocity‚, Gräueltat, lebt es noch heute weiter.

Die Negativität, mit welcher die Farbe Schwarz behaftet wurde, entstand vor allem mit dem Aufstieg des Christentums. Im christlichen Glaubenskontext galt Schwarz als Farbe des Bösen. Die bildende Kunst stellte den Teufel daher oft rußgeschwärzt dar. Ironischerweise wurde Schwarz auch von Benediktinern getragen; zum einen um sich von der Farbenpracht der weltlichen Herren abzugenzen, zum anderen auch als Zeichen der Einfachheit und der Buße.

Mit dem frischen Wind der Renaissance begann sich auch der Status von Schwarz zu verändern. Im Okzident begann das Bunte ins Bürgertum Einzug zu halten. Mit neuen, besseren Farbstoffen ließ sich ein weit tieferes, qualitativ hochwertigeres Farbergebnis erziehlen und Schwarz wurde zur Farbe von Würdenträgern wie Richtern und Regierungsbeamten. Auch das reiche Bürgertum, Kaufmänner und Händler fanden Gefallen an edlen Stoffen in dieser Farbe und die Demonstration von Reichtum, die mit ihr einherging.

Die Protestanten schätzen Schwarz als Farbe ebenfalls, da sie sich auch durch äußere Nüchternheit von den Katholiken abgrenzen wollten. Im Volksglauben blieb Schwarz dennoch die Farbe des Bösen und des Teufels. In den Mühlen der Hexenverfolgung galten schwarze Tiere, wie Katzen und Böcke, als teuflische Wesen und Begleiter von Hexen.

Rückblickend scheint es fast ein Naturgesetz zu sein, dass auf Zeiten, in denen man Farbenpracht schätzte, Schwarz als Gegenbewegung Anklang fand. Mit der Französischen Revolution endete zum Beispiel die farbenfrohe Überladenheit, die der Adel so schätzte und in England wurde Schwarz zur Farbe der Romantik, melancholisch und doch träumerisch.

Spätestens seit den Umbrüchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist Schwarz nicht länger Trauerkleidung, sondern als Farbe in der Mode angekommen. Coco Chanels berühmtes „kleines Schwarzes“, das als universeller, zeitloser Klassiker gilt, spricht für sich; elegant, seriös, klassich und professionell, das ist der Status der Farbe und doch – es gilt noch immer als Statement, wenn sie den eigenen Kleiderschrank dominiert.

Schwarz als bewusste Entscheidung, als Statement – es hat einer Szene ihren Namen gegeben. Natürlich nicht jeder der viel oder nur Schwarz trägt, fühlt sich zur „Schwarzen Szene“ zugehörig, aber man kann die Farbe doch als ihr Sinnbild betrachten. Eine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, der Sterblichkeit, der Philosophie, der menschlichen Psyche und dem Übernatürlichen. Dies sind nur einige Aspekte einer Szene, welche unglaublich vielschichtig und auf eigene Art ‚farbenfroh‘ ist.

Um die Sterblichkeit und die romantische Dunkelheit, darum soll es auch in unseren diesjährigen Veranstaltungen gehen. Wer heute um 18.00 Uhr noch nicht verplant ist, den laden wir herzlich ein, Dr. Constance Timm und mich auf unserer Spurensuche nach der „Angst vor der Sterblichkeit“ in Goethes „Faust“ zu begleiten, die im Haus des Buches stattfinden wird. Am Samstag entführt Autorin Dr. Simone Stölzel um 18.00 Uhr auf ihren „Nachtmeerfahrten“ in die ‚Schwarze Romantik‘, Schauplatz ist das Heinrich-Budde-Haus. Alle unsere Veranstaltungen sind frei, ob Bändchen oder nicht!

Wir wünschen allen Besuchern des Wave-Gotik-Treffens ein fantastisches Festival und eine tolle Zeit in Leipzig!

Ein Beitrag von Pia Stöger

Literaturhinweise:

Eva Heller. „Wie Farben wirken. Farbpsychologie, Farbsymbolik, kreative Farbgestaltung“. Rowohlt 1989.

Michael Pastoureau. „Black: The History of a Color“. Princeton University Press 2008.

Stefano Zuffi. „Color in Art“. Abrams 2012.

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