Der MYTHO-Blog liest weiter 1.0

Liebe Leserinnen und Leser des MYTHO-Blogs,

mit Bestürzung haben wir die Nachricht aufgenommen, dass die Leipziger Buchmesse auch in diesem Jahr ausfallen muss. Lesen, Bücher entdecken, das bedeutet, einen der mächtigsten Schlüssel überhaupt in Händen zu halten, einen, den man zwar nicht sehen kann, der aber die Tore zur Fantasie, zur Erkenntnis und damit in gewisser Weise auch zu unserer Seele und zu unserem Ich aufschließt. Nie war die Kultur und vor allem auch die Literatur wichtiger als in diesen Tagen. Literatur öffnet nicht nur Welten, sie ist auch in der Lage, Brücken zu bauen, wo Gräben unüberwindlich scheinen. Sie ist, was uns alle verbindet.

Daher wollen wir auch in diesem Jahr eine kleine Auswahl an Büchern vorstellen, die uns faszinieren und uns vielleicht sogar ein ganzes Leben hindurch begleiten. Letzteres erfahren wir u. a. im Interview mit Dr. Reiner Tetzner. Er ist freier Autor aus Leipzig und Gründungsvorsitzender des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie.

Wir wünschen viel Freude beim Lesen.

Das Team vom MYTHO-Blog


Lieber Reiner, welches Buch liest du aktuell?

Von Stéphane Hessel „Empört euch“. Darin geht es um die Ungerechtigkeit unserer Gesellschaft (Empörung gegen das Finanzkapital, die Zerstörung der Umwelt, die Lage der Menschenrechte). Das beschäftigt mich, weil ich aufgrund der aktuellen Ereignisse in der Ukraine und vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen mit dem Zweiten Weltkrieg – ich bin Jahrgang 1936 – und der Wende 1989/90 an einer kleinen Schrift sitze, die den Arbeitstitel „Zwölf Leipziger Impulse“ trägt. Das Wort hat immer noch Macht. Und was da im Moment so passiert in der Welt, das bewegt und beschäftigt mich sehr.

Welche Rolle spielt Literatur in deinem Leben?

Ich bin ja freier Autor, daher schreibe ich immer und beschäftige mich auch permanent mit Literatur. Ich lebe um zu schreiben. Das ist gewissermaßen mein Lebenselixier. Dreißig Bände Tagebücher stehen bei mir im Regal. Zudem bin ich ein großer Fan vom Johann Wolfgang Goethe, Hermann Hesse, Heinrich Böll und Christa Wolf, mit der ich sehr lange befreundet war. Aber natürlich haben es mir auch die mythischen Texte/Quellen angetan. Vor allem die Nordische und die Griechische Mythologie. Diese Geschichten habe ich ja auch in zwei Bänden, die beim Reclam-Verlag erschienen sind, neu erzählt. Lesen und Literatur sollte einerseits Erbauung sein, aber andererseits auch immer zum Nachdenken anregen, wer der Mensch ist, wo er herkommt und wo er hingeht.

Mythologie ist ja zu Deiner Hauptbeschäftigung geworden. Wie bist du dazu gekommen?

Ich habe Philosophie und im Nebenfach Physik studiert, mich also von Anfang damit beschäftigt, um für mich zu ergründen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Erst einmal war die Mythologie gar nicht mein Gebiet. Aber dann konnte ich mit meiner Frau Gerti nach Skandinavien reisen, um im Auftrag des Mitteldeutschen Verlags ein Reisebuch über Dänemark zu schreiben, das war noch zu DDR-Zeiten, was auch nicht so selbstverständlich war, und dort bin ich dann mit den alten nordischen Mythen in Berührung gekommen. Das hat mich fasziniert und damit habe ich mich dann intensiv weiter beschäftigt, als ich wieder in Leipzig war, und habe das weiterverfolgt. Was mich fasziniert hat, war der Gemeinschaftssinn in den Mythen, zum Beispiel bei den Asen und den Vanen, die haben in den Geschichten ständig Krieg miteinander geführt, bis sie merkten, dass keiner gewinnt und dann haben sie festgestellt, es bringt doch im Grunde gar nichts und sie haben Geiseln ausgetauscht und Frieden geschlossen. Vor allem vor dem Hintergrund des Kalten Krieges damals hatte das etwas Hoffnungsvolles für mich, und es beschäftigt mich auch wieder angesichts der aktuellen Lage in Europa. Auch die Schöpfungsmythen haben mich immer begeistert und natürlich die Frage, was es mit den Germanen auf sich hat, ein immer noch negativ besetzter Begriff. In den Mythen geht es schon auch um Kampf, aber eben nicht nur und das ist das Entscheidende.

Die Faszination für die Mythologie war dann so stark, dass es zur Gründung des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie gekommen ist?

Ja. Es war aus Interesse und auch, um gegen die Verfälschungen vor allem der nordischen/germanischen Mythen anzugehen. Der Hintergrund war folgender: Schon zu DDR-Zeiten lag von mir ein Band über germanische Göttersagen vor, aber der durfte nicht gedruckt werden. Das war faktisch ein Tabu-Thema. Nach der Wende haben dann Christa und Gerhard Wolf das Manuskript an Reclam weiterempfohlen und die haben es gedruckt, das war 1992. Durch die Arbeit an dem Nacherzählungen war ich damals so drin im Schreiben und im Thema, dass dann 1995 der Verein aus der Taufe gehoben wurde. Bei der Gründung waren Vertreter verschiedener Fachrichtungen dabei, nicht nur Schriftsteller. Unser Ansatz war von Anfang an interdisziplinär. Dabei ging es, wie gesagt, zunächst vor allem darum, gegen Mythenverfälschung anzugehen, vor allem durch den Rechtsradikalismus. Das war aber gar nicht so einfach. Wir haben ganz schön gekämpft und unser Anliegen vertreten müssen, damit wir nicht auch in dieser Ecke landen. Uns ging und geht es um Aufklärung, darum, Mythologie wieder präsent zu machen und auch um die wissenschaftliche Aufarbeitung. Aber nicht nur, was die nordische/germanische Mythologie betrifft. Es war von Anfang an der Gedanke, dass wir über den Tellerrand blicken müssen, Kulturen und Mythen vergleichen, was sind da die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede. Es ging auch darum, Weltgeschichte und Kulturgeschichte vorzustellen und greifbar zu machen.

Du hattest ja auch mal einen Buchhandel, wie du mir verraten hast?

Den „Autobuchhandel Leipzig“. Anfang der 1990er Jahre war ich als freier Autor in Existenznot. Ich habe damals die Montagsdemonstrationen dokumentiert, dazu gab es dann die Publikation „Leipziger Ring“, und in diesem Zusammenhang kam dann auch die Idee für den Buchhandel. Von dem Vorschuss für den „Leipziger Ring“ (bei Luchterhand Frankfurt) habe ich ein Auto gekauft und bin zum Großbuchhandel gefahren, habe dort für bis zu siebzig Prozent Rabatt Bücher eingekauft, für die es auf diesem Weg keine Absatzmöglichkeit gab, habe alles in Kisten mitgenommen und dann auf dem Tapeziertisch weiterverkauft an einem Stand vor dem Alten Rathaus auf dem Leipziger Markt. Das hat damals geboomt ohne Ende. Wir waren umlagert. Man hat uns die Bücher fast aus den Händen gerissen. Die Schwerpunkte waren Bildbände, aktuelle Bücher von kleinen Verlagen, Bücher über die Montagsdemonstrationen. Das Demontage-Buch vom Forum Verlag, das wurde stoßweise verkauft. Dazu gab es weitere kleinere Verlage, bei denen über die Demonstrationen publiziert wurde. Mehrmals standen wir sogar mit Schildern wie „Heute erschienen“ oder „Vor einer Stunde erschienen“ da. Bis zu 5000 DM Umsatz gab es manchmal am Tag. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen und das ging auch nur 1990. Wir standen da mit Handkasse und Sonnenschirm. Das war unglaublich. Das haben wir in Leipzig und später auch in Berlin gemacht.

Wie siehst du es, dass die Leipziger Buchmesse in diesem Jahr wieder ausgefallen ist?

Das ist ganz schrecklich. Es wäre besser gewesen, man hätte die Messe in einer kleinen abgespeckten Form durchgeführt. So ist das nicht gut für die Stadt und für die Autoren und die Literatur generell. Man hätte es in kleinerem Rahmen schaffen können, wenn man sieht, dass zum Beispiel Konzerte etc. wieder stattfinden. Um die Verluste zu deckeln, hätte man einen Zuschuss für die Kultur geben können, um das ökonomisch zu stemmen. Kultur ist wichtig, aber sie wird nicht genug gefördert. Das ist sehr schade und auch dramatisch.

Siehst du einen Bedeutungsverlust für Literatur und auch die Mythologie?

Nein, aber die Bedeutung muss wachsen. Vor allem die Mythen sind wichtig für unseren Zusammenhalt. Aber auch alles andere, die Belletristik oder die Sachbücher. Literatur trägt uns durch Krisenzeiten. Sie ist Selbstbesinnung, Selbstfindung, Orientierung und Identifikation. Was mich etwas tröstet, ist, dass der Verkauf von Büchern ja geblieben ist, trotz der neuen Medien und der letzten beiden Corona-Jahre. Ich hoffe, dass die Leute wieder mehr lesen, um für sich selbst Wege aus Bedrängnissen und zur Erbauung zu finden. Ich bin da von Haus aus Optimist. Literatur ist einfach ein Überlebensmittel.

Das führt mich zu der abschließenden Frage: Was ist eigentlich Dein Lieblingsbuch?

Der „Faust“ von Johann Wolfgang Goethe. Schon als Schüler hat der mich fasziniert. Für mich war das fast schon eine Art Bibel, ich konnte viele Passagen auswendig und hatte lange immer eine kleine Faust-Ausgabe in der Tasche.

Das Interview führte Dr. Constance Timm


©  Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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