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Wendepunkte am Golf von Neapel. Ein Roman über Nietzsche, Meysenbug und ein Bildungsexperiment

Lasst uns in diesen bitteren Tagen in den Süden fahren, in die Vergangenheit von 1876/77, nach Sorrent am Golf von Neapel, Blick auf Capri, mit der mütterlichen Freundin Malwida von Meysenbug und ihren drei „Söhnen“ – einem Studenten, einem Doktor der Philosophie und einem Professor der Altphilologie aus Basel. Geben wir deren Namen hinzu: Albert Brenner, Paul Rée und Friedrich Nietzsche.

Malwida von Meysenbug, eine in Rom lebende Autorin und Sympathisantin der deutschen 1848er Revolutionäre und Freundin u.a. von Alexander Herzen, Richard und Cosima Wagner oder Carl Schurz (späterer Innenminister der USA), nannte sich eine Idealistin. Das Ideal hieß Freigeistigkeit und die Suche nach Harmonie zwischen Mensch und Natur. So lud sie die drei Herren in den Süden ein, hier einen Winter zu verbringen. Vielleicht könnte man eine Art Bildungsgemeinschaft, eine platonische Akademie zur Erziehung von Freigeistern aufbauen? In einem Kloster vor Ort, wo doch so vieles Griechisches hereinwehte, historisch und landschaftlich, wäre das doch denkbar. Paul Rée schrieb in diesen Monaten an seinem Werk Der Ursprung der moralischen Empfindungen und hatte damit einen erheblichen Einfluss auf Nietzsche. Dieser erlebte gerade eine Wende: er begann sich von seiner frühen metaphysischen Verehrung Wagners und Schopenhauers zu verabschieden und sein Denken zu erden, d.h. „réealistisch“ zu machen. Von nun an wurde er zum Genealogen der christlichen Moral, später gar Antichrist. In Sorrent entstanden Notizen zu seinem neuen Buch Menschliches, Allzumenschliches, die er zum Teil seinem Studenten, dem an TBC leidenden Brenner, diktierte – auf langen Wanderungen über die herrlichen Hänge an der Küste. Es gibt wunderbare Abende, an denen man diskutiert, musiziert und sich vor allem etwas vorliest, zumal die Augen von Meysenbug und Nietzsche nicht mehr gut sind: Platon und Thukydides, Diderot und Voltaire, Michelet und Goethe. Wir waren doch eine ideale Familie, sinnierte Malwida von Meysenbug später. Aber auch diese Familie löst sich auf …

Das Autorenduo Andrea und Dirk Liesemer haben einen leisen Roman über diese wichtige Episode vor allem in Nietzsches Leben geschrieben. Wir schauen in alle Figuren hinein, reisen mit dem halbblinden Nietzsche im Zug und Schiff heran und sehen, wie unbeholfen er gegenüber Frauenbekanntschaften ist, der Misogyne, dem Malwida seine Frauenfeindschaft auspusten will. Paul Rée macht einen gefestigten Eindruck, er denkt an seine akademische Karriere, die ihm aber nicht gelingen wird. Einige Jahre später wird Nietzsche noch einmal mit ihm in einer anderen Beziehung stehen, wenn es um die Liebe zu Lou Salomé geht. Und Albert Brenner, der Blut hustende Student, der noch solch ein poetisch-intellektuelles Leben vor sich gehabt hätte, ahnt, dass er nicht mehr lange sein wird, notiert für Nietzsche, macht sich eigene Gedanken, schreibt an einer Novelle und versucht noch einmal einer Frau zu gefallen. Malwida thront wie die Herrin eines geistreichen Salons über dieser Konstellation, bringt die Fäden zusammen und plant für die Zukunft der vier. Doch die wird nicht eintreten. Und so werden wir Zeugen einer allmählichen Auflösung – jeder kehrt in das eigene Nest, den eigenen Lebenslauf zurück. Nietzsche wird bald seine Professur in Basel aufgeben. Wie sinnlos diese geworden ist aus lebensphilosophischer wie auch aus physischer Sicht, denn seine Leiden machen eine geregelte Lehre bald nicht mehr möglich, das hat ihm der Aufenthalt in dieser italienisch-antiken Welt gezeigt. Auch von Wagner, der sich mit seiner Cosima kurzzeitig in der Nachbarschaft aufhält, wird er sich endgültig trennen. Man ahnt es auf dem Spaziergang, den die beiden bei Sorrent unternehmen. Ein Roman über ein gemeinsames geistiges Abenteuer, in dem die Saat für verschiedene Lebens- und Denkverläufe gelegt wird, nachdenklich erzählt und südlich erlebt.

Ein Beitrag von Elmar Schenkel


Literaturhinweis: 

Andrea und Dirk Liesemer, Tage in Sorrent. Roman. Hamburg: mare 2022. Geb., 255 S., € 23,00


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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