Die Bücher und die Träume

Ich gebe zu, ich träume viel von Büchern. Sie sind Bestandteil meiner Tag- und Nachtträume. Tagsüber lenken sie mich zu Handlungen, die man auch Buchhandlungen nennt. Seltener zu Bibliotheken, denn mit meinem Traum von Büchern ist unweigerlich ein, wenn auch flüchtiger, Besitz verbunden. Bücher in Bibliotheken sind wie E-Books. Man darf sie nur ansehen oder aus einer Wolke herunterrufen, um sie später wieder hinaufzuschicken. Oft wird man dabei von anderen beobachtet. In Bibliotheken muss man die Ruhe bewahren, man darf nicht herumspringen, essen oder trinken. Das ist nicht die Welt des Buches, die ich in den Träumen vorfinde. Dort wird es von der Sonne vergilbt, Rauch bläst aus seinen Seiten, Regen fällt auf die Bindung, es wird vom Wind wie eine Möwe getragen, die Buchstaben verwehen wie Asche und formieren sich neu.

Denn in die nächtlichen Träume tritt das Buch gern als materielles Ding ein. Es ist ein Besucher aus einer anderen Welt, aber aus Fleisch und Blut. Seine Materie ist geistig aufgeladen. Selbst der Träumer weiß, dass er es mit einem Gegenstand zu tun, der ein Innenleben hat – wie er oder sie selbst. Wenn de Saussure von der Doppelnatur der Zeichen spricht, so meint er eigentlich, dass die Zeichen ein Außen- wie ein Innenleben haben. Sie bestehen aus einem Bezeichnendem und einem Bezeichneten. Darin aber sind Zeichen mit Menschen und Büchern verwandt. Als John Milton davor warnte, Bücher zu verbrennen, verwies er auf deren Ähnlichkeit zu Menschen. „For Books are not absolutely dead things, but doe contain a potencie of life in them to be as active as that soule was whose progeny they are.” So schreibt er in seinem Traktat Areopagitica, der gegen die Zensur gerichtet ist. Bücher haben sogar einen geradezu alchemistischen Wert, sie sind Extrakt des Geistes: „nay they do preserve as in a violl the purest efficacie and extraction of that living intellect that bred them.”

Aus ihren Buchstaben können bewaffnete Männer springen, wie aus jenen legendären Drachenzähnen, gegen die Kadmos antrat, nachdem er den Drachen erlegt hatte. Kadmos ist aber auch Vater der Schrift, er soll die phönizischen Buchstaben nach Griechenland gebracht haben. Milton fährt fort: Wer aber Bücher vernichte, vernichte die Vernunft selbst und treffe ins Herz oder Auge des göttlichen Ebenbildes: “[A]s good almost kill a Man as kill a good Book; who kills a Man kills a reasonable creature, Gods Image; but hee who destroyes a good Booke, kills reason it selfe, kills the Image of God, as it were in the eye.”

Bücher sind damit Inbegriff des menschlichen Traumes von Unsterblichkeit: „a good Booke is the pretious life-blood of a master spirit, imbalm’d and treasur’d up on purpose to a life beyond life.” Wer Bücher verbrennt, verbrennt die Unsterblichkeit selbst, die “Quintessenz”, das fünfte Element – eine weitere alchemistische Anspielung. Sollte der lang gesuchte Stein der Weisen also nichts anderes sein als – das Buch? Nicht ein Buch, sondern das Buch, die Idee des Buches, wie sie vielleicht Platon sah.

Die Alchemisten träumten vom Elixier des ewigen Lebens, dem Jungbrunnen, dem Stein. Die Liebhaber der Bücher können solche Träume gut verstehen. Denn wer ein Buch liest, vertieft sich in andere Lebensläufe und andere Gedankenwelten. Leserinnen vervielfachen ihre eigene Biographie, Denkende folgen dem Geäst anderer Gehirne und deren Assoziationen, immer auf der Suche nach den Früchten der Erkenntnis, die irgendwo an einem weit heraushängenden Ast zu schimmern scheint. Doch wissen wir längst, dass das Klettern selbst die Erkenntnis darstellt. Als die Alchemisten der frühen Neuzeit in ihrer (fragwürdigen) Blüte standen, wurde der Buchdruck erfunden. Man verbreitete damit zwar auch die Ideen der Alchemisten, doch bemerkte man nicht, dass diese neue Form der Verbreitung selbst ein Elixier wurde. Der Stein der Weisen war in Wirklichkeit ein Ding, das man aufblättern und lesen konnte.

Orakelbücher, mantische Gebrauchsanweisungen, Traumbücher, futurologische und prophetische Werke, Stimmen aus dem Jenseits sind Formen, in denen sich das Nicht-Reale, Noch-Nicht-Gewordene oder Schon-Längst-Vergangene zu Wort melden und Einfluss auf die Wirklichkeit nehmen wollen. Es sind andere Ordnungen, die auf unsere Ordnung ausgreifen wollen. Dazu benutzen sie gern die Bücher und machen sie zu Asphalttrassen, auf denen die Trucks der Ewigkeit einfahren sollen. Kaum berühren sie jedoch die irdische Materie, nämlich das Buchpapier, zerfallen ihre Traumbotschaften. Wirklichkeit könnte man als das definieren, was alles verändert. Die Wirklichkeit ist das Verändernde selbst.

Bei Johannes Kepler war die Wirklichkeit der Regen, der durch sein Dach fiel, als er träumte. Im Jahre 1609 hatte er einen merkwürdigen Traum von einer Mondreise. Und der begann mit einem Streit im Prag. 1608 kam es zwischen Kaiser Rudolf II. und seinem Bruder Erzherzog Matthias zu einem Streit. Da man ihr Verhalten in der böhmischen Geschichte lokalisierte, begann sich Kepler für diese zu interessieren und er wandte sich „der Lektüre böhmischer Literatur zu.“ (7) Dabei ging er zu den mythischen Ursprüngen der Stadt Prag zurück und stieß auf die Zauberin Libussa. Dann schaute er noch einmal durch sein Fenster auf Mond und Sterne und legte sich schlafen. Nun kommt die Erinnerung an einen Traum: „Und ich sah mich im Schlaf ein Buch durchlesen, das ich in Frankfurt auf der Messe erworben hatte, dessen Text folgender war: […].“ (7)

Es beginnt also mit einer doppelten Lektüre: zunächst böhmische Literatur, dann ein Buch aus Frankfurt. Dieses Buch aus Frankfurt wäre ohne den Streit, Libussa und den Blick auf die Sterne nicht zustande gekommen. Ich will hier nicht auf die Mondreise eingehen, die das Hauptthema des Buches oder Traumes ist, aber soviel sei gesagt: Der Streit setzt sich fort in einem Streit zwischen Sohn und Mutter; die Zauberin ist die Mutter des Helden im Traum und der Blick in die Gestirne ist natürlich die Voraussetzung für jeden Flug zum Mond. Die Mondreise stellt jedoch auch eine Versöhnung zwischen Mutter und Sohn dar, denn die Kräuterhexe schenkt dem Sohn nach Ende des Streits eine Begegnung mit einem Monddämon, der solche Reisen erklärt und ermöglicht. Hätte so auch der Dreißigjährige Krieg vermieden werden können, in den der Streit zwischen den Brüdern zehn Jahre später schließlich mündete? Statt Krieg eine Mondreise? Oder nach dem Krieg das Aufblühen der Naturwissenschaften? Wie auch immer, Keplers Traum sollte Folgen haben, nicht zuletzt in den vielen Mondreisegeschichten des 17. bis 19. Jahrhunderts.

Der Traum, das heißt das Buch von der Frankfurter Messe, endet so: Kepler erzählt von den klimatischen Bedingungen und den Lebewesen auf dem Mond. Vor allem Schlangen sind dort, denn es ist heiß, und sie rekeln sich vor Höhlen, in die sie sich zur Zeit der größten Hitze verziehen. Einige sterben geradezu in der Hitze, werden nachts aber wieder lebendig, „wie bei uns die Fliegen“, nur andersherum. Es gibt auf dem Boden kleine kegelförmige Gegenstände, aus denen abends Lebewesen hervortreten. Die Hitze wird durch ständige Regenfälle unterbrochen… Und an dieser Stelle beginnt es bei Kepler in seiner nächtlichen Realität zu regnen: Als ich in meinem Traum bis hierhin gekommen war, riss mich ein Sturm mit prasselndem Regen aus dem Schlaf, und zugleich verlor sich das Ende des in Frankfurt beschafften Buches. Und so verließ ich den erzählenden Dämon und die Zuhörer, den Sohn Duracotus mit seiner Mutter Fiolxhilde, deren Häupter verhüllt waren, kehrte zu mir selbst zurück und fand tatsächlich meinen Kopf auf dem Kissen und meinen Körper in Decken gehüllt. (26)

Kopfkissen, Decke, Mutter und Sohn, Dämon, der isländische Krater, wo man diesem gelauscht hat, all das ist Kepler selbst. Das Buch aus Frankfurt aber machte ihm diese bemerkenswerte Zusammenkunft nicht nur möglich, es hielt sie, für die Dauer eines Traumes, auch fest. Sicherlich half es Kepler auch, sich an den Traum zu erinnern. Wir wissen, wie schnell Träume morgens zerfallen – hier eine Beschwingung, dort ein schwarzes Fragezeichen, ein Anflug von Gesicht oder Handlung, und schon hat es sich verflüchtigt wie der vergängliche wohlriechende Hauch von etwas am Wegrand.

Wenige Jahre später, nämlich am 10. November 1619, legte sich ein französischer Soldat, der im Dreißigjährigen Krieg unterwegs war, in einem Lager bei Neuburg/Ulm an der Donau schlafen und hatte drei merkwürdige Träume (Ježower 90-94). Sie sollten den Beginn einer neuen Philosophie signalisieren, wie der Träumer später selbst feststellte. René Descartes träumte zunächst von Wind und Feuerfunken, im dritten Traum aber findet er ein unbekanntes Buch auf seinem Tisch liegen. Es ist ein Lexikon. Wie durch Zauberei verschwindet es und wird durch ein anderes ersetzt. Diesmal handelt es sich um eine Anthologie von Gedichten. Neugierig öffnet er es und liest den Vers „Quod vitae sectabor iter?“ (Welchen Lebensweg soll ich verfolgen?) Ein Mann erscheint, zeigt ihm ein Gedicht, von dem Descartes glaubt, es sei in der Anthologie. Er kann es aber nicht finden. Stattdessen erscheint nun wieder das Lexikon, allerdings hat es sich schon verändert. Er will dem Mann das Gedicht mit dem obigen Vers zeigen, doch hat sich nun die Anthologie verändert. Er kennt sie nicht wieder. Bücher und Mann verschwinden daraufhin, vielleicht wurde ihnen die Konfusion zu groß. Descartes jedenfalls sah sich an einer Wegscheide nach diesem Traum (oder schon zuvor, denn deshalb träumte er ihn ja vielleicht). Er glaubte an eine Verbindung der Philosophie (des Lexikons) mit der Dichtung (der Anthologie). Bei Dichtern, so soll er gesagt haben, findet man oft vernünftigere und besser ausgedrückte Gedanken als bei den Philosophen. Ob er sich daran gehalten hat, ist eine andere Frage. Im Schlaf schon begann er übrigens mit der Auslegung seines eigenen Traumes, was zeigt, dass seine kritische Funktion ein wesentlicher Bestandteil des Träumens war. Das heißt, das Lexikon ist immer schon mit von der Partie, wenn der Philosoph dichtend träumt.

Es gibt noch manche Träume von Philosophen und Gelehrten, von Autoren und Autorinnen, in denen Bücher eine Rolle spielen, Ignaz Ježower hat sie 1928 in seinem Buch der Träume, das er Alfred Döblin widmete, verzeichnet. Ich möchte nur einen Traum von Nietzsche hervorheben, über den er 1873 in einem Brief an Malwida von Meysenburg schrieb. Er träumte, er ließe sich das große musiktheoretische Werk von Johann Joseph Fux, den Gradus ad Parnassum neu einbinden. Daraufhin macht der Philosoph sich selbst zum Buch: Diese buchbinderische Symbolik ist doch verständlich, wenn auch recht abgeschmackt. Aber es ist eine Wahrheit! Von Zeit zu Zeit muss man sich, durch den Umgang mit guten und kräftigeren Menschen gewissermaßen neu einbinden lassen, sonst verliert man einzelne Blätter und fällt mutlos immer mehr auseinander. (Ježower 305).

Aus Büchern Menschen machen heißt, ihnen Intentionen andichten. So etwas ist im Traum möglich oder aber in einer Serie sinnvoller Zufälle, die einem System zu folgen scheinen. Synchronizität, wie C.G. Jung sie nannte, ist der in die Wirklichkeit tretende Traum, in dem das Entlegenste sinnvoll verbunden scheint. Deshalb klingt wie eine Traumsequenz, wie der große Fabulierer Cyrano de Bergerac sein Mondreisebuch L’autre monde ou les états et empires de la lune (1657/1662) beginnt. Nach einer angeregten Diskussion über den Mond und die kopernikanische Revolution kehrt er nach Hause zurück und findet auf seinem Tisch ein Buch, das sich von selbst dort hingelegt zu haben scheint. Es ist ein Werk des italienischen Mathematikers und Naturforschers Hieronymus Cardanus (1501-1576). Die aufgeschlagene Textstelle (die Gelehrten haben sie leider nicht identifizieren können) zeigt Cardanus, der Besuch von zwei Greisen erhält, die sich als Bewohner des Mondes vorstellen.

„Wie“, sagte ich bei mir selber, „nachdem ich gerade heute über etwas gesprochen habe, fliegt ein Buch, das vielleicht das einzige auf der Welt ist, in dem dieser Stoff behandelt wird, aus meinem Bücherbrett auf meinen Tisch, wird vernünftiger Überlegung fähig, so dass es sich eben an der Stelle öffnet, wo eine so seltsame Begebenheit erzählt wird […] Zweifellos […] sind es die beiden Greise, die jenem Großen erschienen, selber gewesen, die mein Buch von seinem Platz genommen haben, um sich die Mühe zu sparen, mir die Rede zu halten, die sie Cardanus hielten.“ (Bergerac 20f.)

Die Erscheinung dieses Buches mit den Greisen hat zur Folge, dass Cyrano sich nun selbst auf den Weg zum Mond machen will, was ihm bekanntlich gelingt. Synchronizität im traumhaften Kleid führt zu neuen Wirklichkeiten. Das Buch ist an der Schnittstelle zwischen alt und neu, Vergangenheit und Zukunft. Nebenbei sei bemerkt, dass es auch hilft, zu lange Reden zu ersparen, und das scheint mir kein geringer Vorteil dieses Mediums zu sein.

Die Träume Descartes’ und Cyranos haben auch gemeinsam, dass sie halb imaginär sind. Descartes’ Bücher erweisen sich als höchst volatil, fast gasförmig. Cyrano zitiert eine Stelle in Cardanus, die niemand kennt. Damit werden wir auf das Schattenreich der Bücher verwiesen, die es nicht gibt – sei es, weil sie vernichtet oder vergessen wurden, sei es, weil sie noch nicht geschrieben wurden oder niemals geschrieben werden. Hier öffnet sich die dunkle Materie des Nichts, das wir als projizierende und füllende Wesen mit unseren Vorstellungen ausstatten. Der Mensch ist ein Lückenfüller. Da mag man noch so lange das missing link suchen: wir sind es selbst. Nichts ist unerträglicher als das Nichts.

Als Büchersammler hatte Walter Benjamin das Gefühl, er hielte seinen abgegriffenen Schmökern die Treue; oder war es vielleicht die Treue zu „älteren, unauffindbaren? Den wundervollen nämlich, die mir nur einmal im Traum wiederzusehen gegeben war? Wie hatten sie geheißen? Ich wusste nichts, als dass es diese längst verschwundenen waren, die ich nie wieder hatte finden können. Nun aber lagen sie in einem Schrank, von dem ich im Erwachen einsehen musste, dass er mir nie vorher begegnet war.“ (Benjamin 37) Diese Bücher, die man einmal gelesen zu haben glaubt und von denen allenfalls ein Zipfelchen Erinnerung fortlebt – aber sobald man es ergreift, zerfällt es – diese kaum noch erinnerbaren Bücher fallen allmählich einer imaginären Bibliothek anheim. Solche Bibliotheken und (fast) ungeschriebenen Bücher sind von Anfang an die Schatten gewesen, die die realen Büchersammlungen begleiteten. Man vermutet, dass der Menschenvater Adam schon zwölf Bücher geschrieben hat, eines davon über den eigenen Stammbaum.

Sein Sohn Abel schrieb eine Studie zur Pflanzenkunde, Noah ging mathematischen Fragen nach. So zumindest behauptet es J.F. Reimann in seinen antediluvianischen Untersuchungen von 1703. Nach dem Brand der Bibliothek von Alexandrien konnte man zwar einzelne Titel oder Autoren rekonstruieren, aber der größte Teil ist Sache der Imagination geworden. Rabelais, Freund und Spötter der Gelehrsamkeit, lässt seinen Helden Pantagruel die Bibliothek von St. Victor erkunden. Darin befinden sich Standardwerke wie das dreibändige Wie man Schinken schlingt oder Über die ehrsame Kunst des Furzens in Gesellschaft und Volkstänze für Häretiker. Der schlaflose Dickens erfand zur Dekoration seiner Wände Buchtitel, so Hansards Ratgeber zur Erlangung eines erquickenden Schlafes in 19 Bänden. Thomas Carlyle ließ seinen Philosophen Professor Teufelsdröckh von der Universität Weissnichtwo einen Traktat über Die Kleider, ihr Werden und Wirken verfassen (in Sartor Resartus, 1833)

Stanislaw Lem schrieb Rezensionen zu zahlreichen, nie erschienenen Büchern. Jorge Luis Borges erfand sich einen Autor, dessen Werk er dann rezensieren konnte, um daraus seine eigenen literarischen Texte zu machen. Erfindungen sind immer gut, um Blockaden welcher Art auch immer zu umgehen.

Auch der Romantiker Samuel Taylor Coleridge litt oft unter Schreibhemmungen. Eines Abends nahm er eine Dosis Opium ein, um seine Schmerzen zu vertreiben. Er fiel in einen traumreichen Schlaf. Als er aufwachte, glaubte er, ein riesiges phantastisches Gedicht geträumt zu haben. Er setzte sich hin und schrieb die ersten Verse nieder. Sie handeln von einem mongolischen Khan, Kublai Khan, der sich einen gewaltigen Palast erbaut in äußerster Wildnis. Dann folgen Verse über ein abessinisches Mädchen, das ein Musikstück spielt, und schließlich über einen Mann mit langen Haaren und strahlenden Augen, der in einem magischen Zirkel steht, da er die Milch des Paradieses getrunken habe. Damit bricht das Gedicht ab. Coleridge erklärte, er sei von einem Besucher aus dem Nachbardorf Porlock besucht worden. Seither gilt diese „person from Porlock“ als perfekte, dazu alliterierende Entschuldigung für den Fall, dass man etwas nicht vollendet hat.

In einer Notiz zu dem Gedicht „Kublai Khan“ stellt Coleridge fest, dass er am Abend zuvor in ein historisches Reisebuch vertieft war, Purchas His Pilgrimage (1613). Dieses Buch des Pfarrers Samuel Purchas aus Essex, eine Kompilation von unter anderem Orientreisen, pflanzte sich in den Traum fort und keimte dort als Gedicht auf. Jorge Luis Borges stellt in einem Essay über Coleridges Traum fest, dass dieser möglicherweise Teil einer Traumserie ist. Coleridge konnte demnach nichts über einen solchen Palast wissen, er muss seiner Phantasie oder dem Opiumtraum entsprungen sein. Der Palast blieb Fragment so wie das Gedicht. Zwanzig Jahre nach Coleridges Traum, also 1816, erschien in Bruchstücken die Übersetzung einer arabischen Geschichtensammlung. Darin hören wir von dem mongolischen Kaiser, der im Traum einen Palast erschaute und ihn danach erbauen ließ. 1691 fand man nur noch die Trümmer dieses Palastes vor. Borges kommt zu einem bemerkenswerten Schluss:

Diese Tatsachen lassen die Vermutung zu, dass die Folge der Träume und der Arbeiten ihr Ziel noch nicht erreicht hat. Dem ersten Träumer wurde in der Nacht die Schau des Palastes geschenkt, und er erbaute ihn; dem zweiten, der von dem Traum des Früheren nicht wusste, das Gedicht über den Palast. Wenn es bei dem Schema bleibt, wird vielleicht irgendein Leser Kubla Khans in einer Nacht, von der wir durch Jahrhunderte getrennt sind, einen Marmor oder eine Musik träumen. Dieser Mensch wird von dem Traum der beiden anderen nicht wissen. Vielleicht wird die Traumreihe nie zu Ende sein, vielleicht ist der Schlüssel zu ihr im letzten Traum. (Borges 23)

Man kann diese Sequenz erweitern. Jedes Buch, das wir einmal gelesen haben, ist in der Erinnerung immer nur Bruchstück, es gesellt sich dem Imaginären und den Träumen zu. Wenn das Leben ein Traum ist, was ist dann das Buch? Ich denke, es kann eine Form des Erwachens sein, das uns auf den Traum aufmerksam macht. Es ist dann ein Ort, von dem aus man den Traum beobachten kann, eine Art luzides Träumen.

Nach Francis Bacon gibt es zwei entscheidende Bücher: das eine ist die Heilige Schrift, das andere ist das Buch der Natur. Sind sie verschieden oder sind beide nur Offenbarungen des Einen Selben? Vermutlich hat der arabisch oder hebräisch diktierende Gott, der auch des Sanskrits mächtig sein muss, der Wirklichkeit namens Natur einen Traumbericht hinzugefügt, den einige die Bibel, anderen den Koran oder wiederum andere die Veden nennen. Diese Bücher einer schöpferischen Imagination stellen die somnambule Begleitung zu der Musik des Universums dar. An ihnen kann die Natur die Träume erahnen, aus denen sie hervorgegangen ist und in die sie wieder eingehen wird.

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


Literaturhinweise:

Benjamin, Walter. Träume. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008.

Bergerac, Cyrano de. Mondstaaten und Sonnenreiche. München: Heyne 1986.

Borges, Befragungen

Ježower, Ignaz. Das Buch der Träume. Frankfurt/M., Berlin, Wien: Ullstein 1985.


Der Beitrag erschien zuvor in der Festschrift für Siegfried Lokatis: Buch Macht Geschichte. Hg. von Patricia Blume, Thomas Keiderling und Klaus G. Saur, Berlin: de Gruyter 2016.


©  Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

Eine Antwort auf „Die Bücher und die Träume“

  1. Im Buch der Bücher gibt es auch den Hinweis auf essbare, gigantische fliegende und ermüdende Bücher. Natürlich, in biblischer Zeit, in Form von Schriftrollen:

    Hesekiel 3, 1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! 2 Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3 und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

    Sacharja 5, 1 Und ich hob meine Augen abermals auf und sah, und siehe, da war eine fliegende Schriftrolle. 2 Und er sprach zu mir: Was siehst du? Ich aber sprach: Ich sehe eine fliegende Schriftrolle, die ist zwanzig Ellen lang und zehn Ellen breit.

    Prediger Salomo (Kohelet) 12, 12b Des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leib müde.

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