„Götterwelten“ … ein Streifzug durch Geschichte und Mythologie der Germanen

  Kennen Sie Heidrun? Falls die Suche nach der Antwort Sie dazu verlockt, in einem Namenslexikon zu blättern oder an den Sonntagsbesuch bei der Oma zu denken, habe ich gute und schlechte Nachrichten. Die gute: Der Name bedeutet so viel wie „geheimnisvolles Wesen“ (Heid– nach germanisch haidu > Art, Wesen; altnordisch rún > Zauber, altenglisch rūn> Geheimnis). Die schlechte: Heidrun (Heiðr) ist sowohl dem Grímnismál (einem Götterlied der Lieder-Edda) als auch dem Gylfaginning (einem Teil der Prosa-Edda) zufolge eine Ziege der nordischen Mythologie. Statt Milch fließt Met aus ihren Eutern. Dieser dient den Einherjern – den in der Schlacht gefallenen Kriegern – in Walhall als Nahrung. Dem Mythos nach steht Heidrun auf dem Dach von Walhall, wo sie vom Baum Lärad (Yggdrasil) frisst, dem Weltbaum, der aus Teilen des Ur-Riesen Ymir gewachsen ist. Ymir (das erste lebende Wesen) wurde von den Götter Odin, Vili und Vé getötet. Aus den Teilen seines Körpers schufen sie die neun Welten, welche den Kosmos der nordischen Mythologie bilden.

Um eben diese Welten (u. a. Asgard, Midgard, Utgart) kreist die Aufmerksamkeit der Zuhörer, die sich zum oktoberlichen Vortragsabend im Budde-Haus Leipzig eingefunden haben. Der Autor Dr. Reiner Tetzner weiß Spannendes von den Germanen zu erzählen, hat er doch im Reclam Verlag zur germanischen und griechische Mythologie publiziert. Sogar ins Japanische, Chinesische und Koreanische wurden seine Bücher übersetzt. Und auch der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie ist vor fast 24 Jahren aus dem Engagement heraus entstanden, Geschichte, Religion, Mythen und Kultur der Germanen vom Schleier der Ideologisierung, Instrumentalisierung und Verfälschung befreien zu helfen. Eine Arbeit, die angesichts der aktuellen Verzerrungen innerhalb unserer Gesellschaft wichtiger ist denn je.

Wer sind die Germanen?

Zunächst muss man den Begriff ein wenig relativieren. „Die“ Germanen als homogene Volkgruppe hat es nie gegeben. Vielmehr handelt es sich um einen Oberbegriff, unter welchem Stämme zusammengefasst werden, die sowohl im südlichen skandinavischen Raum als auch in Mitteleuropa – u. a. in den Gebieten zwischen Nordsee sowie den Flüssen Donau, Rhein, Weser, Elbe und Weichsel – beheimatet gewesen sind. Vor allem aufgrund der Konflikte im Zuge der Expansion des Römischen Reiches und später der Völkerwanderung sind uns die Kimbern und Teutonen, die Cherusker und Hermunduren, die Vandalen und Markomannen, die Sueben, Friesen, Sachsen, Burgunden, Franken, Goten und Alamannen bekannt, um nur ein paar Namen zu nennen. Die Überlieferung haben wir weitestgehend der Germania des römischen Historikers Tacitus zu verdanken, der sein in der Forschung nicht völlig unumstrittenes Werk, u. a. weil er die germanischen Gebiete nie selbst bereiste, wahrscheinlich gegen Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts verfasst hat. Eine eigene Schriftkultur spielte bei den Germanen lange Zeit kaum eine Rolle. Ab dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert finden Runen (Monumentalschrift), u. a. als Kultzeichen auf Gräbern, Steinen, Schmuck etc. oder Runengedichte Verbreitung. Erst mit der gotischen Schrift, die auf Wulfila (4. Jh. n. Chr., Bischof der Terwingen, eines Stammes der ostgermanischen Goten) zurückgeht, entsteht eine eigenständige germanische Schriftsprache. Wulfila übersetzt das Neue Testament ins Gotische und verbindet dafür lateinische, griechische und runische Buchstaben. Die Wulfila-Bibel gilt daher als das älteste Zeugnis germanischer Sprache überhaupt. Weitere Zeugnisse germanischer Schrift sind beispielsweise die Mersburger Zaubersprüche (9./10. Jh.), das Hildebrandslied (9. Jh.) oder das Sächsische Taufgelöbnis, dessen Entstehung in die Zeit der Sachsenkriege Karls des Großen zwischen 772 und 804 fällt.

Umstrittene Rituale

Tacitus beschreibt die Germanen als großgewachsene Krieger mit rötlichen Haaren und wilden, blauen Augen, die mit Hunger und Kälte vertraut sind. In seinem Bericht stechen u. a. die Harier (einer der 5 Hauptstämme der Lugier, die zwischen Weichsel und Oder siedelten) hervor. Sie überträfen die übrigen Stämme nicht nur an Stärke, „sondern seien außerdem furchtbar anzusehen, und helfen ihrer angeborenen Wildheit noch durch künstliche Mittel […] nach. [Denn] schwarz sind die Schilde, bemalt die Oberkörper; finstere Nächte wählen sie zum Kampf, und so jagen sie schon durch die grauenhafte, schattenhafte Erscheinung des gespenstischen Heeres Schrecken ein“ (Tacitus, Germania, 43, 4). Was Brutalität und Grausamkeit, vor allem in kriegerischen Auseinandersetzungen anbelangt, dürften sich Römer und Germanen ebenbürtig gewesen sein. Während die Römer beim Vollzug von Strafen die Kreuzigung quasi von den Persern, Assyrern und Phöniziern übernehmen, ist bei den skandinavischen Germanen die Blutaar (Blutadler) überliefert. Dabei soll dem Opfer der Rücken aufgeschnitten und die Rippen (wie Adlerschwingen) aufgetrennt und nach außen gebogen worden sein. Ob dabei die Lungen noch mit herausgezogen wurden (ein Vorgang, der medizinisch anzuzweifeln ist, da die Lungen dabei in sich zusammenfallen würden) ist allerdings fraglich, wie auch der Umstand, ob dieses Ritual wirklich je vollzogen wurde oder ein Mythos geblieben ist. Apropos Mythos …

Germanische Mythologie

Um eine Vorstellung von der Götterwelt der Germanen zu bekommen, kann man sich von Serien wie American Gods und den Thor-Filmen von Marvel inspirieren lassen. Oder man kann den Eddas und Sagas einen näheren Blick widmen. Die Edda umfasst zwei Erzählzyklen (Snorra-Edda, auch Prosa-Edda oder „Jüngere Edda“, und die Lieder-Edda, „Ältere Edda“) in altisländischer Sprache, die um 1250 aufgeschrieben wurden. Sie gehören zur Skaldendichtung und verarbeiten mythologische Motive (Götterlieder, Heldenlieder, Runenlieder), wobei sich in der Prosa-Edda auch die Kosmologie der nordischen Mythologie von der Schöpfung bis zum Weltenende (Ragnarök) findet. Reiner Tetzner, der sich lange Jahre mit den Originaltexten beschäftigt hat, liest am Vortragsabend kleine Auszüge aus dem Altisländischen; ein sprachlicher Ausflug, der Lust macht, sich näher mit den Wurzeln der mythischen Geschichten zu beschäftigen.

Die Zuhörer erhalten u. a. Einblicke in den Krieg der beiden großen nordischen Göttergeschlechter: der kriegerischen Asen (altnordisch áss > häufig gebraucht in der Bezeichnung für „Gott“) und der Wanen (altnordisch vanir > „die Glänzenden“), die auch als Fruchtbarkeitsgötter gelten. Als der mythologische Kampf endet, der angeblich von den Wanen wegen Hexerei ausglöst worden sein soll, wird der Friede durch den Austausch von Geiseln hergestellt. Die Asen erhalten den Meeresgott Njörd und seine Kinder Freyja und Freyr, die Wanen den Gott Hönir, bekannt für seine Schweigsamkeit, sowie den Riesen Mimir. Freya, Göttin der Fruchbarkeit, Liebe und Ehe, ist hier nicht zu verwechseln mit der Asengöttin Frigg, der Gemahlin des Odin, dem, wie Reiner Tetzner ausführt, eine zentrale Rolle in nordischen Mythologie zukommt.

Odin

Auch Wotan, Wuotan  oder Godan genannt, ist Göttervater, Gott der Runen, der Dichtung, der Magie, zudem Kriegs-, Raben- und Totengott. Mit seiner Gemahlin Frigg zeugt er die Walküren, aber auch Götter wie Hödur, Bragi oder Balder. Sein Sitz ist in Asgard (der Wohnsitz der Asen). Durch den Bifröst (Regenbogenbrücke) ist diese Götterwelt – der Lieder-Edda nach – mit Midgard, der Welt der Menschen verbunden. Wie der Göttervater des Olymps, Zeus, hat auch Odin Geliebte, so u. a. Jörd, die Mutter des Thor. Im Gegensatz zu Zeus, so Reiner Tetzner, hält sich sein amouröses Treiben allerdings in Grenzen. Um Wissen und Weisheit zu erlangen, opfert Odin sein Auge, um seherische Kräfte aus dem Brunnen des Riesen Mimir zu erlangen. Um die Magie der Runen zu erhalten, die sich nur „Würdigen“ offbaren, hängt er sich an seinem Speer Gungnir an den Weltenbaum Yggdrasil, bis ihm nach neun Tagen und neun Nächten die Runen erschienen (laut dem Hávamál der Lieder-Edda). In der Götterdämmerung (der Ragnarök), die das Weltenende einläutet, aus der am Anschluss eine neue Welt entsteht, stirbt Odin schließlich im Kampf gegen den Fenriswolf.

Zum Abschluss dürfen natürlich drei Gefährten von Odin nicht unerwähnt bleiben. Zum einen sind dies die Raben Hugin und Munin, die tagesüber durch die Welt fliegen und dem Göttervater alles berichten, was sie gehört und gesehen haben. Zum anderen handelt es sich um Odins achtbeiniges Ross Sleipnir (gezeugt vom nordischen Trickstergott Loki), das sich ähnlich wie das geflügelte Pferd der griechischen Mythologie, Pegasos, zu Wasser, zu Land und zu Luft bewegen kann.

Gerade diese Vergleiche zwischen den Mythologien sind es, mit denen der Vortragsabend ausklingt und die dabei gleichzeitig Raum lassen, sich künftig weiter mit den Welten der germanischen Götter zu beschäftigen.

Beitrag von Dr. Constance Timm

 

Wie die Mythologie der Germanen für ideologische Zwecke missbraucht wurde und bis heute wird, erfahren Sie demnächst hier im Blog unter dem Titel „Menschenwelten“… Die Germanen verfälscht

 

Literatur:

Simek, Rudolf: Religion und Mythologie der Germanen. 2. Aufl. Theiss: Stuttgart, 2015.

Tacitus: Germania, Lateinisch-Deutsch. Akademie-Verlag: Berlin, 1990.

Tetzner, Reiner/Wittmeyer, Uwe: Griechische und Germanische Götter- und Heldensagen. Nach den Quellen neu erzählt. Reclam: Stuttgart, 2015.