Rabe und die ersten Menschen

Während Raben in Europa fast ausschließlich als Erkennungstiere von Göttern erscheinen, ist der Rabe in den Kulturen der Nordwestküsten-Indianer selbst eine Gottheit. Er ist sowohl Demiurg als auch Trickster, sowohl Held als auch Schurke, und dies häufig zur gleichen Zeit. In nahezu jeder Schöpfungsmythe der Region ist der Rabe entweder der tatsächliche Schöpfer der Welt oder spielt bei der Schöpfung eine große Rolle. In vielen Mythen erscheint der Rabe in mehreren Gestalten. Dies ist möglich durch die Personifizierung der Tiercharaktere in der Kultur. In der Mythologie der Nordwestküsten-Indianer können Tiere problemlos menschliche Gestalt annehmen und auch ein Leben wie Menschen führen – wobei der Rabe der größte Verwandler von ihnen ist, der in der Lage ist, sich in alles zu verwandeln, um zu bekommen, was er will.

Der Charakter des Raben ähnelt sehr dem des Kojoten in den Geschichten der Plains- und Wüstenregionen Nordamerikas – tatsächlich spielen beide in den Mythen sehr ähnliche Rollen. Wie Kojote ist er gierig, selbstsüchtig und betrügerisch, doch ist sein bevorzugtes Laster nicht sexuelle Zügellosigkeit, sondern Gefräßigkeit. Er ist beständig auf Nahrungssuche. Die Reisen des Raben bilden das Hauptthema der meisten Mythen; er reist von Ort zu Ort, trifft alle möglichen Tiere, und in Wettbewerben gelingt es ihm gewöhnlich, sie zu töten oder sie zu vertreiben und sich ihre Nahrung anzueignen.

Die Haida unterscheiden zwischen dem ersten Teil des Rabenzyklus, in welchem er wirklich kreativ ist, und den verrückten Abenteuern der späteren Anekdoten. Jungen Männern ist es nicht erlaubt, während des ersten Teils des Zyklus zu lachen, den man als The Old Man Stories bezeichnet. Dazu gehört die Schöpfung der Welt. The Old Man Stories behandeln auch eine der bekanntesten Rabengeschichten, die erzählt, wie er die Sonne, die Sterne, den Mond und auch das Feuer stahl (eine Anspielung auf die Faszination von schillernden Objekten für Raben), und die fast universelle Flut-Erzählung, welche das Ende des Zeitalters der Tiere verursacht und das Zeitalter der Menschen heraufbeschwört, für welches der Rabe immer verantwortlich ist. Seine kreative Natur zeigt sich gewöhnlich eher durch Umstände als durch Absicht, eher durch das Verlangen, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen als durch irgendwelche altruistischen Prinzipien, doch scheint er die Menschen wirklich zu mögen.

Der bekannte Nordwestküsten-Künstler Bill Reid schuf die Skulptur The Raven and the First Men, die eine Szene aus einer Haida-Mythe darstellt, in der der Rabe sowohl Trickster als auch Schöpfer ist. Dieser Geschichte zufolge fand der Rabe, der gerade satt war und sich langweilte, einige Geschöpfe, die in einer Muschel eingeschlossen waren. Diese ängstlichen Wesen waren die ersten Menschen der Welt, und der Rabe überredete sie, aus der Muschel herauszukommen. Bald war er von diesen Geschöpfen gelangweilt und wollte sie schon wieder in ihre Muschel zurückschicken. Doch dann beschloss der Rabe, die weiblichen Ebenbilder dieser männlichen Wesen zu suchen. Er fand einige weibliche Menschen, die in einer Käferschnecke eingeschlossen waren, befreite sie und amüsierte sich prächtig, als die beiden Geschlechter sich trafen und zu interagieren begannen,

In seiner zweiten, vielleicht jüngeren Gestalt ist der Rabe oft das Opfer seiner eigenen Späße. In diesen Geschichten hat er oft eine Rolle inne, die in den Wüsten- und Plains-Regionen des Südens von Kojote eingenommen wird. In dieser Gestalt ist der Rabe am verschlagensten und durchtriebensten und auch am grausamsten, er denkt kaum an etwas anderes als an seinen eigenen Magen. Er scheut keine Mühe, um seinen Appetit zu stillen. So betrügt er seinen Cousin, die Krähe, um dessen ganzen Wintervorrat und bringt es sogar zustande, dass ein ganzer Stamm von einer Lawine getötet wird, damit er die Augen der Menschen essen kann. Er ist der Rabe, über den die jungen Haida-Männer lachen dürfen, aber vor dem man sich auch am meisten in acht nehmen muss.

Beitrag von Dr. Claudia Roch