Mythisch-Literarisches Bestiarium

“… wir haben ein Handbuch der seltsamen Geschöpfe zusammengestellt, die im Lauf der Zeit von der menschlichen Phantasie erzeugt wurden. Wir kennen den Sinn des Drachen ebenso wenig wie den Sinn des Universums, aber in seinem Bild ist etwas, das der menschlichen Vorstellungskraft entspricht, und so erscheint der Drache in verschiedenen Gebieten und zu verschiedenen Zeiten. Ein Buch dieser Art kann nur unvollständig sein; jede neue Ausgabe ist der Kern späterer Ausgaben, die sich ins Unendliche vervielfältigen können.” Der Bibliothekar und Schriftsteller Jorge Luis Borges (1899-1986) hat im Vorwort zu seinem “Buch der imaginären Wesen” eben jene Gattung von Texten zusammengefasst, die seit dem Mittelalter als Bestiarien bekannt sind. Darunter verstehen wir illuminierte Handschriften, meist in Buchform zusammengestellt, die Tiere, Mischwesen, aber auch Pflanzen und gar Steine beschreiben. Ein Kompendium der Naturgeschichte, angereichert mit menschlicher Fantasie, der Überlieferung von antikem Wissen, mit einem christlich-moralischen oder gar allegorischen Grundton versehen und oft in einer symbolhaften Sprache verfasst. In Bestiarien tummelt sich, was unmöglich scheint. Fliegende Pferde. Meerjungfrauen. Drachen in allen möglichen Varianten. Löwen. Greife. Und nicht zu vergessen Einhörner. Wie schon das in “Bestiarium” verwendete lateinische Wort “bestia” (wildes Tier) besagt, sind es neben bekannten oder unbekannten echten Tieren vor allem Mischwesen und Monster, die Fabelwesen also, deren Geschichten und auch deren Gestalten auf diese Weise die Zeiten überdauert haben.

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Pergamon, oder ein Blick hinter die Kulissen der Vergänglichkeit

Als ich 1996 auf einem Schulausflug das Pergamonmuseum in Berlin zum ersten Mal erkunden durfte, gab es nur eine Reaktion, um den Augenblick zu beschreiben, als ich den Altarraum betrat: ungläubiges Staunen, gefolgt von abwechselnder Begeisterung und dem Gefühl, irgendwie “klein” zu sein. Noch heute finde ich keine Worte für das Empfinden von damals. Was bleibt auch zu sagen, wenn man sich plötzlich Auge in Auge mit Architektur und Mythen aus über 2000 Jahren Menschheitsgeschichte gegenübersieht? Natürlich kannten wir die Antike aus dem Unterricht. Und hin und wieder begegnete uns die eine oder andere klassizistische oder renaissanceangehauchte Zeichnung in einem Buch für Kunsterziehung (und ja, die Wende-Zeit war da längst vorüber). Aber die Dinge in realis zu sehen ist, wie immer, eine vollkommen andere Erfahrung, als sie zweidimensional auf Papier gepresst vorzufinden. Das also war die Museumsinsel von Berlin. Das also war der Ort, der die Zeugnisse einer antiken Stadt bewahrte, deren Blütezeit längst vergangen war. Und es sollten in den angrenzenden Räumen noch weitere Beispiele aus versunkenen Zeiten folgen: das Markttor von Milet, das Ishtar-Tor von Babylon, Gräber und Reliefs aus dem Zweistromland (Mesopotamien), Kunst aus dem Islam, Münzen, Götterstatuen, Porträts und und und. Die alte Welt konserviert in Räumen. Und jeder ist eingeladen, diese zu besuchen; einzutauchen in eine andere Welt, die dennoch unsere Welt ist.

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