“Sphinx” oder: Die (Un-)Liebe des Dichters zu seinen Worten in drei literarischen Rätseln

Es wird Abend in der Stadt Leipzig. Unwillig entschließt sich die Junisonne, hinter den Häusern im Westen zu versinken, aber nicht ohne ein letztes, trotziges Aufglühen, das manchem, der längst das dämmernde Dunkel erwartet, in den Augen blendet. Fast zeitgleich legen sich die langsamer werdenden Geräusche des Abends im Einklang mit sommerlicher Kühle über Straßen und Menschen. Der Sommer hat so seine eigene Art, uns zu überfallen. Er ist ein Gaukler, der uns weismacht, all unsere Gedanken zu kennen, und mehr noch; er gibt vor, sie uns aussprechen zu lassen. Und dann, wenn wir dem Trick auf dem Leim gehen – und das tun wir immer -, stellen wir fest, dass die Gedanken ins Ungreifbare entwickelt, sie uns vielleicht sogar wie wundersam abhandengekommen sind. Wir ringen nach Worten, Worte, worum sich alles dreht. Worte, die die Hitze im Zwielicht von Tag und Nacht wieder freigibt; doch es ist ein zögerliches Freilassen, als hätten wir die Wärme in flagranti ertappt, uns insgeheim eine Scherbe unserer selbst gestohlen und in die Welt geworfen zu haben.

Genau darum geht es an diesem Abend, der auch die erste Zusammenkunft des Lesekreises der Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft ist, um die Welt, um das Selbst und um das Dunkel. Es geht um die “Sphinx”, und schon beim ersten zarten Vorglühen zu jenem Text, den der Dichter Wolfgang Hilbig (1941-2007) im Jahr 1983 verfasste und der 2019 erstmals den Weg unter die Leser fand, wird klar, dass es mit Dunkel, Selbst und Welt nicht so klar und eindeutig ist, wie wir uns das gern – von Medien oder Lektüre oder aus eigener Bequemlichkeit heraus – suggerieren lassen. Oder anders ausgedrückt: Es ist ein Rätsel.

Von der Sphinx, jenem mythischen Mischwesen, das den Körper eines Löwen hat und den Kopf eines Menschen trägt und sowohl männlich als auch weiblich oder gar in Zwillingsform auftreten kann, wird gern behauptet, sie sei geheimnisvoll. Monster. Schutzdämon. Wächterfigur. Todesengel. Wir kennen und bestaunen die Große Sphinx von Ghizeh, und vielleicht verzweifeln wir anfangs genauso wie Ödipus am Rätsel der Thebanischen Sphinx, wenn wir die Frage hören: “Was geht am Morgen auf vier Füßen, am Mittag auf zweien und am Abend auf dreien?” Eine Frage, die schon seit antiker Zeit versucht, dem Mysterium unseres Daseins auf die Spur zu kommen.

Dieses Rätsel des Ichs, mit dem uns die mythische Sphinx begegnet, und das gleichzeitig real wie auch surreal anmutet, findet sich in erstaunlicher Fülle bei den Autoren der Moderne wieder, vielleicht aus dem Drang heraus, das eigene Ich in einer mehr und mehr zerrissenen, haltloser werdenden, analysierenden, nach neuen Grenzen und alten Konflikten gierenderen Welt zu beschreiben, zu verorten, neu zu erfinden oder abzuschotten. Ob Edgar Allan Poe, Oscar Wilde, Rainer Maria Rilke, Else Lasker-Schüler, Wolfgang Hilbig, sie alle haben sich von der Faszination der Chimäre verführen lassen, sie zu verwandeln versucht und Rätsel zu Rätseln gemacht. Das eigentliche Faszinosum der Sphinx offenbart sich indes nicht in ihrem in Stein gemeißelten Äußeren, das sich durch Zeit und Kunst zieht. Es ist die Sprache, es sind die Worte, unsere Worte, die im Wechselspiel von Fortschritt und Schnelllebigkeit mehr und mehr zu Sphingen mutieren. Aber wenn dem so ist, was für Rätsel können wir noch erzählen, wo doch alles, was uns umgibt, enträtselt scheint?

“Und lächelnd taucht die Mondfrau in die Wolkenwellen
Und meine bleichen, leidenden Psychen
Erstarken neu im Kampf mit Widersprüchen.”
(Else Lasker-Schüler, Sphinx, 1917)

Erstes Rätsel

Zu Beginn des Jahres 1846 erschien die Erzählung “Die Sphinx” aus der Feder des amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe (1809-1849), dessen poetische und symbolhafte Sprache die Literatur der Moderne nachhaltig beeinflusste. Poes Geschichten haftet durchweg etwas Schauriges, Unheilvolles, Monströses und dunkel Romantisches an, dem sich zu entziehen dem Leser schwerfällt. In der “Sphinx” wird man gleich zu Beginn mit der Assoziation des Todes konfrontiert. In New York, so ist zu erfahren, wütet ein Ausbruch der Cholera. Sorge, Angst, Beklemmung begleiten den namenlosen Protagonisten, der einen ebenso namenlosen Verwandten in einem abgelegenen Landhaus besucht. “Die ganze Luft von Süden her schien uns nach Tod zu riechen. Ja, diese lähmende Vorstellung nahm von meiner ganzen Seele Besitz. Ich konnte von nichts anderm mehr reden oder träumen, an nichts andres mehr denken.” Der Erzähler besitzt eine Neigung zum Aberglauben und wird durch die Schriften in der Bibliothek seines Gastgebers, der wiederum dem Rationalen, Welterklärenden zugewandt ist, in seinen Gefühlen und seiner Fantasie bestärkt. So sehr, dass er eines Abends beim Blick durch das Fenster ein Monster zu sehen glaubt. “Als ich die Blicke von den Seiten erhob, fielen sie auf die kahle Bergwand und auf ein Wesen – ein lebendiges Ungeheuer von entsetzlicher Gestalt, das eilig seinen Weg vom Gipfel zur Talsohle nahm und schließlich drunten im dichten Forst verschwand.” Anders, als der Titel der Kurzgeschichte vermuten lässt, gleicht das Wesen nicht der klassisch bekannten Sphinx. Vielmehr handelt es sich um eine Mischung aus Tier (Elefant, Eber, Büffel) und Insekt. “Doch die größte Besonderheit dieses entsetzlichen Wesens war das Bild eines Totenkopfs, das fast seine ganze Brust bedeckte und sich von dem dunklen Hintergrund des Körpers so deutlich in schimmernder Weise abhob, als habe es ein Künstler sorgfältig gezeichnet.” Nach langem Zögern und Verzweiflung über das Gesehene rafft sich der Erzähler schließlich auf, seinem Gastgeber von der Beobachtung zu unterrichten. Diesem gelingt es denn auch auf fast schon milde-nüchterne Weise, das Rätsel zu entwirren. Bei dem besagten Ungeheuer handelt es sich um einen Totenkopfschwärmer, einen Schmetterling (Nachtfalter, aus der Gattung der Sphinx). Diese mit Unheil und Tod assoziierten Insekten erreichen eine Größe von bis zu 13 Zentimeter. Carl von Linné gab der Art als Erstbeschreiber den Namen “Sphinx Atropos”, Bezug nehmend auf die dritte der Schicksalsgöttinnen der griechischen Mythologie, deren Aufgabe es ist, den Lebensfaden zu zerschneiden. Später setzte man die Gattung zudem in Bezug zu den mythischen Unterweltsflüssen Acheron und Styx (Acherontia styx, Acherontia lachesis). Die Lösung des Rätsels, das den Erzähler in seiner Imagination umtreibt, ist also ein Schmetterling, den er, befeuert aus den Worte seiner vorangegangenen Lektüre und durch das scheinbar Gesehene, als die Verwandlung in ein Ungeheuer erlebt, in welchem die erst kürzlich erlebten Todeskonfrontationen eine neue, gedacht-reale Gestalt annehmen.

Der Schmetterling wird zur Sphinx, zur Verkünderin von Tod und Unheil. Das Selbst ist so in sich selbst erstarrt und zudem für Geschichten aus Mythen und Aberglauben empfänglich, dass es das Rätsel nicht allein zu lösen vermag. Der Gastgeber, das Symbol des aufgeklärten, weltbegreifenden und vernunftorientierten Menschen, ist es, der die Lösung offeriert. Fantasie kollidiert mit Rationalismus, das in emotionalen Aufruhr verfallene Selbst mit pragmatischem Realismus, Poetik mit Enzyklopädismus. Dem Erzähler wird durch Erkenntnis der Spiegel vorgehalten, ein Spiegel, der diesem zeigt, dass das mythische Mischwesen nicht existiert. Dabei werden die Worte zum Mittler von Erklärbarkeit und Unerklärbarkeit. Worte, die einerseits den Glauben an geheimnisvolle Erscheinungen des “Alten” befeuern, werden anderseits durch beobachtende Beschreibungen konterkariert. Der Text liest sich, bei allem bewusst implizierten Schrecken, fast schon als Mahnung an den Zwiespalt des Dichters, was denn nun die größere Berechtigung besitzen solle: die Beschreibung oder die Poesie? Das Ende bleibt hierbei bewusst offen. Der Leser ist selbst aufgefordert, die Antwort darauf zu finden – eine Zwickmühle, kann das eine doch ohne das andere nicht existieren. So wie Mythen die Welt beschreiben, kann die Welt nicht ohne Mythen beschreiben werden.

Zweites Rätsel

Liest man nun die “Sphinx” von Wolfgang Hilbig kommt man nicht darum herum, auch der “Sphinx” des Oscar Wilde (1854-1900) einen Blick zu gönnen, wird das Ich in Hilbigs Text doch mit dem Fragment einer allegorischen Paraphrase des irischen Autors konfrontiert. Wilde sagt in der Vorrede zu seinem Roman Das Bildnis des Dorian Gray (1890): “Gedanken und Sprache sind für den Künstler Werkzeuge” und “Wer unter die Oberfläche gräbt, tut es auf eigene Gefahr”.

In seinem Gedicht “Die Sphinx”, das 1894 (mit Illustrationen von Charles Ricketts) im Verlag The Bodley Head in limitierter Auflage erschienen ist, versucht das lyrische Ich in fünfundachtzig Strophen mit Worten und Gedanken dem archaischen Geheimnis der Sphinx auf die Spur zu kommen, dem unheimlich vor sich hin starrenden Mischwesen quasi unter den modernen Pelz zu fühlen. Die gereimte Nachdichtung des deutsch-kanadischen Schriftstellers Felix Paul Greve (Frederick Philip Grove) aus dem Jahr 1906 ist nur noch antiquarisch zu erstehen, hinsichtlich Melodik und Inhaltsnähe zum Originaltext aber fast schon ein Glücksgriff.

“Aus eines Winkels halber Nacht
blickt länger, als ich denken kann,
eine schöne schweigsame Sphinx mich an:
Durch die wechselnden Schatten sitzt sie und wacht
,

sitzt unentweiht und regungslos:
Sie steht nicht auf und rührt sich nicht.
Nichts ist der Monde Silberlicht
und nichts ihr taumelnder Sonnen Stoß. […]

Hervor, mein lieblicher Seneschall,
So schlafestrunken, so statuesk,
hervor, so herrlich, du und grotesk
halb Tier, halb Eva, vor dem Fall.

Hervor, und leg mir aufs Knie das Kinn!
Laß streicheln den Hals dir, und laß mich beschaun
deinen Leib, wie ein Luchs gesprenkelt mit Braun,
hervor, du liebliche Schmachterin! […]

Dein ist der Jahrhunderte müder Zug –
ich sah kaum zwanzig Sommer blühn
und vertauschen ihr kräftiges Sommergrün
und des Herbstes farbigen Flittertrug.

Du aber entzifferst die Hieroglyphen,
dir redet der Sandsteinobelisk,
mit dir pflog Zwiesprach der Basilisk,
dein Auge sah den Hippogryphen.”

Oscar Wildes Sphinx wird, anders als jene bei Poe, nicht als unförmiges oder insektengleiches Ungeheuer beschreiben. Die Sphinx ist real in ihrer Präsenz, vermutlich in Form einer Statue – ein subtiler Verweis auf die Ägyptenbegeisterung der britischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts -, welche das lyrische Ich in seiner Behausung aufbewahrt. Doch die Wirklichkeit hält nicht lange vor, beginnt das Wesen doch, dem Dichter bei der Betrachtung Streiche mit der Fantasie zu spielen. Tierhaft ist sie, die Sphinx, anschmiegsam, fast schon niedlich. Und fraulich. Im Verlauf des Gedichts mutiert sie dabei immer mehr zu einer Art mythischen, poetischen und sexuellen Urgewalt. So wird sie u. a. als Geliebte des altägyptischen Wind- und Fruchtbarkeitsgottes Amun (Ammon, bei den Griechen identifiziert als Zeus) beschrieben, welcher in der Antike künstlerisch auch in Gestalt von Widdersphingen (etwa in Karnak) dargestellt wurde.

“Dein Lächeln birgt der Geheimnisse viel –
so liebtest du keinen? Doch, ich weiß!
Gott Ammon teilte dein Lagerreis:
Er schlief bei dir am Rand des Nil. […]

Du küßtest den Mund ihm, und Flammen kamen,
du zwangst den gehörnten Gott zur Fron,
du standest hinter ihm auf dem Thron,
du nanntest ihn bei seinem heimlichen Namen:

Du flüstertest ungeheure Orakel
ihm in der Ohren Höhlen leis;
mit dem Blut des Stiers, und dem Blut der Geiß
lehrtest du ihm ungeheure Mirakel.

Solange Gott Ammon dein Bettgenoß,
war der Nil deine Kammer, den Dünste befächeln;
und mit dem geschwungen archaischen Lächeln
verfolgtest du wie die Leidenschaft stieg und floß.”

Wirkt die Sphinx schon in miniaturisierter Form zu Anfang des Gedichts mit ihrem stoischen Wächtergestus wie aus der Zeit gefallen, steigert sich dies im Verlauf der Strophen. Die Sphinx scheint zudem – im Verbund mit dieser Überzeitlichkeit – immer größer, immer allumfassender zu werden, als sei sie jene Konstante, die Zeit, Raum und auch Poesie im Warten und Wirken überdauert, um am Ende – so wie es ihrer mythischen Funktion entspricht – über Leben und Tod zu gebieten. Eine Vorstellung, die dem Dichter bald so viel Furcht einflößt, dass er – fast schon zu spät – das mythische Monster erkennt, als dass die Sphinx der griechischen Mythologie zufolge (als Tochter der Echidna und des Typhon) geboren wurde.

“Was zögerst du? Von hinnen! Eile!
Müd bin ich deiner finstern Art,
müd deines starren Blicks, gepaart
mit träg-erhabener Langeweile.

Dein scheußlicher, schwerer Atem macht,
daß kaum das Licht in der Lampe noch leuchte:
Auf meiner Braue fühl ich die Feuchte:
des Todes Tau und den Tau der Nacht. […]

Welche schlangenlockige Furie aus der Hölle,
unheimlicher Gesten, und starrend von Schmutz,
stahl dich aus der mohntrunkenen Königin Schutz
und führte dich in des Gelehrten Schutz?

Welch sanglos, zunglos Gespenst der Sünde
hat den Vorhang der Nacht zu durchkriechen vermocht
und sah meiner Kerze brennenden Docht –
wer klopfte und wer dir auftat, künde!”

Die sexuellen Fantastereien des lyrischen Ichs, die teilweise in den Strophen bis zur Dekadenz gesteigert sind, werden von vielen Interpreten des Gedichts oft sowohl als Kritik an der Zügellosigkeit der Gesellschaft verstanden, der Oscar Wilde einen Spiegel vorhielt, als auch in Bezug zu seiner eigenen Homosexualität gesetzt. Die Thebanische Sphinx etwa ist Teil der mythischen Ödipus-Geschichte. Nach der Version des Geschichtsschreibers Herodot wurde sie von der Göttin Hera zur Strafe entsandt, da Laios, der König von Theben, in Liebe zum Jüngling Chrysippos entbrannt war. Wilde selbst wurde 1895 aufgrund seiner homosexuellen Neigungen zu Zwangsarbeit und zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, eine Strafe, die seine Gesundheit ruinierte und ihn ins Exil nach Paris trieb, wo er verarmt und isoliert starb. Sein Grabmal auf dem Friedhof Père Lachaise wird auf einer Seite von einer geflügelten Gestalt eingenommen, welche an eine vermenschlichte Sphinx erinnert; eine verbildlichte Verschmelzung von Mythos, Furcht und Fantasterei des Gedichts, in dem sich der Dichter abmüht, dem Geheimnis (des Lebens oder des Todes oder des Selbst?) auf die Spur zu kommen, es zu beschreiben, es zu begreifen, um schließlich daran zu scheitern, weil Worte – und Sprache – eben doch nicht ausreichen, das eigentliche Rätsel der Sphinx zu entschlüsseln. In seiner Erzählung “Die Sphinx ohne Geheimnis” hatte Wilde 1887 in allegorisierter Form einen ähnlichen Versuch gewagt und diesen zum Abschluss ebenfalls offengelassen. Das Ich scheitert am Ende also an einer Projektion seines eigenen Ichs, das die Gedanken aus dem Stein hervorschälen.

Drittes Rätsel

Wie eingangs erwähnt, verfasste der in Meuselwitz (bei Altenburg) geborene Wolfgang Hilbig seine Erzählung “Die Sphinx” 1983, in jenem Jahr, in welchem auch sein Gedichtband “Stimme Stimme” beim Leipziger Reclam Verlag erschien. Dieser sollte sein einziges in der DDR veröffentlichtes Werk bleiben. Hilbig führte in der DDR eine prekäre Doppelexistenz als Arbeiter und Schriftsteller und schuf dabei Texte, die von einer überwältigenden Wortgewalt, Eindringlichkeit, Zerrissenheit sowie einer ständigen Suche nach dem Ich geprägt sind. 1985 konnte er schließlich per Visum in die Bundesrepublik ausreisen. Der Zwiespalt zwischen dem Nicht-mehr-ertragen-können der heimatlichen Nähe und der gleichermaßen unheimlich dräuenden Ferne lässt sich in der Erzählung bereits erahnen.

Der namenlose Protagonist, gequält von Durst, Müdigkeit und den Schmerzen eines malträtierten Knies, ist der Einladung eines ebenso namenlosen Freundes und Kollegen in dessen Haus gefolgt. Dieses scheint – ganz ähnlich wie bei Poe – zwar inmitten der Zivilisation zu liegen und doch, in eine Art eigene Wildnis eingebettet, Zufluchtsort und zugleich Ort des Unbehagens zu sein. Nur durch das Zerschlagen eines Fensters, das aus “farbigen Glasplättchen” besteht, “die zu einer mythologischen Figur zusammengesetzt waren”, gelingt es, das Innere des Hauses zu betreten, und schon an dieser Stelle stockt der Leser, um sich zu fragen, ob dieses Haus tatsächlich ein realer Ort ist, ein von der Fantasie des Erzählers imaginierter oder das Eintreten in die Räume und Fragmente des Selbst.

“Ich betrat ein kühles Halbdunkel, sofort fiel mir die üppige, leibliche Wildnis eines ölbraunen, abblätternden Wandgemäldes ins Auge, eine Kopie in einer Manier, die ich präraffaelitisch genannt hätte und die wohl eine Art Bacchanal darstellte. Das durch den Türspalt und das farbige Fenster eindringende Licht schien die Leiber auf dem Bild in Bewegung zu bringen, düster beleuchtete es auch die Geländerfiguren der nach oben führenden Treppe, die kopflosen Karyatiden glichen, unentwirrbar sich mit ihren Schatten verschlingend, denen mein eigener sich beigesellte, zu ebenso konfuser Aktivität getrieben. Die geräumige Vorhalle, in der ich mich fand, hatte den Geruch eines lange ungelüfteten Kellers, sie bezog ihr einziges Licht durch das schmale Erkerfenster, das ich geöffnet hatte, das bunte Glas bildete ein Fabelwesen, einen großen Vogelleib, dessen langer Hals sich in eine Schlange verwandelte, und ich hatte den Kopf des Reptils herausgebrochen.”

Was der Erzähler im Haus vorfindet, ist eine vertraut-fremde Welt. Chaos, bestehend aus Trümmern, zerknülltem Papier, Waffen, Alkohol, Tabak, Erbrochenem. Nur eine Ecke, “wo die noch unversehrte Schreibmaschine stand und ein Stapel geordneter Papierbögen lag”, sticht aus dem Wirrwarr heraus und bedeutet in ihrer fast schon perfekten Präzision so etwas wie Normalität, Freiraum und Zuflucht. Eine Erinnerung wie an jenen Teil des Ichs, der draußen, hinter dem Fenster, in der anderen Welt vergessen wurde, und der nun – nach der Einnahme eines undefinierbaren Krautes – hinter den Scheiben, inmitten von Dunkelheit, grünem Dickicht, Regen erkennend beobachtet: “und es ist, als ob ich noch einmal zurück, hereinschaue, hierher, wo ich schmerzlich bin, was ich einst gewesen“. Bis zum Ende der Erzählung bleibt dieser Zwiespalt bestehen, ohne eine Auflösung zu erfahren: “Denn ich selbst erkenne mich nicht mehr … es war ein Augenblick, in dem ich mich erkannte, jener, in dem das Phantom, Ich genannt, in meinen Körper schlüpfte, um sich dort zu verpuppen.”

Sieht sich Edgar Allan Poe beim Blick in die Außenwelt mit den Auswüchsen seiner eigenen Fantasie konfrontiert, die ihm ein monsterhaftes Mischwesen suggeriert, ist es, als sei das Ich bei Hilbig selbst das Mischwesen, bestehend aus den Teilen seines eigenen Bewusstseins. So ist denn auch die Übertragung zweier Strophen der Wild’schen “Sphinx” keine wortgetreue Übersetzung, sondern eine Allegorie auf das Ich einerseits und die Un-(Liebe) der Worte andererseits. Wer Sphinx ist und wer Dichter, ist hier fast nicht zu unterscheiden. “Gib endlich preis die tausend Jahre Müdigkeit im Leiden/ Das du verschmerztest/ Berauscht die Hieroglyphen auszudeuten/ War Sand und Stein der Obelisken -/ Denn ich gewährte dir, o Basiliskin/ Dich an des Hippogryphen Zeugung selbst zu weiden.”

Wie das lyrische Ich bei Oscar Wilde oder der Erzähler bei Poe verfällt auch der Erzähler bei Wolfgang Hilbig hernach in einen Zustand der Fantasterei. Dabei wird mehr und mehr unklar, ob der Erzähler nicht im Grunde selbst der Gastgeber ist, in dessen Behausung er residiert, und die Texte – all die Worte, die beide miteinander verbinden – von einem Ich zum anderen Ich zu verschmelzen scheinen; “alle Dinge, die gemacht waren – und es waren beinahe alle Dinge, die ich denken konnte, für einen Leib gemacht -, wanderten mit dem Eigentum meines Leibs in eine andere Verfügungsgewalt aus. Dass der Erzähler zwischenzeitlich männliche und weibliche Körperlichkeit vertauscht, folgt in diesem Zusammenhang einer fast mythischen Logik in Anspielung auf den Geschlechtertausch des Propheten Teiresia, nur dass dieser hier eher wie die Paarung von Dichter und Worten (Poesie) anmutet, um sich mal zu trennen und mal in eines zusammenfließen wie ein Rätsel, für das es keine Lösung gibt bzw. dessen Lösung gar nicht gewünscht ist.

Auch der Erzähler bei Hilbig begegnet in der Vermengung von Rausch und Grübelei zum Schluss einem Monster, das jedoch weder zu Furcht und Tod allegorisiert ist wie bei Wilde noch einem Insekt gleicht wie bei Poe. “Auf dem unteren Fensterrahmen saß majestätisch ein Ungeheuer, das, auf kräftigen Löwenkrallen sich festhaltend, halb Vogel, halb Katze war, eine große gefiederte Raubkatze, deren kurze Flügel sich an den perspektivisch verkürzten Leib falteten, oder ein Vogel mit schwarzem Fell, der Kopf aber – ich habe den fürchterlichen Schädel eines mythischen Tigers oder Löwen erwartet auf einem gewundenen Hals, dessen Schwanz in ein elfenbeinfarbenes Weiß überging, war das Haupt eines Schwans, das die winzigen stechenden Augen auf mich heftete.”

Vielleicht ist es das Monster des eigenen Ich. Denn die Hilbigsche Sphinx ergreift denn auch, in Anspielung auf die sexuelle Gier, im wahrsten Sinne des Wortes vom Erzähler Besitz. Liegt vielleicht hier ihr wahres Geheimnis verborgen? Begreift man die Sphinx als jenes Wesen, das die Hieroglyphen (Worte) ausdeutet und zeugt, gebiert sie hier nicht nur die Poesie, sie mutiert auch zu jener zeitlosen Quelle, die alle Geheimnisse, alle Worte, alles Sein beobachtet und aufgesaugt und festgehalten hat. Sie ist Teil des Ichs und das Ich ist Teil von ihr. Manifestiert sie sich bei Poe als unheilverkündender Schmetterling, ist sie bei Hilbig eine Larve des Ichs. “Ohne Zweifel war der schwer zu beschreibende Prozeß, auf den ich zurückblicke, der umgekehrten Evolution eines Insekts ähnlich: ich habe mein Ich in eine Larve eingesponnen”. Was aus der Larve werden wird, ist Teil einer Geschichte, “unauflösbar”, ein Rätsel.

Ist es nicht genau das, was die Sphinx ausmacht, dass sie – trotz der Gestalt, die man ihr gegeben hat oder sogar genau deshalb – alles sein kann (Monster, Verführerin, Tod, Ich, Worte), ohne zu sein? Dass sie sich verwandeln kann – wie das Dunkel, das Selbst und die Welt – und beliebig verwandelbar ist. Dass sie damit der Sprache und den Worten in ihrer steinernen Starrheit am nächsten kommt, ohne ein Wort zu sagen, als läge die Bedeutung des Sagens genau in diesem Nichtsagen. Oder es ist alles Unsinn und das eigentliche Rätsel der Sphinx ist dieses, dass wir in Wahrheit selbst alle Mischwesen sind?

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Wolfgang Hilbig. Sphinx. Connewitzer Verlagsbuchhandlung: Leipzig, 2019.

Oscar Wilde. Dichtungen (Die Sphinx; die Ballade vom Zuchthaus von Reading). Verlag J. C. C. Bruns. Minden, 1906.

Edgar Allan Poe. Die Sphinx. https://www.projekt-gutenberg.org/poe/sphinx/sphinx.html

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.