Geheim und unaussprechlich – antike Mysterien

Es durfte nicht darüber gesprochen werden oder es ließ sich vielleicht auch gar nicht in Worte fassen … Die Rede ist von einem Phänomen, das im antiken Griechenland und im römischen Reich weit verbreitet war, von  geheimen Kulten, durch deren Zeremonien die Eingeweihten ein Wissen von göttlichen Dingen erlangten, das sie heraushob aus der Anzahl der Uneingeweihten.  Sie waren damit in einen Kreis von Menschen eingetreten, die eines Versprechens teilhaftig geworden waren, das sich auf etwas Bleibendes bezog und ihrem Leben fortan eine tiefere Bedeutung verlieh. Freilich waren sie verpflichtet, über das zu schweigen, was ihnen im Verlaufe der Zeremonien mitgeteilt oder gezeigt worden war. Eine Verpflichtung, die im Großen und Ganzen auch eingehalten wurde, mit dem Resultat, dass wir über die Inhalte, eben über den Kern der Mysterien, sehr wenig wissen. Wir verfügen im Wesentlichen nur über Andeutungen in der Literatur –  ein gnostischer Autor teilte freilich wesentliche Einzelheiten über die Eleusinien mit – und über archäologische Befunde bei den Ausgrabungen diverser Heiligtümer.

Im Großen und Ganzen können wir nur sagen, was der amerikanische Lyriker Robert Frost (1874 – 1963) einmal witzig unter dem Titel The Secret Sits wie folgt formuliert hat: We dance round in a ring  and suppose / But the Secret sits in the middle and knows. (Als Das Geheimnis übersetzt von Helmut T. Heinrichs: Wir rätseln, tänzeln  und freuen uns des Kreises  / Das Geheimnis sitzt in der Mitte und weiß es). Eben deshalb aber reißen bis heute die Versuche nicht ab, in den Mittelpunkt dieses Kreises vorzudringen und zu enträtseln, was – um nur die berühmtesten Mysterien zu nennen – in Eleusis geschah, wo Demeter, ihre Tochter Persephone und ein Kind – häufig mit Dionysos identifiziert – verehrt wurden, wie auf Samothrake der geheime Kult der Kabiren als Großer Götter vollzogen wurde oder was in den vielen Heiligtümern der Isis, der Magna Mater (Kybele, der Großen Mutter), des Mithras oder bei den geheimen Begehungen zu Ehren des Dionysos  wirklich passiert ist. Die eher spekulativ Gestimmten meinen zu wissen, die Vorsichtigeren, Skeptischeren halten es mit dem Altphilologen und Religionswissenschaftler Walter Burkert  (1931-2015)  und werden versuchen, „von den Andeutungen ausgehend gleichsam Tangenten um das verborgene Zentrum zu legen“ (Burkert, Griechische Religion, S. 414). Der MYTHO-Blog wird diesen Versuch in loser Folge bei einigen Mysterien unternehmen. Hier zunächst ein paar einleitende Worte.

Von der Herkunft des Mysteriösen

Das Wort „Mysterien“ (griech. mystērion) wird zumeist abgeleitet von dem griechischen Verb myein, den Mund oder die Augen schließen. Als Mystes (Plural mystai) wurde der Eingeweihte bezeichnet, denn myeîn konnte auch „einweihen“ bedeuten, ebenso wie teleîn dieses heißen konnte; das telestérion war das Gebäude, in dem die Weihe vollzogen wurde (teleté konnte freilich jedwede, d. h. auch jede frei zugängliche religiöse Feier genannt werden, nicht bloß die Mysterienfeier). Manche Mysterien wurden nur an einem Ort begangen, andere hatten Filialen oder waren völlig dezentral organisiert.

Der Begriff „Mysterienreligion“ ist eher irreführend, denn die Einweihung schloss keineswegs aus, dass die Mysten weiterhin auch an den üblichen Kulthandlungen ihrer jeweiligen Polis teilnahmen – nicht selten leiteten sogar dieselben Priester öffentliche und geheime Kulte. Es handelt sich eher um „Spielformen, Optionen, ja Moden innerhalb des einen uneinheitlichen und doch kontinuierlichen Konglomerats, das wir die Religion der Antike nennen“ (Burkert, Antike Mysterien, S. 11). Sich einweihen zu lassen, war eine individuelle Entscheidung und keine bürgerliche Pflicht, wie es die Teilnahme an den Polis-Kulten im Grunde war, aber es war in gewissem Sinne doch eine Massenerscheinung. In die meisten Mysterienkulte konnte sich im Prinzip jeder einweihen lassen – Männer und Frauen, Bürger und Fremde, Freie und Sklaven, Griechen und Nichtgriechen – sie mussten nur, wie es z. B. für die Eleusinien vorgeschrieben war, reine Hände haben, d. h. keinen ungesühnten Mord auf dem Gewissen haben, und sie mussten Griechisch können. Wohl die meisten Einwohner Athens pilgerten jährlich nach dem nahe gelegenen Eleusis zur Mysterienfeier oder ließen sich in der Athener Filiale dieses Heiligtums einweihen. Die Eleusinischen Mysterien sind die berühmtesten der antiken Welt, und zu Zeiten des römischen Reiches gab es einen regelrechten Einweihungstourismus, auch etliche Kaiser gehörten zu den Mysten.

Alter und Ursprünge

Dass die Mysterienkulte seit den Zeiten Alexanders des Großen und dann während der Römerherrschaft  offenbar an Bedeutung zunahmen und dass manche, wie etwa der Kult des Mithras oder der der Magna Mater sich bis an die Grenzen des römischen Reiches verbreiteten, führt leicht zu der optischen Täuschung, es handele sich bei ihnen um ein spätantikes Phänomen. Das stimmt jedoch nur in manchen Fällen. Die Eleusinischen Mysterien reichen bis in die archaische Zeit zurück – eventuell haben sie sogar jungsteinzeitliche Vorformen. Auch andere Kulte hatten ein beträchtliches Alter. Bis zu ihrem Erlöschen nach dem Sieg des Christentums – letztlich erst im 5. Jahrhundert n. Chr. – waren manche rund tausend Jahre praktiziert worden. Man hat den Ursprung von Mysterien in Initiationszeremonien gesehen, wie sie vielleicht bereits seit dem Paläolithikum von Stämmen und Sippen praktiziert worden sind. Plutarch (45 – ca. 125 n. Chr.) und Pausanias (um 115 – um 180 n. Chr.) wollen von einem geheimen Kult der Lykomiden wissen – der Familie, der der athenische Feldherr Themistokles (um 524 – um 459 v. Chr.) entstammte -, der sogar älter sein sollte als der von Eleusis (vgl. Burkert, Griechische Religion, S. 416). Und es gab außer den berühmten eine ganze Reihe weniger bekannter Mysterien: Mysterien im Kabireion von Theben (Boiotien), Mysterien des Zeus von Panamara (Karien) sowie viele Demeter-Mysterien, die offenbar unabhängig von Eleusis waren.

Nochmals: Was erfuhren, was erlebten die Mysten? Geheimnisse von Sexualität und Fruchtbarkeit, Leben und Tod, litten sie Schicksale der Gottheit mit? Vielfach ging es darum, dass die Eingeweihten ein besseres Schicksal im Jenseits erwartete als die Ungeweihten, denen in der anderen Welt oft Grässliches bevorstand. Wie gesagt, wir rätseln, tänzeln  und freuen uns des Kreises“. Diejenigen, die eingeweiht waren, haben sich allenfalls andeutungsweise und metaphorisch geäußert. Wohl am schönsten finden wir es bei Platon. Dieser beschreibt in seinem Phaidros vordem Hintergrund der Mysterienerfahrung die Wagenfahrt der Seelen, bevor sie wieder reinkarniert werden über den Himmel im Gefolge der Götter, um einen Blick in das Jenseitige zu tun. Wieder verkörpert, behalten sie allenfalls eine getrübte Erinnerung daran, die aber durch die Begegnung mit dem Schönen wiedererweckt werden kann. Dann wissen sie wieder, „wie damals glänzende Schönheit zu sehen war, als sie im seligen Chor selige Bilder und Gesichte im Gefolge des Gottes schauten und geweiht wurden in die Weihen, die man die seligsten nennen darf, eine Weihe, die wir feiern, selbst vollkommen (…), in vollkommene, einfache, unbewegte, selige Erscheinungen eingeweiht und sie schauend – als Mysten und Epopten [Schauende, der höchste Einweihungsgrad in Eleusis, C. S.] – im reinen Glanz, selbst rein und noch nicht geprägt von dem, was wir jetzt mit uns herumtragen und Körper nennen“ (zit. in: Burkert, Antike Mysterien, S. 77f). Solch philosophische Höhe erklimmt nicht jeder. Aber man wird annehmen dürfen, dass die Erfahrung der Initianden eine existenzielle war. Oder sein sollte … Wie gesagt, der MYTHO-Blog wird auf das Thema zurückkommen.

Ein Beitrag von Christoph Sorger


Literaturhinweise:

Burkert, Walter. Griechische Religion der archaischen und der klassischen Epoche. (2., überarb. und erw. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer 2011.

Burkert, Walter. Antike Mysterien (2. Aufl.). München: Beck, 1991.

Frost, Robert: In Liebe lag ich mit der Welt im Streit. Berlin: Volk und Welt, 1973.

Meyer, Marvin W. (Hsg.).Ancient Mysteries. A Source Book. San Francisco: Harper, 1987.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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