Über den Mythos von der List der Isis, die Macht geheimer Namen und die Frage: Wie funktioniert antike Magie?

Von kleinen Geschichten

Seit dem Mittleren Reich, also ungefähr seit dem 21. Jahrhundert vor Christus, sind aus Ägypten kurze mythologische Erzählungen überliefert, die als Beschwörungsformeln zur Bewahrung und Wiederherstellung der Gesundheit eingesetzt wurden. Wir nennen sie heute “Historiola”, auf gut Deutsch “Geschichtchen”. Ein solches heilbringendes Geschichtchen entstand aus dem Mythos von der List der Isis. Die frühesten Quellen zu diesem Mythos stammen aus der Arbeitersiedlung Deir el-Medina auf dem Westufer Thebens, südöstlich des Tals der Könige. Datiert werden sie in die sogenannte Ramessidenzeit zwischen dem 13. und 11. Jahrhundert vor Christus.

Der Mythos von der List der Isis

In diesem Mythos geht es um den alternden Schöpfer- und Sonnengott Re, der seinen Leben spendenden Speichel auf die Erde tropfen lässt.[1] Aus diesem Stück Erde formt die weise, in der Heilkunde überaus versierte Göttin Isis eine Schlange und lässt sie Re beißen, als dieser auf der Erde wandelt um sein Werk zu bewundern. Nur Isis kann den geschwächten Gott jetzt noch retten:

"(...) seine Lippen zitterten, alle seine Glieder erschauderten, das Gift hatte ihn vollständig erfasst wie die Nilflut, die alles mit sich reißt." (P. Turin 1993, Paragraph 4)

In seiner Verzweiflung ruft Re seine göttliche Gefolgschaft zusammen und berichtet:

"Der Schmerz hat zugeschlagen, mein Herz weiß es, aber meine Augen sehen es nicht, noch können meine Hände ihn erschaffen, noch erkenne ich ihn aus allem, was ich gemacht habe. Ich habe noch nie eine Krankheit wie diese gekostet. Nichts könnte mehr schmerzen als dies." (P. Turin 1993, Paragraph 4)

Er holt dann noch, typisch ägyptisch, etwas aus über seine Herkunft, bis die geneigte Leserschaft eine spannende Information erhält:

"Mein Vater und meine Mutter sagten mir meinen Namen und ich verbarg ihn vor meinen Kindern, in meinem Körper, um zu verhindern, dass ein Zauberer oder eine Zauberin gegen mich zuschlägt." (P. Turin 1993, Paragraph 5)

Hier erfahren wir von der Vorstellung, dass ein Gott neben seinem Rufnamen, der allen bekannt ist, über einen geheimen Namen verfügt. Mit der Kenntnis dieses geheimen Namens wären Magier und Magierinnen in der Lage, einen Gott anzugreifen und zu verletzen. Deswegen muss dieser Name unbedingt geheim gehalten werden.

Re fordert im weiteren Verlauf der Geschichte seine Begleiter dazu auf, seine Kinder zu ihm bringen zu lassen, allesamt mächtige Götter und Göttinnen, in der Hoffnung, dass sie ihn heilen können. Darunter auch: Isis. Doch ein Kind nach dem anderen versagt bei dem Versuch, Re zu heilen, bis die Reihe an Isis ist. Sie tut zunächst ganz erstaunt:

"Isis kam mit ihren Kräften, ihre Sprache wie der Atem des Lebens, ihre Worte, die den Schmerz vertreiben können, ihre Worte, die jeden mit verstopfter Kehle zum Leben erwecken. Sie sagte: "Was ist, göttlicher Vater? Was, ist das eine Schlange, die dich gebissen hat? Hat eines deiner Kinder seinen Kopf gegen dich erhoben? Dann kann man sie mit wirksamen Worten der Macht fällen. Ich kann sie dazu bringen, sich zurückzuziehen (...)" (P. Turin 1993, Paragraph 6)

Re ist zunächst erfreut, doch dann rückt Isis mit ihrem wahren Motiv heraus.

Von der Macht des geheimen Namens

"Sag mir deinen Namen, mein göttlicher Vater. Ein Mensch lebt, wenn er bei seinem Namen gerufen wird." (P. Turin 1993, Paragraph 8)

Re versucht nun erst einmal, sie abzulenken, indem er eine lange Liste seiner Beinamen (so genannter “Epitheta”) anführt. Darunter:

"Ich bin der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Binder der Berge, Schöpfer von allem, was auf ihr existiert (...) Ich bin derjenige, der seine Augen öffnet, und es ist Licht, der seine Augen schließt, und es ist Dunkelheit (...) Ich bin der Schöpfer der Stunden, damit der Tag existiert, ich bin der Spalter des Jahres, der die Jahreszeiten schafft. Ich bin der Schöpfer des Feuers des Lebens (...) Ich bin Cheper am Morgen, Re am Mittag, Atum, der in der Abenddämmerung ist." (P. Turin 1993, Paragraph 8)

Aber Isis ist klug und stellt daher fest:

"Dein Name ist nicht unter denen, die du mir gesagt hast: Sag ihn mir! Das Gift verlässt einen Menschen, wenn sein Name ausgesprochen wird." (P. Turin 1993, Paragraph 9)

Re ist nun gezwungen, ihrer Bedingung nachzugeben, wenn er am Leben bleiben möchte, und letztendlich verrät er Isis seinen geheimen Namen, aber unter einer Bedingung. Isis ist einverstanden und befreit Re daraufhin mit einer Beschwörung von dem Gift, das in seinem Körper ist:

Ich bin derjenige, der dich geschaffen hat, ich bin derjenige, der dich gesandt hat, fall zu Boden, Gift, ich habe Macht! Siehe, der große Gott hat sich in seinem Namen erhoben. Re lebt, das Gift ist gestorben. (...) seit Re seinen eigenen Namen zu Isis, der großen Herrin der Götter, gesagt hat. (P. Turin 1993, Paragraph 9)

Re wird wieder vollständig gesund und Isis kennt nun seinen geheimen Namen, wodurch sie Macht über ihn erlangt hat. Aber Re konnte ihr eine Bedingung abverlangen: Sie darf diesen Namen niemandem außer ihrem eigenen Sohn Horus verraten. Und er wird auch nicht in dem Papyrus genannt, die Leserschaft bleibt also unwissend diesbezüglich.

Der Mythos von der List der Isis, der uns in dem Papyrus P. Turin 1993 überliefert ist, ist übrigens Teil einer Ritualanleitung und wurde zur Heilung eines Patienten als “Historiola” verwendet. Diese endet mit dem Satz:

"Re lebt, das Gift ist gestorben. NN (an dieser Stelle wird im Ritual der individuelle Name des Patienten oder der Patientin eingefügt), geboren von NN, lebt, das Gift ist gestorben." (P. Turin 1993, Paragraph 9)

Danach folgen die Handlungsanweisungen für den weiteren Verlauf des Rituals:

"Worte, die über einem Bild von Atum Horus Hekenu gesprochen werden, ein Bild von Isis, ein Bild von Horus, gezeichnet auf die Hand des gebissenen Patienten, um von dem Mann abgeleckt zu werden, und ebenfalls auf einen Streifen feinsten Leinens gezeichnet, der um den Hals des Gebissenen gelegt wird. Das pflanzliche Heilmittel ist das Skorpionkraut, gemahlen zu Bier oder Wein, das der Patient, der von einem Skorpion gebissen wurde, trinken soll. Ein millionenfach wirksames Mittel." (P. Turin 1993, Paragraph 9)

Die Vorstellung, dass die Kenntnis des geheimen Namens höherer Mächte große Macht über eben jene höheren Mächte verleiht, ist tief in der ägyptischen Kultur verwurzelt. Sie hat sich bis in die Römerzeit gehalten und wird hier in den magischen Texten aus dieser Zeit auf ganz besondere Weise greifbar.

Wie funktioniert antike Magie?

Eins der Kernmerkmale antiker Magie ist eben jene Vorstellung, dass höhere Mächte über geheime, manchmal unaussprechliche Namen verfügen. Neu ist, dass Menschen in den Besitz dieser Namen kommen und damit Macht über eben jene höheren Mächte erlangen können.

"Ich rufe an deine heiligen und großen und geheimen Namen, die du mit Freude hörst. Auf sproßte die Erde, als du über sie glänztest, und die Gewächse trugen Früchte, als du lachtest, Lebendiges gebaren die Lebewesen auf dein Gebot. Gib Ruhm und Ehre und Gnade und Glück und Macht dem Steine, für den ich heute die Weihe vollziehe (...)"

Ausschnitt aus einem “Herbeizwingenden Liebeszauber über einem Raucherwerk von Myrrhe”, PGM IV, 1609-1619 (P. Bibl.Nat. Suppl. gr. no. 574, Bibliothèque nationale de France, Paris), 4. Jahrhundert.


(...) erhöre mich, Herr, der den geheimen, unaussprechlichen Namen hat, vor dem die Dämonen erzittern, wenn sie ihn hören, vor dem auch die Sonne, vor dem auch die Erde, hört sie ihn, sich windet, der Hades, hört er ihn, in Verwirrung gerät, Ströme, Meer, Sümpfe, Quellen, hören sie ihn, gefrieren, die Felsen, hören sie ihn, bersten, und der Himmel dein Haupt, der Äther dein Leib, die Erde deine Füße, das Wasser um dich, der Ozean, der Gute Dämon.
Aus einer griechischen Zauberanleitung zur Herstellung eines magischen Rings, PGM XII, 239-243 (AMS 75, Rijksmuseum van Oudheden, Leiden), 4. Jahrhundert.

"Ich beschwöre dich, Typhon Set, ich gebiete über deine prophetischen Kräfte, weil ich deinen maßgeblichen Namen anrufe, den du nicht ablehnen kannst, zu hören: lo Erbeth, lopakerbeth, lobolkhoseth, lopatathnax, losoro, loneboutosoualeth, Aktiophi, Ereskhigal, Neboposoaleth, Aberamenthoou, Lerthexanax, Ethreluoth, Nemareba, Aemina. Komme zu mir und gehe und schlage nieder ihn/sie, den/die NN, mit Schüttelfrost und Fieber!"
Aus einem “Zauberspruch, der “bösen Schlaf” verursacht”, PGM XIV, Recto, Kolumne XXIII, 13-19 (AMS 65, Rijksmusem van Oudheden, Leiden), 2./3. Jahrhundert.

"Ich habe in meinem Besitz die Macht des großen Gottes, dessen Name von niemandem ausgesprochen werden kann, außer von mir allein, weil ich seine Macht besitze (...)"

Aus einem Liebeszauber, PGM LXI, 1-38 (P. 10588, British Museum, London), 3. Jahrhundert.


"Und lass meine Zunge gerade sein. Lass sie schön singen vor Männern und Frauen und Kindern, vor allen zusammen, bei deinem großen und heiligen Namen, und auch bei den unaussprechlichen Namen, nämlich: Alaphabe Ephouau Saenouoph Kaaphphe Koph! Ich beschwöre dich bei deinen Namen und deinen Kräften und deinen Amuletten, auf dass du deine Kräfte auf sie (die Zunge) wirken lässt und mir etwas Gutes tun wirst (...)"

Ausschnitt aus einer koptischen Zauberpraxis für eine gute Singstimme (P. Berlin 8318, Papyrussammlung des Ägyptischen Museums Berlin), ca. 7.-8. Jahrhundert.

Ein wichtiges Element der Funktionsweisen antiker Magie ist also die Kenntnis der geheimen Namen jener höheren Mächte, von denen man möchte, dass sie einen Auftrag erfüllen. Das alleine reicht aber noch nicht. Man muss auch wissen, wie man ihnen den Auftrag richtig vermittelt, wie man sich vor ihnen schützt, wenn sie erscheinen, und wie man sie wieder loswird.

Der antiken Zauberpraxis liegen zahlreiche Überlieferungen, Vorstellungen und Konzepte aus den unterschiedlichsten Kulturen zugrunde, darunter altägyptische, jüdische, griechische, römische und christliche. Sie ist zudem synkretistisch, das heißt, sie verbindet vorhandenes Gedankengut miteinander und erschafft so neue Vorstellungen und Konzepte. Doch eine handvoll wiederkehrender Elemente bilden den Kern der antiken Vorstellungen davon, wie Magie funktioniert. Die Kenntnis der geheimen Namen ist eins davon.

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Ein Beitrag von Dr. Kirsten Dzwiza


Dr. Kirsten Dzwiza forscht am Institut für Ägyptologie der Universtität Heidelberg. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen u. .a. Antike Magie und Ritualpraxis, Schriftverwendung und Schriftfunktion in antiken rituellen Kontexten sowie Ancient materials, technologies, and knowledge in modern contexts of the Sustainable Development Goals.

Die Autorin twittert regelmäßig über antike Magie unter @antikemagie


Ausführlicher schreibt sie in ihren Blogs:

https://www.antike-magie.de/ (Deutsch)

https://charakteres.com/ (Englisch)


Link zum Papyrus P. Turin 1993:

https://collezionepapiri.museoegizio.it/en-GB/document/185/?inventoryNumber=1993

Ausführliche Beschreibung in Deutsch:

https://sae.saw-leipzig.de/de/dokumente/papyrus-turin-cgt-54051


Anmerkungen:

[1] Siehe zu der ägyptischen Vorstellung des schöpferischen Potentials der Ausscheidungen von Göttern Alexandra von Lieven, „Where there is dirt there is system“. Zur Ambiguität der Bewertung von körperlichen Ausscheidungen in der ägyptischen Kultur, in: Studien zur Altägyptischen Kultur, Bd. 40 (2011), 287-300.


©Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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