Verwandlung

„Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue
Körper, so treibt mich der Geist. Ihr Götter, da ihr sie gewandelt,
Fördert mein Werk und lasset mein Lied in dauerndem Flusse
Von dem Beginne der Welt bis auf meine Zeiten gelangen!”

(Ovid, Metamorphosen, Buch 1, Vs. 1-4)

Alles um uns herum befindet sich in steter Veränderung. Jeder Aspekt unseres menschlichen Lebens führt uns das Tag für Tag vor Augen, und dennoch tun sich die meisten Menschen mit Veränderungen eher schwer. “Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein”, sagte Johann Wolfgang von Goethe, wobei er wohl eher auf den eben beschriebenen, täglichen Umgang mit dem steten Fluss des Neuen anspielt, als die Verwandlung einer jungen Frau in eine Kuh.

Veränderung, Umstellung, Übergang – Verwandlung. Viele Synonyme, die alle irgendwie dasselbe bedeuten und dann doch wieder nicht. „Veränderung“ ist wohl der beste Sammelbegriff, denn er kann vom Jobwechsel und einer neuen Frisur bis hin zum Umdenken alles sein. Gerade die hier genannten stellen zugleich eine Art Verwandlung der jeweiligen Person dar und Verwandlungen spielen seit jeher eine große Rolle in der Vorstellung der Menschen.

Die frühen Naturreligionen verehrten lebensbestimmenden Faktoren wie den Jahreszeitenwechsel, den Tag und die Nacht, die Regen- und Trockenzeiten als Verwandlungen ihrer Umwelt, die durch göttliche Macht hervorgerufen wurden. Die Hindu-Göttin Parvati kennt viele Erscheinungsformen; ursprünglich das göttliche Ideal der liebenden, treusorgenden Mutter ist eines ihrer anderen Gesichter das der Kali, Göttin des Todes und der Zerstörung. Auch im Christentum tritt Jesus als Sohn Gottes auf, der sich von einer Sterblichen als Mensch in diese Welt gebären ließ. Veränderung und Verwandlung sind also zentrale Elemente der verschiedensten Religionsvorstellungen.

Wandlung als Motiv

Das griechische und römische Pantheon nimmt die Verwandlung in ihren Geschichten jedoch so wörtlich, dass sie sogar in einem als solche betitelten Werk gesammelt wurden. Die Rede ist von dem mythologischen, in Hexametern verfassten, Werk Metamorphosen (Metamorphoseon libri) aus der Feder des römischen Dichters Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. – 17 n. Chr.), der vor allem unter dem Namen Ovid bekannt ist.

Das Wort „Metamorphose“ leitet sich vom altgriechischen metamórfōsis ab, was so viel wie „Umgestaltung“ oder „Verwandlung“ bedeutet. In der Tierwelt kennt man den Begriff zum Beispiel in Verbindung mit dem Verpuppen von Raupen und den daraus schlüpfenden Schmetterlingen. In Ovids Geschichten ist allerdings nicht jeder so glücklich, als schöner Falter aus seiner Metamorphose herauszukommen.

Bei dem Werk handelt es sich um eine literarische Verarbeitung von etwa 250 Sagen, welche aus 15 „Gesängen“ oder Büchern aufgebaut ist. Jedes einzelne dieser Bücher besteht wiederum aus circa 700 bis 900 Versen, die von der Entstehung und Geschichte unserer Welt erzählen. Die Metamorphose ist dabei ein wiederkehrendes Motiv, welches auf die unterschiedlichsten Arten und für diverse Zwecke zustande kommt.

Konsequenz der Untreue

Beliebt ist die Verwandlung als Strafe, meist sind die Opfer dabei unliebsame Nebenbuhler und Geliebte der Gottheiten – wobei wir zur jungen Frau und deren Verwandlung in eine Kuh zurückkommen. Denn eine der berühmteren Geschichten ist die des Jupiter und der Io, die sich im Buch 1 findet. Die Umstände der Verwandlung sind zugleich kurios und tragisch, geschieht sie doch erst als Rettung und wird dann zur Bestrafung umgewandelt.

Jupiter, das römische Gegenstück zum Göttervater Zeus, verliebt sich in die junge Priesterin Io und verführt sie. Seine Ehefrau Juno kommt ihm jedoch auf die Schliche, da sie seine Neigung zu Untreue kennt.

„Nach dem Gemahle späte sie [Juno] aus: sie wußte, wie oft schon
Sie ihn ertappt bei heimlicher Liebe; und als sie im Himmel
Ihn nicht fand, da sagte sie: »Entweder bin ich im Irrtum,
Oder ich werde beleidigt.« Sie glitt vom himmlischen Aether
Nieder und stand auf der Erde: den Nebeln gebot sie zu weichen.
Jupiter hatte ihr Kommen gemerkt, und des Inacus Tochter
Hat er verwandelt: sie war zur strahlenden Färse geworden.”
(Metamorphosen, Buch 1, Vs. 605-611)


Die Aktion geht nach hinten los, denn Juno ahnt, dass es sich bei dem Tier um kein gewöhnliches handelt. Anstatt jedoch wütend zu werden, bewundert sie die schöne weiße Kuh, fragt nach ihrer Herkunft und wem sie wohl gehört. Jupiter antwortet ausweichend, und so fordert Juno ihn auf, dass er ihr die Kuh zum Geschenk machen soll. Dieser sitzt nun in der Zwickmühle und überlässt seiner Frau schließlich die hilflose Geliebte in ihrer Tiergestalt, um seinen Schwindel nicht auffliegen lassen zu müssen.

Juno befragt Jupiter

Da Juno noch immer nicht überzeugt ist, gibt sie die Kuh dem Riesen Argus mit seinen hunderten Augen zur Bewachung. Die arme Io muss ein jämmerliches Dasein fristen und läuft den Nymphen, ihren Schwestern, und dem Vater in der Hoffnung nach, sich irgendwie zu verständigen. Ihr Vater ist es dann auch, der die Wahrheit erkennt und dennoch machtlos bleibt. Mithilfe eines Tricks schafft es Jupiter, den Argus töten zu lassen, was seine Gattin mit einer üblen Hetzjagd der armen Io pariert.

Letztendlich zwingt ihn die aussichtslose Lage dazu, zerknirscht Besserung zu geloben und Gnade für seine Geliebte zu erbitten. Befriedigt verwandelt die triumphierende Juno die junge Frau zurück. Glücklich gesellt sich diese wieder zu ihrer Verwandtschaft und wird von da an als göttlich berührt verehrt.

Letzte Zuflucht

In einem Großteil der Geschichten ist die Liebe eines Gottes verantwortlich für die Verwandlung. Fand sie bei Io statt, um Jupiters Untreue zu kaschieren, so kann sie auch als Errettung vor unerwünschten Avancen eintreten. So geschieht es auch in der Geschichte um Phoebus und der Nymphe Daphne, welche ebenfalls im Buch 1 zu lesen ist.

Das Schicksal der beiden ist geradezu tragisch, wenn auch von Phoebus Seite her nicht ganz unentschuldigt. Dieser verspottet Cupido, den Sohn der Venus, wegen seines Bogenschießens, worauf dieser verständlicherweise nicht allzu freundlich reagiert. Aus Rache trifft her Phoebus mit einem seiner Pfeile, welche die Liebe entzünden. Die Nymphe Daphne trifft er jedoch mit dem Gegenstück, das die Liebe verscheucht und Unwillen hervorruft.

Alle Bewerber lehnt sie ab, trotz der mehr oder weniger sanften Maßregelungen ihres Vaters. Letztendlich kann sie von ihm die Erlaubnis zum ewigen Ledigenstand und Jungfräulichkeit erbitten. Ihrer Schönheit wegen prophezeit er ihr jedoch einige Hindernisse diesbezüglich. Und er soll recht behalten.

„Phoebus – er liebt! Er hat Daphne erblickt und ersehnt die Vermählung, […]
Also wurde der Gott zur Flamme, es loderte Feuer
Ihm in der Brust, und die Hoffnung ernährte vergebliche Liebe.”

(Metamorphosen, Buch 1, Vs. 490-496)

Er tritt zu ihr, geblendet von seinem Begehren, und muss mit ansehen, wie die Liebste vor ihm flieht. Unter Bitten und Flehen verfolgt er sie, gibt sich ihr als Gott des Lichtes, der Heilung, der Künste zu erkennen und hofft damit ihre Angst zu vertreiben. Doch sein Bemühen ist zwecklos, was er schnell einsieht. Die unerbittliche Magie von Cupidos Pfeil treibt ihn jedoch immer weiter an und die Verfolgung wird immer verzweifelter, während der sich Daphne die Haut an Dornen auf- und ihre Kleider zerreißt.

Als er sie dann beinahe hat, erkennt auch Daphne die Ausweglosigkeit ihrer Situation und wendet sich mit letzter Kraft an die göttlichen Kräfte der Natur, von denen sie Rettung erhofft.

„[…] ‚Ach, öffne dich mir, o Erde! so ruft sie,
Oder vernichte die allzu begehrte Gestalt durch Verwandlung!‘
Kaum hat sie solches gebetet, da fällt eine schwere Erlahmung
Ihr auf die Glieder, die schwellende Brust pberzieht sich mit feiner
Rinde; es wachsen die Haare zu Blättern, zu Zweigen die Arme;
Auch die Füße, soeben so rasch noch, sie hangen in trägen
Wurzeln, das Haupt wird Wipfel: was bleibt, ist die glänzende Schönheit.”

(Metamorphosen, Buch 1, Vs. 546-552)

Daphnes Verwandlung

Ist es Phoebus auch verwehrt, die geliebte Nymphe für sich zu gewinnen, so liebt er sie dennoch in ihrer neuen Gestalt. Er erwählt sich den Baum und seine Blätter zum Schmuck an Kleidung und Haar und verspricht ihr, dass ein Kranz aus ihren Zweigen von nun an stets die Häupter der Siegreichen schmücken wird. Denn Daphne ist in ihrer Metamorphose zum Lorbeer geworden.

Heimlicher Schwindel

Waren es in den hier genannten Beispielen bis jetzt stets die unglücklichen Geliebten der Götter, die eine Metamorphose erfuhren, so ist es in der wohl berühmtesten Geschichte genau anders herum. Die Rede ist von Jupiters Liebe zur Königstochter Europa, deren Episode vor allem als “Der Raub der Europa” bekannt ist. Zu lesen ist sie im Buch 2 und im Anfang des Buches 3 der Metamorphosen.

Jupiter erblick die Königstochter Europa, als sie von einer Gruppe Mädchen begleitet am Strand spazieren geht. Um sich ihr unauffällig nähern zu können, verwandelt er sich in einen besonders schönen, schneeweißen Stier und mischt sich unter die Herde königlicher Stiere, welche der Götterbote Merkur auf sein Wort hin zu eben jenem Strand getrieben hat.

Obwohl die Frauen zuerst bei dessen Anblick erschrocken sind, nähern sie sich dem zutraulichen Tier jedoch bald ohne größere Hemmungen. Auch Europa gesellt sich dazu, spielt mit dem Stier, streichelt diesen und schmückt die Hörner des Tieres mit Blumen.

„[…] Und sieh, nun wagt es gar die Prinzessin,
Sich auf den Rücken des Stieres zu setzen – sie kennt ihren Träger
Nicht – doch vom Land, vom trockenen Ufer entschreitet allmählich
Sachte der Gott mit trügenden Schritten zuerst in das Wasser,
Geht dann tiefer hinein und entführt durch das Meer seine Beute.”

(Metamorphosen, Buch 2, Vs. 868-872)

Europa reitet auf dem Stier

Die Entführte bringt Jupiter nach Kreta, wo er sich ihr in seiner wahren Gestalt offenbart. Auch die Suche ihrer Brüder mag sie nicht zurückbringen, und schließlich befragt man das Orakel von Delphi, welches einem der Brüder jedoch rät, nicht weiter nach seiner Schwester zu suchen, sondern stattdessen die Stadt Theben zu gründen. So endet die Geschichte der Europa, denn dem obersten Gott kann kein Sterblicher etwas entgegensetzen, ob er sich nun dessen Schwester bemächtigt hat oder nicht.

Ein Einfluss durch die Zeit

Die Metamorphosen, die vermutlich zwischen dem Jahr 3 und 8 nach Christus entstanden, zählen zu den populärsten mythologischen Werken der Geschichte und beeinflussten maßgeblich Literatur und bildende Kunst. Sie erfreuten sich im Mittelalter derartiger Beliebtheit, dass Albrecht von Halberstadt bereits im frühen 13. Jahrhundert eine Paraphrasierung im thüringischen Dialekt herausbrachte. William Shakespeare baut in seinem Stück Ein Sommernachtstraum nicht nur die Geschichte von Pyramus und Thisbe (eine weitere Episode der Metamorphosen) als meta-dramatisches Stück-im-Stück ein, sondern lässt auch einen seiner wichtigen Charaktere in ein Mischwesen aus Esel und Mensch verwandeln.

Das Motiv von Verwandlung hat seitdem im literarisch-kulturellen Bereich viele Formen angenommen. Sie wird nicht länger nur als körperliches Phänomen verarbeitet, sondern auch als psychisches, was zum Beispiel in Werken wie Robert L. Stevensons Der Seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr Hyde zum Ausdruck gebracht wird. In diesem verwandelt sich der gesetzte Dr. Jekyll in sein grausames Alter Ego Mr Hyde, in eine Fleischwerdung unterdrückter Bedürfnisse, Triebe und Traumata. Bei Franz Kafkas Werk Die Verwandlung tritt die Transformation als ungeklärtes Intermezzo auf und führt schließlich zum Ruin des Protagonisten: eine starke Botschaft, dass Veränderungen unser gesamtes Weltbild zum Einsturz bringen können.

Verwandlungen, wie sie in Ovids Werk stattfinden, haben die Menschen über Jahrtausende als solche derart beeindruckt und beeinflusst, dass sie immer wieder Aufarbeitung und neue Adaptionen erfuhren. Sie scheinen uns als Menschen auf einer Ebene anzusprechen, die als eine Abweichung aus der rationalen Welt lockt. Denn wer hat nicht schon einmal davon geträumt, sich verwandeln zu können?

Ein Beitrag von Pia Stöger.

Literaturhinweis:

Ovid. Metamorphosen. Reclam: Stuttgart 2008.

Lügen, Tricks und Todesschüsse. Odysseus, der etwas andere Held

Trickster sind eine paradoxe Sippschaft. Mythische Wesen, die irgendwie Götter sind, andererseits aber auch wieder außerhalb der Götterwelt stehen, die in Menschen- und Tiergestalt auftreten, aber auch ihre Erscheinungsform ändern können. (Mit-)Schöpfer und Ruhestörer, Kulturbringer und Feinde jeder Ordnung, Schelme und Schurken, hilfreich und zugleich gefährlich, klug bis zur äußersten Raffinesse und dann wieder so überschlau, dass sie über die eigenen Füße stolpern und am Ende als betrogene Betrüger dastehen. Im späten 19. Jahrhundert sind sie als Typus in den Mythologien nordamerikanischer Indianervölker sozusagen entdeckt worden und haben ihre Bezeichnung erhalten: „Trickster“, was im Englischen Schwindler, Gauner, Schelm usw. bedeutet. Seitdem haben sich Ethnologen und Religionswissenschaftler bemüht, sie zu klassifizieren und zu definieren. Mit dem Ergebnis, dass sie in keine Kategorie passen. Dafür aber hat man auch in den überlieferten Vorstellungswelten anderer Kontinente mehr und mehr Trickster-Figuren ausfindig gemacht – auch außerhalb rein mythologischer Kontexte. Es handelt sich also um ein universales Phänomen von außerordentlicher Bandbreite. Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie hat diesem unter dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ (2018) eine eigene Publikation gewidmet.

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