Dekadenz und Arbeit – Ein Abend über Wolfgang Hilbig, Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud

Auf den ersten Blick passt da vieles nicht zusammen: der ostdeutsche Autor und Arbeiter Wolfgang Hilbig und die französischen Lyriker der Dekadenz und des Symbolismus, Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud. Als ich gefragt wurde, eine Veranstaltung mit der Hilbig-Gesellschaft und unserem Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie zu dieser Verbindung zu machen, fiel mir zunächst wenig ein. Wir konnten den Hallenser Autor und Gelehrten André Schinkel zu einem Gespräch gewinnen, denn ein Vortrag sollte es nicht sein. Schinkel und Schenkel versuchten es also, und die Zuhörer schienen konzentriert bei der Sache zu sein. Zumal es unsere erste Veranstaltung unter Corona-Bedingungen war, die langsame Rückkehr zu einer alten Form mit Hilfe von Maske, Chemie und Adressenlisten. Vielleicht war das passend zum Thema, zu den Autoren. Die Schutzmaske des Heizers Wolfgang Hilbig, die Masken der Dichter, die Desinfektion des Lebendigen und die Erinnerungen, die dadurch entstehen, die Rückkehr von Natur unter Schutzhüllen und molekularen Auren, die Poesie als Liste und List, den Bedingungen des sozialen Daseins zu entkommen, um es desto besser in den Blick zu nehmen.

Ich las mich in Hilbig ein, in die Botschaften der Bäume, in die Topographien seiner Welten, in den langsamen Prozess seiner Wahrnehmungen, die Durchbrüche zu den sprachlichen Schichten des Unbewussten. Baudelaire und Rimbaud hatte ich noch von meiner Studienzeit vor Augen (Seminar über französische Lyrik des 19. Jahrhunderts in Freiburg) und manchmal hatten sich meine Wege mit den ihren gekreuzt. In Stuttgart, wo es zum Streit zwischen Rimbaud und Verlaine kam, als ihre Liebesbeziehung in die Brüche ging, hatte mich mein damaliger Verlag Flugasche darauf aufmerksam gemacht (Reiner Brouwer, und sein anderer Autor, Matthias Ulrich). In Paris hatte ich vor einigen Jahren das Grab von Baudelaire auf dem Friedhof Montparnasse besucht und war beeindruckt: seine Ruhestätte, ein langer liegender Stein, vermoost und überwachsen, ungepflegt; einige Meter weiter aber eine Prachtanlage für die Mitglieder der Baudelaire-Gesellschaft, Ehren- und Würdenträger – der Geehrte ein armer Hund, wenn auch ein Dandy zeitweise, die Ehrenden aus den gehobenen Schichten. Spannungen dieser Art wurden an dem Abend sicht- und hörbar, vor allem in den sehr warmherzigen Erinnerungen André Schinkels an Hilbig, den er noch in seinen späten Jahren kennenlernte.

Schinkels Erzählungen machten den Autor aus Meuselwitz, dem südlich von Leipzig gelegenen Tagebaugebiet, wieder lebendig. Wir sahen ihn geradezu die Franzosen entdecken, sie werden ihm subversive Vorbilder in einem repressiven Staat. Der gemeinsame Vorfahr Edgar Allan Poe schimmert durch, dessen dunkle Visionen und zerfallene Häuser wie Menschen sich auch bei Hilbig finden und den Baudelaire übersetzte. Mit Schinkel durchwanderten wir die Territorien seines Lebens und seiner Poesie: Leipzig, Berlin, Edenkoben im Westen. Zwischendurch konnten wir Gedichten lauschen von Baudelaire und Rimbaud. „Der Albatros“, ein geradezu mythologisches Gedicht, wurde auf Französisch und Deutsch gelesen, damit auch die Tonsprache hörbar wird: Baudelaire, der Klassiker, der doch alle Klassik zum Teufel jagt.

Dieses Gedicht über den Dichter, der wie der gewaltige Vogel in den Lüften ein König ist, auf dem Boden der Tatsachen jedoch zu einer ungeschickt wankenden, komischen Erscheinung wird, bringt die drei Figuren des Abends auf einen Nenner: den deutschen Autor, der Arbeiter war und doch keine Arbeiterdichtung produzierte, wie sie erwünscht war, lieber Kafka und Poe las – und die französischen Symbolisten, Dandys und Nomaden ihrerseits. Eine Romantik wurde sichtbar, die sich durch die Firnis des modernen Lebens, durch Rausch, Arbeit, Angst, Beschleunigung und Lebensdruck hindurch behauptet. Abgründe taten sich auf, dunkle Tümpel, einsame Ichs, die nach Echos suchen; aber auch Brücken wurden gesehen an diesem Abend, und wir schauten von ihnen hinab in das vorbeifließende Wasser der Bilder und Erinnerungen.

Ein Beitrag von Elmar Schenkel

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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