Die Höhlenkunst der Altsteinzeit

Die Entdeckung der altsteinzeitlichen Höhlenkunst in Europa

Dass wir heute von den europäischen Höhlenkünsten des Jungpaläolithikums (etwa 45.000 – 11.000 v. d. Z.) wissen, ist im Grunde einem Hund und einem Kind zu verdanken: Es war das Jahr 1868. Modesto Cubillas Pérez, ein Jäger aus dem spanischen Kantabrien, streifte wie üblich mit seinem Hund durch die Ländereien, doch blieb der wilde Vierbeiner diesmal zwischen Felssteinen hängen und sein Herrchen musste ihm zu Hilfe eilen. Pérez fiel bei seiner kleinen Rettungsaktion auf, dass sich hinter den Steinbrocken noch eine Höhle zu verbergen schien. Von seiner Beobachtung berichtete er einige Jahre später dem Besitzer dieses Landstreifens und Privatarchäologen Marcelino Sanz de Sautuola. Sautuola ließ den von Felsen versperrten Eingang öffnen, warf einen Blick in die Höhle und stufte sie aus archäologischer Perspektive als uninteressant ein. Nachdem er aber auf der Weltausstellung 1878 in Paris die Neuentdeckungen eiszeitlicher Funde bestaunte, ging er erneut in die Höhle und fand zu seiner Freude auch nach einer Bodengrabung tatsächlich Stein- und Knochenwerkzeuge, die er einer frühen Menschheitsperiode zuordnen konnte. Als Sautuola ein weiteres Mal, diesmal gemeinsam mit seiner fünfjährigen Tochter, die Höhle betrat, übertraf das, was sich offenbarte, alle Erwartungen: Die kleine Maria schaute zur Decke – nicht auf den Boden des Archäologen – und erblickte dort die kunstvolle Ausgestaltung mit zahlreichen Tierabbildungen, die etwa 15.000 Jahre alt sind. Die Rede ist von der Altamira-Höhle (vgl. Vollkommer 2000, 38f.).

Im frankokantabrischen Raum, der sich von der Provence im Süden Frankreichs bis nach Asturien im Norden Spaniens erstreckt, befinden sich die wohl prominentesten prähistorischen Kunsthöhlen, darunter die Altamira-Höhle, die Chauvet-Höhle, die erst 1994 entdeckt und womöglich auch schon vor fast 40.000 Jahren künstlerisch beschmückt wurde, oder die Höhle von Lascaux, die sich bereits als „Sixtinische Kapelle der Steinzeit“ einen Namen gemacht hat (vgl. Benz-Zehner 1995). Keine dieser paläolithischen Kunsthöhlen ist mit einer anderen vergleichbar. Jede zeigt ihr ganz eigenes Kunstwerk, das über Jahrtausende entstand. Die Höhlenkunst des Jungpaläolithikums ist aber keinesfalls ein europäisches, sondern ein globales Phänomen. Die womöglich älteste Tierabbildung wurde vor wenigen Jahren auf der indonesischen Insel Sulawesi entdeckt (vgl. Aubert et al. 2018) und nach neuerer Untersuchung auf ein Alter von bis zu 45.500 Jahren datiert (vgl. Brumm et al. 2021). Aber ganz gleich, wann oder wo die Höhlenkunst entstand:  Es scheint, als würde sie in ihrer Vielfältigkeit eine gemeinsame Sprache sprechen: die Sprache der Bilder und Symbole.

Was aber verraten uns diese frühsten Kunstwerke der Menschheit über das Denken und das Weltbild ihrer Schöpferinnen und Schöpfer, ihrer Betrachterinnen und Betrachter? Und als was sind sie überhaupt zu verstehen? Handelt es sich bei der Höhlenkunst etwa um profane Kunstausstellungen begnadeter Genies, also um „l’art pour l’art“? Oder um hochgradig sakral ausgerichtete Stätten, in denen das mythische Gedächtnis der altsteinzeitlichen Kulturen bewahrt und tradiert wurde?

Die Höhle – mysterium tremendum et fascinans

Höhlen, also jene Orte, an denen die sogenannten Cro-Magnon-Menschen ihre Bilder und Symbole festgehalten haben, haben etwas durchaus Furchterregendes an sich: Höhlen sind Orte der Kühle, Dunkelheit und Finsternis, über denen sich die Erde zusammenschließt. Begeht man eine Höhle, steigt man in wahrhaftig in die Unterwelt, die im mythischen Denken zahlreicher Kulturen mit dem jenseitigen, von dämonischen Wesen bewachten Totenreich verbunden wird: Hier walten Hades und Persephone (griech.), Aita und Calu (etrusk.), Hel und Garm (germ.), Dagda und Cromm Cruach (kelt.), Tuoni und Tuonetar (finn.), Jabmaekka (sam.), Veles (slaw.) Nergal und Ereškigal (sum.), Osiris und Anubis (ägypt.), Yama (ind.) – kurzum: die ganze Schar der Unterwelts- und Totengottheiten, die sich auf der ganzen Welt tummeln. Ein mysterium tremendum.

Vor allem in naturreligiös ausgerichteten Gesellschaften wird die Höhle aber auch mit der Vorstellung einer „Erdmutter“ und einer „Anderswelt“ in Verbindung gebracht (vgl. Porr 2005, 61). Für den Ethnologen Hans Peter Duerr weist sogar einiges darauf hin, „daß die Höhle von Eiszeitjägern als ein weiblicher Leib und gewisse Teile der Höhlen, Felskammern, als eine Gebärmutter aufgefaßt worden ist“ (Duerr 1985, 51). Indizien sieht er zum einem in dem Gebrauch des roten Ockers an weiblich anmutenden Felsspalten, bei denen er die magische Bedeutung des Rötels als „Lebenssaft“ und „Blut der Erdmuttergöttin“ (vgl. ebd.) betont. Zum anderen sind da noch die zahlreichen Gravuren von Vulven, die sich in den Kunsthöhlen des Jungpaläolithikums befinden. Duerr erinnert aber auch an die „Frauen der australischen Wildbeuter“, die ihre Höhlen betraten, „um hier ihre Kinder zur Welt zu bringen, vielleicht auch, um durch den Akt der Geburt die Geburt der Tiere aus dem Schoß der Erde anzuregen“ (ebd., 54). Die Höhlen-Unterwelt ist dann keineswegs eine Totenwelt mehr, sondern eine Welt des Lebens, der Geburt und vielleicht auch Wiedergeburt. Ein mysterium fascinans.

Möglich, dass die Höhle beides war: mysterium tremendum et fascinans. Der Ort, an dem die Bilder und Symbole festgehalten wurden, ist exklusivster Art – kein Ort des Alltags. Die Höhle ist ein Naturphänomen, das durch die Geschichte hindurch und in den verschiedensten Kulturen eine besondere Stellung hat und als sakraler Ort von großer Bedeutung bei der religiösen Erschließung der Welt ist (vgl. Porr 2005, 60f.). Welche Bilder sind es also, die in den Tiefen der Erde – wie für die Ewigkeit – bewahrt werden mussten?

Die Bilder der Steinzeit-Höhlen

Betritt man die Kunsthöhlen, offenbart sich im Flimmern der urzeitlichen Steinlampen eine kaum vorstellbare Schau: Die dunklen, kühlen Höhlenwelten beginnen auf magische Weise lebendig zu werden. Unzählige Tiere tanzen in fulminanter Größe durch die Säle und Galerien: Pferde, Wisente, Auerochsen, Steinböcke, Hirsche, Mammuts, Rentiere, Bären, Löwen, Nashörner, Fische – eine Symphonie der eiszeitlichen Tierwelt in den Tönen der Erdfarben. Man betrachtet abstrakte Muster, die im Lichte zittern. Man blickt auf Hand- und Fußabdrücke und begegnet auf eine ganz eigenartige Weise den Individuen, die vor Jahrzehntausenden gelebt und hier Zeugnis von sich, ihrem Dasein und ihrem Bezug zur Höhle abgelegt haben. Hier haben sich die Trägerinnen und Träger einer Tradition verewigt, die über 30.000 Jahre lebendig war. Schließlich, in kaum erreichbaren Winkeln und an fast zu übersehenden Orten, findet man Darstellungen verkleideter, maskierter und ekstatisierter Menschen, die ganz okkult anmuten: Inmitten einer Horde wilder Tiere tummelt sich der „Hexenmeister“, halb Mensch, halb Bison, spielend auf einem Mundbogen. In der Grotte des Trois-Frères (Frankreich), dort, wo der musizierende Hexenmeister sein Wesen treibt, hat sich auch der „Gehörnte Gott“ niedergelassen: ein in Tierfell gehüllter und maskierter Mensch, in dem sich eine Schar an Tieren zu verschmelzen scheint, als sei es eine heilige Hommage an den „Herrn der Tiere“.

„Venusfigurinen“ und „Löwenmenschen“

Im Kontext der prähistorischen Höhlenkunst dürfen die Kleinkunstwerke nicht unbenannt bleiben, modellierte oder geschnitzte Figuren, die häufig in Höhlen, jedoch nur selten in den Kunsthöhlen gefunden wurden. Die bekanntesten Kleinkunstwerke der jüngeren Altsteinzeit sind die „Venusfigurinen“, kleine, modellierte Frauenidole, die auf Grund der dominanten Ausprägungen ihrer Brüste, ihres Bauches und Gesäßes häufig in Kontexten von Fruchtbarkeitskulten oder im Zeichen matriarchaler Gesellschaftsstrukturen gedeutet werden. Die knapp 30.000 Jahre alte „Venus von Willendorf“ sorgte sogar noch jüngst für Aufsehen, da Facebook ihr Portrait kurzzeitig als „gefährlich pornographisch“ einstufte und zensierte (vgl. Stern 2018). Von besonderer Qualität ist auch der aus Mammut-Elfenbein geschnitzte „Löwenmensch“, der in der Hohlensteinhöhle im Lonetal entdeckt wurde und bis zu 41.000 Jahre alt sein könnte. Diese Figur, die mit einem menschlichen Körper und einem Löwenkopf gestaltet ist, wird meist als Schamane im rituellen Akt interpretiert und erinnert stark an die anthropomorphen Mischwesen aus den Kunsthöhlen. Auch kleinere Utensilien, etwa Jagdinstrumente, Knochen oder Steine, wurden künstlerisch bestückt und so womöglich magisch aufgeladen.

Vom primitiven Höhlenmenschen zum begnadeten Kunstschaffenden

Die altsteinzeitlichen Kunstwerke, allen voran die Höhlenkunst, hatte in der Fachwelt des 19. Jahrhunderts keinen einfachen Anfang: Nachdem der Privatarchäologe Sautuola die Entdeckung der Altamira-Höhle in seinem Werk mit dem zurückhaltenden Titel Kurze Anmerkungen über einige prähistorische Gegenstände der Provinz Santander (1880) bekannt machte, warf man ihm vor, mit einem Kunstfälscher zusammenzuarbeiten. Es würde sich bei diesen Kunstwerken also nicht um eine archäologische Entdeckung handeln, sondern um Betrug. Zudem wäre – so das zeitgenössische anthropologische Bild – ein prähistorischer Mensch, der in Höhlen hause und intellektuell eher einem Tier gleiche, gar nicht zu diesen ästhetischen Schöpfungen fähig. Die Kunstwerke waren zu komplex, als dass man sie solch primitiven Geistern hätte zuordnen können. Doch blieb es nicht bei dieser einen Entdeckung und auch die Datierungsmethoden entwickelten sich stets weiter, sodass man anerkennen musste, dass es sich um Kunstwerke aus der jungen Altsteinzeit handelt. (vgl. Benz-Zehner 1995, S. 47f.)

Der primitive Höhlenmensch stieg auf zum begabten Kunstschaffenden. Das anthropologische Bild von den vermeintlich kulturell kaum entwickelten Steinzeit-Gesellschaften war mit den Entdeckungen der Höhlenkünste obsolet und musste vollkommen neu gedacht werden. Es waren tatsächlich die „Ur-Wilden“, die vom Jagen und Sammeln lebten, nomadisch in den eiszeitlichen Gefilden den Tieren hinterherzogen, unter Abris oder in Zelten ihre Zwischenlager einrichteten – und diese beeindruckenden Werke hervorbrachten, die nur der Spitze eines kulturellen und religiösen Eisberges darstellen.

Das mythische Gedächtnis der Altsteinzeit

Innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit prähistorischer Höhlenkunst besteht heute weitestgehend Einigkeit darin, dass man es mit einem Phänomen zu tun hat, welches sich von den Phänomenen Religion, Magie und Schamanismus nicht entkoppeln lässt. Zu Beginn der Forschung herrschte noch die Theorie der „l’art pour l’art“, die für einen gewissen Wohlstand ein Zeugnis sei (vgl. etwa Halverson 1987): Den Menschen war schlichtweg langweilig und sie hatten Muße, sich künstlerisch zu verwirklichen. Dieser Ansatz konnte sich aber nicht über Dauer halten und die neueren Interpretationen nahmen eine in ihren Grundsätzen religiöse Lesart in all ihren Nuancen an. Die beiden wohl populärsten Theorien sind die des Jagd- und Fruchtbarkeitskultes. Die dominierenden Tierdarstellungen machten die Idee der Jagdmagie plausibel: Die rituelle Begehung und Huldigung der Höhlen und ihren Tieren sollten eine erfolgreiche Jagd versprechen. Differenzen zwischen gejagten Tieren und abgebildeten Tieren zeigen aber die Grenzen dieses Ansatzes auf. In eine ähnliche Richtung geht die Idee des Fruchtbarkeitskultes, nach der durch den rituellen Akt der gesunde Fortbestand der Menschen und Tiere gesichert werden sollte.

Mit diesen Ansätzen geht der Surrealist André Breton in seinem Werk L’art magique (1957) hart ins Gericht und sieht in diesen Interpretationen die moderne Form des Primitivitätsgedankens: Als ginge es den Menschen der Vorzeit nur um das reine Überleben: „essen, den Fortbestand der Art sicherstellen, das sollen die einzigen Sorgen des ‚Primitiven‘ gewesen sein, angelegt auf ein Mehr an Sicherheit für seinen Clan, den man sich unveränderbar zu denken hat und wo allein das kollektive Bewußtsein Durkheims herrscht. Dieser plumpe Positivismus, der vor allem in Frankreich anzutreffen ist, empört nicht nur ‚die Okkultisten‘ oder die nichtwissenschaftlichen Forscher. Er schreckt auch all jene ab, für die die Poesie keine nichtige Zerstreuung, die Philosophie keine überlebte Methode bedeutet, mit der man den ‚Geist‘ der menschlichen Taten und Träume verstehen kann“ (Breton 1991, 125 nach Lorblanchet 1997, 86).

Vielleicht haben wir es in der Tat mit den ersten poetischen und philosophischen Traktaten der Menschheit zu tun, die schriftlich in der Sprache des Bildes festgehalten wurden – sozusagen Erzählungen von dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Ein Beitrag von Nicole Höffgen


Literaturhinweise:

Aubert, Maxime et al. (2018): Palaeolithic cave art in Borneo. In: Nature (7. Nov. 2018). URL: https://www.nature.com/articles/s41586-018-0679-9.epdf?referrer_access_token=G_UkEeLLv30A_TGzuiRixNRgN0jAjWel9jnR3ZoTv0M0jjIe4uuvYR-SGD4FhS_f73hI8aK38xmP-Lp16R5XlgSXFAaltQWBuHKP2Q5QlskGzBQgpMG-swpMNalZaDoavSd1Pxy2jmNI55Q3wb3sTpyS6ho3u2XGQHOVH8ynSN4CUEhT6g4WyX0KCaOcatPk (letzter Abruf: 09.10.2021).

Benz-Zauner, Margareta (1995): „Die Sixtinische Kapelle der Steinzeit“. Die Altamira-Höhle im Deutschen Museum. In: Kultur & Technik 3, S. 46-50.

Brumm, Adam et al. (2021): Oldest cave art found in Sulawesi. In: Science Advances 7.3. URL: https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abd4648 (letzter Abruf: 09.10.2021).

Duerr, Hans Peter (1987): Sedna oder Die Liebe zum Leben. 2. Aufl. Suhrkamp: Frankfurt a. M.

Halverson, John (1987): Art of art’s sake in the Palaeolithics. In: Current Anthropology 28.1, S. 63-89.

Lorblanchet, Michel (1997): Höhlenmalerei. Ein Handbuch. Herausgegeben, mit einem Vorwort und einem Beitrag zur Wandkunst im Ural von Gerhard Bosinski und aus dem Französischen übertragen von Peter Nittmann. Sigmaringen: Thorbecke.

Porr, Martin (2005): Höhle. In: Christoph Auffarth/Jutta Bernard/Hubert Mohr (Hg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. J.B. Stuttgart/Weimar: Metzler, S. 60-63.

Stern (2018): Facebook zensiert 30.000 Jahre alte „Venus von Willendorf“ (1. März 2018). URL: https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/facebook-zensiert-praehistorische–venus-von-willendorf—7881808.html (letzter Abruf 09.10.2021).

Vollkommer, Rainer (2000): Sternstunden der Archäologie. München: Beck.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V. 

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