Die Poesie des „Nevermore“ – Edgar Allan Poes dunkle Romantik

„Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore,
While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping,
As of some one gently rapping, rapping at my chamber door.
‚‘Tis some visitor,‘ I muttered, ‚tapping at my chamber door –
Only this, and nothing more.‘“

(Edgar Allan Poe, „The Raven“)

Deutsch:

„Mitternacht umgab mich schaurig, als ich einsam, trüb und traurig,
Sinnend saß und las von mancher längstverklung’nen Mähr’ und Lehr’ –
Als ich schon mit matten Blicken im Begriff, in Schlaf zu nicken,
Hörte plötzlich ich ein Ticken an die Zimmerthüre her;
‚Ein Besuch wohl noch,‘ so dacht’ ich, ‚den der Zufall führet her –
 Ein Besuch und sonst Nichts mehr.‘“

Übersetzung: Carl Theodor Eben, 1869.

So beginnt eines der bekanntesten Gedichte, nicht nur der amerikanischen, sondern der Weltliteratur: „The Raven“ (Der Rabe). Es stammt aus der Feder eines wahren Meisters der Sprache, welcher am 19. Januar vor 210 Jahren das Licht der Welt erblickte: Edgar Allan Poe.

Ein Mann sitzt zu nächtlicher Stunde über alten Büchern versunken schläfrig in seiner Studierstube am Kamin, als er plötzlich ein Klopfen vernimmt. Er mutmaßt, ein später Besucher begehre Einlass. Doch draußen vor der Tür steht niemand. Nun redet er sich ein, das Klopfen stamme von Lenore, seiner Geliebten, deren frühen Tod er betrauert.

Es klopft erneut, diesmal am Fenster. Als er es verwundert öffnet, fliegt ein großer Rabe – in der abendländischen Kultur gemeinhin bekannt als Symbol schlimmer Vorbedeutung und Überbringer unheilvoller Nachrichten – ins Zimmer und setzt sich auf die Büste der Pallas Athene. Das Tier ist offenbar einer Voliere entflohen, und jemand hat ihn gar das Sprechen gelehrt – jedoch nur ein Wort: „Nevermore“ (Nimmermehr). In selbstquälerischer Manier stellt der Trauernde dem Raben verschiedene Fragen, in etwa, ob es Trost für ihn gebe und ob er seine Geliebte dereinst im Jenseits wiedersehe. Stets hört er als Antwort nur das gekrächzte „Nimmermehr“. Halb wahnsinnig vor Trauer und Schmerz fordert er den ungebetenen Besucher vergeblich auf, ihn zu verlassen. Schließlich endet das Poem damit, dass der Fragende völlig verzweifelt am Boden liegt und seine Seele „nimmermehr“ aufsteigen wird.

Das 108 Zeilen lange Gedicht erschien am 29. Januar 1845 erstmals in der New Yorker Zeitung „Evening Mirror“. Der Dichter hatte nach eigenem Bekunden mit Unterbrechungen etwa zehn Jahre an diesem Werk gearbeitet, für welches er lediglich mit zehn Dollar entlohnt wurde (übrigens bekam er selten mehr als die genannte Summe für seine literarischen Arbeiten).

Edgar Allan Poe wurde am 19. Januar 1809 als Sohn der Schauspielerehepaares Elizabeth Arnold Hopkins Poe und David Poe in Boston geboren. Sein Vater verließ die Familie bereits ein Jahr nach Edgars Geburt und verschwand anschließend im Dunkel der Geschichte. Nur ein Jahr darauf verstarb Poes Mutter; somit blieben der zweijährige Edgar und seine zwei Geschwister als Waisen zurück. Der spätere Schriftsteller wurde schließlich vom kinderlosen Ehepaar Allan in Richmond als „Mündel“ aufgenommen, deren Namen er auch dem seinen hinzufügte. Den strengen Zieheltern mangelte es einerseits an zwischenmenschlicher Wärme, sie ermöglichten dem Jungen andererseits jedoch den Besuch erstklassiger Schulen und Universitäten. Da die wohlhabende Kaufmannsfamilie Allan ihre Geschäfte nach Europa ausdehnte, begab man sich 1815 nach Großbritannien, woraufhin Edgar die dortige Grammar School im schottischen Irvine und einige Zeit später in London ein Internat und eine Schule besuchte.

Aufgrund von negativen wirtschaftlichen Entwicklungen entschloss sich die Familie jedoch, um 1820 nach Richmond zurückzukehren. Dort erfuhr der junge Poe weiterhin eine exzellente Ausbildung. Vor allem in den Sprachen zeigte er eine außerordentliche Begabung; schließlich immatrikulierte er 1826 an der University of Virginia in Charlottesville, um alte und neue Sprachen zu studieren. Nach nur wenigen Monaten saß er jedoch auf einem riesigen Schuldenberg, war zudem spiel- und trunksüchtig geworden und musste die Universität wieder verlassen. Er floh nach Boston, wo im Sommer 1827 sein erster, wenig beachteter Gedichtband „Tamerlane and Other Poems“ erschien. Während verschiedener Militärdienste veröffentlichte er weitere Gedichtbände. Anfang der 1830er Jahre begann er mit dem Verfassen von Kurzgeschichten, um sein Einkommen aufzubessern. Im Laufe der Jahre entstanden zahlreiche Werke, so z.B. „The Fall of the House of Usher“ (Der Untergang des Hauses Usher), „The Tell-Tale Heart“ (Das verräterische Herz) und „The Pit and the Pendulum“ (Grube und Pendel).

1838 ehelichte Poe seine erst 13-jährige Cousine Virginia Clemm. Die junge Frau kränkelte viel und starb schließlich 1847 einen frühen Tod. Seine Trauer verarbeitete der Schriftsteller literarisch. Ein langes Leben war ihm jedoch selbst nicht beschieden – er verstarb bereits 1849 im Alter von nur 40 Jahren. Die Ursache(n) seines Todes sind jedoch bis heute ein Mysterium. Wahlweise werden Alkoholismus, Epilepsie, eine Kohlenmonoxidvergiftung  oder eine Tollwutinfektion verantwortlich gemacht.

Überhaupt war Poes Leben zum nicht unerheblichen Teil von Depressionen und Alkoholismus geprägt. Dies mag zur düsteren Grundstimmung in den meisten seiner Werke beigetragen haben.

Die Inszenierung der Melancholie – Poes Arbeitsweise

Jedoch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass der Dichter die zu erzielende Wirkung einer literarischen Arbeit oftmals dem Inhalt unterstellte. In seinem vielbeachteten Essay „Die Methode der Komposition“ beschreibt er seine planerische und systematische Arbeitsweise am Beispiel seines „Raben“: „Es ist meine Absicht, darzulegen, daß an der ganzen Komposition nichts auf Zufall oder Eingebung zurückzuführen ist, daß vielmehr das Werk Schritt für Schritt mit der Sicherheit und Folgerichtigkeit einer mathematischen Lösung seiner Vollendung entgegengegangen ist.“

Weiter sieht er drei Faktoren für den literarischen Gehalt eines Werkes als elementar an: Die Länge des Werkes, der logische Aufbau und die „Einheit des Effekts“. Der Autor müsse wissen, welchen Effekt er im Leser auslösen wolle.

Poe betrachtet den Einsatz emotionaler Effekte für die emotionale Wirkung eines Werkes als unentbehrlich; sie sollten im Plot, in den Charakteren und in den Motiven kontinuierlich eingesetzt werden. Gutes Schreiben verlaufe zudem niemals spontan, sondern stets analytisch. „Nevermore“– jenes Wort, welches das besagte Tier kontinuierlich auf alle Fragen zu Antwort gibt – sei seiner Meinung nach das Wort, welches der anvisierten melancholischen Stimmung gerecht wird.

„Ich war nun so weit: Ein Rabe, der Vogel schlimmer Vorbedeutung, wiederholt in einem Gedicht, das melancholische Stimmung und eine Länge von etwa hundert Verszeilen besitzt, am Schluß jeder Strophe in monotonem Tonfall das einzelne Wort nevermore. Ich behielt ständig mein Ziel vor Augen, höchste Vollkommenheit zu erreichen, und stellte mir nun die Frage: ‚Was löst nach allgemeinem Empfinden tiefste Melancholie aus?‘ Die Antwort lautete: der Tod. ‚Und wo‘, fuhr ich zu fragen fort, ‚wo ist jene tiefste Melancholie dichterisch am tiefsten zu fassen?‘ Nach dem, was ich oben ziemlich ausführlich auseinandersetzte, liegt die Antwort klar auf der Hand: ‚Wo sie sich am engsten mit Schönheit vereinigt. Demnach ist der Tod einer schönen Frau der Gipfelpunkt aller Poesie, und am berufensten, dieses erhabene Thema zu erörtern, sind fraglos die Lippen des vereinsamten Liebenden.‘“

Poe selbst ließ sich zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere von Lord Byron, E. T. A. Hoffmann und Friedrich de la Motte Fouqué beeinflussen, in späteren Jahren Charles Dickens.

Seinen Lebensunterhalt verdiente Poe mit seinen journalistischen Arbeiten; er war als ebenso präziser wie scharfzüngiger Literaturkritiker gefürchtet. Zudem können seine poetologischen Essays als richtungsweisend auch für die moderne Dichtung angesehen werden.

Während die konservative amerikanische literarische Gesellschaft zunächst wenig mit Poes Werk anfangen konnte – zu seltsam, zu morbide, zu düster waren seine von Wahnsinn, Tod und Verzweiflung durchzogenen Geschichten – erfuhr er bereits Anerkennung in Europa. Dazu bei trugen die Übersetzungen von Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé.  Arno Schmidt und Hans Wollschläger zeigen sich für die Übersetzung der Werkausgabe verantwortlich, welche im 20. Jahrhundert in Deutschland Maßstäbe setzte.

Nevermore he will be forgotten – Poes Bedeutung für die Nachwelt

Edgar Allan Poe zählt zu den geheimnisvollsten Personen der Literaturgeschichte. Als erster amerikanischer Autor gelangte er zu Weltruhm und blieb lange konkurrenzlos. Viele seiner Werke gingen in die Literatur und (Pop)Kulturgeschichte ein und inspirierten zahlreiche nachfolgende Künstler. Die Band Alan Parsons Project debütierte erfolgreich mit ihrem Album „Tales of Mystery and Imagination“, auf dem diverse Motive Poes musikalisch verarbeitet werden, darunter sein eingangs erwähntes, berühmtes Gedicht „The Raven“.

Der Regisseur Roger Corman ließ sich von Poe zu zahlreichen düster-makaberen Filmen anregen, genannt seien hier „The Mask of the Red Death“ (Die Maske des roten Todes), „The Tomb of Ligeia“ (Das Grab der Ligeia) oder „The Raven“ (Der Rabe – Das Duell der Zauberer).

Poe beeinflusste nicht nur die phantastische Literatur und den Symbolismus, er wird vor allem als Mitbegründer des Horrorgenres und als Urvater der Detektiv- und Kriminalgeschichten angesehen. In „The Murders of Rue Morgue“ (Der Mord in der Rue Morgue) etabliert er in der Gestalt des Auguste C. Dupin erstmalig den Typus des ermittelnden Detektives; so geht beispielsweise der Begriff „detective“, der heutzutage aus kaum einem Krimi wegzudenken ist, auf ihn zurück.

Sir Arthur Conan Doyle schuf, beeinflusst durch Poe, seine berühmten Detektivgeschichten. Laut eigenem Bekunden waren Poes Geschichten für ihn „a model for all time“.

Des Weiteren lässt sich die Liste noch beliebig erweitern. Zu seinen „Schülern“ zählen Dostojewski und Brett Easton Ellis genauso wie Quentin Tarantino oder Alfred Hitchcock, Stephen King und Franz Kafka. Um noch einmal Conan Doyle zu zitieren: „Wenn jeder Autor, der ein Honorar für eine Geschichte erhält, die Ihre Entstehung Poe verdankt, den Zehnten für ein Monument des Meisters abgeben müsste, dann ergäbe das eine Pyramide so hoch wie die von Cheops.“

Somit liegt nahe, dass Edgar Allan Poe uns alle beeinflusst hat und dies immer noch tut. Er steht nicht nur für den meisterlichen Umgang mit der Sprache, sondern auch für die unnachahmliche Kreierung düsterer und melancholischer Atmosphäre. Obschon seine Geschichten und Gedichte von Melancholie, ja Dystopie durchdrungen sind, wohnt ihm eine Ästhetik inne, die ihresgleichen sucht. So  hinterlassen Poes Werke trotz all der in ihnen enthaltenen Traurigkeit und Morbidität doch auch den Eindruck des Erhabenen, Zeitlosen, ja Metaphysischen.

„Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
It but a dream within a dream.“

Deutsch:

„Wenn die Hoffnung sich zerschlug
– Wann und wo sie auch entflohn,
Ob bei Nacht im Schattenflug,
Ob am Tage, als Vision –
War sie darum weniger Trug?
Was sich uns erfüllt, was nicht,
Ist im Traum ein Traumgesicht.“

Übersetzung: Hedwig Lachmann, 1914.

Ein Beitrag von Isabel Bendt

Literaturhinweise:

Edgar Allan Poe: Gesammelte Werke (Edition Anaconda), Köln 2012.

Ders.: Die Methode der Komposition. In: Kuno Schuhmann/Hans Dieter Müller (Hrsg.). Edgar Allan Poe. Werke. Band IV. Frankfurt am Main/Leipzig 2008.

Dietrich Kerlen: Edgar Allan Poe. Der schwarze Duft der Schwermut, Berlin 1999.

Hans-Dieter Gelfert: Edgar Allan Poe: Am Rande des Malstroms, München 2008.

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