„Ich bin Mystiker und glaube an nichts“. Eine Erinnerung zu Gustave Flauberts 200. Geburtstag

Der Sohn eines Chirurgen besaß ein scharfes Besteck: die Sprache. Mit ihr spießte er sein Leben lang seinen Erzfeind auf, eine Legion eigentlich: die Dummheit. Wie später Karl Kraus war er der Phrase auf der Spur, der dümmlichen Wiederholung des Ewig-Bekannten, dem eitlen Zitat und der Ehre heischenden Banalität. „Ehre entehrt“, war eine seiner öffentlichkeitsfeindlichen Devisen. Er lebte zurückzogen an der Seine, in der Normandie, mit seiner Mutter. Er sah aus, wie man sich einen Normannen oder Kelten vorstellte: lang hängender Schnurrbart, gewölbter Leib, ein Riese (1,83 in einer Zeit, da der Durchschnitt für Männer bei 1,66 lag).

Vor einigen Jahren besuchte ich ein Museum, das ihm, Gustave Flaubert, in Rouen gewidmet ist, der Stadt, in der er aufwuchs und die ihn erst nach seinem Tod zu ehren begann, mit einer Statue, Straßennamen und dergleichen Symbolen. Im selben Gebäude findet sich auch ein Medizinmuseum. Flaubert wohnte also Seite an Seite mit dem Städtischen Krankenhaus, in dem sein Vater arbeitete. Er konnte durch die Wand die Schreie und das Stöhnen von den Krankenbetten hören. Und man hört es auch in seinen Büchern. Man denke an die üble Operation eines Klumpfußes in Madame Bovary.

Am 12. Dezember 1821 wurde er in Rouen geboren, er starb 59 Jahre später wenige Kilometer weiter, in Croisset. Dort steht heute noch ein Pavillon mit seinen Erinnerungsstücken, unter anderem dem ausgestopften Papagei, über den der englische Flaubert-Bewunderer Julian Barnes einen Roman geschrieben hat: Flauberts Parrot (1984). Weder Flaubert noch sein Papagei, so das Fazit, können eigentlich begriffen werden – sie entziehen sich fortwährend den Lesern und dem Arzt, der diese Suche nach dem Papagei rekapituliert. Vielleicht entzog er sich sich selbst. Jedenfalls wurde diese Ent-Persönlichung zu einem Programm seines Schreibens. Auch wenn viel Autobiographisches einfloss, so blieb doch sein Diktum: „Die Unpersönlichkeit ist das Zeichen der Kraft.“ Der Autor spielt keine Rolle, nur das Werk, nur der Satz. Um den richtigen Satz zu finden, brauchte er oft tagelang. Dafür hatte er einen „Brüllraum“ eingerichtet, in dem er den Klang und die Logik durch Ausrufen des Satzes testen konnte. All diese Dinge erfährt man im Detail in der neuen, äußerst lesenswerten Biographie des englischen Kenners Michael Winnock (Carl Hanser Verlag 2021). Das Buch ist nicht nur inhaltlich reich und geht den literarischen, amourösen, politischen und gesundheitlichen Spuren Flauberts nach, sondern es ist auch mit Verve geschrieben, mit einer Parteilichkeit, die den Leser mitnimmt, ohne den vorgestellten Menschen zu erdrücken.

Am Ende bleiben, wie bei Julian Barnes, viele Fragezeichen. Keine Frage aber gibt es zur Bedeutung Flauberts für die moderne Literatur: davon zeugen Autoren von Joyce bis Borges. Er wurde als Meister des Realismus gepriesen, was ihn wurmte. Sicherlich war er in seiner Jugend Romantiker, und das brachte ihn in eine rebellische Position zur Gegenwart, auch später. Manche seiner Frühwerke tragen phantastische Züge, ebenso seine orientalischen Phantasien Salammbô oder Herodias. Sein ägyptisches Tagebuch ist Beleg für Sextourismus im Gewand kolonialer Reisen. In Madame Bovary entwickelte er das unpersönliche Schreiben, indem er sich von überladener Metaphorik verabschiedete. In seinem ‚Realismus‘ oder Hyperrealismus verbirgt sich jedoch  auch ein Hang zum Phantastischen. Das zeigt sich am meisten in seinem postum erschienenen letztem Werk, Bouvard und Pécuchet (1881). Es ist bislang mehrmals ins Deutsche übersetzt worden, was seine Aktualität anzeigt. Denn hierin geht es um die Wissenschaften und damit um die Frage, die schon Pilatus gestellt haben soll: „Was ist Wahrheit?“ Zwei Kopisten freunden sich an und mit dem Erbe des einen siedeln sie sich auf einem Hof in der Normandie an, um ihren wissenschaftlichen und lebenspraktischen Leidenschaften nachzugehen. Sie versuchen sich in Landwirtschaft, Bierbrauerei, Archäologie, Keltologie, Botanik, sodann in Literatur, Theologie und Geschichte, sie erforschen die Gymnastik, Medizin und die Magie und praktizieren  diese gar mit horrenden Resultaten. Das Ergebnis ihrer Beschäftigungen ist immer das gleiche: die jeweilige Wissenschaft ist brüchig, widersprüchlich und letztlich sinnlos, wenn nicht katastrophal.  Die Autoren der Standardwerke verheddern sich oder vermeiden die Antworten auf die wirklichen Fragen. Zum Beispiel die Grammatiker: „Das Subjekt stimmt stets mit dem Verbum überein, bis auf diejenigen Fälle, in denen es nicht mit ihm übereinstimmt.“ Die Architektur kann lügen, Münzen täuschen, die Experten untergraben alles, am Ende sich selbst, die Masse hat keine Ahnung. So geben die beiden am Ende enttäuscht auf und werden wieder Kopisten.

Das Buch ist komisch und abgründig zugleich und hat Kafka ebenso angesprochen wie Borges. Wie so vieles im Flaubert-Jahr 2021 ist auch dieser Roman neu aufgelegt worden, diesmal in einer Übersetzung von Hans-Horst Henschen im Wallstein Verlag. Henschen hat über die Jahre ein riesiges Konvolut an Materialien im selben Verlag zusammengetragen, hier jedoch erhalten wir eine Übersetzung mit Anmerkungen und einem Anhang, der Quellen Flauberts enthält (der Autor soll über 1500 Fachwerke studiert haben, um zu diesem Rundumschlag gegen die menschliche Eitelkeit anzusetzen) sowie ein Nachwort des Herausgebers Henschen mit dem sprechenden Titel „Ideenfriedhof. Nichts als Flöhe und Läuse!“ Flaubert hat der Menschheit gezeigt, welche Läuse und Flöhe sie sich in den Kopf gesetzt hat, um auf der Bahn des Fortschritts voranzuschreiten. Er sah sich abseits von diesen Routen: „Mir sitzt etwas von dem Grünspan normannischer Kirchen auf dem Herzen. Die Zärtlichkeit meines Geistes gilt den Untätigen, den Asketen, den Träumern.“

Ein Beitrag von Elmar Schenkel


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

Eine Antwort auf „„Ich bin Mystiker und glaube an nichts“. Eine Erinnerung zu Gustave Flauberts 200. Geburtstag“

  1. Eine wirklich schöne Zusammenfassung, bei der einem klar wird, wie aktuell der normannische Riese mit dem Walroßbart noch immer ist. In Zeiten der Krise und Pandemie scheint eine Lektüre Flauberts lohnenswert. Danke für diese Erinnerung, Herr Schenkel.

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