Dante der Seelendoktor

Zweifellos wäre es unterkomplex, würde man versuchen, die gesamte Göttliche Komödie auf nur einen Aspekt, wie den psychologischen, zu reduzieren. Viele Ebenen treffen in diesem monumentalen Werk aufeinander und viele Deutungen bieten sich an und scheinen gerechtfertigt. Aber doch wird der psychologischen Dimension fast zu wenig Beachtung geschenkt. In einer der populäreren Sekundärlektüren zu Dante, Kurt Flaschs „Einladung, Dante zu lesen“, gibt es zumindest keinen dezidierten Abschnitt, der sich ausschließlich mit diesem Themenbereich beschäftigt. Andere Faktoren, wie politische Interessen, wirtschaftliche Interessen, historische Zufälligkeiten mit ihren Konventionen wie Genres und intellektuellen Diskursen, lösen die Psyche zwischen sich auf und machen sie zu einem Geist. Jedoch Geist im Sinne von Schemen, Gespenst, nicht im Sinne von spiritus. Eine rein zufällige Form, die sich nur unter einem bestimmten Blickwinkel zeigt, aber nicht aus sich selbst heraus ist. Die Illusion eines Blickes auf den Flügeln eines Schmetterlings, bloße Funktion der natürlichen Auslese.

Sigmund Freud und Carl Gustav Jung gehören zu den bekanntesten Vertretern einer der Ursprungsdisziplinen der Psychologie, der Tiefenpsychologie. Sei es im therapeutischen Gespräch oder im inneren Dialog, die Behandlung psychischer Leiden wird vordergründig durch das Wort angestrebt. Das Ziel ist es, ein denkendes, fühlendes Ich mit seinem dazugehörigen Unbewussten in Kontakt zu bringen, damit es von diesem nicht unbemerkt beeinflusst wird. Das unterscheidet die Tiefenpsychologie von der heute das Feld dominierenden Kognitiven Verhaltenstherapie, welche Heilung vor allem in einer Anpassung der äußerlich sichtbaren Handlungen anstrebt. Hier steht, was „richtig“ ist, schon im Vorfeld fest und muss vom Subjekt nur noch umgesetzt werden.

Freud und Jung hatten voneinander stark abweichende Theorien über die Natur dieses Unbewussten, und im Folgenden wollen wir uns ansehen, welche Geschichten sich über ein Stück Weltliteratur erzählen lassen, wenn man einige ihre Gedanken an es heranträgt. Meine Damen und Herren, Dantes Komödie beim Seelenklempner.

Dantes Komödie ist eine persönliche Reise. Dante schreibt nicht über einen bekannten Heiligen oder über eine fiktive Gestalt. Die Person, die die Reise unternimmt, ist er selbst in jüngeren Jahren, und der Autor der Komödie ist dessen zukünftiges Ich. Die Ausgangslage der Handlung ist Dante als fünfunddreißigjähriger Mann, wie er sich, vom rechten Weg abgekommen, vor einem dunklen Wald findet, bedroht von wilden Bestien. Doch er ist nicht vollkommen hoffnungslos, denn ihm zur Hilfe kommt der von Dante verehrte römische Dichter Vergil. Beide betreten über ein Tor, welches von ominös bedrohlicher schwarzer Schrift gesäumt ist, den Vorhof der Hölle, denn dies ist der einzige Weg, der Dante bleibt. Dass der Eingang der Unterwelt sprachlich assoziiert wird, ist für einen lacanianischen Blick (Lacan, der französische Freud, nach dessen Theorie die Sprache den Menschen zugleich bindet und befreit, vor allem aber von einem außersprachlichen „Realen“ radikal trennt – das Unbewusste selbst ist sprachstrukturiert) natürlich auffällig.

Die Hölle ist kein einsamer Ort, in ihr begegnen Dante zahlreiche „Schatten“, die Seelen Verstorbener, die es entweder aufgrund persönlicher moralischer Laster oder aus einer gewissen Tragik heraus (ungetaufte Kinder, „edle Heiden“) zur Seelenfolter bestimmt sind. Schlauchartig winden sich die neun Höllenkreise, und Sünde und korrespondierende Strafe steigern mit jeder Rundung ihre Intensität. In der Hölle stinkt es, und auch sonst finden sich keine angenehmeren Adjektive, um diesen Ort zu beschreiben. Aus einer freudianischen Traumperspektive fällt die Parallele zum menschlichen Darm auf, der symbolisch alles Verstoßene beheimatet. Schließlich erreichen sie das Zentrum der Erde und damit auch des Bösen, wo ein gigantischer Luzifer bis zur Brustmitte eingefroren auf den Leibern der für Dante übelsten Verräter herummümmelt. Das Dichterduo klettert an diesem Ungetüm hinab, überquert den Erdmittelpunkt, wodurch oben und unten vertauscht werden, und klettert an den Beinen wieder hinauf in das Purgatorio.

Die Stimmung hier ist deutlich besser; Seelen, die die Windungen des Läuterungsberges hinaufklettern, verbringen damit eben so viel Zeit, wie sie selbst für angemessen empfinden. Ganz anders als die Strafen des Infernos, welche unverhandelbar sind. Von einem Engel werden Dante sieben Zeichen auf die Stirn eingeritzt, welche nach und nach mit jeder Sünde, von der sich Dante reinwäscht, auch wieder verschwinden. An der Spitze des Berges befindet sich das irdische Paradies, jener Ort, der Adam und Eva ursprünglich zugesprochen wurde und als Heimat diente. Vergil und Dante müssen sich hier trennen, da Vergil als Heide nicht in diese oberen Sphären aufzusteigen vermag. Er ernennt Dante jedoch zuvor noch zum König und Papst seiner selbst.

Nachdem Dante vom Fluss Lethe getrunken hat, ist er bereit, auf Beatrice zu treffen. Sie schilt ihn wutentbrannt und erbarmungslos für seine Treulosigkeit, doch übernimmt sie die nach Vergils Abschied vakant gewordene Position als Dantes Führer. Sie lassen die Erde hinter sich, während sie in die himmlischen Planetensphären transportiert werden. Ebenfalls neun Kreise präsentieren nun vom Christentum geheiligte Personen, mit Gott als aristotelischem unbewegtem Beweger an ihrem Ende und dem Empyreum, dem geistigen Himmel der Seligen, dahinter. Hier ist es auch, dass Dante, von einem seiner Vorfahren übermittelt, über seinen Auftrag, die Göttliche Komödie zu verfassen, informiert wird. Dante als Prophet. Schließlich vermittelt über die die Gottesmutter Maria die kurzweilige Gottesschau. Wie zuvor schon bei Beatrice versagen dem Autoren Dante Erinnerung und Sprache und er kann den Leser nicht detailliert daran teilhaben lassen, was er gesehen hat. Ein Lacanianer würde dies als Einbruch des Realen in die sprachliche Ordnung werten, das Auflösen des Selbst, aber es ist auch Ausdruck des literarischen Erfinders, der sich vor dem Problem sieht, etwas zu beschreiben, was das Menschsein transzendiert und damit a priori nicht von einem menschlichen Mund (oder Stift) an menschliche Ohren (oder Augen) weitergegeben werden kann. So bleibt die Lacuna der Sprache der einzige Hinweis, auf etwas hinter der Sprache.

Nachdem wir jetzt den Plot der Komödie in unseren Kurzzeitspeicher geladen haben, wollen wir versuchen, eine psychoanalytische Geschichte über diese Geschichte zu erzählen. Für Freud ist die persönliche Historie für die Entwicklung des Unbewussten ausschlaggebender als für Jung, da für Freud die realen zwischenmenschlichen Beziehungen den Menschen prägen, welche durch anthropologische Bedürfnisse angelegt sind, wogegen Jung den Menschen durch potentiell ewige Archetypen geprägt sieht, welche, mehr noch als bei Freud, universell menschlich sind. Damit sieht Jung das Wesen des Menschen unabhängiger von seinen Artgenossen und damit unabhängiger von Gesellschaften und Kulturen als Freud, was ihn zu einem Fan-Favouriten der Super geheimen Gesellschaft der Introvertierten der Welt (SGGDIDW) macht.

Wenn wir Freud in diesem Aspekt folgen und annehmen, dass die frühesten zwischenmenschlichen Beziehungen von höchster Wichtigkeit sind, müssen wir festhalten, dass der frühe Verlust beider Elternteile für den historischen Dante ein stark prägendes Ereignis gewesen sein muss. Seine Mutter starb, als er ca. 5 Jahre alt war, was nach Freuds psychosexuellem Modell in die ödipale Phase fällt. Seinen Vater verlor der heranwachsende Dante mit ca. 17 Jahren, einem Alter, in welchem eine Person verstärkt geistiger Anleitung bedarf, um sich in die Gesellschaft der Erwachsenen mit ihren Aufgaben und Forderungen einzugliedern.

Zur literarischen Beatrice korrespondiert eine reale Person, welche auf Dante außerordentlichen Eindruck gemacht haben muss und in die er sich wohl unsterblich verliebte. Diese reale Beatrice starb in seinem 25. Lebensjahr. Dass dieses Ereignis einen derart drastischen Einschnitt für Dante bedeutete, legt nahe, dass über Beatrice das ursprüngliche Trauma des Mutterverlustes wiederbelebt wurde. Dante sucht direkt darauffolgend Trost in der Philosophie und beginnt sein intellektuelles Leben, wie Flasch meint, relativ spät. Er beginnt eine politische Laufbahn und wird in seiner Heimatstadt Florenz zu einer öffentlichen Person. In Folge des ganz Italien spaltenden Konflikts der Ghibellinen und Guelfen wird Dante schließlich aus Florenz verbannt und später zum Tode verurteilt. Er kehrte nie wieder nach Florenz zurück.

Die zusammenfassende Diagnose sieht wie folgt aus (obwohl an dieser Stelle zugestanden werden muss, dass wohl eine gute Prise Mutmaßung im Spiel ist): Dante verlor beide Elternteile zu Schlüsselzeitpunkten seiner Persönlichkeitsentwicklung. Die Gesellschaft seiner Heimatstadt war von Konflikten zerrissen, und die große Liebe zu einer Frau, welche das Trauma des Mutterverlustes in ihm wiedererweckte, wurde von Dante nicht nur ausschließlich in der Imagination ausgelebt, sondern letztlich durch den Tod Beatrices vollständig unmöglich gemacht. Dante suchte daraufhin geistigen Halt und Trost in der antiken Philosophie und Theologie seiner Zeit, wird, als sich die gesellschaftlichen Konflikte zuspitzen, aus seiner Heimatstadt verbannt und beginnt mit Anfang 40 im Exil, unter dem er stark leidet, die Göttliche Komödie zu verfassen.

Die Komödie ist nun ein Amalgam aus all dem Genannten, und als genuine Synthese mehr als ihre Einzelteile. Sie ist der Versuch, eine schlüssige Weltauffassung zu kreieren, welche die intellektuellen Konflikte Dantes aussöhnt, seine stabilitätsgefährdenden narzisstischen Verletzungen durch die unterbrochene Mutter-Kind-Beziehung (und den Verlust seiner Heimat) heilt und letztlich die Persönlichkeit befähigt, im Ideal der augustinischen Caritas einen gesunden, liebevollen, mehr oder weniger selbstlosen Anschluss an die Gesellschaft herzustellen. Was für ein Projekt. Beginnen wir wieder in der Hölle.

Jungianisch gesprochen ist es unabdingbar für eine Persönlichkeit, die das Ziel der Individuation anstrebt – also eine gewisse Autonomie gegenüber inneren und sozialen Beeinflussungen – dass diese sich auch mit dem Schlimmsten, Übelsten beschäftigen muss, was die Seelenwelt produzieren kann. Jede Progression setzt eine Regression voraus, ein Baum, dessen Krone in den Himmel ragt, muss seine Wurzeln in der Hölle haben. Für Freud ist es ähnlich. Der Ursprung jeder Neurose, also einer Fehlanpassung an die Welt, liegt in verdrängten Konflikten, und nur eine biographische Neuerkundung und dadurch Neuerzählung der eigenen Biographie im therapeutischen Gespräch kann Erkenntnis und Linderung verschaffen. Das Inferno mit seiner Bildgewalt legt eine jungianische, archetypische (urbildliche) Deutung gewisser Weise nahe, jedoch kann nicht übersehen werden, wie stark es von den persönlichen Erfahrungen und der sozialen Kodierung Dantes überladen ist.

Antike Mythologie und Philosophie treffen auf christliche Theologie. Die Sünder werden nach Aristoteles‘ Ethik organisiert dargestellt, gepeinigt von mythologischen Figuren in Einklang mit dem Gesetz der Hölle, dem Contrapasso, nach welchem jede Sünde ihre Strafe schon impliziert. Die Figur Vergils, welche Dante bis zum Ende des Läuterungsberges begleiten wird, ist ebenso ein Kapitel für sich. Die grundsätzliche Funktion, die er erfüllt, ist die einer positiven männlichen Transferenzfigur. Das bedeutet, dass Vergil der Prototyp für eine idealisierte männliche Person ist, welcher die Rolle zukommt, funktionelle Mängel in der realen (historischen) Vater-Kind-Beziehung Dantes zu verarbeiten. Ziel der Verarbeitung ist es für Freud zwar auch, verdrängte infantile Wünsche als solche anzuerkennen, ganz nach dem Motto „wo Es war soll Ich werden“, um den Patienten von neurotischen Verhaltensmustern zu befreien, aber auch die Vater-Kind-Beziehung als solche zu internalisieren und zu einer positiven, inneren Stimme umzugestalten. Es ist nämlich in der Tat nicht nur so, dass fehlerhafte Eltern-Kind-Beziehungen Schäden hinterlassen, vor allem überdecken diese Schäden auch den strukturellen Mangel, das Fehlen einer positiven Beziehung.

Die Tatsache, dass es eben der römische Dichter Vergil ist und kein Vertreter des christlichen Kanons, spricht dafür, dass die Philosophie als solche, also das intellektuelle Leben des Geistes, für Dante die Funktion erfüllte, welche sein Vater durch seine todesgeschuldete Abwesenheit nicht mehr erfüllen konnte und zu Lebzeiten wohl nur unvollkommen realisierte. David Black merkt an, dass Dante in Convivio, ein Werk, welches er einige Jahre vor der Komödie, aber zeitnah nach seiner Verbannung aus Florenz geschrieben hat, offenlegte, dass die Philosophie eben jene Geliebte war, welche ihn nach Beatrices Tod verführte, und es ist auch diese Beziehung, wegen welcher sie ihm im irdischen Paradies zürnt.

Die Textstellen, welche Vergil als Vaterfigur plausibel machen, sind zahlreich. Direkt nach ihrem ersten Treffen ruft Dante aus: „Du bist mein Meister und mein geistiger Vater“. Dante wird von ihm gehalten wie ein Kind, geschützt, getröstet, informiert und vor allem geführt. Vergils Zeit ist jedoch begrenzt, er nimmt strikt eine Vermittlerposition ein. Wenn man Dantes historisches Leben mit dem Auftreten der Figuren Vergil und Beatrice vergleicht, ergibt sich folgendes Bild: Historie: Beatrice stirbt, Dante flüchtet in die Welt der Philosophie, Komödie: Dante ist vom Weg abgekommen, bedroht von Bestien in der Dunkelheit des Waldes, er findet Halt und Geleit in Vergil.

Beatrice wiederum war es, welche überhaupt, aus dem Paradies heraus, Vergil dazu bewegte, Dante zu Hilfe zu eilen, der sich in einem Zustand befand, den man psychoanalytisch nur als depressiv bezeichnen kann, ein Mangel an Liebe. Poetisch schön daran ist die Tatsache, dass der heidnische Vergil, der Verstandesmensch, selbst nicht bis in den Himmel zu Beatrice vorzudringen vermag. Folglich muss Beatrice selbst es gewesen sein, die sich auf den Weg gemacht hat, um Vergil in der Hölle in die Spur zu schicken. Die Liebe selbst war es also, welche ihre Hand ausstreckte und bis in die tiefste Dunkelheit vordrang, um das von ihr Geliebte zu schützen.

Wieso Beatrice dann nicht direkt zu Dante gesprochen hat, lässt sich leicht erklären: es ist schlicht nicht das, was in Dantes Biographie passiert ist. Nachdem der Idealisierungsprozess, welcher in Dante in Gang gesetzt worden war, um seine gestörte Mutter-Kind-Beziehung zu reparieren, mit Beatrices Tod sein jähes Ende fand, kam die Liebe nicht wieder direkt in Dantes Leben. Jedoch, rückwirkend betrachtet – denn schließlich wird Dante einen Weg finden, den Prozess abzuschließen – lässt sich das Training und der Halt, den er durch die Philosophie fand, durchaus als durch die Liebe motiviert verstehen. Ebenso übernimmt Vergil die (zu Dantes Lebzeiten gesellschaftlich aktuelle) Funktion des Vaters, den Spross in den Bereich der weiteren Gesellschaft zu leiten.

Die Gesellschaftskritik, welche durch die Auswahl an Sündern in den Höllenkreisen von Dante ganz unverhohlen geübt wird, lässt sich einfach freudianisch als Wunscherfüllung und narzisstische Selbstaufwertung durch Fremdabwertung lesen. Indem Dante die Personen, welche ihm zu Lebzeiten Unrecht antaten, in das Inferno verbannt, stellt er Gott indirekt auf seine Seite und erhält dadurch moralische Satisfaktion. Und moralische Satisfaktion fühlt sich ungefähr so gut an, wie am langen Ende des Schlamassels eines Bekannten stöhnend ausrufen zu können: „Siehst du, das hab ich dir ja gleich gesagt“. Also Pi mal Daumen so gut wie dreizehn Orgasmen auf einmal. Plus minus zwei. Jungianisch gelesen beinhaltet das Inferno alles das, was Dante an sich selbst nicht wahrhaben will, seinen persönlichen Schatten.

Die Figur des Luzifer wartet auf sie am Ende des Infernos. Sheldon Kopp sieht im eisigen Höllenfürsten die Allegorie eines Zustandes, der von jeglicher menschlichen Wärme, von jeglicher Liebe befreit ist. Luzifer, so gesehen, ist das polare Gegenteil von Beatrice, die Anti-Beatrice, die Mutter-Kind-Beziehung, die fehlt. Er ist das stumme Herz der Depression, und Dantes extraordinärer Mut, der ihm zu Beginn der Infernofahrt noch gefehlt hat, aber sukzessive von Daddy Vergil genährt wurde, befähigte ihn sich diesem atemvernichtenden Anblick zu stellen. Interessant ist ebenso, dass in der Eislandschaft des Desinteresses nicht nur diejenigen unter den Sündern bestraft werden, welchen es am meisten an Empathie und Liebe fehlt, nämlich die Verräter, sondern dass auch die mitleidlose, mechanische Strafe, symbolisiert durch den auf ihnen kauendem Luzifer, unmissverständlich in ein schlechtes Licht gerückt wird. Jungianer und Freudianer können sich einig sein: Dass Dante sich nicht vor Luzifer versteckt, sondern sogar über ihn zum Ausgang des Infernos klettern kann, bedeutet, dass ein traumatisches Ereignis neu erlebt und bewältigt wurde. Dante hat den Quell der Leiden der Welt, den Quell der Leiden seiner Welt, ausfindig gemacht und ist nun bereit für den Läuterungsberg.

Während das Inferno noch ein eher statisches Universum darstellt, in dem die einzigen sich wirklich bewegenden, fortschreitenden Figuren Dante und Vergil sind, beinhaltet das Purgatorio viel mehr Dynamik. In den Höllenkreisen noch wurde gestraft, beziehungsweise wurde auf Grund des Contrapasso jede Sünde durch sich selbst gestraft (Selbstmörder wissen nicht zu schätzen, Menschen zu sein, Selbstmörder werden zur pflanzlichen Existenz als Strauch verdammt etc.), was an sich schon eine exzellente psychologische Beobachtung ist. Im Purgatorio entscheidet jede Seele selbst über die Länge ihr Strafen. Eine interessante Beobachtung von Megan Clement ist, dass Dante nur im Purgatorio träumt, nicht im Inferno und auch nicht im Himmel. Das Inferno war die Domäne des Traumatischen, das Reich der sich vor ihrem Ursprung versteckenden Neurose. Im Purgatorio liegt das Böse bereits in der Vergangenheit, es wurde erkannt, benannt und als zu bewältigen (zu beklettern) verstanden. Damit drehte sich die Welt um 180 Grad von den Füßen auf den Kopf und das Agens liegt weniger in der Eigenlogik verdrängter Inhalte, sondern mehr auf den Schultern des gewachsenen Egos. Dieses beginnt für Dante nun direkt bedrohlich anzuschwellen.

Wie es sich gehört für einen Bereich, der mehr von der Logik des Egos dominiert wird, ist das zentrale Thema des Purgatorio jene Sünde, die wirklich nur ein „Ich“ haben kann: der Stolz. Theologisch betrachtet ist Stolz die Ursünde, von der alle anderen Sünden abstammen. Psychologisch ist der Stolz jene Krücke, auf die sich dort gestützt wird, wo die positive Mutter-Kind-Beziehung fehlt. Es ist die provisorische Hilfe des verwahrlosten Kindes aus eigenem Kontingent.

Nun, da die Wurzel des Bösen im Inferno erkannt ist, arbeitet der Pilger Dante pflichtbewusst und systematisch daran, diejenigen neurotischen Verhaltensmuster abzuarbeiten, die aus ihr gewachsen sind, bereitgestellt in schönen Versen vom Dichter Dante, am Beispiel anderer. Es ist anzumerken, dass, obwohl Pilger Dante selbst progressiv von den Sünden reingewaschen wird, er keine von ihnen explizit zu seiner eigenen Person attribuiert, sondern an der Sünde nur in Form von Katharsis durch das Beobachten von Fehlern anderer teilhat. Damit umgeht Dante einen Schritt, der nach jungianischer Theorie essentiell ist, nämlich die Integration des eigenen Schattens: das kompromisslose, radikale Anerkennen der eigenen Mistkerl- bzw. Mistmädelhaftigkeit. Dante erkennt seinen Schatten hier nur überaus kompromisserfreut an, nämlich vermittelt durch die apriorische Sündenverfallenheit der Spezies Mensch, deren leidlicher Teil er ist. Durch diese Lücke in der narzisstischen Ordnung (Strukturen internalisierter Selbstliebe) legt Dante den Samen für Grandiosität als Kompensation. Denn eben dadurch, dass er nicht vollständig sich selbst – Poetengenie Dante – als Unsympathen und stolzen Gockel akzeptieren kann, fehlt ihm der letzte Schritt radikaler Selbstakzeptanz, welcher für eine grandiositätsfreie Selbstliebe notwendig wäre. So bleibt immer der verdrängte Zweifel, jenes „so bin ich nicht“, welcher durch extreme Leistung gekittet werden muss. Aufblähung als Strategie, um die Bedrohung der kalten Schwärze der lichtlosen Nacht fernzuhalten, der Nacht ohne Beatrice, Gesandtin der Lucia. So muss Dante gut sein, denn seine Beatrice hasst die Sünde.

Doch Dantes Selbsterneuerungsprogramm war für ihn gut genug, er hat es nach eigenen Maßstäben von allen Sünden (neurotischen Verhaltensmustern) befreit auf die Spitze des Läuterungsberges geschafft. Vergil kann ihm ab hier nicht mehr folgen. Zumindest nicht offensichtlich, denn gewissermaßen ist Dante nur dort, wo er jetzt ist, wegen Vergil. Vergil ist nun Teil von Dante. Er war die Leiter, die ihn vor die Füße Beatrices steigen ließ, aber nun zu lang und schwer und, ehrlich gesagt, nutzlos ist, um weiter zentral an der Reise teilzuhaben. Für den Autoren Dante heißt das: Die Philosophie ermöglichte ihm den Aufbau eines schlüssigen Weltbildes und das Erlangen von Seelenfertigkeiten, die ihm die Teufelsschau, die Quelle seines Leids, produktiv überstehen ließen und aus ihm letztlich einen besseren Menschen mit mehr Kapazität zur Selbstakzeptanz machten. Dante ist nun bereit, für sich den Verstand als Werkzeug mit Begrenzungen einzuordnen, dessen Ziel schließlich Dienst an der Liebe sein sollte. Damit gelingt ihm der Anschluss der antiken Philosophie an christliche Dogmatik, wodurch der enorme interne Konflikt, der durch seine doppelte Sozialisierung erzeugt wurde, eine befriedigende Lösung findet. Bevor Vergil und Beatrice sich jedoch die Klinke in die Hand geben, ernennt Vergil Dante zum König und Papst über sich selbst. Das Ego erreicht seinen Zenit.

Beatrice, wie zuvor schon Vergil, hat eine scheinbar telepathische Verbindung zu Dante und liest in ihm wie in einem offenen Buch, ein Hinweis auf ihre Wirklichkeit als psychische Funktion. Sie schilt ihn, Dante bereut, und die folgenden Gesänge strotzen nur so von Mutter-Kind Analogien, dass man sich als Leser fast schämt, so nah dabei zu sein. Als würde man in einem Restaurant über Gebühr einer Mutter beim Stillen ihres Kindes über die Schulter blicken und dabei gedankenverloren an einer Serviette nuckeln. Beatrice liebt Dante und Dante ist Beatrices größter Fan, und so schön das Gefühl der Liebe ist, so langweilig ist es, zu lange darüber nachzudenken. Nicht umsonst muss ein grübelnder Vergil vor der Tür bleiben. Gemeinsam geht das Paar in den Himmel.

Im Himmel dominieren theologische Überlegungen noch stärker als in den Gesängen zuvor. Dante questet Beatrice wie ein Kind, für das das Blau des Himmels noch ein ernstzunehmendes Problem darstellt, und nach und nach breitet sich dadurch Dantes umfangreiches Kirchenwissen vor dem Leser aus, auch ein Zeichen von Gemeinschaftssinn. Beatrices Liebe für Dante ist perfekt, und immer wieder gibt es Verweise auf Dantes Sinne, welche noch nicht bereit sind, zu viel von Beatrice, besonders von ihrem Lächeln und ihrem Blick, aufzunehmen. Dante muss sich erst an ihr Licht gewöhnen. Das Bild leuchtet ein, denn einem nahezu Verhungerten gibt man zunächst auch Suppe, um den aufgeblähten Magen nicht zu überfordern und auf Substantielleres vorzubereiten.

Beatrice und ihre Liebe sind perfekter als es eine menschliche Mutter je sein und leisten könnte, doch dies ist nur verständlich, wenn man bedenkt, dass sie der Phantasie eines inneren Kindes entspringt, welches bedingungslose Liebe nur aus frühen Erinnerungen besitzt und dann lange Zeit nur ihr Fehlen kannte. Jede Kompensation überspannt den Bogen. Dabei folgt Dante auch dem Prozess der Introjektion von zwischenmenschlichen Strukturen, wie sie Psychoanalytiker Heinz Kohut in seinen Studien zum Narzissmus darlegte. Nach eigenen Überlegungen abgewandelt, sollte der Prozess wie folgt aussehen: a) Die äußere Beziehung wird idealisiert, jeder Mangel wird von ihr ferngehalten, sie erscheint emotional hochgeladen. b) Die Beziehung wird internalisiert, vereinfacht gesagt als innerer Dialog, innere Stimme, Gefühl, Einstellung und Wertvorstellung in die Persönlichkeit eingegliedert. c) Die Beziehung wird letztlich strukturalisiert und fester Bestandteil der Psyche des Subjektes. Dieser Prozess begann sekundär nach dem Tod der Mutter mit der realen Beatrice, wurde schon zu Lebzeiten nur in Dantes Fantasie ausgelebt und nach ihrem Tod schließlich literarisch aufgearbeitet, um dann in der Komödie allen Lesern geschenkt zu werden.

Wenn man der freudianischen Strukturierung von Inferno – Purgatorio – Paradiso als Es – Ich – Über Ich folgt, ergibt die starke Präsenz theologischer Überlegungen im himmlischen Paradies Sinn. Dante geht eklektisch vor, sortiert nur die feinste Theologie für seinen Leser. Er übt scharfe Kritik an realen Päpsten, welche überhaupt nicht zu seinen Idealen passen und legt damit die Blaupause für eine „bessere“ Über-Ich Strukturierung dar. Denn das Über-Ich ist letztlich nichts anderes als der internalisierte soziale Wertekanon und offen für Verhandlungen bzw. gesellschaftliche Konstruktion. Der Bauplan für eine Gesellschaft nach Dantes Geschmack. Das klingt zynisch, soll es aber nicht, denn Dantes Motivation scheint rein. Nun, da er seine eigene Liebe gefunden hat, will er die gesamte Gesellschaft daran teilhaben lassen. Eine Deutung, die Rousseau unterstützt. In Emile beschreibt er die Liebe für andere als abhängig von einer gesunden Selbstliebe, der amour de soi.

Die narzisstische Ordnung ist jedoch Privatsache, weswegen Beatrice hier nicht mitreden kann. Dante wird statt ihrer – vermittelt über seinen Ur-Urgroßvater – genauer darüber instruiert, dass all das, was er auf seiner metaphysischen Reise durch Hölle und Himmel sehen durfte, ihm vor allem deswegen und auf genau diese Art und Weise präsentiert wurde, weil er es für die Welt der Lebenden aufschreiben und veröffentlichen soll. Die göttliche Komödie als göttlicher Auftrag und Dante ihr Verfasser. Wow. Ich wette, dass absolut niemand in Florenz da noch mitziehen kann. Soviel zur Grandiosität.

Der heilige Johannes als weitere männliche Transferenzfigur befragt Dante im 26. Gesang zu seinem Liebesverständnis. Dante erblindet im Strahl des göttlichen Lichtes kurzfristig, doch ihm wird versichert, dass Beatrice ihn wiederherstellen kann, sofern er richtig antwortet. Was er auch tut, denn er bekennt, dass er alles was im Garten des ewigen Gärtners wächst, in dem Maße liebt, wie es von ihm Gutes gegeben wurde. Damit findet eine Erweiterung der rein auf das Selbst gerichteten, narzisstischen amour de soi zur augustinischen Caritas statt. Eine reifere, objektivere Liebe am Schönen und Guten per se. Beatrice, seine narzisstische Quelle, beendet seine narzisstische Verblendung und stellt sein Augenlicht wieder her. Die Signifikanz dieser Szene ist, dass sich die Selbstliebe einer gemeinschaftlich zugänglichen Liebe geteilter Werte unterordnet, die Erkenntnis (!) Letzterer von Ersterer jedoch abhängt.

Die Reihe der männlichen Transferenzfiguren, die mit Vergil ihren Anfang nahm, wird mit dem Heiligen Bernhard von Clairvaux abgeschlossen, welcher zu Dante im 32. Gesang des Paradieses mit dem „Gestus eines zärtlichen Vaters“ spricht. Durch seine Hilfe gelingt es Dante, die Aufmerksamkeit von Beatrice, seiner funktionalen Selbstliebe, abzulenken und an der Verehrung der heiligen Mutter Gottes Maria teilzuhaben. Wohingegen Beatrice als private Person noch seine private narzisstische Struktur widerspiegelt, symbolisiert beziehungsweise ist Maria der Prototyp der narzisstischen Ordnung einer ganzen Gesellschaft, einer ganzen Epoche. Durch ihre Augen erblickt Dante schließlich Gott, worüber es nicht mehr viel zu schreiben gibt.

Nun. Dante ist einen weiten Weg gegangen. Verloren in innerer Kälte, verstoßen aus seiner Heimat fand er sich von bestienhaften, neurotischen Strukturen bedrängt und ohne jeden Lebensmut. Durch die Philosophie nährte er sich, fand Vergil als inneren Vater, nein, erschuf er sich Vergil als inneren Vater aus Tinte und Papier und macht sich mit ihm gemeinsam auf die Suche nach seiner Mutter/Geliebten im Gedärm der Hölle. Dort fand er das Herz der Finsternis, das wie ein Schiefer steckend eisigen Hauch verströmt, wo Liebe sein sollte. Das Biest mit dem ewigen Zwang, das zu strafen, was es selbst ermöglicht. Die Beschränktheit des Prinzips, des Bösen erkennend, legt Dante seine dysfunktionalen Abwehrmechanismen ab und findet seine Liebe zu sich selbst und damit auch die Liebe zu seinen Mitmenschen neu erstarkt.

Abschließend sei gesagt, dass jede psychoanalytische Interpretation wild ist. Psychoanalyse war immer ein schiefgebeugtes Anhängsel der Wissenschaftswelt, was vor allem daran liegt, dass man alles in ihre Begrifflichkeiten packen kann, wenn man sich nur lange und hart genug anstrengt. Jedes Leugnen eines Ödipuskomplexes ist ein unbestechlicher Beweis eben für das Verdrängen des Ödipuskomplexes und alles, was länger als ein Daumen ist, ist ein Penissymbol. Wahrscheinlich ist auch jeder Daumen ein Penissymbol. Vorwerfen kann man ihr aus postmoderner Perspektive vor allem, dass sie versucht, eine Einheit herzustellen, wo unter Umständen gar keine Einheit besteht, beziehungsweise dass die Einheit, die erzeugt wird, nichts als die Einheit der psychoanalytischen Theorie selbst ist. Es ist das Verhältnis vom Tractatus Wittgenstein zum Wittgenstein der Philosophischen Untersuchungen. Dies alles sei anerkannt. Und doch. Ich meine, wenn ich das berühmte Profil des hakennasigen Florentiners vor mir sehe, darin etwas von dem traurigen Jungen zu erkennen, der seine Mutter verloren hat. Aber dann auch noch viel mehr von dem Mann, der darüber schreiben konnte, wie er sie für uns alle fand – und einem Impuls folgend, neigt sich mein Haupt.

Ein Beitrag von Sebastian Helm


Sebastian Helm. Studium der Anglistik und Philosophie an den Universitäten Leipzig und Bristol. Schwerpunkte u.a. moderne Mythenrezeption sowie die Interpretation von Mythen in Psychologie und Medien.​


Literaturhinweise:

Black, David M. Dante’s ‘Two Suns’: Reflections on the psychological sources of the Divine Comedy. The International Journal of Psychoanalysis. 98: 1699-1717 (2017).

Brockman, David Dean. A Psychoanalytic Exploration of Dante’s The Divine Comedy. Routledge, London. 2017.

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Flasch, Kurt (Übers.). Alighieri, Dante. Commedia. Fischer, Frankfurt am Main. 2013.

Flasch, Kurt. Einladung, Dante zu lesen. Fischer, Frankfurt a. M. 2011.

Kohut, Heinz. Narzißmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1976.

Phillips, Adam und Taylor, Barbara. On Kindness. Picador, New York. 2010.

Zweig, Connie und Abrams, Jeremiah (Editors). Meeting the Shadow. Tarcher/Penguin, New York. 1991.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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