Pan Twardowski – der polnische Faust

Der gewählte Titel geht auf zwei literarische Werke zurück: 1. Das Volksbuch des österreichischen Schriftstellers Johann Nepomuk Vogl (1802-1866) mit dem Titel Twardowski, der polnische Faust. Ein Volksbuch aus dem Jahr 1861 und 2. auf Pan Twardowski oder Der polnische Faust (1981) von Matthias Werner Krus (1919-2007). Der „polnische Faust“ könnte dabei nahelegen, dass mit Pan Twardowski lediglich ein polnisches Pendant zum deutschen Faust entstanden sei und damit ein Kulturtransfer von West nach Ost seine Bestätigung finden würde.

Gleich zu Beginn meiner Ausführungen erscheint es mir wichtig, ein Missverständnis zu vermeiden und auf den Unterscheid zwischen dem „polnischen Faust“, Pan Twardowski (Hervorhebung HCT) und dem gleichnamigen polnischen Lyriker, Pädagogen und römisch-katholischen Priester Jan Twardowski (1915-2006) zu verweisen. Zunächst möchte ich einen Blick auf den mythisch-mystischen Faust und die polnische Twardowski-Legende werfen. Zweifelsohne gehört die Faust-Legende zu den seit dem 16. Jahrhundert weit verbreiteten und beliebten literarischen Motiven in Europa. Dabei begünstigte das lückenhafte Wissen über Faust wie auch über Twardowski zahlreiche Legendenbildungen und literarische Ausschmückungen. Zu hinterfragen ist dabei, was fast alle sich mit dem Faust- bzw. Twardowski-Stoff  beschäftigende Schriftsteller fasziniert.

Zum einen war es das Gnostische, das Streben nach Erkenntnis, nach ungehinderter Macht in enger Verbindung mit dem Mystischen, vor allem in Gestalt des Teufelspakts, aber auch in mehr oder weniger offen artikulierten, häufig sublimierten erotischen Ambitionen. Die literarischen Verarbeitungen gehen dabei fast immer auf mündlich überlieferte Legenden aus der Volkskultur zurück. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert, u.a. auch im Zusammenhang mit der europäischen Aufklärung, kommt es zu einer künstlerisch-literarischen und publizistischen Aufwertung des Faust- und Twardowski-Stoffes im Kontext eines sich auftuenden Zwiespalts zwischen der Kraft des Mystischen, des irrrationalen Glaubens und der rationalen, wissenschaftlichen Erkenntnis.

Faust und Twardowski werden dabei zu weit über die Grenzen ihrer Zeit hinaus reichenden reflektierenden Individuen im Konflikt zwischen egoistischer Selbstverwirklichung, Machtgewinn und Machtausübungen, die erotisch-sexuelle Bestrebungen wie auch gesellschaftliche Anerkennung mit einschließen. Unter Faust bzw. Twardowski als weit verbreitete literarische Figuren verbergen sich u.a. auch antike, mittelalterliche und neuzeitliche Vorgänger, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll. Interessant sind in diesem Zusammenhang allerdings Bearbeitungen des Faust-Stoffes in Zauberbüchern, in denen sogenannte Höllen- bzw. Geisterzwänge wie auch Zaubersprüche enthalten sind, die zumeist einem gewissen Johann(es) Faust bzw. Jan Twardowski zugeschrieben werden. Als ein Beispiel dafür mögen die Christlich Meynenden Zauberbüchern (Grimoires) aus dem Jahre 1726 dienen.

Mit dem Wort „Höllen- bzw. Geisterzwang“ sind Vorstellungen verbunden, durch Anrufungen und Riten die Dämonen und Geister der Hölle zu zwingen, auch die unmöglichsten Wünsche eines Magiers zu erfüllen. Viele dieser Zauberschriften suggerieren, dass sie eigentlich uralte Schriften seien. Dabei stammt die Mehrzahl von ihnen aus dem 17. bzw. 18. Jahrhundert. Zumeist sind sie Kompilationen älterer Schriften, häufiger aber auch mehr oder weniger geschickte Fälschungen. Sie alle sollen beweisen, dass man mit Hilfe von Zaubersprüchen schon seit langer Zeit Wunder bewirken kann. Mit der Aufklärung ging allerdings der Glaube an nicht rational erklärbare Zaubereien immer weiter zurück. Das literarische Interesse an Faust als einem Menschen, der sich aus mittelalterlicher Rückständigkeit, von magischem Wissen und religiös gebotener Demut zu befreien versucht, wurde dabei immer mehr zu einem Vanitas-Symbol.

Sicher lohnt es, einen Blick auf die durch historische und kulturgeschichtliche Bedingungen besonders stark ausgeprägte polnische Romantik im gesamteuropäischen Kontext zu werfen, die u.a. auch besondere Mytho-Biografien hervorgebrachte. So inspiriert die Twardowski-Legende immer wieder polnische Künstler und Schriftsteller, sie taucht aber auch über die eigentliche polnische Kultur hinausreichend in der russischen Literatur auf, so u.a. bei Alexander Nikolajewitsch Radischtschew.[1] Im Gegensatz zum Stoff des Doktor Faustus, der zumeist mit Goethe in Verbindung gebracht wird, gibt es keine entsprechend kanonisierte polnische Version von Twardowski, der in Polen eher Gegenstand der Folklore und der volkstümlichen Literatur ist, seltener aber zu einem Thema bzw. Motiv der gehobenen Literatur wird. Allerdings nehmen sich Vertreter der polnischen Romantik wie z.B. Adam Mickiewicz des Twardowski- und des Faust-Stoffs an, setzen sich damit auseinander und schreiben die Legenden weiter fort. Der polnische Nationalschriftsteller Adam Mickiewicz (1798-1855) verfasste bereits 1820 eine Ballade mit dem Titel Pani Twardowska (Hervorhebung HCT), die erst 1822 erschien. Mit seinem Titel traf der Verfasser eine bewusste Wahl, indem er nicht den bekannten Pan Twardowski, sondern dessen Gattin, Pani Twardowska in den Mittelpunkt seines Werkes stellt. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass der junge Mickiewicz tief mit der geheimnisvollen Landschaft und Mythologie seiner ländlichen litauischen Heimat, vor allem mit den sagenumwobenen Nymphen (Rusalka) und weiteren geheimnisvollen weiblichen Gestalten verbunden war. Es war eine mystische Welt, die ganz im Gegensatz zur rationalen Welt der Wissenschaften mit dem „Forschungsglas der Weisen“ stand.

Auf dieses literarische Beispiel Bezug nehmend, ist es sicher interessant und lohnenswert zugleich, beide Schriftsteller und ihre genannten Werke in einem näheren Zusammenhang zu sehen. Tatsächlich begegneten sich Mickiewicz und Goethe 1829 in Weimar, Anlass war Goethes 80-jähriger Geburtstag.[2] Der Schweizer Privatgelehrte Frédéric Jacob Soret (1795-1865) merkte in diesem Zusammenhang an „[…] dass der sonst etwas schwermütige Mickiewicz in seiner unübertrefflich geistreich-liebenswürdigen Art […] die Volkslegende von Twardowski erzählte und kommentierte, eines polnischen Faust, der in seiner burlesken-menschenfreundlichen Weise dem Teufel immer wieder ein Schnippchen schlägt und diesem schließlich ebenso wenig die Seele lässt wie Faust Mephisto.“[3] Damit drängt sich eine oft gestellte Frage auf, ob Adam Mickiewicz als „Regent polnischer Seelen“, tatsächlich ein „polnischer Goethe“ (Marcel Reich-Ranicki) war.

Dieser pauschale Vergleich ist als solcher so nicht korrekt. Mickiewicz, ex post zum polnischen Nationaldichter gemacht, war litauischer Herkunft und zunächst auch ein litauischer Heimatdichter, der bis heute von Polen als auch von Litauern und Belorussen für sich und für die jeweilige Kultur und Literatur vereinnahmt wird. Des Weiteren stellt sich die Frage, ob nicht auch der deutsche Faust andere mystisch-literarische Vorgänger hatte. 1587 war ein erstes Volksbuch über das Leben eines gewissen Johann(es) Faust aus der Feder des Buchdruckers Johann Spies/Spieß (1540-1623) unter dem Titel Historia von D. Johann Fausten erschienen. 1589 hatte der Engländer Christopher Marlowe (1564-1593) ein Drama, die The Tragical History of Doctor Faustus geschaffen, das sich höchstwahrscheinlich auf das Volksbuch von Johann Spies/Spieß stützte und 1604 zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Die Figur des Fausts verlangt in beiden Werken auf eine anmaßende Art und Weise die Macht über die Welt zu erlangen, ignoriert dabei allerdings die Theologie, verschreibt sich voll und ganz der Magie und dem Teufel. Wahrscheinlich ist es die erste literarische Verarbeitung des Fauststoffes, in der die Figur des Faust nicht nur mit negativen, sondern auch mit positiven Charaktereigenschaften ausgestattet wird. Der „englische Faust“ kam wahrscheinlich um 1600 mit einer Schauspielergruppe von England nach Deutschland. Der dramatisierte Stoff wurde von deutschen Wanderbühnen übernommen; dabei mutierte Doktor Faustus zu einer komischen Figur, zu einem exotischen Kasperl, der vor allem dem Amüsement dienen sollte.

Neben dieser Witzfigur trat Faust aber auch weiterhin als Dämon, als teuflischer Unhold auf. Es folgten weitere diverse Über- und Umschreibungen des Fauststoffes in der Hoch- wie auch in der Volksliteratur und -kultur. In der Aufklärung zeichnete sich eine deutliche Aufwertung, ja Rechtfertigung der Faustfigur ab. So veröffentlichte Gotthold Ephraim Lessing 1759 Szenen eines von ihm geplanten, doch nie vollendeten Faust-Dramas in seinem 17. Literaturbrief. Bei Lessing taucht Faust als ein nach Wissen und Macht strebender Renaissancemensch, als Wissenschaftler und Künstler zugleich auf. In der Zeit von Sturm und Drang verkörpert der junge, tatkräftige Faust immer stärker die Suche nach geistigen und sinnlichen Abenteuern, nach Vergnügen und purer Lust in einer zunehmend naturfremden, konservativen, steifen Welt. In der Populär- bzw. Volkskultur trat vor allem die altbekannte negative Faustfigur auf, so z.B. in Girandolas bzw. Girandolinis pyrotechnisch-musischem Freilichtspektakel Doctor Fausts Höllenfarth (1785). Mit Goethes Faust. Der Tragödie Erster Teil (1808) kommt es zu einer weiteren Nobilitierung der Faustfigur. Was machte dabei Goethes Faust aus? Zunächst erscheint er als ein wissensdurstiger Intellektueller, der sich aus kirchlicher Bevormundung befreit, nach Erkenntnis und (Lebens-)Erfahrung strebt. Für weitere nachfolgende Betrachtungen ist sicher auch der Text von Goethes Urfaust (1772-1775) aufschlussreich, der von dem auf Jahrmärkten aufgeführten Puppenspiel vom Doktor Faust mit individuellem Erkenntnisdrang und dem schaurigen Pakt mit dem Teufel ausging.

Wenden wir uns nunmehr dem historischen Stoff des Pan Twardowski zu, der in zahlreichen Werken der polnischen Literatur zu einer sehr beliebten literarischen Figur wurde. Mit Twardowski haben wir es mit einem für seine Zeit ungewöhnlich gebildeten Vertreter der polnischen Schlacht (Szlachta, vom deutschen Wort Geschlecht abgeleitet) zu tun. Der polnische Szlachcic, also Edelmann, lebt in der alten Königsstadt Krakau. Übereinstimmend wird in allen Geschichten und Erzählungen über ihn berichtet, dass er seine Seele dem Teufel verkauft hätte, um Macht, Einfluss, Anerkennung und Ruhm zu erlangen. Vor allem deutsche Historiker vermuten, dass der historische Twardowski eigentlich ein aus Nürnberg stammender Adliger war, der sich nach seinem in Wittenberg absolvierten Medizinstudium im Jahre 1565 in Krakau niedergelassen hatte. Sein deutscher Name soll Laurentius Dhur gewesen sein, der in der latinisierten Form zu Durus und in der polnischen Übertragung schließlich zu Twardowski (polnisch: twardy, also hart, durus) wurde. Es gibt Spekulationen, dass die Lebensgeschichte von Durus-Twardowski vom englischen Mathematiker, Astronomen, Astrologen und Mystiker John Dee (1527-1608 oder 09), vielleicht sogar vom englischen Alchemisten, Edward Kelley (1555-1597) inspiriert wurde. Beide hatten längere Zeit in Krakau gelebt.

Auf den historischen Twardowski baut auch seine Legende auf, die besagt, dass er in der Zeit von 1565-1573 in Krakau lebte und dort mit „Pan“, also der offiziellen Anrede für einen polnischen Adligen, angesprochen wurde. Pan Twardowski war ein Gelehrter, der sich seit frühester Jugend mit wissenschaftlichen Schriften und geheimnisvollen Büchern beschäftigte, um mit dem erworbenen Wissen Macht über Alter, Krankheit und Tod zu erlangen. In einem alten Buch fand er den Hinweis, dass man allein mit Hilfe des Teufels dieses Ziel erreichen könnte. Dabei war Pan Twardowski fest davon überzeugt, dass es ihm, dem Überschlauen, durchaus gelingen würde, den Teufel zu überlisten. Auf diese Weise brachte er in den mit dem Teufel zu schließenden Pakt eine besondere Klausel ein, die besagte, dass sich der Leibhaftige seiner Seele nur in Rom bemächtigen durfte, ein Ort, den Twardowski nie zu besuchen beabsichtigte.

Nachdem der Pakt besiegelt worden war, gelangte Twardowski tatsächlich zu großer Macht, zu Reichtum, Ruhm und weitreichendem Einfluss; er wurde sogar Höfling des polnischen Königs Sigismund (Zygmunt) II. August, der sich nach dem Tode seiner innig geliebten Frau, Barbara Radziwiłł, immer mehr mit Astrologen, Alchemisten, Zauberern und Quacksalbern umgeben hatte. Alle Wünsche, auch die absonderlichsten, wie z.B. der Ritt auf einem Hahn, der schneller lief als ein Pferd, das Aufhäufen von Silber aus ganz Polen an einer einzigen Stelle bei Olkusz (hier entstand später eine Silberhütte) wurden ihm augenblicklich erfüllt. Mit Hilfe des Leibhaftigen entstand auch der  „Teufelsfelsen“ (Czarcia Skała) im Ojcowski Nationalpark in der Nähe des Schlosses Piaskowa Skała. Es ist ein mit der Spitze in den Boden gerammter Felsblock.

Von König Sigismund August beauftragt, gelang es Twardowski schließlich, den Geist der 1551 verstorbenen Königin Barbara Radziwiłł mit Hilfe eines nach ihm benannten und sich heute in einer Kirche in Węgrów (Masowien) befindenden magischen Spiegels herbeizuschwören. Der polnische Maler Wojciech Gerson (1831-1901) hat diese Szene der Erscheinung der polnischen Königingemahlin übrigens auf einem seiner Gemälde festgehalten. Der Twardowski-Spiegel sollte jedem, der nur in ihn hinein schaute, kommende Ereignisse weissagen. Das passierte u.a. 1812 Napoleon Bonaparte, dem der Spiegel seine nahende militärische Niederlage vorhersagte. Eines schönen Tages fand Twardowski Gefallen an einer überaus schönen polnischen Jungfrau, die er alsbald zu seiner Frau nahm. Eben diese Pani Twardowska wurde, wie bereits erwähnt, von Adam Mickiewicz in seiner gleichnamigen Ballade verewigt. Letztendlich hatte der Teufel allerdings genug von Twardowskis Hinauszögern. Doch es half keinerlei Mittel, kein Erinnern an den endlich einzulösenden Schuldschein, stets wusste sich der durchtriebene polnisch Edelmann den Forderungen mit dem Verweis zu entziehen: „Meine Seele gebe ich dir, wie versprochen, in Rom.“

Daraufhin ersann der Leibhaftige eine List. Als Höfling verkleidet, bat er Twardowski um die Heilung seines erkrankten Herrn. Gierig nach Geld, Lob und Anerkennung folgte er ihm in ein Gasthaus, in dem sich der Kranke aufhalten sollte. Erst als sich Scharen von Raben, Krähen und Eulen auf dem Dach des Gasthofes niedergelassen hatten, bemerkte Twardowski beim Überschreiten der Schwelle eine über der Tür angebrachte Aufschrift „Rzym“ (Rom). Zu spät erkannte er die ihm drohende Gefahr. Blitzschnell nahm er ein in einer Wiege liegendes Kind auf seine Arme, wusste er doch, dass der Teufel kein Recht auf die Seele eines neugeborenen Kindes hatte. Da erinnerte der Leibhaftige Twardowski an das Ehrenwort „Verbum nobile“ eines echten Edelmannes. Und so legte Twardowski das Kindlein wieder zurück in die Wiege, der Teufel packte ihn an seinem Kontusz, dem langen Mantel eines polnischen Adligen und führte ihn aus dem Gasthaus hinaus. Da begann Twardowski voller Reue zur heiligen Schwarzen Madonna von Tschenstochau (Częstochowa) zu beten. Dieser gelang es schließlich, den Teufel zu bewegen, den polnischen Edelmann loszulassen. Anstatt jedoch in die Hölle zu fahren, stürzte Twardowski auf den Mond, wo er in Gesellschaft eines in eine Spinne verwandelten  Gehilfen lebte, den er ab und zur Erde hinabließ, um sich von dort Neuigkeiten bringen zu lassen. Bis heute kann man Twardowski als dunklen Fleck auf der Mondoberfläche erkennen …

Schauen wir uns noch einmal Mickiewiczs Ballade etwas näher an. Goethes Faustmotiv in Gestalt des Teufelspakts wird in der humorvollen, volkstümlich-ländlichen litauischen (sic!) Ballade Pani Twardowska aufgenommen, mehrfach überarbeitet, auf dass sie auch für alle Leser gut verständlich wird. Der Teufel selbst taucht in Mickiewiczs Ballade just vom Boden eines „halben Fässchen Danzigwasser“ auf […], gab sich zum Besten, / Wie im Teutschen Teufelschwank […]; / er ward erkannt: ‚Ah Twardowski, grüß dich, Bruder!‘  […] Kennst du mich denn nicht, mein Guter? Bin Mephisto, dein Kumpan. Hast am Kahlen Berge drüben / Mir die Seele anvertraut. / Hast den Schuldschein unterschrieben, /Stimmt’s? / Auf einer Ochsenhaut. / […] Solltest du in Rom erscheinen, / Als mein treuer Untertan. […]‘ Rat ist teuer! Was beginnen, / Wenn der Kopf verpfändet ist? / Aber schon nach kurzem Sinnen / Kommt Twardowski eine List. / ‚Lies, Mephisto, das Vernehmen / […] Kommst du mir die Seele nehmen, […]. / Musst du dreimal meinen Willen, / […] Auch den härtesten, erfüllen, […]‘/. Dazu gehört ein Pferd aus dem Wirtshauswappen: ‚Ich will reiten diesen Rappen, / Von der Stelle im Galopp‘. Des Weiteren: ‚Bau ein Haus in diesem Haine, / Wo ich Reiter rasten könnt‘. / Der zweite Wunsch: ‚Nimm ein Bad in dem Geträufel, / Das aus Weihwasser gemacht. […] Halt am Ende noch das eine / […]. Sieh das Weib hier ist die meine / Frau Twardowska, mein Pläsier. / Für ein Jahr fahr ich zur Hölle / […] Und du kommst an meine Stelle, / Als ihr Gatte hier zu ihr. / Schwörst ihr Liebe, Achtung, Treue, / […]. Brichst du eins nur, dann, bereue, / Bin ich frei von jedem Eid‘./ Satan hört nur halb die Worte, / Sieht nur halb das Weib, verstört, / Und schon ist er an der Pforte, / Hat genug geseh‘n, gehört. / Ob Twardowski ihm die Tür verstellt, / Durch das Schlüsselloch entflieht er, / Und so flieht er arg geprellt.[4]

Bis heute gilt Twardowski als eine Verkörperung polnischer positiver wie negativer Eigenschaften: Stolz (duma), witziger Geist (spyryt), sarmatischer Vorstellungkraft und Phantasterei (wyobraźnia, fantazja), unbändiger Ausgelassenheit (swawola) und wilder Zecherei (hulaka). Einem solchen polnischen Edelmann, potzblitz, gelingt es sogar, den Teufel zu überlisten! Und zwar einen Teufel mit stereotyp deutschen Eigenschaften, ein Teufelchen, das fürwahr ein „wahrer Deutscher“ mit einem „deutschen Buckel“ und einer Hakennase war, kam doch in den volkstümlichen polnischen Vorstellungen zumeist alles Böse und Verderbliche von außen.

Pani Twardowska erscheint nur in der letzte Szene der Ballade, die doch ihren stolzen Namen trägt, ohne jedoch selbst nur ein einziges Wörtchen zu sagen. Ihr Auftreten bewirkt allerdings, dass der Teufel gar fix die Flucht durch das Schlüsselloch ergreift. Fürchtet er sich etwa vor ihrer Güte, ihrer gleichsam engelsgleichen polnischen Seele (dusza anielska)? Ist sie in diesem Sinne vergleichbar mit Gretchen als Repräsentantin natürlicher und reiner Unschuld? Ist die polnische Adlige, Pani Twardowska, bei Mickiewicz eine ihrem Ehegatten anscheinend ebenbürtige Partnerin? Sind sie ein weniger gegensätzliches Figurenpaar als Faust und Gretchen? Aus welchem Grunde hatte dieser scheinbar kleine Mephisto eigentlich Angst, geriet geradezu Panik, als er mit Pani Twardowska ein ganzes Jahr als Mann und Frau zusammen verbringen und ihr zu Diensten stehen sollte? Konnte sie ihm womöglich als geschickte Zauberin oder aber als kluge Hexe (baba jaga) gefährlich werden? Worin beruht letztendlich die Ironie, die Komik, der Humor, diese ganze „komische Polyphonie“? Die Antwort auf all diese Fragen überlässt der Autor seiner treuen Leserschar.

Aller Wahrscheinlichkeit nach kommt in Mickiewiczs Ballade zusätzlich zum Motiv des Fausts ein weiteres zum Tragen: Das seit Niccolò Machiavelli bekannte Belfagor-Motiv. In seiner zwischen 1518 und 1527 geschriebenen, doch erst 1549 veröffentlichten Novelle Belfagor arcidiavolo beschäftigt sich Machiavelli mit den Fragen, wie man den Teufel einschüchtern kann und wie es einer Frau gelingt, selbst den Teufel zu besiegen. Die Teufel wundern sich, weshalb die in die Hölle verbannten Männer ihre Ehefrauen für die eigene Verdammnis schuldig sprechen. Also senden sie einen Teufel auf die Erde, der dort als sterblicher Mann zehn Jahre lang mit einer Frau verheiratet sein musste, um das Geheimnis zu ergründen. Die Geschichte endet mit der Erkenntnis, dass die Ehefrau letztendlich die Schuld an der Verdammnis ihrer Ehemänner trägt und dass sie wohl noch schwerer zu ertragen sei als der Teufel selbst.  Bei Mickiewicz erträgt der Leibhaftige sogar ein Bad im heiligen, getauften Wasser, er verflüchtigt sich jedoch augenblicklich, als er nur davon hört, dass er an der Seite der Ehefrau des Magiers ein ganzes Jahr verbringen sollte. Möglicherweise hatte Mickiewicz beim Schreiben auch an ein altes polnisches Sprichwort gedacht, das besagt: „Wo der Teufel nichts ausrichten kann, da schickt er ein Weib hin.“ (Gdzie diabeł nie może, tam babę pośle).

Mickiewiczs populäre Ballade Pani Twardowska fand in Polen vielfältigen Anklang. Sie wurde 1869 von Stanisław Moniuszko für Soli, Chor und Orchester vertont. 1874 folgte das Ballett Pan Twardowski von Adolf Gustaw Sonnenfeld, 1921 ein weiteres Ballett von Ludomir Różycki nach Motiven aus Kraszewskis Twardowski-Roman. Zu den Musikwerken gehört die 1894 entstandene Rhapsodie Twardowsky von Ferdinand Pfohl nach einer Dichtung von Otto Kayser. 1990 entstand schließlich das Musical Pan Twardowski von Janusz Grzywacz und Włodzimierz Jasiński. Zu den bekanntesten, sich auf die Twardowski-Legende stützenden Filmen gehört Pan Twardowski von Ladislav Starevitch aus dem Jahr 1917. 1921 folgt Wiktor Biegańskis gleichnamiger Film, 1936 eine weitere Verfilmung von Henryk Szaros und 1995 schließlich ein sich ebenfalls auf Kraszewskis Twardowski-Roman stützendes Filmwerk, Dzieje Mistrza Twardowskiego (Die Geschichte von Meister Twardowski) von Krzysztof Gradowski.

Der bereits erwähnte polnische Historiker, Archäologe und Schriftsteller Józef Ignacy Kraszewski (1812-1887), der eine Zeitlang im Dresdner Exil gelebt hatte, veröffentlichte 1840 seinen sich auf volksnahe Überlieferungen stützenden phantastischen Roman Mistrz Twardowski (Meister Twardowski), der 1879 in deutscher Übersetzung als Meister Twardowski. (Der polnische Faust). Volkssage frei bearb. Von Hans Max in Wien und Waldheim erschien. 1902 wurde das Gedicht Mistrz Twardowski (Meister Twardowski) des polnischen Dichters Leopold Staff veröffentlicht, dem 1906 die Ballade Pan Twardowski von Lucjan Rydel folgte. 1930 wurde der Roman Pan Twardowski, czarnoksiężnik polski (Pan Twardowski. Ein polnischer Zauberer) von Wacław Sieroszewski veröffentlicht. 1981 erschien Matthias Werner Kruses Buch mit dem Titel Pan Twardowski oder die merkwürdige Begegnung mit dem Doppelgänger während des Jahrmarkts zu Steenbrügge. 1987 kam schließlich der erste Twardowski-Comic heraus. 2015 folgte The Witcher 3: Wild Hunt – Hearts of Stone (polnischer Originaltitel: Wiedźmin 3: Dziki Gon – Serca z Kamienia, deutsch: Der Hexer 3. Wilde Jagd – Herz aus Stein) des polnischen Schriftstellers Andrzej Sapkowski, das auf Motiven aus dem Froschkönig, Das kalte Herz, auf das Theaterstück Wesele (Die Hochzeit) des polnischen Universalkünstlers und Schriftstellers Stanisław Wyspiański (1869-1907), in erster Linie jedoch auf der Twardowski-Legende basiert.  

Ein Beitrag von Dr. Hans-Christian Trepte


Hans-Christian Trepte studierte Russisch und Englisch (Erwachsenenbildung) in Greifswald und Leipzig, nachfolgend Polonistik (Literaturwissenschaft) in Leipzig, Warschau und Wroclaw. 1979 Promotion über Jarosław Iwaszkiewiczs Epochenroman ” Sława i chwała” [Ruhm und Ehre]. 2002-2016 Mitarbeiter am Institut für Slavistik der Universität Leipzig. Forschungsschwerpunkte: polnische und tschechische Kultur und Literatur, Exilliteratur, deutsch-polnische kulturelle und literarische Beziehungen. Auch als Übersetzer tätig (u.a. Jarosław Iwaszkiewicz, Henryk Grynberg, Tomasz Małyszek, Czesław Miłosz u.a.


Anmerkungen:

[1] Alexander Nikolajewitsch Radischtschew: Al’oša, bogatyrskoe pesnotvorenie (1801).

[2] Louis Fürnberg: Die Begegnung in Weimar. Berlin/Weimar. 1965.

[3] Paul Hazard: Frédéric Soret: un Genevois a la cour de Weimar. Journal inédit de Frédéric Soret (1795-1865), Paris 1932, zitiert nach Ulrich Kaufmann: Mickiewicz und Goethe – Louis Fürnberg erzählt von ihrer Begegnung in Weimar. In: Das Blättchen. Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft, 22. Jahrgang, Nr. 16, 5. August 2019, S. 1.

[4] Adam Mickiewicz: Pani Twardowska (1820). In: Adam Mickiewicz: Dichtung und Prosa. Frankfurt am Main 1994.


©  Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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