Sternbilder und ihr mythologischer Hintergrund

Am Sternenhimmel sind bei idealen Bedingungen (d.h. ohne die in Mitteleuropa häufige Lichtverschmutzung) mit bloßem Auge mehrere Tausend Sterne zu erkennen. Wie archäologische Befunde zeigen, hat der Mensch schon früh in der Kulturgeschichte Interesse für die Astronomie, d.h. für die Gegebenheiten des Sternenhimmels, entwickelt. Die sogenannte Himmelsscheibe von Nebra ist wohl eines der bekanntesten Beispiele hierfür.

Die Vielzahl der Sterne macht es schwierig, sich am Himmel zu orientieren. Hinzu kommt, dass sich die Himmelssphäre dreht und im Laufe der Jahreszeiten am Horizont Sterne sichtbar werden oder auch verschwinden, der Himmel also auch bei den Fixsternen gewissen Veränderungen unterliegt. Daher liegt es nahe, die Sterne so zu gruppieren, dass man sie bei der nächtlichen Beobachtung leicht wiederfinden und identifizieren kann. Hierzu entstanden ursprünglich die Sternbilder, zu denen auch die allgemein bekannten Tierkreiszeichen gehören. Bereits 2.500 vor Chr. hatte man in Ägypten die nördliche Himmelshalbkugel in Sternbilder gegliedert und auch die Tierkreiszeichen erfunden. Auch in Mesopotamien besaß die Astronomie eine wichtige kulturelle Rolle, insbesondere wurden Beobachtungen am Sternenhimmel religiös gedeutet. Die genaue Bezeichnung der Sternbilder bei Babyloniern und Ägyptern ist jedoch nicht in allen Fällen überliefert.

Von den Ägyptern übernahmen die Griechen die Vorstellung und Aufteilung der Sternbilder und gaben diesen Benennungen aus der Mythologie. Dies ist der Anfang der bis heute überlieferten Bezeichnungen von Sternbildern nach Mythen. Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang, dass natürlich auch später noch Sternbilder benannt worden sind. So füllte unter anderem der Danziger Astronom Johannes Hevelius (1611-1687) die Lücken zwischen den traditionellen Sternbildern mit neuen Formationen, die vor allem Namen von Tieren tragen, wie beispielsweise Eidechse, Luchs oder Kleiner Löwe.

Sternenformationen, die zur südlichen Hemisphäre gehören, wurden ebenfalls erst in der Neuzeit im Zuge der „Entdeckung“ der südlichen Erdhälfte von europäischen Gelehrten mit Namen versehen, auch wenn Kulturen der Südhalbkugel natürlich schon früher Sternenkonstellationen identifiziert und benannt haben (so z.B. die indigenen Völker Australiens). (Dazu auch https://kunst-und-natur.de/stiftung/sternenhimmel)

Der französische Astronom Nicolas-Louis de Lacaille (1713-1762) beispielsweise beobachtete vom südafrikanischen Tafelberg Mitte des 18. Jahrhunderts den Sternenhimmel und prägte u.a. Sternbilder mit den Bezeichnungen Chemischer Ofen, Pendeluhr, Kompass, Luftpumpe, Zirkel, Winkelmaß, Fernrohr und Mikroskop. Ein weiteres Sternbild benannte er nach seinem Beobachtungsort Tafelberg. An den Bezeichnungen lässt sich erkennen, dass die Errungenschaften jener Zeit der Wissenschaftlichen Revolution in den Himmel projiziert wurden.

In der Geschichte der Astronomie sind zahlreiche neue Sternbilder formiert worden, die zu einem erheblichen Teil auch wieder in Vergessenheit gerieten bzw. deren Bezeichnung sich nicht durchsetzen konnte. Dazu gehören beispielsweise Sternbilder, die nach Fürsten benannt wurden. Es gab aber auch Versuche, die traditionellen Bezeichnungen der Sternbilder zu christianisieren: So sollte Andromeda Grab des Herrn heißen, Kassiopeia Maria Magdalena oder das Sternbild Widder in Apostel Petrus umbenannt werden.

Heute gibt es (seit 1922 bzw. 1930) 88 von der Internationalen Astronomischen Union (IAU) festgelegte Sternbilder, deren Grenzen sich an den Längen- und Breitengraden der Himmelssphäre orientieren. Sie dienen zur Identifizierung von Sternen, aber auch von Galaxien, die nach einer festen Bezeichnungskonvention diesen Himmelsregionen zugeordnet werden. Beispielsweise liegt die Galaxie Andromedanebel im Sternbild Andromeda. Ein figürlicher Zusammenhang zwischen den Bezeichnungen und den jeweils bezeichneten Himmelbereichen lässt sich oftmals nicht oder nur mit großer Fantasie herstellen. Dies gilt für die modernen Sternbilder noch in weit größerem Maße als für die bereits aus der Antike überlieferten.

Nun zu den mythologischen Hintergründen, die mit den Sternbildern verbunden sind: Da die Benennungen der Sternbilder – wie bereits angedeutet – die Weltanschauung der jeweiligen Benennungszeit widerspiegeln, ist es klar, dass sich nur um die alten, bereits aus der Antike stammenden Sternbilder Mythen ranken, nicht jedoch um diejenigen, die erst in der Neuzeit benannt wurden. Das bedeutet, dass sich die in Europa verbreiteten mythologischen Interpretationen von Sternbildern weitgehend auf den nördlichen Sternenhimmel beziehen.

Eines der bekanntesten Sternbilder ist der sogenannte Große Bär, zu dem auch der sogenannte Große Wagen als Teil gehört. In der griechisch-lateinischen Tradition handelt es sich bei der Benennung aber um eine Bärin (Ursa Maior). Im Umfeld dieses Sternbildes finden sich noch mehrere thematisch zugehörige weitere: der Kleine Bär (Ursa Minor), der Bärenhüter (Bootes) sowie die Jagdhunde (Canes Venatici). Um diese Gruppe von Sternbildern rankt sich folgende Sage:

„In Arkadien herrschte vor langer Zeit König Lykaon. Er hatte eine Tochter namens Kallisto, die in der ganzen Welt ihrer Schönheit und Anmut wegen berühmt war. Der blitzeschleudernde Zeus, Beherrscher des Himmels und der Erden, war von ihrer göttlichen Schönheit entzückt, kaum daß er sie gesehen hatte. Heimlich, damit es seiner eifersüchtigen Gemahlin, der Himmelskönigin Hera, verborgen blieb, besuchte Zeus des öfteren Kallisto im Palast ihres Vaters. Sie gebar ihm den Sohn Arkas, der rasch heranwuchs. Er war ein wohlgestalter junger Mann, der den Bogen geschickt zu gebrauchen wußte. Oft ging er zur Jagd in die Berge.

Schließlich erfuhr Hera von der Liebe zwischen Zeus und Kallisto. Außer sich vor Zorn, verwandelte sie Kallisto in eine behäbige Bärin. Als Arkas abends nach Hause zurückkehrte und das Tier erblickte, spannte er den Bogen … Aber Zeus ließ es nicht zu, daß Arkas zum Muttermörder wurde. Kaum war der Pfeil von der Sehne geschnellt, da packte Zeus die Bärin am Schwanz und riß sie zur Seite. Rasch trug er sie zum Himmel hinauf, wo sie noch heute als Sternbild erstrahlt. Doch der Schwanz, an dem Zeus die Bärin hielt, dehnte sich wegen des großen Körpergewichts, so daß die Bärin nun am Himmel einen so langen, geschwungenen Schwanz hat.

Da Zeus wußte, wie lieb Kallisto ihre Zofe hatte, beförderte er auch diese an den Himmel. Er ließ sie dort als Sternbild Kleiner Bär in ihrer Nähe. Aber auch Arkas sollte nicht auf der Erde zurückbleiben. Zeus verwandelte ihn in das Sternbild Bootes.

Als Bärenhüter ist er auf ewig verurteilt, seine Mutter zu bewachen. Deshalb hält er auch die Jagdhunde so fest an der Leine, die sich wütend auf die Bärin stürzen wollen.“ (Bonov 1986: 30f.)

Ein weiteres sehr bekanntes Sternbild ist Orion. In diesem Sternbild befinden sich besonders helle Sterne, insbesondere Beteigeuze an der rechten Schulter des Orion und Rigel an der Ferse des linken Fußes. Der Name Rigel stammt aus dem Arabischen und bedeutet „Bein, Fuß“ und nimmt somit auf das Sternbild Bezug. Beteigeuze ist deswegen bemerkenswert, weil er zu den Veränderlichen gehört, d.h. seine Helligkeit ändert sich mehr oder minder regelmäßig. Innerhalb des Sternbildes findet man auch noch den bekannten Orion-Nebel. In der Mythologie ist Orion als Sternbild mit mehreren anderen Sternbildern verbunden. So wird in einer Erzählung Orion mit den Sternbildern Skorpion und Schlangenträger (Asklepios) in Verbindung gebracht:

Dem Mythos nach wurde Orion auf der Insel Chios von einem Skorpion erstochen, woran er starb. Asklepios, der griechische Gott der Heilkunst, erweckte ihn wieder zum Leben, worauf hin Hades ihn erschlug. Zeus verwandelte sodann Orion, den Skorpion und Asklepios in Sternbilder, wobei er Asklepios zwischen Skorpion und Orion stellte, um Orion vor den Gefahren des Tiers zu schützen.

Die Tierkreiszeichen sind älter als die griechische Mythologie. Sie sind bereits in Mesopotamien und im alten Ägypten bekannt, wenngleich teilweise mit anderen Bezeichnungen oder in modifizierter Form. Dies gilt beispielsweise für das Sternzeichen Löwe. Auch das Sternbild Jungfrau war bereits in Mesopotamien und in Ägypten präsent. In Ägypten kündigte das Erscheinen des Sternbildes am Himmel den Beginn der Ernte an. Deshalb wurden die hellsten Sterne des Sternbildes dort Schnitterinnen genannt. In Mesopotamien (Babylon) nannte man das ganze Sternbild Kornähre. Die griechische Mythologie sieht im Sternbild der Jungfrau eine Verkörperung von Demeter, der Göttin der Fruchtbarkeit. Insofern wird derselbe Bezug zur Ernte hergestellt wie in Ägypten und Mesopotamien.

Das Sternbild Schütze ist bei uns nur teilweise zu sehen. Es liegt in einem der hellsten Bereiche der Milchstraße und steht im Juni und Juli am höchsten über dem Südhorizont. Als ein Teil des Sternbildes des Schützen hat man früher auch noch ein weiteres Sternbild, das des Kentaurn Cheiron, identifiziert. Da das Sternbild des Skorpions angrenzt, hat man sich vorgestellt, dass Cheiron mit gespanntem Bogen einen Pfeil auf den Skorpion abschießen möchte, und zwar als Strafe dafür, dass dieser Orion mit seinem Giftstachel verletzt hat. Bei den Griechen stand der Schütze als Sternzeichen für die Winterjagd. Schon in Mesopotamien stellte man sich den Schützen wohl als Mensch-Tier-Wesen vor, so dass der Zusammenhang mit dem Kentauren Cheiron bei den Griechen plausibel ist.

Doch nicht nur Sternbilder als aus einzelnen Sternen gebildete Figuren besitzen Bezüge zur Mythologie, sondern auch die Benennungen der Planeten des Sonnensystems sowie der Name der Milchstraße. Zur Milchstraße findet man in der Mythologie folgende Erklärung:

„Am Tag der Geburt des Herakles war Zeus besonders freudig gestimmt. Die schönste Frau unter den Sterblichen, Alkmene, hatte ihm einen Sohn geboren. Er sollte – das war sein Wille – der berühmteste Held Griechenlands werden. Um seinem Sohn göttliche Kraft zu verleihen und ihn unbesiegbar zu machen, beauftragte er den Götterboten Hermes, Herakles zum Olymp zu bringen, auf daß er von der Himmelskönigin Hera gesäugt werde.

Pfeilschnell eilte Hermes auf seinen geflügelten Sandalen dahin. Unbemerkt nahm er den Knaben auf und trug ihn zum Olymp. Hera war gerade unter einer blütenübersäten Magnolie eingeschlummert. Hermes näherte sich ihr ganz leise und legte ihr den kleinen Herakles an die Brust. Sogleich begann dieser gierig die göttliche Milch zu saugen; doch die Göttin erwachte. Voller Zorn stieß Hera den Herakles zurück, den sie schon gehaßt hatte, ehe er geboren war. Und ihre göttliche Milch, die ihrer Brust entströmte, ergoß sich über den Himmel.“ (Bonov 1986: 267)

Die in der Antike bekannten Planeten besitzen Götternamen. Dabei ist nicht abschließend geklärt, welche Rolle die Planeten selbst als Götter bereits in der Astronomie Mesopotamiens spielten. Bleibt man bei den heute üblichen Namen, so sind die bereits bei Griechen und Römern bekannten Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn nach Göttern benannt. Diese Tradition hat man auch bei der Benennung der erst in der Neuzeit entdeckten Planeten Uranus, Neptun und Pluto (der inzwischen zum Zwergplaneten herabgestuft wurde) fortgeführt.

Bei der Namensgebung der Planeten ließ man sich auch von den Eigenschaften der Götter leiten: So spiegelt sich z.B. die Schnelligkeit des Gottes Merkur, des griechischen Hermes, in der kurzen Umlaufzeit des sonnennächsten Planeten. Die Schönheit des Planeten Venus, der sowohl als Morgen- wie auch als Abendstern erscheint, erklärt den Zusammenhang mit der römischen Göttin der Liebe und Schönheit. Die Eigenschaften der Götter wiederum, die zum Namensgeber für die Planeten wurden, spielen dann wieder bei der Interpretation der Himmelskonstellation im Rahmen der Astrologie eine Rolle. Hier steht beispielsweise der Planet Mars u.a. für Krieg und Streit.

Ebenso Bezug auf die antike Mythologie nehmen die Namen von Kleinplaneten wie Ceres oder auch von Planetenmonden. Heute sind mehrere Tausend so genannter Klein- und Kleinstplaneten (Planetoiden bzw. Asteroiden) bekannt, von denen ein erheblicher Teil mythologische Namen trägt. Hier finden sich die Namen von Nymphen wieder, Namen von mehr oder minder bedeutenden römischen oder griechischen Gottheiten, aber auch von Halbgöttern und Helden aus den Erzählungen der Mythologien der Antike. In den meisten Fällen ist die Benennung nicht besonders motiviert. Es gibt aber auch Ausnahmen, so den Planetoiden namens Ikarus, dessen Umlaufbahn so geartet ist, dass er der Sonne besonders nahe kommt.

Während die Planetennamen sich an der römischen Mythologie orientierten, wurden Planetenmonde z.B. beim Jupiter nach der griechischen Mythologie benannt: Io, Europa, Ganymed, Kallisto. Io war die Tochter des Flussgottes Inachos. Zeus begehrte sie, doch Hera wollte sie vernichten. Um Io zu schützen, verwandelte Zeus sie in eine weiße Kuh, doch Hera erbat sich diese zum Geschenk und übergab sie dem hundertäugigen Argos zur Bewachung. Hermes befreite sie, indem er Argos so lange mit Geschichten unterhielt, bis dieser einschlief und dann von Hermes geköpft wurde. Auch Europa, die Tochter des Königs Agenor, war Geliebte des Zeus. Ganymed war der Sohn des Königs Tros von Troja. Als Schönsten der Menschen ließ Zeus ihn durch einen Adler entführen und ihn zu seinem Mundschenken machen. Kallisto schließlich wurde ebenfalls von Zeus verführt. Sie war eine Nymphe aus dem Gefolge von Artemis, der Göttin der Jagd.

Die meisten früh entdeckten Monde des Saturn erhielten Namen der Brüder und Schwestern des Saturn (griechisch Kronos). Der erste Saturnmond wurde 1655 von Christian Huygens (1629-1695) entdeckt und Titan genannt. Die wenig später von Giovanni Domenico Cassini (1625-1712) entdeckten vier weiteren Monde tragen die Namen Japetus, Rhea, Tethys und Dione. Später entdeckte Monde waren Phoebe und Hyperion. Der Name Titan referiert auf das von Uranos (Himmel) mit Gaia (Erde) gezeugte Göttergeschlecht der Titanen, zu dem auch Kronos gehört. Rhea ist die Schwester und Gemahlin des Kronos. Aus dieser Verbindung gehen Hestia, Demeter, Hades, Poseidon und Zeus hervor. Iapetos war der Vater des Atlas, der das Himmelsgewölbe trägt, und des Promotheus. Auch Thetis stammt aus dem Geschlecht der Titanen. Sie ist die Gattin des Okeanus und die Mutter der Okeaniden (Nymphen) und der Flüsse. Dione war eine Nymphe, die Zeus Aphrodite, die Göttin der Liebe und Schönheit, gebar. Phoebe ist eine Titanentochter und eine der ältesten Gottheiten des Lichtes. Hyperion schließlich war ebenfalls ein Titan, der zugleich Vater des Sonnengottes Helios, der Mondgöttin Selene und der Göttin der Morgenröte Eos ist. Eine der wenigen Ausnahmen bei den Benennungen stellt der Saturnmond Janus dar, der nach dem doppelgesichtigen römischen Gott des Anfangs und Endes benannt wurde.

Auch die erst 1877 entdeckten Monde des Mars tragen griechische Namen, nämlich Phobos (Furcht) und Deimos (Schrecken). Diese beiden waren Begleiter des griechischen Kriegsgottes Ares auf dem Schlachtfeld. Dem griechischen Ares entspricht der römische Gott Mars, so dass die Benennungen der Monde innerhalb des mythologischen Kontextes bleiben. Der 1846 entdeckte erste Mond des Neptuns erhielt den Namen Triton nach dem Sohn Poseidons (lat. Neptun), der mit seinem Muschelhorn Sturm verkünden konnte. Man erkennt also, dass die Tradition der Benennung nicht auf die Antike und die aktive Rezeption des Mythos im Sinne einer Religion beschränkt war, sondern bis in die Neuzeit fortgeführt wurde.

Bei einer kritischen Würdigung der Zusammenhänge astronomischer Einheiten und ihrer Benennungen mit der Mythologie kommt man jedoch insgesamt nicht umhin festzustellen, dass die Bezüge grundsätzlich ein Produkt der Fantasie sind, die natürlich auch ein wesentliches Element aller Mythologie ist. Insbesondere der Zusammenhang der Sternbilder mit bestimmten mythischen Gestalten ist in der Regel nur mit viel Vorstellungskraft herstellbar. Ursache dafür ist die Tatsache, dass offenkundig auch bereits in den Anfängen der Astronomie ein gewisser Systemzwang in der Benennung existierte. Dieser führte dazu, dass wegen der an Mythen orientierten Benennung einzelner Sternbilder auch andere mehr oder minder gezwungen nach Mythen benannt werden mussten.

Wie sich gezeigt hat, nimmt die Astronomie in ihren Bezeichnungen auf die klassisch antike Mythologie Bezug. Es soll nun zumindest noch ein kurzer Blick darauf geworfen werden, ob und wie Astronomisches in der germanischen Mythologie eine Rolle zugewiesen bekam. Vorweg kann man festhalten, dass die Astronomie, soweit die überlieferten Quellen schließen lassen, für die Germanen keine herausragende Bedeutung besessen hat. Für die Sternzeichen ist jedenfalls kein mythologischer Bezug überliefert. Zwar spielen Winter- und Sommersonnenwende für den Mythos insofern eine nicht unwichtige Rolle, als sie Zeitpunkte von Kultfeiern waren, ob aber diese jahrzeitlichen Punkte bei den Germanen unter astronomischen Gesichtspunkten verstanden wurden, ist zumindest fraglich. Von den Gestirnen spielen im Wesentlichen nur Sonne und Mond im germanischen Mythos eine Rolle, wenngleich nicht an zentraler Stelle. Die Sonne Sól ist in der eddischen Mythologie eine der Asinnen, die aber nur von untergeordneter Bedeutung ist. Immerhin findet sich im zweiten Merseburger Zauberspruch die Göttin Sunna erwähnt. Snorri berichtet über Sonne und Mond Folgendes: „Ein Mann namens Mundilfari hatte zwei Kinder, die waren so schön und hübsch, dass er seinen Sohn Mond, die Tochter Sonne nannte. […] Die Götter aber waren über diese Anmaßung erzürnt, nahmen die Geschwister, setzten sie an den Himmel und ließen Sonne die Pferde lenken, welche den Wagen der Sonne zogen, die die Götter zur Beleuchtung der Welt aus einem Funken, der aus Muspellsheimr flog, geschaffen hatten […].“ (Simek 1995: 381)

Was für die Sonne gilt, trifft auch für Máni (Mond) zu. In der Skaldendichtung wird der Mond als Riesenwesen verstanden. Am Himmel wird die Sonne bei ihrem Lauf vom Wolf Hati, der Mond vom Wolf Sköll verfolgt. Diese Wölfe sind Realisationen des Fenriswolfes, der die beiden Himmelskörper zu verschlingen droht, was in der Ragnarök gelingt. Interessant ist auch noch, dass bereits bei Snorri die Erzählung vom Mann im Mond vorkommt (ein Mann mit einer Stange und eine Frau mit einem Scheffel, die von Máni von der Erde geholt wurden). Doch grundsätzlich bleibt das schon zu Anfang Festgestellte, dass die germanischen mythologischen Quellen im Vergleich zur Mythologie der Griechen und Römer weit weniger auf Astronomisches referieren. Dass diese Disproportion möglicherweise auch durch die Überlieferungslage bedingt ist, legen zumindest archäologische Funde, wie der Sonnenwagen von Trundholm nahe. Es lässt sich jedenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, dass der Sternenhimmel insbesondere in den langen Nord-Nächten auch die Germanen fasziniert hat.

Keinen nennenswerten Eingang in die internationale astronomische Nomenklatur gefunden haben auch mythologische Vorstellungen anderer Kulturen. Dies ist nicht zuletzt das Resultat der nach wie vor bestehenden eurozentrischen Tradition und Prägung der Astronomie, auch wenn sich in ihr mesopotamische, ägyptische und arabische Wurzeln finden lassen.

Ein Beitrag von Prof. Georg Schuppener


Georg Schuppener ist Sprachwissenschaftler, Naturwissenschaftshistoriker und promovierter Mathematiker. Er lehrt an Universitäten in Deutschland, Tschechien, Russland und der Slowakei. Seit 2011 ist er Professor in Ústí nad Labem. 2002 erhielt er den Theodor-Frings-Preis der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Zu seinen interdisziplinären Forschungsschwerpunkten zählen Sprachgeschichte (Sprachwandel und Sprachvariationen), Soziolinguistik, mythologische Literatur sowie die Geschichte der Mathematik und Volkskunde.


Literaturhinweise:

Bonov, Angel: Sternbilder, Sternsagen. Mythen und Legenden um Sternbilder. Leipzig/Jena/Berlin 1986 (Urania-Verlag)

Cornelius, Geoffrey: Was Sternbilder erzählen. Die Mythologie der Sterne. 2. Auflage. Stuttgart 2009 (Kosmos Verlag)

Hamel, Jürgen: Geschichte der Astronomie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Basel/Berlin/Boston 1998 (Birkhäuser Verlag)

Schilling, Govert: Sternbilder. Wie sie den Weg zur modernen Astronomie ebneten. Stuttgart 2020 (Kosmos Verlag)

Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie. 2. Auflage. Stuttgart 1995 (Alfred Kröner Verlag)

https://kunst-und-natur.de/stiftung/sternenhimmel


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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