Zwischenraum, hindurchzuschaun: Mit einem Gruß an die Zaungeister

Stille. Pause. Gestern gingen wir durch ein Labyrinth, es war überwachsen vom Maigras. Über uns thronte ein Schloss und weiterhin der Himmel. In der Mitte eine Blechskulptur an einem toten Geäst: der Minotaurus. Man bewegte sich hintereinander gehend durch das hohe Gras. So entstand im Gehen das Labyrinth. Aber die Art des Schreitens! Einen Fuß vor, dann mit dem hinteren nochmal auf die Ferse zurück. Pause. Kurz, aber stark, denn sie richtet den Blick nach oben, ins Blaue oder Bewölkte, der Atem geht anders. Das Ziel muss immer zum Verschwinden gebracht, Zukunft durch Gegenwart unterbrochen werden. Eine kurze Wippe rückwärts und schon öffnet sich eine kleine Tür. Der Atem, das Aufblicken erschaffen einen Raum, für den ich noch kein Wort habe, nur das zeitliche: die Pause.

Das Wichtigste beim Schreiben, so Hemingway, sei der Papierkorb. Wichtiger auch als die gelesenen sind die ungelesenen Bücher, ließe sich fortführen, das Nicht-Gesehene, Nicht-Gehörte, die dunkle Materie im Gehirn und im Universum. So lauscht man in Abstände hinein, in das Dazwischen.

Ich bewege mich auf meinem Rad mit südöstlicher Sonne im Rücken auf das Museum zu, es wartet in einem kleinen Dorf auf mich. Dort liegen Bruchstücke eines Lebens begraben, das zur Schau gestellt wird. Als Museumsführer versuche ich es zusammenzusetzen, je nach den Menschen, die zu Besuch kommen. Ist es ein Grabspezialist, ein Sepulkralforscher, dann reden wir über Ausschachtung, Vermauerung, Graböffnung. Wer liegt darin, woran starb er? Darüber, sagt der Forscher, kann man nur sinnieren. Das Nicht-Gewusste ist ein Vakuum, das Gespräche und Gedanken anzieht, wie es der Papierkorb tut. Aber der Besucher bringt Geschichten von Friedhöfen mit. Von einem, der die Grabmale aus Granit abriss und sich ein Haus baute, eine Festung gegen den Tod. Kommen Kulturhistoriker, rätseln wir über Inschriften. Kommt eine Galeristin, reden wir über Ausstellungsformen. Wie können wir den Toten wieder lebendig machen, mit seinen Bildern und Gedanken? Was wäre ein guter Raum für diese Wiederkehr? Wer spricht, begibt sich in einen Zwischenraum.

Wer viel spricht und den anderen nicht zu Wort kommen lässt, zieht eine Wand in diesen Zwischenraum. Dagegen das gemeinsame Sinnieren: es geschieht im Abtasten einer Welt des Wissens und Nicht-Wissens. Wir haben wenig Räume und Zeiten zum Sinnieren, unsere Räume sind parzelliert von Zäunen und Wänden.

Die Radtour ist lang, zwei, drei Stunden. Der Fahrradsattel dient mir als Schreibtisch. Mögen die Geister von den Höfen und Häusern herschauen, wie ich schreibe, während ich doch eigentlich irgendwohin sollte. Diese Pausen am Straßenrand irritieren die hockenden Augen auf Mauern und Zäunen. Es hilft nur freundliches Grüßen. Der Kaffee ist immer eine wichtige Zäsur auf dem Weg und die Zäsur ist das Ziel. Heute ist meine Anfahrt früh, die Cafés an den Seen sind noch zu, da winkt an der Landstraße ein Friseurladen, in dem eine Kaffeemaschine steht. So oft fuhr ich an diesem to go vorbei, heute setz ich mich hinein. Die Friseurin weiß, wo ich hinwill, sie kennt mein Museum und macht mir einen guten Kaffee. Und während ich ein paar Minuten in einem Philosophen lese, der die Welt bruchstückartig zusammensetzte, wie wir unseren Toten, wird gleich eine ganze Familie auf einmal frisiert, auf Frisur to go. Aus den Bruchstücken der fallenden Worte setze nun ich etwas zusammen, von Krankheiten, Glücksmomenten, Lachhaftem. Der Schwager, der in China Mathematik lehrt, der Wanderer, der weiß, wie man richtig geht und spielend 50 km am Tag schafft. Ich sitze dazwischen, wie zwischen Schlafen und Wachen grasend, hypnagogisch nennt man den Zustand – dort, wo die Romantiker schon saugten. Auf dem Weg Geschichten aufsammeln wie vergessene Schlüssel.

Gibt es überhaupt Orte, die das Denken und Erfinden begünstigen? Einige glauben, es seien etwa Bibliotheken, diese im Halbdämmer liegenden Räume zwischen der dem Alltag und den Straßen in ferne Zeiten und Räume, wie einst die Kirchen. Wir versuchen sie durch Buchstaben zu beleben, schwarze Zeichen, die schon den Simplicius Simplicissimus beunruhigten. Darin sind wir den alten Priestern ähnlich, den Buchstabenkennern und Auslegern, den vorzeitlichen Nerds, für die das Lesen und Schreiben eine sakrale Bedeutung hatte. Ich selbst bin nicht bibliothekstauglich. Die Massen der Bücher und die angestrengten Geister um mich herum machen mich müde. Im Tempel des Geistes, so Jean Paul, sollten keine Bücher stehen, es seien zu viele fremde Stimmen um uns, die uns am Denken hindern. Als Schlafkissen mag mir ein Bücherstapel immerhin taugen. Dann stellt sich aber wieder der hypnagogische Momente ein, wo aus geistvollen Zitaten Kalauer herausspringen, wo die stille Osmose der Zeichen vor sich geht, Prozessionen von Bildern und Namen. „Das Gehen ist ein aufgefangenes Fallen“,  schreibt ein Philosoph der Bewegung. Und das Sprechen somit ein aufgefangenes Lallen. Dickens, der Schlaflose, schreibt über solche Zustände der halben Bewusstlosigkeit, über Gänge durch das nächtliche London, bei denen ihm Serienmörder, enthauptete Könige und Ballonfahrten einfallen und er mit der trüben Nacht-Themse mitströmt.

Sollte man stille Orte zum Denken suchen? Stille Örtchen gar? Der Denker, dessen Haus ich verwalte, will eines seiner Bücher unter einem Baum geschrieben haben. Die Gedanken seien ihm wie Blätter zugefallen. Und was geschah nicht mit Buddha unter der Pappelfeige in Bodhgaya um das Jahr 534 v. Chr. und ein Jahrtausend später mit Newton. Unseren Ureltern kam die Erkenntnis verführerisch von einem Baum.  Bäume verwurzeln, ja, aber sie dehnen sich auch unter der Erde aus und reden über größere Distanzen miteinander. Sind es ruhige Orte? Die „Siegeseiche 1871“  am Grab hindert aus zwanzig Metern Entfernung schon länger einen Pflaumenbaum daran, sich zu entfalten. Die Bäume senden Botschaften der Liebe und der Drohung. Sie verbreiten Schatten und Kühlung. Ihren Baumrinden und Buchstaben verdanken wir Bücher aus Papier, Erinnerungszeichen, Liebessymbole, Abkürzungen und andere Zaubereien. Nicht so die Grabmäler, die auf den Friedhöfen unter ihnen stehen. Sie erhalten vielmehr den Todesgedanken, indem sie ihn verdrängen. Die meisten unserer Gedanken entstehen vielleicht nur, weil wir den Tod damit verdrängen wollen. Das menschliche Denken als permanenten Versuch, dem Tod zu antworten. Häuser und Orte, mit denen wir uns abschirmen. Und warum gibt es eigentlich keine Geburtsmäler?

Das Ich vorzustellen als ein Gefüge aus Zwischenräumen, so wie es Orte sind oder sein sollten. Nur im Spielraum atmet sich’s und kommt ein Gedanke auf. Wir können uns Gesichter (ob von Menschen oder Städten) vorstellen wie Faltungen, die durch ihre Anmutung, ihre Figur und Schattierung das Denken oder besser Denkbilder nahelegen. So gibt es in den Höhlen von Chauvet oder den Felsen in der Sahara oder Kasachstan Gestalten und Petroglyphen, die gleichsam durch die natürliche Gestalt des Gesteins zur Zeichensetzung oder Skulptur eines Jaguars oder einer Schamanin aufrufen. Wer bildhauert oder malt, weiß, wie sehr aus dem Material, aus den zufälligen Fügungen der Kristalle heraus gesprochen wird. Auch auf dem Mars wurden Gesichter und Pyramiden gesehen, die eine vorausschauende Natur uns auf das Tablett gelegt hat. Und so wurde uns auch das Denken und Träumen nahegelegt in den Erscheinungen der Natur. Allerdings nicht statisch. Ohne Bewegung,  ohne Übergänge von einem Ort zum nächsten gibt es kein Denken. Für die Bewegung kann das wandernde Licht sorgen, das den Gesichtern je nach Einfall Charakter gibt oder sie nichtssagend werden lässt. Die Schatten entfalten sich wie das Leben, morgens werfen wir andere Figuren als mittags oder abends. Am Ende des Tages verkaufen wir unseren Schatten wie Schlemihl an die Nacht.

Orte können ihre eigene denkfreudige Bewegung entwickeln, wenn sie zu Stätten der Versammlung werden. Nicht erst das Forum Romanum oder die Akropolis, sondern vielleicht schon 10 .000 Jahre vor heute dienten die megalithischen Anlagen von Göbekli Tepe in Anatolien solchen Versammlungen, ob sie nun religiöser Natur waren oder nicht. Carnac, Stonehenge, Callanish – Prozessionsorte wie die Kathedralen, an denen das Ritual und Gebet Bewegung und sprachliche Formen zusammenbringt und Konjunktionen wie Imperative einübt. 

Wenn ich an Orte komme, wo sich solch unsichtbare Versammlungen abspielen, die wir Gedanken nennen: es müssen ambivalente, umstrittene Orte sein – eine Jugendherberge, die einmal ein Wasserschloss war, die gar einem Nazidichter gehörte oder darunter lagernd, von einer Lyrikerin des 19. Jahrhunderts hätte bewohnt sein können. Der Nazidichter war mit einer Jüdin verheiratet, er brachte sich 1945 um, seine Vorfahren waren Lügenbarone. Eine unheimliche Stille lastet über dem verträumten Ort, der voll ist vom Quaken der Frösche und Enten, das sich mit dem Flüstern der Verblichenen mischt, wie Algen und Seerosen auf dem Wassergraben. Das kaum Sichtbare, kaum Hörbare lädt ein zum Denken oder auch nur Sinnieren. Dieses kaum ist entscheidend, so wie Moiré-Effekte daraus entstehen, dass sich beide Gitter nur wenig verschoben überlagern. Erst dann kommt das halluzinatorische Flimmern auf. Erst die leichte Nicht-Übereinstimmung ruft den Zustand zwischen Wachen und Träumen hervor. Das Fremde ist einfach nur anders, das Verfremdete ist es auf vieldeutige Weise.

Der sumpfige Ort erinnerte mich daran, dass auch das Sinnieren das leise Umpflügen eines weichen, sumpfigen Feldes ist. So steckt ja auch in dem Namen des Wasserschlosses die slawische Wurzel für Sumpf, lüb/lub/leub, der halbe Spreewald also samt Lübeck und Lübschütz. 

Vielleicht ist das Sinnieren aber kein guter Beginn für das Denken. Es steht dem Versinken zu nahe und man muss sich retten aus den Abwässern der Etymologie. Stillstand ist dieser eingeschrieben, die Festlegung auf Vergangenes. Es sei denn, die Etymologie dient dem Absprung, denn Denken hat doch mehr von einer neurologischen Explosion. Es zeigt sich als Sprung, als Mutation, so wie die Sprache und die Schrift vermutlich weltweit explosiv an vielen Orten fast gleichzeitig entstanden sind. Es ist der Frosch, der aus dem Sumpf springt und sich gleichzeitig selbst hört. Das bekannteste japanische Haiku spricht von dem Frosch, der in einen Brunnen fällt – das Geräusch bleibt als Echo zurück. Das Denken ist aber kein Hineinfallen, sondern ein Heraushüpfen, den Brunnen als Brunnen von außen zu sehen, nachdem man ihn bislang nur kannte als Echokammer mit nassen Wänden. Sprung und Echo, Bewegung und Resonanz – das sind die Wirkungen, die ein Ort hervorbringen muss, um Denken zu ermöglichen.Der Frosch springt heraus und ist jemand geworden, durch Sprache. Zuvor ein Nichts?

I’m nobody! Who are you?
Are you nobody, too?
Then there’s a pair of us — don’t tell!
They’d banish us, you know.

How dreary to be somebody!
How public, like a frog
To tell your name the livelong day
To an admiring bog!

(Emily Dickinson)

Irgendwann beginnt der Frosch zu schreiben, um noch mehr zu sein als er selbst, und ärgert sich, wenn er dabei unterbrochen wird. Jean Paul schlug vor, man solle eine Geschichte der Unterbrechungen der Dichter bei ihrem Geschäft schreiben. Darin müsste allerdings auch ein Kapitel über die Notwendigkeit von Unterbrechung stehen – die Pause als Ratgeberin, der Schlaf als Sprachschöpfer. Unsere Körper sind für die nächtliche Unterbrechung codiert, sonst brechen sie bald zusammen. Und in den Phasen unserer Abwesenheit von uns selbst arbeitet etwas an der Wiederherstellung unserer Welt. Deshalb bemerkt Nietzsche in Der Wanderer und sein Schatten, die Unterbrechung sei ein Rabe, der dem Einsamen Speise bringe. Mag sein, immerhin aber ist sie auch ein Vakuum, das das Entstehende aufsaugt und dem Vergessen opfert: „Eine Maus kann Gedanken fressen, die nie wieder kommen; sie kann die Ewigkeit bestehlen.“ (Jean Paul) Der Leute, die die Ewigkeit bestehlen, gibt es manche. Am meisten sind wir selbst damit beschäftigt. Ein großer Teil unseres Alltags besteht im Diebstahl an der Ewigkeit, in der fortwährenden Selbstunterbrechung, in der wir das niedermachen, was nie wiederkommen wird, den Augenblick, das wohlschmeckende Kraut des Hier und Jetzt.

So wie Sätze aus Bewegungen entstehen, läuft auch das Denken unentwegt von einem Ort zum anderen. Während ich mit dem Rad meine Strecke fahre, reihen sich die Dörfer wie auf einem Rosenkranz aneinander, den ich ein-, zweimal im Monat herunterbete. Es sind Konglomerate aus slawischen und deutschen Namen. Ich bete ihn ab, um mich zu berauschen, so wie es einst Proust tat, der dem Klang der Bahnhofsnamen nachlauschte, wenn er mit dem Zug von Paris in die Normandie fuhr. Mein Kirchturm von Illiers-Combray steht in Zitschen, es ist ein erhebendes Gefühl, wenn er mit seiner Spitze über den Wäldern und Büschen auftaucht. Eine Pause naht, Innehalten (ein schönes Wort). Mein Guermantes heißt Kleingörschen, mit seinem Teich. Pappelalleen im Gegenwind, Autobahnbrücken, gefallene Schwedenkönige. Es sind alles Zwischenräume zwischen den Orten, an denen ich mich niederlasse zum Lesen, Kaffee, Döner, dem Zetern der Krähen über dem Grab des Philosophen zuzuhören. In diesen Spielräumen aber pocht ein bisschen das Gedankenwerk. Es sucht nach Rhythmen und Melodien, nach Wortverschmelzungen und Verwechslungen. Es bildet eine Art Schutzschild auf dem Rad, gegen die Zeit, die sich hinziehende, gegen kümmerliche Emotionen und Verrenkungen, es pocht immer wieder und findet im Zwischenraum einen Resonanzboden. Das Denken ähnelt dem Flug einer Schwalbe durch eine Kirche– sie schwebt aus einem Loch heraus über dem Altar und den Bänken, um bald darauf durch ein anderes Loch zu entweichen. Was davor ist und was danach kommt, wir wissen es nicht. In der altenglischen Literatur (Beda Venerabilis) findet sich der Vergleich des Schwalbenflugs mit dem Leben. Wir wollen das Denken hinzufügen: wir wissen nicht, woher es kommt, wir wissen nicht, wohin es gezogen wird.

Das Lexikon deklariert einen Unterschied zwischen Labyrinth und Irrgarten. Das Labyrinth kennt nur einen gewundenen Weg zu einem Ziel in der Mitte oder zum Ausgang. Der Irrgarten setzt auf die Kunst des Verleitens und Irremachens. Viele Wege erweisen sich als Sackgassen, die Kreuzungen zwingen zu Entscheidungen, die meist wieder rückgängig gemacht werden. Labyrinth dient dem Ritual, das nach vorgeschriebenen Bahnen verläuft wie das Sonnensystem. Irrgarten fordert das Spielerische im Menschen heraus und arbeitet mit Rätseln. Irrgärten gibt es erst seit etwa 500, Labyrinthe mindestens seit 5000 Jahren. Es war ein Labyrinth (unter dem Schloss), in dem wir neulich den wippenden Schritt übten, die Unterbrechung und das kurze Durchatmen, den Blick in die Höhe. Das Ziel war sichtbar. Nicht so im Leben, in dem nichts ist, wie es scheint, in dem unser Gang immer wieder unterbrochen wird, Telefonat, Krankheit, Hilferuf, Alarm, Tod, Steuerberater, Briefträgerin, Freunde, Streit, E-Mails und andere Herausforderungen. Aber das Wippen, als Schaukeln zwischen Dimensionen, sollten wir uns nicht nehmen lassen, diesen Schritt, der dem Denken Luft und Raum gibt und Landschaften des Lebens öffnet. 

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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