Der Baum des Mythenerzählers

Der letzte Atem des Sommers liegt in der Luft. Abendverkehr rollt. Sirenen von Einsatzfahrzeugen summen durch die Straßen und verlieren sich in der Entfernung, die nicht so weit ist, wie sie dem Hörenden glauben macht. Die Sonne versinkt hinter Wolken und Häusern und Bäumen. Regen hat innegehalten. Schirme und schützende Zufluchten werden nicht gebraucht an diesem Abend, der an einer kleinen Stelle der Stadt, abseits der großen Straßen und doch mittendrin im Trubel und vor allem inmitten eines Schwarms von Bäumen, ganz den Mythen gehört. Und ihren Erzählern.

Am Ausgang des diesjährigen Septembers feierte der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie ein besonderes Ereignis. Ein Baum wollte geweiht werden; mit Trank und Schmaus, Reden und Wünschen, dargebracht u. a. durch den irdisch gezimmerten Thors-Hammer Mjölnir. Die gut vier Meter hohe Kaiser-Linde, quasi in Sichtweite des Leipziger Völkerschlachtdenkmals, war der Pilgerort für Vereinsmitglieder, Freunde und Neugierige. Für seine 24 Jahre währende verdienstvolle Arbeit und seinen unermüdlichen Einsatz für den Verein hatte der Arbeitskreis seinem Ehrenvorsitzenden Reiner Tetzner bei der Übergabe des Vorsitzes im März 2019 einen Baum versprochen. Denn was könnte passender für einen Mythenerzähler sein als eine Form der Natur, die Erde und Himmel miteinander verbindet?

Das ganze Frühjahr und den gesamten Sommer lang wurde gesucht. Nach der Leipziger Weltenesche, die wie Yggdrasil die Quelle der Weisheit zwischen den Wurzeln verbirgt, oder der heiligen Eiche, unter der sich Geschichten von Schicksal, Göttern und ewigem Leben berichten ließen. Aber wie das mit Wünschen – und Mythen – so ist, führen sie die Suchenden oft auf verschlungene und vor allem unbekannte Pfade. So ist die Stadt Leipzig, Libzi, Lyptz nicht nur etymologisch an einen Baum gebunden, sie ist auch als die Lindenstadt bekannt:

„Die Stadt Leipzig soll nach einigen ihren Namen daher haben, daß ein gewisser Lybonothes, ein Kriegsfürst jenes Arminius, der den Varus schlug, her sein stetiges Hoflager gehalten und im Schlosse Aldenburg, nahe dem Ranstädtischen Tore gelegen, da wo die Pleiße und Parte zusammenkommen, residiert haben: nach diesem habe es erst den Namen Libonitz, aus dem dann durch Zusammenziehung Lyptz ward geführt. Weil aber dieses Wörtchen in wendischer Sprache einen Lindenbusch bedeutet, so haben andere, wie der pirnaische Mönch und Erasmus Stella, berichtet, daß an dem Orte, wo jetzt die Stadt liege, ursprünglich ein Dorf gewesen und hier unter einem schönen Lindenbaum mit weit ausgebreiteten Ästen ein Abgott der Sorben/Wenden namens Flyns gestanden habe, so von schrecklicher Gestalt war, nämlich ein toter Körper mit einem langen Mantel behangen, in seiner Hand einen Stab mit einem brennenden Blasfeur, auf der linken Schulter einen aufgerichteten Löwen haltend und auf einem hohen Steine stehend, der sei hochgeehrte worden, da sie meinten, der Löwe solle sie von den Toten auferwecken. Solchen Abgott hat der heilige Bonifatius im Jahre 728, als er unter den Sorben das Christentum gepredigt, abgeschafft […] Seitdem ist der Brauch aufgekommen, daß, wo Kirchen aufgerichtet wurden, man auch gemeiniglich eine oder zwei Linden daneben pflanzte und aufzog, wie auf allen alten Friedhöfen zu sehen und man selbigen Baum fast für heilig und es für eine Sünde hielt, wenn man solchen im geringsten beschädigte. Von solchen Pflanzungen ist auch das Dorf Lindenau bei Leipzig entstanden. Überhaupt war die Linde das Zeichen der Freien und Edlen, die Eiche aber das der Knechte.“ (Sagenschatz des Königreichs Sachsen, S. 348 f.)

Siegfried-Denkmal Worms

Linden, das wissen wir auch von der Sage des Siegfried aus dem Nibelungenlied, haftet durchaus etwas Schicksalhaftes an. Beim Bad im Blut des Drachen Fáfnir (oder: Fafner), den Siegfried im Kampf erfolgreich bezwungen hatte, fiel ein Lindenblatt auf seine Schulter und verhinderte so seine Unsterblichkeit. Hagen von Tronje wird es schließlich sein, der den unliebsam gewordenen Helden mit einem Speer in den Tod schickt und damit wiederum sein eigenes Schicksal und das der übrigen Nibelungen besiegelt. Reiner Tetzner hat den Geschichten von Siegfried und Kriemhild, König Gunter und Hagen in seinen Jahren als Vorsitzender des Arbeitskreises viele Vorträge, Schriften, Diskussionen und Lesungen gewidmet. So ist Siegfried in der nordischen Mythologie als Sigurd bekannt. Er wird u. a. in der isländischen „Völsunga saga“ beschrieben, welche von den Helden der Vorzeit berichtet. Aber auch in der norwegischen „Thidreks saga“, einer norwegischen Sammlung von Sagen aus dem 13. Jahrhundert, sowie in den Sigurdliedern der Lieder-Edda ist von ihm die Rede. Ein Held also, wie er im wahrsten Sinne des Wortes im Buche steht. Und eine perfekte Vorlage für Richard Wagners Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“. Seine Motive von Ehre, Tod und Heldenmut dienten später den Nationalsozialisten als Propaganda. Ein historische Verfälschung von Literatur, gegen die Reiner Tetzner sein ganzes Leben lang angeschrieben und über die er von Seminaren an der Universität bis hin zu Vorträgen in Schulen aufgeklärt hat.

In seinen im Reclam-Verlag erschienenen „Germanische[n] Götter- und Heldensagen“, einem Standardwerk zur nordischen und germanischen Mythologie, lässt Reiner Tetzner aber auch die Götter mit all ihren Abenteuern, Kämpfen und Niederlage zu Wort kommen. Ein Mythenerzähler aus der Lindenstadt, der immer auch kritisch den Stoff hinterfragt, über den er berichtet; der es sich gewissermaßen zur Lebensaufgabe gemacht hat, uns das nahezubringen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Und das können für ihn nur Sagen, Erzählungen, Lieder sein. Jene Geschichten, die von Gut und Böse handeln, von Mut und Strafe, von Anfang und Ende. Auch die Linde steht ein wenig in dieser Tradition, denn im deutschsprachigen Raum waren Linden als Gerichtsbäume bekannt. Im Mittelalter, und wohl auch schon in der Zeit davor, wurde hier das sogenannte Thing abgehalten, was so viel wie Volks- und Gerichtsversammlung bedeutet. Dem Aberglauben nach schrieb man Linden eine besonders magische Wirkung zu. „So sollte man unter der Linde am sichersten vor Blitzschlag geschützt sein. Für die Wahl der Linde zum Gerichtsbaum schlechthin waren sicher auch ihr hoher Wuchs, ihr rasches Wachstum, ihre hohe Lebensdauer von mehreren hundert Jahren und ihr dichtes Blätterdach bestimmend.“ (Lück, Gerichtsstätten, Sp. 174)

Linden sind also gute Zuhörer und empfänglich für Geschichten. Viel Stoff für neue und alte Mythen, die es weiter zu erzählen gilt.

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweis:

Johann Georg Theodor Gräße. Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen. Bd. 1. Dresden 1874.

Heiner Lück. Gerichtsstätten. In: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte. Berlin 2004.

Reiner Tetzner. Griechische und Germanische Götter- und Heldensagen. Nach den Quellen neu erzählt. Stuttgart 2015.

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