Die Welt und das Wir oder: Impressionen über das Erzählen

„Alles, was die Menschheit getan, gedacht, erlangt hat oder gewesen ist: es liegt wie in zauberartiger Erhaltung in den Blättern der Bücher aufbewahrt“, schrieb der schottische Philosoph, Essayist und Historiker Thomas Carlyle (1795-1881) im Jahr 1841. Seit jeher sind es Geschichten, Erzählungen und Mythen gewesen, welche die drei elementarsten Fragen überhaupt gestellt oder zu beantworten versucht haben: Wer waren wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Fragen, die auf den ersten Blick einfach erscheinen. Trotzdem gibt es darauf bis heute keine Antworten, die rundum befriedigen könnten, sind diese Antworten doch sowohl vom fachlichen Hintergrund (sei es nun Biologie, Geschichte, Sprachwissenschaft, Theologie, Philosophie, Physik etc.) desjenigen abhängig, der sich mit ihnen auseinandersetzt als auch von den jeweiligen Eigenerfahrungen des Schreibers. D.h. die Sicht auf das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ wie es Johann Wolfgang Goethe so wunderbar im ersten Teil des Faust formulierte, das „Waren“, das „Sind“ und das „Wohin“ also, ob nun mündlich überliefert oder als Buch verfasst, vermittelt und hinterlassen, kann nie nur objektiv sein, sondern besitzt stets auch einen subjektiven Part.

Gerade in der Mythologie sind Welt und Erzählung quasi ur-elementar beieinander bzw. untrennbar miteinander verbunden. Auf der Leipziger Buchmesse 2019, einem Ereignis, welches Bücherfreunde und Lesebesessene nicht missen möchten, obwohl es uns von Jahr zu Jahr mit mehr Neuerscheinungen „erschlägt“, als der wörterhungrige Geist aufzunehmen vermag, in diesem Trubel des Erzählens also fiel mir ein Buch in die Hände, das für ein „Buch“ fast knickerig erscheint, bedenkt man dessen Umfang. 92 Seiten umfasst das Werk des 1935 in Düsseldorf geborenen und am Ostermontag im Alter von 83 Jahren verstorbenen Schriftstellers und Theaterautors Dieter Forte (sein Stück „Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung“ wurde zum Welterfolg), aus dem S. Fischer Verlag, welches den Titel „Als der Himmel noch nicht benannt war“ trägt. Ich gebe zu, der Titel hat mich fasziniert und als ich die erste Seite las, war ich endgültig in seinen Bann geschlagen. Was Forte beschreibt, ist weder Novelle noch Essay, geschweige denn eine Abfolge von Kurzgeschichten; es ist eine Auseinandersetzung, ein Nachdenken, ein Eintauchen und in gewisser Weise auch ein Festhalten, ein Bewahren, ein Greifen wollen, obwohl ein Greifen unmöglich erscheint, und es geht um nichts anderes als um die Welt, um unsere Anfänge, um unsere Sprache, um unsere Worte: schlicht um UNS und was WIR – um noch einmal Carlyle zu zitieren – „getan, gedacht, erlangt [haben] oder gewesen sind“. Es geht um einen Rundgang, den ein Wissen wollender in einer alten Bibliothek absolviert, welche mich unweigerlich an die berühmte antike Bibliothek von Alexandria erinnert hat, von der man nicht genau weiß, ob sie Feuer, den Plünderungen der Araber oder schlichtem Desinteresse zum Opfer gefallen ist. Eine Bibliothek, die das Gedächtnis der Welt ist. Oder gar die Welt selbst? Eine Welt, die den Augenblick für eine Bestandsaufnahme in vierundzwanzig Kapiteln nutzt.

Als der Himmel noch nicht benannt war

Der neugierig gewordene Leser sei an dieser Stelle gewarnt: Fortes Lektüre erfordert eine gewisse Einlassung. Man muss bereit sein, die Welt durch die Augen eines Dichters zu sehen und sich gleichzeitig mit dem Auge eines Intellektuellen eingestehen, dass man weiß, dass man nichts weiß. Oder vielleicht nicht mehr? Mit „Tote träumen nicht“ ist das erste Kapitel überschrieben. Und es zeichnet ein durchweg düsteres Bild. Ein Bild von den Lücken: das Lesen zwischen den Zeilen, das Vergessen oder auch das, was bleibt, wenn wir die Worte, die Sprache nicht haben oder das, was gewesen sein könnte, hätten wir sie nie besessen. „Stille. Ab und zu ein Aufschrei. Eine brüchige Stimme singt ein Kinderlied, beginnt neu. Die Menschen stehen vor den Türen und Fenstern. Sie warten. Sie suchen die Erinnerung. Sie suchen die Welt, die in ihren Gedanken war, in ihrer Sprache war. Die Sprache ist zerfallen, ihre Gedanken sind verschwunden, stumme Worte, stumme Sätze. Die Welt existiert nicht mehr, nicht in ihrem Leben, nicht in ihren Träumen. Tote träumen nicht.“ (S. 9)

Von der Schöpfung wird danach die Rede sein. Von Enūma eliš (Enuma Elish), dem babylonischen Urmythos, dessen älteste Version aus dem 9. Jahrtausend v. Chr. datiert und der, immer wieder neu abgeschrieben und weitergegeben, auf sieben Tontafeln fast vollständig in akkadischer Keilschriftsprache erhalten ist. Wie die Erde erschaffen wird, ist darin zu lesen, wie die Götter entstanden und gegeneinander kämpften, wie das Schicksal auf die Welt kam und die Sternbilder und, fast am Ende, wie Marduk (bekannt als Stadtgott von Babylon) die Menschen aus Blut kreieren will und Ea (der „Menschenbildner“ – später verschmolzen mit dem sumerischen Gott Enki) dies schließlich in die Tat umsetzt. Auf Enuma Elish folgt Hesiod, der dem griechischen Pantheon seinen Platz in der Weltgeschichte einschreibt. Und immer wieder ist von den Menschen die Rede. „Der Mensch ist eine Legende“ (S. 16) Rituale. Wortgedächtnisse. Man muss bei Forte genau lesen. Man erkennt bekanntes. Darwins Evolutionstheorie und dann wieder die Genesis des Alten Testaments, Mensch und Tier, Chaos und Ordnung, Höhlenmalerei und Philosophie, Götter und Welt, Schein und Glaube. Es ist eine Wanderung. Man muss mehrmals lesen, die Pfade immer wieder neu finden. Viel ist durch Sprache und mehr noch durch geschriebene Worte bewirkt worden in der Weltgeschichte. Dies zu bündeln, ist keine geringe Leistung. Das zu begreifen, ist im ersten Anlauf noch schwieriger. Aber es ist eine Schwierigkeit, die sich lohnt und die wir nicht scheuen sollten. Daher sei in meiner kleinen Impression auch nicht zu viel verraten.

Denn eines wird klar, wenn man Forte durch die Kapitel und die Welt folgt: Das Berichten, das Bewahren, das Weitergeben liegt ihm (liegt uns) im Blut. Aber wo beginnt eine Geschichte und wo endet sie, oder sind wir am Ende alle Teil einer endlich unendlichen Geschichte? Vom Mythenschreiber wird im Buch eine Antwort erhofft. „Und Sie wollen natürlich wissen, warum ich Mythen schreibe?“ (S. 67) Die Erklärung folgt kurz darauf: „Die Sprache gab den Menschen Macht. Macht braucht Buchhaltung, das Urgesetz, das allen anderen Gesetzen vorausgeht. Auch heute noch. Jede Regierung stützt sich auf die Buchhaltung. Das ist die Gegenwart. Aber der Mensch will mehr. Er lebte ohne Vergangenheit, wer war er, woher kam er. Unendlich fern und dunkel war alles. Er begann zu erzählen. Es entstanden die großen Epen von den Helden und die wunderbaren Mythen von der Erschaffung der Welt und den Werken der Götter. Mythen, an die man glauben konnte, die nun die Wahrheit waren, die der Welt einen Sinn gaben. Bedenken Sie immer, wenn Sie schreiben, die Welt ist eine millionenfache Erzählung.“ (S. 68-69) Letztendlich, sind wir alle Erzähler. Erzählen wir also!

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweis:

Dieter Forte. Als der Himmel noch nicht benannt war. S. Fischer 2019.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.