Der MYTHO-Blog erinnert … Die Reisen des Dr. John William Polidori, oder: Der Pechvogel

Am 24. August 1821 starb in London der Schriftsteller, Doktor der Medizin und nicht fertig gewordene Jurastudent John William Polidori in seinem 26. Lebensjahr. All seine Pläne waren gescheitert. Der Ruhm, den er als Autor hatte erringen wollen, war ausgeblieben, eine materielle Existenz als Arzt hatte er nicht aufbauen können, er blieb letztlich finanziell von väterlichen und freundschaftlichen Zuwendungen abhängig.  Ein Unfall hatte ihn  schwer angeschlagen, Depressionen und Schulden plagten ihn. Seine Lebensreise endete in seiner Wohnung in der Great Pulteney Street im Londoner Stadtteil Soho. Möglicherweise hatte er mit einem Gift nachgeholfen. Die amtliche Untersuchung seines Todes erbrachte zwar keine Anhaltspunkte für Selbstmord, aber es gibt Grund zu der Vermutung, dass die Jury nur deshalb auf „natürliche Todesursache“ erkannte, weil sie seine Familie schonen wollte.

Seine postume Berühmtheit – der einzige Grund, weshalb man heute noch von ihm spricht – hängt mit einer anderen Reise zusammen: 1816 hatte ihn Lord Byron (1788 – 1824), der berühmteste und skandalumwittertste Dichter seiner Zeit, als Leibarzt für seine Reise auf den Kontinent engagiert, die in die Schweiz, nach Italien und nach Griechenland führen sollte, und während des Aufenthaltes am Genfer See hatte Polidori die Erzählung The Vampyre geschrieben, die mit Lord Ruthven, ihrer Hauptfigur, den Vampir als Aristokraten etablierte und sozusagen zur Mutter aller Vampirgeschichten, -filme und -spiele geworden ist. Er hatte bloß nichts davon, denn sie erschien 1819 als ein Werk Lord Byrons, und obwohl Polidori seine Autorenrechte einforderte – reichlich erfolglos – und Byron öffentlich erklärte, er habe mit der ganzen Sache nichts zu tun, segelte sie unter dieser Flagge zum Welterfolg, wurde übersetzt, für die Bühne adaptiert und nachgeahmt. Reclams Opernführer behauptete noch 1928, also über hundert Jahre später, das Libretto zu Heinrich Marschners Oper Der Vampyr basiere auf einer Erzählung Byrons mit dem Titel Lord Ruthwen (!). Polidoris andere Werke – Dramen, Gedichte, ein Roman und ein Versepos – stießen auf keine Resonanz. Ein Pechvogel eben.

Wer war der Mann, der einerseits eine der erfolgreichsten und bis heute folgenreichsten Erzählungen der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts verfasst hatte, andererseits aber der wohl unbekannteste Literat seiner Zeit war? Sein von F. G. Gainsford gemaltes Bild, das seit 1895 in der National Portrait Gallery zu London hängt, zeigt einen gutaussehenden jungen Mann mit romantischem, aber auch irgendwie forschem Blick. Liest man seine Biographie, die der kanadische Literaturwissenschaftler D. L. Macdonald verfasst hat, gewinnt man den Eindruck eines sehr begabten, sensiblen, äußerst ambitionierten  Menschen, der offenbar Schwierigkeiten hatte, sich, seine Möglichkeiten und die Welt um ihn  herum realistisch zu sehen und der seine Unsicherheit durch gelegentliche Selbstüberschätzungen und linkisches Auftrumpfen zu kompensieren versuchte, andererseits dann aber in Depressionen versank. Freunde berichten, dass er schon früh vom Thema Selbstmord fasziniert gewesen sei; Sohnes- und Vatermord sind Motive in seinen Stücken und seinem einzigen Roman.

Der kurze Lebenslauf ist relativ schnell umrissen.  Geboren wurde er am  7. September 1795 in London als ältestes von acht Geschwistern; Vater: Gaetano Polidori  (1763–1853),  italienischer Gelehrter und Schriftsteller im englischen Exil, Mutter: Anna Maria, geb. Pierce,  aus nicht unvermögender Familie. Macdonald schließt auf einen nie gelösten Konflikt des Sohnes mit dem überstrengen, fordernden Vater. Besuch katholischer Schulen, dann Medizinstudium in Edinburgh, 1815 Promotion.  Empfehlung durch Bekannte an Byron als Leibarzt, Abreise mit diesem am 26. April 1816 auf den Kontinent. Mit Byron und Entourage am Genfer See, wo er u. a. den Dichter Percy Bysshe Shelley (1792 – 1822) und dessen künftige Ehefrau, Mary Godwin (1797 – 1851),  sowie etliche Aristokraten und die berühmte Schriftstellerin Madame de Staël  (1766 – 1817) kennenlernt. Vorzeitige Entlassung  am 3. September 1816 aufgrund von Spannungen und unschönen Auftritten.  Nach der Kündigung reist er, ausgerüstet mit mehreren Empfehlungsschreiben,  allein nach Italien weiter, wo er sich in literarischen und patriotischen, antihabsburgisch eingestellten Zirkeln bewegt – Österreich ist nach Napoleons Sturz die dominante ausländische Macht in Italien und Polidori ersehnt einen Aufstand, dem er sich anschließen könnte. Dann wieder hofft er auf Anstellung als Arzt,  wozu ihm aber weder ein von ihm aufgesuchter Onkel väterlicherseits (selbst ein namhafter Mediziner) noch ein Freund seines Vaters verhelfen können; eine von diesem Freund vermittelte Stelle in Brasilien als Arzt des dänischen Konsulates zerschlägt sich. Rückkehr nach England, finales Scheitern, Tod.

Die wichtigste Zeit Polidoris war wohl der Sommer mit Byron in der von diesem gemieteten Villa Diodati am Genfer See. Für Polidori hatte sie scheinbar unter einem guten Stern begonnen: Byrons Verleger Murray hatte ihm, dem Nobody, für ein zu verfassendes Tagebuch der Reise mit dem Genie die für damalige Verhältnisse sehr hohe Summe von 500 Pfund Sterling angeboten. Aber das Tagebuch wurde nie fertig und erschien folglich nicht, auch hierin war Polidori ein Pechvogel … Byron war nach seiner  gescheiterten Ehe regelrecht auf den Kontinent geflohen, berühmt und berüchtigt, mit Gerüchten von Inzest und Bisexualität im Nacken. Er versuchte nun, zur Ruhe zu kommen. Ganz in der Nachbarschaft hatten sich Shelley, seine künftige Frau und deren Stiefschwester Claire Clairmont einquartiert, letztere schwanger von Byron und sozusagen noch auf der Jagd nach ihrem verflossenen Liebhaber, der nichts mehr von ihr wissen wollte. Hochspannung beim Zusammentreffen von genial begabten jungen Leuten, unter denen Polidori keine glückliche Figur machte.  So drohte er nach einem Streit, Shelley zu erschießen, bei anderer Gelegenheit drohte er mit Selbstmord – Byron konnte ihn allerdings begütigen. Es war kalt, es regnete häufig – 1816 ist als das Jahr ohne Sommer in die Geschichte eingegangen -, die kleine Gesellschaft saß, wenn Ausflüge nicht möglich waren, am Kamin und las einander Gespenstergeschichten aus einer ins Französische übersetzten deutschen Sammlung vor, bis Byron vorschlug, jeder von ihnen solle selbst eine Geschichte schreiben. Dieser denkwürdige Wettbewerb gab  u. a. den Anstoß zu Mary Shelleys (damals noch Wollstonecraft) Roman „Frankenstein“, Byron begann eine Geschichte, die er aber nach wenigen Seiten wieder aufgab, Percy Shelleys Beitrag ist verloren, wenn er ihn denn je ausführte, und Polidori fing etwas an, das die Keimzelle seines Romans „Ernestus Berchtold oder Der moderne Ödipus“ werden sollte. Etwas später schrieb er dann The Vampyre, wozu er Byrons Fragment als Ausgangspunkt nahm, um einer Dame zu beweisen, dass man daraus durchaus noch was machen könne. Irgendwie war das auch ein Racheakt an Byron. Dieser, sicher ein schwieriger, wenngleich auch großzügig zahlender Chef, hatte sich oft auf Polidoris Kosten über ihn  lustig gemacht, und Polidori verlieh nun seiner Vampirfigur stark karikierte Züge Byrons: ein menschen-, vor allem frauenverderbender, mörderischer Edelmann mit dem erstorbenen Blick, der den Namen Lord Ruthven führt. Das war eine Anspielung auf den jüngst erschienenen Roman Glenarvon von Lady Caroline Lamb (1785 – 1828), einer anderen ehemaligen Geliebten Byrons, die ihren Verflossenen erbarmungslos als gewissenlosen Verführer (ver-)zeichnet hatte – bei ihr hieß er Lord Glenarvon, Clarence de Ruthven. Die Verbindung von Vampirismus und tödlicher Erotik war Polidoris zukunftsträchtige Innovation, und sie dürfte einen gewaltigen Anteil am Erfolg von The Vampyre gehabt haben. Bloß Polidori hatte nichts davon – wie gesagt, ein Pechvogel. Er ließ das Manuskript in der Schweiz,  wo es einem zwielichtiger Journalisten in die Hände geriet, der es nach England brachte und dem Verleger Henry Colburn gab … und die Publikationsgeschichte nahm ihren Lauf. In unseren Tagen ist dann auch Polidori in seiner Eigenschaft als Autor des Vampyre Neben- und manchmal auch Hauptfgur in diversen Romanen und Filmen geworden, in denen mit den Fakten oft mehr als frei umgegangen wird.

Vom Ruhm, auch mit seinen zweifelhaften Nebenwirkungen, hat Polidori nicht mehr partizipieren können.  Er konnte auch nicht mehr erleben, dass er berühmte Neffen und Nichten haben würde: die Kinder seiner Schwester  Frances Polidori (1800 – 1886), die wie ihre Mutter ebenfalls einen italienischen Exilanten heiratete, Gabriele Rossetti (1783 – 1854). Die Töchter und Söhne aus dieser Ehe erlangten teils große Berühmtheit: Maria Francesca Rossetti ( 1827 – 1876) verfasste eine Dante-Studie, der Maler-Dichter Dante Gabriel Rossetti (1828 – 1882)  ist bis heute berühmt als Mitbegründer der Künstlergruppe der Präraffaeliten, William Michael Rossetti (1829 – 1919) wurde bekannt als Schriftsteller und Kritiker, und Christina Georgina Rossetti (1830 – 1894) zählt zu den bedeutendsten englischen Dichterinnen des 19. Jahrhunderts. William Michael Rossetti etablierte sich als Kritiker und edierte später seine Tagebücher, die seine Schwester freilich zuvor transkribiert und „gereinigt“ und deren Original sie vernichtet hatte. William Michael hatte dann, wenn man das so nennen will, sogar einen postumen Direktkontakt zu seinem Onkel: am 25. November 1865 während einer spiritistischen Sitzung. „Onkel Johns“ Geist  gab sich durch Klopfzeichen zu erkennen. Ja, er habe sich selbst getötet. Letzte Frage William Michaels: „Bist du glücklich?“ Antwort: zwei Klopfzeichen. Sie bedeuteten: „Nicht direkt“.

Ein Beitrag von Christoph Sorger


Literaturhinweise:

Reclams Opernführer. Hrsg von Georg Richard Kruse: Philipp Reclam jun.: Leipzig 1928.

Macdonald, D. L.: Poor Polidori. Toronto / Buffalo / London: University of Toronto Press 1991.

Polidori, J. W. / Lord Byron: Der Vampir. Hrsg. von Reinhard Kaiser. München: C.H. Beck 2014.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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