Der Traum vom Raum. Warum sich Milliardäre in den Himmel schießen lassen

Am 11. Mai 2021 gab es ein großes Hallo auf Erden. Der britische Milliardär Richard Branson ließ sich als erste Privatperson mit eigenem Flieger in den Weltraum schießen. Sein Konkurrent, der Chef von Amazon, Jeff Bezos, brauchte noch einige Tage, dann war auch er oben. Beide waren stolz, sich Kindheitsträume erfüllt zu haben, die sie wahrscheinlich aus dem Fernsehen und aus Büchern genährt hatten. Vermutlich war Jules Verne einer dieser Traum-Paten, denn seine Reise zum Mond hatte schon Hermann Oberth und Wernher von Braun angestachelt, Raketen zu bauen. Kindheitstraum ist auch Menschheitstraum, wenn man den Mythen folgt. Man denke etwa an Ikarus oder an Phaeton oder an all die Feuerwagen im Himmel, die sich in der hinduistischen Mythologie oder in der Bibel finden. Es waren Griechen wie Lukian aus Samosata im 2. Jahrhundert, die schon satirische Geschichten über die Bewohner anderer Planeten machten. Seit dem 17. Jahrhundert aber boomt die Literatur, in der Menschen die Erde verlassen – von Kepler und Godwin bis hin zu Defoe und Cyrano de Bergerac. All das sind mehr oder weniger bewusste Vorbilder, die die Träume der Technik nähren.

Als Branson wieder landete, sagte er, er wolle den heutigen Kindern zeigen, dass man seine Träume verwirklichen kann. Nur welche Träume sind das eigentlich? Der Traum einer klimaneutralen Erde ist es sicher nicht, einer Erde, auf der zwischen Menschen Frieden herrscht und alle zu essen und zu wohnen haben – das war wohl nicht gemeint, denn solche Träume bedürfen einer kolossalen internationalen Anstrengung, ja, einer Weltföderation oder gar Weltregierung. Vielmehr sind es wohl Träume der Omnipotenz, wie man sie als Kind und eben auch später haben mag, ozeanische Gefühle, das Gefühl, etwas ganz Großes zu sein. Und genau die Realisierung solcher oft narzisstischen Träume befördert den Zustand der Welt, wie wir ihn kennen. Sicherlich helfen diese Selbstvergrößerungen, wie sie alle Mythen aufweisen, bestimmte Ziele zu erreichen, die notwendig für eine Gruppe sind, wie die Erfindung bedeutender Geräte und Dinge, die dem Überleben dienen. Der Glaube an sich selbst, die heldenhafte eigene Tat, ist in Zeiten allgemeiner Zweifel und Selbstzweifel eine nützliche Eigenschaft, aber sie kann auch terroristisch gewendet werden.

Im Wettkampf um den ersten Platz im privaten Weltraum geht es nicht um das Überleben der Menschheit. Im Gegenteil, die ökologischen Fußabdrücke der Reichen werden immer größer und anmaßender. Einst bauten sie sich hohe Türme, um ihre Macht zu demonstrieren, ihren Phallus sozusagen, nun beschreiben die ballistischen Kurven ins All jene Selbstausdehnung. Sie geht auf Kosten der anderen, die unten bleiben müssen. Der erste Wettlauf in den Raum war militärischen Aufgaben gewidmet, wie so oft bei revolutionären Erfindungen, der zweite aber dient der Kommerzialisierung und dem Konsum, also der Ausdehnung des Kapitalismus in die erdumhüllenden Sphären, in das Territorium zwischen Erde und Mond. Um so größer der ideologische Aufwand, der betrieben wird, diese Ausfahrten zu legitimieren. Das eine Buzzword, das große Schlag- und Summwort, heißt: Digitalisierung, das andere Demokratisierung durch eben das Digitale. Es scheint mir, dass heute diese Begriffe jene ersetzen, mit denen einst Kontinente entvölkert oder unterworfen wurden. Welche da hießen: Christianisierung, Humanismus, ihnen voran die Fackel der Freiheit. Joseph Conrad hat in seinem apokalyptischen Roman Heart of Darkness (1898) solch eine Mission im Kongo beschrieben. Dorthin kommt einer dieser Fackelträger namens Kurtz im Auftrag der Belgier und schreibt einen Report über den Humanismus, den er dorthin bringen wollte. Am Rand dieses Berichts jedoch kritzelt er, vielleicht in einem Anfall von Ehrlichkeit, dass man die Eingeborenen, diese „Bestien“, ausrotten solle, „exterminate all the brutes!“ Aus der Lichtgestalt ist ein brutaler Tyrann geworden, der die Menschen schrecklich behandelt und ausbeutet. Zur Zeit Conrads sprach man vom „Scramble for Africa“, dem Wettkampf der Kolonialstaaten um Afrika, heute müsste es heißen: Scramble for Space.

Auch der mythologische Aufwand der jetzt laufenden Prozesse sollte benannt werden. Mythen dienen bekanntlich gern der PR und erzeugen Werbeschwingungen, die alle Kritik ausschalten. So sind etwa die Namen der Raumschiffe interessant. Das Mutter-Raumschiff von Branson heißt EVE. Das bezieht sich in erster Linie auf den Namen seiner Mutter, einer wohltätigen Frau, die im übrigen 2021 an Covid19 starb. Aber es deutet auch auf einen Neu-Beginn der Schöpfung, ein Wink zum Paradies. Das Raumflugzeug wiederum heißt Virgin Galactic Unity 22, worin sich wieder Andeutungen auf das Erste, das Unberührte und das große Ganze verbergen. Jeff Bezos Raumschiffe nennen sich Blue Origin oder New Shepard. Letzterer Name bezieht sich zwar auf Alan Shepard, der am 5. Mai 1961 als erster Amerikaner in den Weltraum flog (allerdings nach dem Russen Juri Gagarin, der es kurz zuvor, am 12. April 1961, geschafft hatte), aber im Sinne von „Shepherd“ hat er auch eine religiös-mythische Konnotation: Jeff Bezos als neuer Weltall-Schäfer, als Pastor und Jesus einer neuen Religion.

Beide Privatastronauten schwärmten über den Blick von oben, der ihnen ein völlig neues Erdgefühl gegeben habe. Ähnliches hatten schon mehrere Astronauten und Kosmonauten erlebt. Jetzt soll dieses Gefühl vielen Menschen zugänglich gemacht werden, auf dass die Erde ein besserer Ort werde. Aber nun ist der Blick von oben nur noch ein Statussymbol! Viele werden ihn ohnehin nicht werfen können, denn der Weltraum gehört den Reichen, das ist jetzt endgültig klar geworden. Während man sich unten mit Corona plagt, mit Hungersnöten, mit Kriegen, Erderwärmung und Naturkatastrophen, werden reiche Touristen hochgeschossen, um sich an einem teuren Blick zu berauschen. Man nimmt Souvenirs mit, Fotos von Eltern, Kindern und Freunden, die Flagge einer Schule von Illinois, gar Blumen – und kehrt mit diesen Objekten wieder zurück, die nun vom All persönlich gesegnet worden sind. Ähnlich jene Mondfahrer, die Luna schon mit Reliquien, Urnen und sakralen Objekten vermüllt haben. In Ariosts Versepos Orlando Furioso (1516) fliegt man zum Mond, weil auf diesem die verlorenen Dinge der Menschheit, inklusive Liebesschwüre, herumliegen. Was haben wir also im Weltraum verloren, was verlieren wir dort?

Wir (also die Reichen, das Militär, die Supermächte) gewinnen neues Territorium, wo wir unser unsinniges Leben weiterführen können wie bisher, nur unter anderen Bedingungen. Die Kreuzfahrtschiffe, die in Venedig nicht mehr gerne gesehen werden, ziehen jetzt in die Weite des Alls und der Mond wird zu Malle. Malle aber macht vor allem Müll, Lichtmüll, Giftmüll, Vernichtung von Leben. Daher sollte der Blick von oben doch in ganz anderer Weise genutzt werden. Wozu haben wir Medien, wenn nicht dafür, uns diesen Blick zu ermöglichen? Der technische Blick aus dem Raum sollte sich mit der Diagnose der Erdprobleme beschäftigen, mit der Vermeidung von Hungersnöten und der Verbesserung des Klimas. Weltraumtechnik sollte Werkzeug sein, und nicht Waffe. Es sollten dringend internationale Pläne zur Nutzung des Weltraums geschlossen werden, die die Teilhabe der ganzen Menschheit sichern und verhindern, dass die Erde sich zu einer Bombe im All entwickelt. Wenn der Weltraum zum Abenteuerspielplatz für Reiche wird, ist ein solcher Weg jedoch versperrt.

Die Technik realisiert unsere Kindheitswünsche – ja, sie erfüllt die Magie der Märchen. Doch wissen wir auch, wie es ausgeht, wenn jemand drei Wünsche frei hat. Das Schlaraffenland sich vorzustellen ist schön, dort zu leben eine Katastrophe. Und wer sein individuelles oder kollektives Ego immer weiter ausdehnen will, sollte sich an Tolstois Frage erinnern: „Wieviel Erde braucht der Mensch?“ Träume sind wichtig, aber sie dürfen nicht zu Alpträumen werden. Oscar Wilde hat es auf den Punkt gebracht: „In this world there are only two tragedies. One is not getting what one wants, and the other is getting it.” In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine besteht darin das nicht zu bekommen, was man möchte; die andere darin, es zu bekommen.

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

Eine Antwort auf „Der Traum vom Raum. Warum sich Milliardäre in den Himmel schießen lassen“

  1. Neugier & Forschungsdrang sind auch noch Motivationen zum Weltraumflug. Auch wenn die wie bei der Seefahrt zum o.g. Eroberungsdrang führen können und wohl auch werden.
    Ich wäre auch geflogen, wenn ich es könnte.

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