Die Edda – Das Heilige Buch der Germanen

Die Edda. Vielen ein Begriff, doch wenige haben sie gelesen. Der Gründungsvorsitzende des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie, Reiner Tetzner, hat sie nicht nur gelesen, sondern auch aus dem Original ins Deutsche übersetzt. Im Rahmen einer Lesung aus seinem Buch: „Germanische Göttersagen“ in der Leipziger Stadtbibliothek entführte er das Publikum in die verschneite Mythologie des klirrenden Nordens. Der Titel der Veranstaltung lautet: „Die Edda – das Heilige Buch der Germanen“. Die ersten Auseinandersetzungen finden dabei schon kurz nach Beginn statt. Was bedeutet „heilig“, und wer sind diese Germanen überhaupt, wenn der Begriff eine Fremdzuschreibung des Römischen Reiches ist? Es wird präzisiert: vordergründig wird der Blick auf den skandinavischen Raum gerichtet. Na gut. Aber worum geht es in der Edda? Kann sich der Zuhörer darunter eine Art Bibel für Wikinger vorstellen?

Fakt ist, dass zwei Eddas existieren. Die Snorra-Edda wird auf den Beginn des 13. Jahrhunderts datiert und wurde vom isländischen Skalden Snorri Sturluson für den norwegischen König verfasst. Seiner Zeit diente sie vornehmlich dazu, der jungen Generation Skalden ihr dichterisches Handwerk zu lehren. Die sogenannte Lieder-Edda wurde einige Jahrzehnte später zusammengestellt. Bei ihr handelt es sich um eine Sammlung verschiedener Texte unbekannter Dichter unterschiedlichen Alters. Sie enthält deutlich weniger Prosa als die Edda des Snorri Sturluson. Der Begriff „Edda“ selbst ist den besten Vermutungen nach eine Norwegisierung des lateinischen „editio“, also „Edition“ oder „Herausgabe“. Kein Wunder also, dass der von Dr. Tetzner gegründete Verlag auf den Namen „edition Vulcanus“ getauft wurde. Inhaltlich setzen sich beide Eddas mit der skandinavischen Mythenwelt auseinander – mit den Göttern und Helden, der Weltschöpfung und ihrem Untergang und allem, was dazwischen passiert.

Reiner Tetzner beginnt den nordischen Bann auf die Zuhörer zu legen, indem er aus seiner im Reclam-Verlag veröffentlichten Übersetzung der Snorri-Edda den Schöpfungsmythos vorließt. Im Original ist dies die Völuspá, das Gedicht der Seherin. Bei Reiner Tetzner lautet es „Die Asen-Götter werden geboren und bauen die Welt auf“. Frei erzählt trug sich die Geschichte in etwa so zu: Noch bevor es unsere Welt gab, dominierten den Raum andere Dimensionen. Die Kälte der Welt Niflheim im Norden kollidierte dabei mit dem lodernden Feuer des südlichen Muspelheims. Das Eis schmolz zu Wasser und wurde lebendig. Ein Urwesen erhob sich, Ymir genannt. Ymir war Mann und Frau zugleich und war von riesenhafter Gestalt. Er schlief und schwitzte im Schlaf. Aus seinen Armbeugen und Füßen schwitzte er Nachkommen aus, welche die Vorfahren aller anderen Riesen werden sollten.

Eine Kuh, Audumla (auch Audhumbla) genannt, entstand später aus dem tropfenden Eis. Sie spendete Milch in vier satten Strömen, an welchen Ymir sich nährte, damit er an Größe und Kraft gewann. Aus dem steinernen Eis leckte Audumla den Stammvater der Götter hervor. Dieser vereinte sich mit einer Riesin, wodurch die ersten Götter die Welt erblickten – Odin allen voraus. Die neuen Götter brauchten Platz, doch der betagte Ymir vereinnahmte immer mehr von eben jenem. Also töteten Odin und sein Geschwister das Ungetüm. Das aus dem Leichnam tosende Blut ertränkte alle Riesen bis auf ein Geschlecht. Ihre Nachfahren würden die Götter für diese Tat erbittert hassen. Aus den Überresten des Riesen wurde die Welt geschaffen, die Erde aus dem Fleisch, die Meere aus dem Blut, das zerplatzte Gehirn bildete die Wolken, der Schädel den Himmel. Midgard, die Menschenwelt wurde geschaffen. Die Götter legten Ymirs Wimpern als Schutzwall um diese herum, um sie von Utgard, den Landen der Riesen, abzugrenzen. Diese ist für Götter und Menschen unbewohnbar und schrecklich. In der Mitte Midgards, auf dem höchsten Berg, errichteten die Götter ihre neue, in den Himmel hinaufragende Heimat, Asgard.“

Der Bannzauber funktioniert, hinter den Stirnen der Besucher erahnt man die sich entfaltende Welt, den Sog der Erzählung, welche durch Reiner Tetzners Übersetzung noch an Zugänglichkeit gewann. Er postuliert, dass der nordische Mythenkreis für ihn der menschlichste überhaupt ist. Doch was ist damit gemeint? Die Aussage scheint gewagt angesichts der Tatsache, dass im Christentum Jesus Christus buchstäblich der Mensch gewordene Gott ist. Christus ist allerdings perfekt – sowohl in Gesinnung als auch in Tat. Er ist das Vorbild für moralisches Handeln, der Prototype des guten Menschen. Dieses Ideal als leitender Stern ist schön, doch sind wir Menschen, wie wir uns kennen, wirklich so? Wohl kaum, aber Reiner Tetzner versteht „menschlich“ auch anders. Es liegt nahe, dass man das Adjektiv als „nahbar“ deuten muss, denn es ist die Imperfektion der Asen, ihre Verwundbarkeit, die ihn fasziniert. Jeder und jede von ihnen ist makelbehaftet, trägt Verletzung oder Hässlichkeit. Alle, vielleicht unter Ausnahme des Jesus-gleichen Baldur. Doch für diesen war die Welt noch nicht bereit; als einziger der Götter muss er noch vor dem Weltenbrand sterben. Seine Wiederkunft ist prophezeit, sowie eine bessere Welt, die er aufbauen soll.

Odin ist der weiseste aller Götter, doch musste er dafür mit einem seiner Augen bezahlen. Er ist der Finder der Runen und Zaubersprüche, allerdings musste er für dieses Privileg neun Tage am Weltenbaum aufgehängt Leiden ertragen. Er sieht die Zukunft voraus, und doch findet er keine Möglichkeit, sie zu verändern. Neidisch blickt er auf die Schätze der Wanen, dem zweiten Göttergeschlecht. Woher sie stammen, weiß niemand. Thor ist der stärkste der Götter, doch von enormer Dummheit und dadurch leicht hereinzulegen. Vornehmlich vom trickreichen Loki, dem Drahtzieher hinter Baldurs Tod. Loki ist furchtbar klug, aber sein moralischer Kompass ist auf Chaos gerichtet. Letztlich schneidet Lokis scharfe Zunge ihn zumeist selbst und er erhängt sich an den Spinnweben, die er webt. Tyr, Gott des Krieges, verliert seine Hand im Maul des Riesenwolfes Fenrir, Sohn Lokis, damit das Biest überwältigt werden kann. In der Welt der Asen verlangt das meiste von Wert ein Opfer. Eine psychologisch profunde Einsicht. Jahrhunderte später wird Jaques Lacan formulieren, dass Wert überhaupt erst durch den Akt des Opfers entsteht, also ontologisch von diesem abhängig ist.

Doch diese Welt wird nicht nur errichtet, sie geht auch zu Grunde. Zum Weltuntergang wird die Weltenesche erzittern und die Menschen werden an ihrer Habsucht ersticken und einander bekriegen. Bruder gegen Bruder, Mann gegen Sohn. Drache Nidhögg wird an den Wurzeln des mächtigen Baumes reißen, Loki wird die Gebirge aufbrechen, Bäume werden fallen. Die Midgardschlange wird die Himmel und Gewässer vergiften. Die Kinder Fenrirs werden Sonne und Mond verschlingen, die Riesen stellen ihre Heere für die Schlacht gegen Menschen und Götter bereit. Odin wird bis zuletzt kämpfen, den längsten Widerstand leisten. Doch auch er wird fallen, verschlungen von Fenrir, dessen Maul so gewaltig aufgerissen sein wird, dass es Himmel und Erde berührt. Feuerriese Surt wird sein Flammenschwert schwingen, rote Zungen werden lodern, die Welt wird brennen, der Weltenbaum wird zusammenbrechen.

Doch die Welt wird ein weiteres Mal entstehen. Ihr Schicksal steht noch nicht fest.

War es eben jene Fehlerhaftigkeit der Götter, welche das nahende Ragnarök, den Untergang der Welt, unausweichlich machte? In der Edda ist nur von einem Ragnarök die Rede. Es handelt sich wohl nicht um einen ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens, um kein karmisches Rad, das die Seelen durch das Sein hebt und senkt. Es scheint mehr eine lineare Progression, mit einem historischen Weltenbrand und einer Neuschöpfung zu sein. Letztere unter der Herrschaft des unschuldigen Baldur. Ob Odin dabei von jeher wusste, dass es sich bei den Asen, wie sie vor dem Untergang waren, nur um einen ersten Versuch handelt? Vermutlich ja. Odins Kraft liegt im Herzen seiner Finsternis, seinem Wissen um das, was nicht zu ertragen ist.

Ein Beitrag von Sebastian Helm


Literaturhinweis:

Reiner, Tetzner. Germanische Göttersagen. Reclam, Ditzingen: 2002.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie. e.V.

Eine Antwort auf „Die Edda – Das Heilige Buch der Germanen“

  1. Lieber Reiner
    Dein Text liest sich wunderbar und gut verständlich. Zum Untergang der Welt möchte ich zufügen, könnte dies ein Katklysmus der Erde sein? Wenn ja, dann wären diese Geschichten älter als 6000 Jahre. Bezugnehmend auf den Namen der Arier/Asen, welcher wie viele meinen von den Atlantern herrührt, dann könnten man zum Schluss kommen, dass die Geschichte weit älter ist und bis über 12`000 Jahre alt. Bezieht man noch die indischen Veden dazu, die Luftschlachten beschreiben, dann könnten diese Geschichten gar noch älter sein. Diese Geschichten könnten von einer Zivilisation vor der unsrigen sein. Wie ich erfahren habe, sind wir scheinbar die 5. Zivilisation und die Erde hat wahrscheinlich sich schon mehr als zweimal über Kataklysmen gereinigt und einen Neustart gemacht. Davon ausgehend, dass man die Erde als ein Wesen betrachtet in dem Gott genauso wirkt wie in uns selbst, dann kann es sein, dass wenn immer zuviel negative Energie den Raum füllt, sich die Erde reinigt und wir keine Spuren von den vorangegangenen Zivilisationen finden. Es sei denn, dass im Antarktischen Eisgürtel noch Artefakte tief unter dem Eis liesen. Einige sind ja schon gefunden worden, wenn diese Bilder der Wahrheit entsprechen

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