Kosmologie und Literatur II: Mythologie im wissenschaftlichen Zeitalter. Von William Blake bis J. R. R. Tolkien

Zeitgleich mit der Entwicklung einer wissenschaftlichen Weltsicht in der Neuzeit entstehen zahllose weltanschauliche Abzweigungen, die sich wiederum mit religiösen Sekten zusammentun oder auf privaten Visionen und Mythologien beruhende Kosmologien in die Welt setzen. Das Werk des schwedischen Geistersehers, Wissenschaftlers und Philosophen Emmanuel Swedenborg gehört sicherlich in diesen Strom ebenso wie das seines zeitweisen Anhängers William Blake (1757-1827). Romantik und Gnosis gehen bei Letzterem eine Einheit ein und bringen ein höchst merkwürdiges Werk hervor, das er bekanntlich nicht nur dichterisch und philosophisch, sondern auch in visueller Form ausgedrückt hat. In dem Maße wie er die Mystiker – vor allem Jakob Böhme – liebte, hasste er Newton und die empirischen, rational fundierten Wissenschaften, denen Francis Bacon das Programm geschrieben hatte. Politisch stand Blake quer zum Zeitgeist, legte sich mit dem Staat an und verteidigte die Französische Revolution. Von Kindheit an hatte er Visionen. Sein Vater tadelte ihn, als er behauptete, den Propheten Ezechiel getroffen zu haben. Einen Baum in Peckham Rye, im Süden Londons, sah er erfüllt von Engeln. Regelmäßig pflegte er sich mit Engeln und Geistern zu unterhalten. So zeichnete er auch den Geist eines Flohs. In seinem Kampf gegen die Unterdrückung von Sexualität erinnert er an Wilhelm Reich, denn Krieg sah er als eine direkte Folge von Verdrängung.

Blakes Kosmologie ist komplex und umfassend. In dem unvollendeten prophetischen Buch Vala bringt er vier Grundkräfte ins Spiel, die die Schöpfung bestimmen, die vier „Zoas“. Sie stellen Facetten Gottes dar, die sich in dessen Ebenbild, dem Menschen, wiederholen: Kopf, Lenden, Herz, leibliche Einheit. Ihnen zugeordnet sind die Emanationen Weisheit (Kopf), Natur (Herz), das über das Natürliche Hinausgehende (Lenden) und die Erde (als Produkt einer Spaltung der Einheit). In der Gottheit sind es Gottvater, Gottsohn, der Heilige Geist und Satan. Man merkt, ein Ketzer hat dieses System geschaffen, das manchmal schwer verständlich, auch widersprüchlich erscheint. Auffällig ist allerdings die Zahl Vier, die bei Blake immer wiederkehrt. Sie wird später nicht nur wichtig in der Tiefenpsychologie eines C. G. Jung, der in ihr das Integrale sieht, sondern auch für den Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli, der nicht zufällig mit C. G. Jung in einem regen Briefaustausch stand. Die Vier ist zudem die Zahl der Grundkräfte des Universums, die die moderne Physik erkannt  hat: die starke und schwache  nukleare Wechselwirkung, die elektromagnetische Kraft und die Gravitation. Wie Dante, den Blake ausgiebig illustrierte und mit dem er sich intensiv, auch kritisch auseinandersetzte, bringt der Engländer Kosmologie sowohl abstrakt als auch lokal gefärbt ins literarische Bild. Noch auf seinem Totenbett war er mit den Illustrationen zur Göttlichen Komödie beschäftigt. Er soll Hymnen singend gestorben sein.

Einerseits wirkte Blake als Aufklärer gegen stumpfen Glauben, Monarchismus und Kirche, andererseits sah er in den neuen Wissenschaften die blinde und einseitige Verherrlichung der Materie. Kein anderer Wissenschaftler war ihm so verhasst wie Newton; allenfalls Goethe hätte ihm in dieser Abneigung das Wasser reichen können. In einem berühmten Bild zeigt Blake den großen Newton als nackten Jüngling, der mit seinem Kompass Zeichen auf den Boden malt: ein selbstverliebter und völlig realitätsferner Adept der Wissenschaften bei der Arbeit. „Reason“ ist in Blakes Werk „Urizen“ und ist als einer der vier Zoas dem Süden und der Abstraktion zugeordnet. Er kann auch als Gottvater gelesen werden, als gnostischer Demiurg, der eine Rebellion niederschlägt und vieles mehr. Möglicherweise spielt der Name auch auf das griechische Wort für „begrenzen“ an. Jedenfalls erscheint die Wissenschaft, sofern sie auf dieser Grundkraft einseitig aufbaut, Blake als Ausdruck von Blindheit.

England selbst, von ihm archetypisch Albion genannt, wird zu einem mythischen Schlachtfeld der Kräfte des Materialismus und des Geistigen. In einem Bild erinnert er daran, dass Joseph von Arimathäa, der Onkel von Jesus, einst den Heiligen Gral nach Glastonbury in Somerset brachte und damit das Land heiligte. Glastonbury und Umgebung war jedoch schon in vorchristlicher Zeit ein sakraler Ort. Daraus schlägt ein Nachfahre Blakes sein eigenes Kapital – der Romancier und Essayist John Cowper Powys, der sich dieser Region in besonderer Weise verbunden fühlte. Hier, wie bei Blake oder sogar Olaf Stapledon, wird der englische Boden zum Ausdruck eines kosmischen Hintergrundes.

Powys stand mit den Wissenschaften eher auf Kriegsfuß. Besonders die Vivisektion war ihm ein Gräuel, und er sah in der Methode den Geist der Wissenschaften und die Herrschaft der Rationalität über das Leben. Er zog das Prophetische und Intuitive, die große Phantasie dem kleinteiligen Verstand vor. So konnte er in Trance geraten, wenn er Vorträge hielt über die Dichtung. Henry Miller erlebte ihn in den USA auf einer seiner Vortragstourneen und erinnert sich an den schamanenhaften Auftritt und ekstatische Zustände der Hörerschaft. Powys schrieb buchlange Essays über die Kunst des Altwerdens und des Glücklichseins, über kreative Einsamkeit, Wales und das Multiversum, einen Begriff, den er von dem amerikanischen Religionsphilosophen William James übernahm. Die tiefen sinnlichen und übersinnlichen Erlebnisse seiner Romanfiguren – wie Fontane begann er erst im fortgeschrittenen Alter mit Romanen – versucht er in seinen Essays durchaus begrifflich zu verstehen. Insofern ist seine Wissenschaftsfeindlichkeit eher gegen einen blanken Positivismus und Materialismus gerichtet, der alles menschliche Fühlen auf Daten und Zahlen reduziert. Die Auseinandersetzung mit dieser Seite der Wissenschaft, die als Imperialismus über die Natur verstanden wird, führt er am heftigsten in einem Roman, der A Glastonbury Romance (1932) heißt. Glastonbury ist nicht nur durch sein Festival bekannt, sondern auch durch keltische Assoziationen – den sogenannten Tor Hill, der einmal ein Heiligtum gewesen sein könnte. Ebenso ist das Städtchen bekannt durch die Abtei, die Heinrich VIII. abreißen ließ, und auf deren Boden Mönche das Grab von König Arthur und der Königin Guinevere gefunden haben wollten. Es gibt einen Quell, dem magische Qualitäten nachgesagt werden, es gibt den Dornenbaum, den noch Joseph von Arimathäa eingepflanzt haben soll (der Baum wurde leider 2011 über Nacht gefällt), es gibt Erdlinien, sogenannte Ley Lines, die sich hier kreuzen sollen, Sternbilder in der Landschaft, und es gibt Esoterikläden, die von dem Glauben an diese heilige Topographie leben. Das Gebiet ist geradezu prädestiniert für Powys’ Laboratorium der Phantasie. Hier lässt er die Kräfte des Jahrhunderts aufeinander stoßen: Materialismus gegen Spiritualität, Sozialismus gegen Kapital, Libido gegen Askese, Ekstase gegen industrielle Rationalität, keltisches Avalon gegen moderne Welt. Glastonbury soll zum Ort eines Festivals werden wie Oberammergau oder Bayreuth, lockt die verschiedensten Geister auf den Plan und macht es zu einem kosmisch signifikanten Ort, so wie ihn schon Blake sah. Powys ist nie zufrieden mit einseitigen Perspektiven, er beleuchtet Personen und Gegenstände wie Handlungsorte immer auch aus einem kosmischen Blickwinkel. Geschehen und Psyche sind vielschichtig, sie oszillieren zwischen den vielfältigen Erscheinungsformen von Materie und Geistigem. Powys packt die unterschiedlichsten Realitätsschichten oft in einen Satz. So beginnt der Roman A Glastonbury Romance mit einem Gebilde, das als schlechtester Romanbeginn der englischen Literatur apostrophiert wurde:

Schlag zwölf an einem gewissen fünften März kam es im Einzugsbereich der Bahnstation Brandon und zugleich weit über die tiefsten Tiefen des leeren Raums zwischen den entlegensten Sternensystemen hinaus in der schöpferischen Stille des Urgrundes zu einem jener unendlich kleinen Wirbel, die immer dann entstehen, wenn ein lebender Organismus in diesem astronomischen Universum einen ungewöhnlichen Schub der Bewusstseinserweiterung erfährt. In diesem Augenblick übertrug sich etwas, eine Welle, ein Zucken, eine Schwingung – zu fein, um magnetisch, zu unterschwellig, um geistig genannt zu werden – der Seele eines bestimmten menschlichen Wesens, das einem Waggon dritter Klasse des Zwölf-Uhr-neunzehn-Zugs aus London entstieg, und der göttlich-teuflischen Seele im Urgrund allen Lebens. (Powys 9)

Dieser Mann, John Crow, wird von den Feuergedanken der Sonne wie von den Lebensregungen der Erde bearbeitet, es gibt sogar Eifersucht unter den Kräften, die um ihn kämpfen. Das alles klingt nach tiefstem Rückfall in Aberglauben und Gnosis und scheint nichts mit dem 20. Jahrhundert zu tun zu haben. Wenn bald darauf noch die Gefühle und Gedanken eines frisch Verstorbenen zu reden beginnen, hört bei den meisten der Vorschusskredit für diesen merkwürdigen Autor, der manchmal mit Proust oder Tolstoj verglichen wird, auf. Dennoch: Die Inhalte der Vielschichtigkeit mögen an die Antike und das Mittelalter, an Alchemie und Astrologie erinnern, aber die Tatsache der Vielschichtigkeit selbst – dass nämlich das Ich von vielerlei unbekannten Kräften bewegt und beschränkt wird – das ist eine Kernerkenntnis nicht nur der Psychoanalyse, sondern auch der Neurologie und der Physik. Man stelle Powys’ schrägem Einstieg in seine Romanwelt einen anderen Einstieg gegenüber, der immer wieder als modern und tiefgründig gepriesen wird, nämlich Robert Musils Anfangssatz für seinen Mann ohne Eigenschaften:

Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts , einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913. (Musil 9)

Die Unterschiede liegen auf der Hand: hier die nüchterne wissenschaftliche Bestandsaufnahme des Tages unter Bezug auf Temperatur, Feuchtigkeit, Lichtverhältnisse, dort die Berufung auf Sternen- und Erdkräfte, die dazu noch vermenschlicht werden. Dennoch scheint eine Ähnlichkeit in der Strukturierung des Daseins auf. Dieses ist unter der Oberfläche vieldeutig, polyphon und fremdbestimmt. Die Namen der Kräfte sind verschieden, nicht aber die Tatsache ihrer Wirkung und ihrer letztlichen Unbestimmbarkeit. Musils Maßangaben mögen präzise und richtig erscheinen, sind aber Ergebnisse von Konventionen und diese Konventionen werden in seinem grandiosen Roman nach und nach aus den Angeln gehoben.

Powys artikuliert in Glastonbury wie in anderen Romanen und Essays immer wieder die kosmische Bestimmung von Orten und Gestalten. Befremdlich mag manchen Lesern der Bezug auf einen First Cause, eine Prima Causa erscheinen, wenn es um das Frühstück oder einen Spaziergang geht. Aber darin liegt das Bewusstsein, das Powys seinen Lesern mitzuteilen sucht. Man könnte auch sagen, er versucht, die wissenschaftliche und die alltägliche Denkweise zu überbrücken, selbst wenn er es mit gnostisch-religiösen Begriffen tut. Wer bei einem Blick in den Kaffee mit der darin wirbelnden Milch an die Galaxie denkt, hat für einen Moment diesen Sprung getan.

Powys’ Werk ist einmal als Tolkien für Erwachsene bezeichnet worden. Auch wenn ein solcher Vergleich auf mangelnde Kenntnis Tolkiens hinweist (Tolkien hat sehr wohl Erwachsenen etwas zu sagen), so gibt er immerhin eine Verwandtschaft preis.

Zunächst einmal ist auch bei Tolkien von einer typisch britischen Liebe zu einer bestimmten Region zu reden. Es sind für den in Südafrika Geborenen die englischen Midlands, in denen er aufwuchs, die ländliche Gegend zwischen Birmingham und Worcester. Sie spiegelt sich in jenem der nordischen Mythologie entlehnten Ausdruck Mittelerde wieder, der einerseits die menschliche Welt zwischen denen der Götter und Dämonen bezeichnet, andererseits als Nest für das Auenland gesehen werden kann, in dem es sich die Hobbits gemütlich machen. Auenland heißt auf Englisch „The Shire“ (wovon sich z. B. das Wort Sheriff ableitet), und darin leuchtet schon die alte englische Grafschaft auf, wie in Worcestershire. Hier sah der junge Tolkien Eisenbahnzüge mit seltsamen Inschriften – es war Walisisch – und dies eröffnete ihm das Geheimnis der Sprache. Er lernte alte Sprachen und erfand sich eigene, die inzwischen von vielen Freunden seiner Werke ebenfalls erlernt werden, schöne elfische Klänge. Aus magischen Worten entsteht die Notwendigkeit, ein System zu erfinden, in denen sie Platz und Bedeutung hätten. So ist es mit gigantischen Treppen und Gängen in Felsen, Toren mit rätselhaften Inschriften in The Lord of the Rings. Von wem wurden sie erschaffen? Ähnlich muss die Frage gewesen sein für die Einwanderer auf den britischen Inseln, die auf Anlagen wie Stonehenge, Callanish oder New Grange stießen und an Zauberer und Riesen der Frühzeit dachten, die solches schufen. Ebenso sind Auenland und Mittelerde als Ganzes kosmisch eingebunden, wie wir immer wieder  andeutungsweise in The Lord of the Rings erfahren. Die Aufgabe, die Bilbo in The Hobbit zu lösen hat, ist Teil eines viel größeren Geschehens, das uns erst allmählich aufgeht. Tolkien hatte, noch lange bevor er den Hobbit entdeckte – bekanntlich hatte er den Satz „In a hole there lived a hobbit“ auf den Rand eines Stücks Papier geschrieben, ohne selbst zu wissen warum – Elemente einer Mythologie gesammelt. Sie wurden nach seinem Tod von seinem Sohn Christopher Tolkien unter dem Titel The Silmarillion 1977 herausgegeben. Darin finden sich Geschichten, die Tolkien möglicherweise schon im Ersten Weltkrieg konzipiert hat – er hatte an der Somme gekämpft und litt an Schützengrabenfieber. Auch wenn er in späteren Briefen jegliche Anlehnung an Kriegserlebnisse verleugnet, so ist doch sein gesamtes Werk durchzogen von Bedrohung und Kampfstimmung, wie es eben nur eine Generation mit Kriegserfahrung prägen kann. Die Quellen seiner Werke sind bekannt: die nordischen Sagas, die Edda, das finnische Kalewala und die altenglische Dichtung, insbesondere Beowulf. Hinzu kommen die mittelalterlich und skandinavisch inspirierten Epen des spätviktorianischen Sozialisten und Künstlers William Morris. Von naturwissenschaftlichen Interessen Tolkiens kann man jedoch nicht reden. Sein Schöpfungsmythos, mit dem The Silmarillion anhebt, scheint zunächst eher mit der Bibel und anderen Mythen verwandt zu sein, aber kaum mit wissenschaftlichen Theorien zu konkurrieren. Wie in der Bibel beginnt die Schöpfung mit dem Einen Gott:

Eru war da, der Eine, der in Arda Ilúvatar heißt; und er schuf erstens die Ainur, die Heiligen, Sprößlinge seiner Gedanken: und sie waren bei ihm, bevor irgend anderes erschaffen war. Und er sprach zu ihnen, sie Melodien lehrend, und sie sangen vor ihm, und er war froh. […] (Tolkien 13).

Das ist etwas Wunderbares: Die Schöpfung geht aus einem Klang hervor, der zur Melodie wird und als Weltall intoniert wird. Eine wahre Alternative zu dem doch sehr plumpen zeitgenössischen Bild vom Big Bang, das uns etwas amerikanisch vorkommt. Da ohnehin niemand Zeuge dieses Vorgangs war – außer vielleicht Gott –, können wir uns statt des Knalls eines Sektkorkens oder einer Bombe auch Musik vorstellen oder, wie es Dante tat, Licht. Damit ist die Schöpfung natürlich noch nicht beendet. Ein Individualist im Chor der Geister namens Melkor erdreistet sich, einen eigenen Beitrag zu bringen und die Melodie dadurch zu stören. Eru nimmt den Impuls auf und verwandelt die Melodie in eine andere. Die Dissonanz wird gleichsam kreativ umgesetzt und führt zu höherer Komplexität. Das Spiel Harmonie-Störung wiederholt sich und am Ende ist die Erschaffung der Menschen eine Antwort auf die Dissonanz. Die verschwindet dadurch nicht aus der Schöpfung, sondern wird stattdessen zur menschlichen Geschichte und der der Elfen und anderen Wesen, die die Erde bevölkern. Wie bei Dante kann man jedoch von einer allegorisch-moralischen Deutung physikalischer Ereignisse sprechen. Der Anfang setzt Strukturen und Partikel frei, die nur durch wechselseitige Störung und Aufhebung solcher Störung ein komplexes Universum erwirken können. Der Mythos, den Tolkien erfindet und aus anderen Teilen von Mythologien zusammenstellt, ist in diesem Sinne Reflex, ja vielleicht auch Antizipation kosmologischer Theorien des 20. Jahrhunderts, mögen diese bei ihm noch so sehr von Orks und Zauberern überdeckt sein und als Synkretismus erscheinen. Man könnte fast von einer bricolage sprechen, die Claude Lévi-Strauss als Grundoperation des Wilden Denkens begreift und für die das Zusammenbringen unterschiedlichster Traditionen – ob Wissenschaft, Technik oder Mythos – entscheidend ist. Tolkien gibt dem Einen Namen, die aus der Bibel oder dem Koran stammen könnten (Ilú – Eli, Al, Allah) und fügt ihm ein indoeuropäisches Suffix –vatar“ an, das wir in Vater oder Avatar finden. Arda für die Erde leuchtet ohnehin vom Deutschen her ein, entstammt aber bei Tolkien der Elfensprache. Man sieht an diesen wenigen Beispielen, wie sehr Tolkiens Welt eine sprachliche ist. Er schreibt sozusagen ein Epos der Linguistik, einen Roman, in dem die Sprache selbst die Heldin ist. Mit ihr reicht er in die tiefen Zeiten der Vorgeschichte zurück, kann sich in ganz andere menschenähnliche Spezies hineindenken, als es unsere beschränkte Phantasie sonst erlaubt. Insgesamt sollen etwa 34 verschiedene intelligente Gattungen sein Werk bevölkern. Die Paläoanthropologie ist auf dem besten Wege, die große Diversität nachzuweisen, mit der die Natur menschliche Entwürfe auf diesen Planeten setzte. Der Oxforder Don ist dieser schöpferischen Kraft mit seinen nur scheinbar so weltfernen Epen auf die Spur gekommen.

Im Silmarillion erinnern die Valar, die göttlichen Naturkräfte, an Wollen und an das Wehen des Windes. Tolkiens Naturkosmos ist ganz durchdekliniert mit Namen für Götter und Elfen, für Kräfte und Geister: Manwe steht für Wind, Ulmo für Wasser, Aule für den Schmied, Yavanna für die Pflanzenwelt. Element und Gott, Person und übernatürliche Kraft gehen ineinander über und so entsteht ein kosmischer Abenteuerroman. Doch wenn wir diesen merkwürdigen Wesen unsere wissenschaftlichen Namen geben wie Gravitation, Elektrizität, Radioaktivität, Partikel und DNA, so erleben wir in Tolkiens Vorgeschichte von Mittelerde so etwas wie das Abenteuer der Entstehung unserer physikalischen und moralischen Welt. Sein Kosmos ist deshalb so erfolgreich bei den Jüngeren, weil er eine Naturwelt beschwört, die es nicht mehr gibt: voller Geheimnis, Tiefe, Geschichte, Heroismus und Verrat; und er macht aus den „Taten des Lichtes“, wie Goethe sagen würde, eine spannende Erzählung.

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel

Literaturhinweise:

Blake, William.  Zwischen Feuer und Feuer: Poetische Werke Zweisprachige Ausgabe. Übers. von Thomas Eichhorn. München: dtv 2007.

Musil, Robert. Der Mann ohne Eigenschaften. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1970.

Powys, John Cowper Powys. Glastonbury (1932). München: Hanser 1995.

Schenkel, Elmar. Tolkiens Zauberbaum. Sprache und Mythos bei Tolkien und den Inklings. Leipzig: edition vulcanus 2013.

Tolkien, J.R.R. Das Silmarillion (1974). Übersetzt von Wolfgang Krege. Stuttgart: Klett-Cotta 1999.

© S. Fischer Verlag, mit freundlicher Genehmigung.

Der Text ist erschienen in: Elmar Schenkel. Keplers Dämon. Wechselbeziehungen zwischen Literatur, Traum und Wissenschaft, Frankfurt/M.: S. Fischer 2016.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.