Reise im Traum, oder: An Dante denken

Dinanzi a me non fuor cose create

se non etterne, e io etterno duro.

Lasciate ogne speranza, voi ch’intrate.

Divina Commedia, Inferno III, v. 1–9

So in der Mitte des Lebens gestrandet, Bewegung im zweiten, bedrohlich sich einkürzenden Drittel, wird unsere Angst „ein wenig stille“, ist das so? Vor uns die krümligen Schaluppen des Abstiegs, die gebogenen Horizonte des brennenden Sands, der lodernden Brandung, durch die lonza, in Pantherscheckung, verschwindend greint und schimmert. Wollüstig biegt sich der Blick der Bestie gegen uns, die wir uns mit Chemikalien behelfen, nicht zu versagen. Aus der eigenen Tiefe schöpfen: Das haben wir lange verlernt, haben’s aber nicht vergessen. Einzig, wir sind die Hindernisse, die wir uns selbst stellen, im Fleisch, in den Gedanken, in der Bemessenheit unserer Zeit und daß wir sie nicht wahrhaben mögen. Ja, es ist der gemähnte Hochmut, grollend und miauend, und die borstige Habgier, die uns, die Völker (kein, wie es der zänkische Schwabe verhieß, Schweigen, kein Schlummern) ins Verderben stürzt, wieder und wieder – eine Wölfin, die uns von der Läuterung abhält grausam und kalt. Keine Sonne. Schweigen, wo ihr Strahl fehlt.

André Schinkel © Tina Peißker

Unentschlossen stehen wir herum, betrachten den Limbus, tiefergelegt: unentschlossen, zag, gierig und lästernd. Oder vorerst noch still. Denn der Edle steht in der Ferne, hernach und voraus; mitleidlos scheint er, einzig die Versagung von Liebe und Wollen reißt ihm die marmorne Maske vom erhab’nen Gesicht. Der Ansturm der Tiere, in dunkle Farbe getaucht, der Spiegel, der uns, Elende, die wir sterben werden, von Mücken zerstochen, zeigt – die kommende Halskrause aus Schlamm, das rinnende Blut unter dem Herzschlag der rauschenden Felle. Davor versiegt die hohle, brabbelnde Stimme … gehörnt und bewaffnet mit Charon-Geld, es dem starken, furchtbaren Fährmann zu übergeben einst, an der Mündung des erdseitigen Tiber. Still treten wir ein, hindurch und hinzu; und das edle Paar geht uns weit voraus, unbedrängt, schauend; während an uns sofort die Zähren nagen, das rollende Auge der Schuld aus den Feuerringen der Lider hervorbricht, hinter denen der neunte Kreis endet und der Hügelanstieg zu den reinigenden Gebresten mehr verheißen denn sichtbar. Was hat uns so blind werden lassen? Der frühe, der hohe Verlust – er ist uns allen, ist den schwachen Gemütern in die zu fegenden Seelen gebrannt. Nicht werden wir, in die Sand- und Eisbänke der kopfstehenden Ringheiligtümer verbannt, wiederkehren, keiner pflückt uns den Frost von den Augen, bevor die Tränenflut nach innen einstürzt, in unsere Hüllen, die Hohlformen unserer Leiber, mit denen wir die Welt verschmutzten – mit unseren  Wünschen und Forderungen, die Dinge betreffend, in die gaukelnden Felle von Katzen und Wölfen gehüllt. Nicht still sind wir, sind nur verstummt, bevor wir wieder beginnen zu reden, zu flüstern, zu wimmern, zu schreien. Da geht das Eis, an den Gletschertischen der Hoffart vorbei, über uns weg wie über die eine, die nämliche, die steinige Mulde des Similaun, in der uns die Last jener Sünde zerreibt, die um der Jahrtausende willen nicht von uns genommen sind, genommen sein können … weil der Edle noch fehlte und sein väterlicher Meisterbote, der einer früheren Neunheit entstammt.

Das schreitende und unbehelligte Paar, wie es uns vorausgeht und doch zu uns tritt, die wir zugleich eingeschlossen stehen, mit Krägen aus Kot und Begierde, noch nicht gestillt, noch immer nicht gestillt: Wie wir aufschauen und wissen, es geht vorbei und ist schon zu spät. Denn es ist die alles bewegende Frage nicht mehr gelöst und nicht mehr zu lösen. Und doch, doch ist da ein Weg, auch wenn er zunächst dem Gang in die Verbannung, in die Dunkelheit der abseitigen Seite der Schöpfung gleicht: „Die Sonne stieg hervor mit jenen schönen Sternen …“ Und es steht ein fernes Licht über der Wölfin, die „schien beladen“, und es glimmt fern das „Licht des Paradieses in den Augen“, kalt, fahl. An diesem tiefen Ort, an dem der Brokat des Hochmuts über die Haarknoten und Fleischmützen der Habgierigen schleift, basso loco. Wie die beiden uns führen und auf uns zukommen in einem – das dürfte die Verheißung und das Inferno sein, ins Eins unserer Träume gefaßt, wie wir es nicht begreifen und es uns doch aufschimmert, anheim ist: Wir fürchten die Monstren in der Tiefe und sind sie zugleich. So ist es – der Alp legt es frei wie unsere Hälse, auf denen die verklebten Augen sitzen, lichtbegierig und hoffensfroh einst. Erinnern wir uns … in den kühlen Brunnen, Badereien unserer selbst saßen wir einmal und fragten beherzt und solvent: Was ist Ewigkeit? Eingekeilt in Bedürfnisse und Pflichten, deren Notwendigkeit und Schein uns nicht mehr schlüssig erreicht, hockten wir in den Vorwartehöfen der Hölle herum, die uns das Paradiso versprach, solange wir nur die Augen fest auf die glühenden Ofentüren heften, die uns wie die zischenden Drehkreuze der Verheißung vorkamen.

Und nun – sind wir das selbst, der Wilde Wald, durch den das Licht nicht dringt? Noch ist das Vestibül nicht erreicht, da träumen wir von der Ewigkeit schon. Bis zu den, ich sagte es, Ohren im Eis. Die Augen, unter den Röcken der Edlen, die eine Schar Zerrissene führn, entlang in die Richtung, aus der das Licht sein Flackern verliert, vorausahnend, Gesträuch und Leuchten sind an den hängenden Stufen des läuternden Aufstiegs … Noch sind wir hier. Wo die „Sonne schweigt“. Und doch … diese unstillbare Sehnsucht: Das. Angesicht. Gottes. Zu. Schauen. Unbeirrbar: „Die Liebe trieb mich, daß ich reden mußte.“ Einmal hätte ich gern die Casa di Dante gesehn, in Florenz, die falbe, schöne Hülle, die den Meister vertrieb, in anderer bewegter Zeit. Ja, was will uns das heute, fragte ich mich und genösse doch, von marmorner Stille erfüllt, aus den Fegefeuern allein im Anblick des Idyll, des trügenden Platzes entkommen. Aber das kann die Masse, in der ich nun stehe, die Schar, die mit gebogenen Gliedern den Edlen nachläuft, der Blick, in dem wir gemeinsam in Sehnsucht und Bewunderung in Glut und knirschender Fäule stehen, nicht begleichen. Nein, dafür reicht die Kraft der Träume nicht aus. Und seien es gemeinsame, verabredete – die Einsicht dafür kommt womöglich Äonen zu spät. „Die Teufel hacken das Hirnholz“, das schrieb einst einer, der längst auf die Abwege geriet; aber hier, hier, basso loco, sehen wir, er hatte Recht … – nur daß er nicht wissen konnte, die anderen Dämonen setzen es wieder zusammen in einem Kreislauf der ewigen Pein, nageln die Bäume der Gedanken und Affekte wieder und wieder zusammen; man muß schon ein ‚Durante‘ im Arm eines Vergil sein, das zu bestehen.

Nach Ruhe sehnen wir uns, nach dem Engelsbrot, das die Liebe bereithält. In der Mitte des Lebens gestrandet, an die Fährgroschen geklammert. Ein ewiger Schmerz, mit dem Blick der Verheißung notdürftig gesalbt. Vor uns, hinter uns, stellen wir uns vor, die Höllenkreise aus den gierfahlen Knochen von Kardinälen und Päpsten gebaut? Ja, das ist eine Frage, kann nur Frage sein, wenn wir Erlösung erhoffen. Wir haben sie, vom Licht der Liebe, und sei es eine aus Wollust, getrieben, auf unserem Weg an den Hängen des Purgatoriums hinauf schnell zu vergessen. Augmentation, mit dem Vorbeizug der Schar sich ausdehnender, anschwellender Ton, dem noch ein größerer folgt – Ton um Ton, Gesang und Geschrei, Schlachtenlärm, das Geräusch der Flugmobile, mit denen sich die „vielen Völker“ in Aussicht und Habgier ergehen. Wie, fragen wir uns, konnte es soweit nur kommen? Fragen zu spät, in den irrlichternden Sümpfen, die uns halten und hüllen, in denen wir zu den Puppen und Moorgestrüppen werden unserer selbst, unserer selbst, drei ganze Male muß es gesagt sein, ja, für jedes Buch des Martyriums einmal. In den Badereien der gehetzten, inkontinenten Lüste, in den Saturnringen von Gewalt und Bestialität, im filzigen Pelz von Bosart und Gier bleibt uns nur an Dante zu denken, in seinem beharrlichen Exil, und zu schweigen (wo wir doch rufen wollten), wenn er an uns vorbeigeht. Ex unque leonem: von einem Leoparden, einem Löwen, einer Wölfin, eine Horde Abgerissener verfolgt. Und in den Augen dieser das Grauen, die lodernden Wälle, die Stufen des Fegefeuers zu durchschreiten; Grauen und Ausblick – worauf? Denn was ist, an die Ofentüren, den Saum der Arktis geklebt, unser Erwarten: Lichter Tag? Ekstatische Stille? Ja. Jaja! Dann erst lägen die neun Kreise des Paradieses vor uns. Südlich und warm. Die Gestirne, sie leuchteten bis auf die Mauern herab, die Trümmer der Reifen, von unsern Herzen gepellt. Eine goldene Zeit, sie begänne, und die Meisterboten der Epochen, sie träten zu uns – wir nähmen mit ihnen (um in den Worten des zänkischen Schwaben zu sprechen) im neu zu errichtenden Götter- und Menschentag Platz. Wir dürfen nur nicht, bei aller Pein des geträumten Infernos, erwachen. Wir würden weder den Fakt noch den Anblick verkraften, der sich uns böte: Wilder Wald. Weiter sind wir nicht gekommen. Und dabei träte der Edle im Arm seines Vergil soeben in den inneren Kreis des Lichts, des sich aufbäumenden Paradieses, ein. Wir könnten es niemals verkraften. Unsere Angst stände still, jedes Schritts und Geräusches, und sei es ein Flüstern, beraubt. Das sich einkürzende Drittel, es verblaßte … und ein drittes, es wäre keinem gegeben. Verstummt setzten wir uns in Gang, auf das Tor zu, von dem es heißt, man soll alle Hoffnung lassen. Es wäre der Weg, von dem wir glaubten, wir hätten ihn längst tief im Orkus gelassen. Es wäre der Augenblick unserer größten, erschrockensten Stille und Sehnsucht nach Licht.

Ein Beitrag von André Schinkel


André Schinkel ist Schriftsteller, Lektor und Archäologe. Seine Texte wurden in achtzehn Sprachen übersetzt. Darüber hinaus dichte er aus dem Bosnischen, Serbischen, Kroatischen, Bulgarischen, Armenischen, Englischen und Altägyptischen nach. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, u. a. 2006 den Förderpreis der Ringelnatz-Stiftung. Zudem war er Stadtschreiber von Halle, Ranis und Jena. Von ihm erschienen sind u. a. durch ödland nachts (1994); Herzmondlegenden (1999); Unwetterwarnung. Raniser Texte (2007); Das Licht auf der Mauer (2015); Bodenkunde (2017); Anna Hood und das Wunder vom Crostigall (2021).


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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