Sagas aus der Vorzeit – Von Wikingern, Berserkern, Untoten und Trollen: Band I Heldensagas

Die Nordischen Mythen und Sagas sind in der modernen Populärkultur wieder in den Blickwinkel des Publikums gerückt. Spätestens seit dem großen Erfolg der Fernsehserie Vikings (2013-2020) begeistert diese Thematik nicht mehr allein die Fans der Mittelalter- und Reenactmentszene, sondern stößt auf ein breites Interesse bei der abendlichen Unterhaltung. Nordische Sagas und Mythen sind, zumindest zeitweilig, wieder en vouge geworden. Und die Geschichte des Dänenkönigs Ragnar Lothbrok ist, wenn auch historisch hoch umstritten, nicht nur sehens-, sondern auch lesenswert! Die ideale Gelegenheit also, um sich ein Buch über die Helden der isländischen Vorzeit zur Brust zu nehmen und -“Ad fontes!“, wie die Angehörigen der Historikerzunft zu sagen pflegen – in die Welt der Wikinger einzutauchen. Denn die Sagas aus der Vorzeit zeigen: Ragnar ist nicht allein. Heldenfiguren, ob historisch oder fiktional, gibt es viele in der nordischen Sagaliteratur.

Eine schöne Auswahl solcher Heldengeschichten präsentiert uns Rudolf Simek im ersten Band der auf insgesamt drei Bände ausgelegten Buchreihe Sagas aus der Vorzeit, die in Zusammenarbeit mit Masterstudenten und Promovierenden der Skandinavistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn entstanden ist. Nicht nur eine schöne Gelegenheit für den wissenschaftlichen Nachwuchs, sich erste Lorbeeren zu verdienen, sondern auch ein Beispiel für produktive und überzeugende – dafür spricht das Ergebnis – Zusammenarbeit zwischen Studenten und Dozenten an einer Universität.

Im Kern berichten die Sagas aus der Vorzeit von Ereignissen und Heldentaten, die vor der Besiedelung Islands um 870 n. Chr. stattgefunden haben und bilden eine literarische Gattung der Altnordischen Literatur des 13. und 14. Jahrhunderts. Die Verfasser verwoben mythische Erzählstoffe aus der Zeit der Helden, ähnlich wie Homers Ilias, mit den für sie weit zurückliegenden historischen Ereignissen, was vom geschichtlichen Interesse zeugt und den Unterhaltungswert solcher Geschichten hervorhebt. Die Menschheit hat ihre Helden eben schon immer in Bild und Text verewigt und ihnen damit ein Denkmal gesetzt: zur Erinnerung, als Vorbild für an die nächste Generation und manchmal vielleicht auch als Mahnung.

So erzählt die Saga von Hrolf Kraki und seinen Kämpen den Aufstieg und Fall des letzten dänischen Skjöldungenkönigs und seinen Getreuen. Eine der interessantesten Figuren in Hrolfs Gefolge ist der Kämpe Bödvar Bjarki (Bǫðvarr Bjarki, kriegerischer kleiner Bär), der in der Gestalt eines Bären seinem König im Kampf zur Seite steht und – Tolkienfans aufgepasst – ein literarisches Vorbild für Beorn im Hobbit ist. Zwar kann auch der mächtige Bödvar den Untergang von Hrolf Kraki letztlich nicht verhindern, aber bei der Lektüre der großen Schlacht um die Königskrone wird man als Freund moderner Fantasyliteratur vom feinsten unterhalten: Untote Krieger, die immer wieder auferstehen, geisterhafte Schemen, die den Helden zusetzten und eine düstere Zauberin als Antagonistin bringen unsere Helden ordentlich ins Schwitzen, bevor es schließlich zum großen Finale kommt.

Ein weiteres Highlight bildet die Saga von den Völsungen. Die Geschichte erzählt den legendären Ursprung des Geschlechts der Völsungen, zu dem auch der Drachentöter Sigurd gehört. Die Parallelen zum mittelhochdeutschen Nibelungenlied fallen sofort auf, und Kenner des Letzteren werden feststellen, wie eng die germanische Siegfried mit der nordischen Sigurdsage verbunden ist. Doch auch für alle anderen bietet die Geschichte der Völsungen mitreißende Lektüremomente. Hinterlistiger Mord und Totschlag bis hin zu Inzest zwischen Bruder und Schwester, alles findet sich in dieser verwickelten Familiengeschichte wieder. Die Anzahl der Figuren und ihre Motive nimmt im Verhältnis zu den anderen Sagas schnell zu. Und das merkt man: Bisweilen fiel es dem Verfasser dieser Zeilen schwer, das immer komplexer werdenden Familiengeflecht im Kopf zu behalten, sodass bei der Lektüre häufiger der (glücklicherweise) im Anhang befindliche Stammbaum zu Rate gezogen werden musste.

Was zeigen die Geschichten von Hrolf Kraki und Sigurd? Das Heldenbild und die Vorstellung, wer ein Held ist, hat sich im Verlauf der Jahrhunderte verändert. Moderne Helden sind an den Erfolg ihrer Taten gebunden. Das Scheitern des Helden, ein letztes großes Aufbäumen, bei dem der Held stirbt, entspricht nicht mehr dem heutigen Bild des Helden. Das mag auch am gesellschaftlichen Wandel liegen. Gehörte es noch zum „klassischen“ Heldenbild der Antike und des Mittelalters, dass der Held am Ende seines Ruhmespfades den Heldentod stirbt, müssen die Helden der Moderne überleben, um zu reparieren, zu heilen und damit letztlich das gesellschaftliche Gesamtgefüge zu retten. Der im Grunde höchst brutale und nur den eigenen Zwecken dienende Werdegang eines Siegfrieds würde heutzutage vielleicht noch zum Charakter eines Schurken taugen, keinesfalls aber zum strahlenden Heros.

Was bleibt also nach der Lektüre dieses anregenden Bandes? Sicherlich die Vorfreude auf Teil zwei und drei (denen wir hier im Blog in naher Zukunft eine eigene Besprechung widmen werden). Aber auch ein kleiner Kritikpunkt: Man kann mit diesem Buch mehr als nur zufrieden sein, bietet der umfangreiche Anhang mit einem Glossar, Personen- und Ortsregister, einer Landkarte, die bereits oben erwähnten (und äußerst hilfreichen) Stammbäume und eine Auflistung aller Vorzeitsagas, doch alles, was das Leserherz begehrt. Allein den Anhang um weiterführende Literaturhinweise zu ergänzen, wäre wünschenswert gewesen, um nicht zuletzt dem interessierten Leser weitere Recherchen zu erleichtern. Eine kleine Schwäche, die das Gesamtwerk allerdings in keiner Weise schmälert. Auch einen klassischen Quellenkommentar zu erwarten wäre zu viel verlangt, will das Buch doch in erster Linie für den Laien verständlich bleiben und zur Lektüre anregen. Daher sei noch einmal betont, dass Freunde phantastischer Literatur, obgleich der genannten Kritikpunkte, auf ihre vollen Kosten kommen werden, finden sie doch in diesem Band zahlreiche Inspirationsquellen der modernen Fantasy. Ebenso hat jeder, der sich für die nordische Mythologie und Heldengeschichten zu interessieren beginnt, mit diesem Band einen leichten, aber soliden Einstieg in dieses weite Feld. Und auch jene, die bereits vertrauter mit der Materie sind, werden Freude an der Lektüre haben und Neues entdecken. Wer sich zu einer dieser Personengruppe zählen darf, sollte also nicht zögern, die Vorzeitsagas in dieser ansehnlichen Aufmachung in sein Regal zu stellen.

Ein Beitrag von Leonhard Lietz


Literaturhinweis:

Sagas aus der Vorzeit. Von Wikingern, Berserkern, Untoten und Trollen. Band I Heldensagas. Hrsg v. Rudolf Simek, Jonas Zeit-Altpeter und Valerie Brousin. Stuttgart 2020. Kröner Verlag, Stuttgart 2020.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V. 

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